Die Pestalozzi-Schule Buenos Aires liegt im nördlichen Stadtteil Belgrano der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Sie wurde 1934 als Reaktion auf die nationalsozialistische Gleichschaltung der deutschsprachigen Schulen in Argentinien gegründet.
Für eine Erziehung zu Freiheitsliebe, Menschlichkeit und Gerechtigkeit Die Gründung der Pestalozzischule Das Argentinische Tageblatt unter seinem Herausgeber Ernesto Alemann war eine der wichtigsten Stützen im Kampf gegen die von der NSDAP-Auslandsorganisation betriebene Gleichschaltung deutscher Bildungs- und Kultureinrichtungen in Argentinien. Die Zeitung bot den Eltern der deutschen Schulen ein publizistisches Forum, die ihre Kinder vor der nationalsozialistischen Beeinflussung schützen wollten und weiterhin Wert legten auf eine von politischen und konfessionellen Einflüssen freie Erziehung. Diese Eltern fassten am 24. Januar 1934 den Entschluss, die Gründung einer Schule außerhalb der nationalsozialistischen Einflusssphäre vorzubereiten. Sie sollte den Namen Pestalozzis tragen, weil dieser als Schweizer für Neutralität und als Pädagoge für soziale, humane und moderne Erziehung stand.
In der Versammlung vom 24. Januar 1934 wurde ein Arbeitsausschuss aus sieben Personen gebildet, der die Gründung der Schule vorantreiben sollte, und das Argentinische Tageblatt startete eine Werbekampagne. In einer dort am 24. Februar 1934 veröffentlichten Erklärung des vorbereitenden Schulausschusses heißt es:
Ein für die Schule geeignetes Gebäude konnte im Stadtteil Belgrano gefunden, erste Lehrkräfte gewonnen werden. Am 1. März 1934 fand die Gründungsversammlung der Pestalozzi-Gesellschaft als Trägerin der Schule statt, und am 2. April 1934 erfolgte die Aufnahme des Betriebs der neuen Pestalozzischule. Am 17. September 1938 fand die Einweihung eines neuen Schulgebäudes für die Pestalozzischule im Villenviertel von Belgrano statt, das der unzulänglich gewordenen Unterbringung der Schule in einem Mietshaus ein Ende bereitete.Hermann Schnorbach: „Für ein ‚anderes Deutschland‘“, S. 177. Die Schule musste sich vollständig aus Schulgeldern, Spenden und Veranstaltungserlösen finanzieren. Die Anschubfinanzierung jedoch kam von der Familie Alemann, von Alfred(o) HirschHirsch, Alfredo (1872–1956), industrialist, born in Mannheim Germany, einem Direktor der Firma Bunge & Born („ein großes belgisches Getreide exportierendes Unternehmen“)Irene L. de Münster: Through her eyes. Zur Geschichte der Firma Bunge & Born siehe: Gaby Weber: Streifzug durch die Geschichte des argentinischen Multis, der unter der peronistischen Regierung die Wirtschaftspolitik des Landes bestimmt, taz – die tageszeitung, 25. Juli 1989, S. 9. und von Felix Weil.Jeanette Erazo Heufelder: Der argentinische Krösus. Kleine Wirtschaftsgeschichte der Frankfurter Schule, Berenberg, Berlin 2017, ISBN 978-3-946334-16-3, S. 109 Die Schule gehörte nicht dem Deutschen Schulverband an und erhielt selbstverständlich von dieser Seite aus keine Unterstützung.Zur Gründung der Pestalozzischule: Hermann Schnorbach: „Für ein ‚anderes Deutschland‘“, S. 39–43.
Erster und langjähriger Direktor der Pestalozzischule wurde Alfred Dang, der am 17. April 1934 in Buenos Aires eintraf.Hermann Schnorbach: „Für ein ‚anderes Deutschland‘“, S. 50.
Lehrer der Pestalozzischule Die Schule rekrutierte anfangs ihre Lehrkräfte aus den anderen deutschen Schulen. Voraussetzung dafür war, dass sie den Eltern bereits als bewährte und vertrauenswürdige antifaschistische Personen bekannt waren. Bewusst öffnete sich die Schule aber auch für aus Deutschland vertriebene Pädagogen und für solche, die aktiv Widerstand gegen das Naziregime geleistet hatten. Die deutschsprachige Lehrerschaft bestand bald überwiegend aus Personen, die der SAPD, dem linken Flügel der SPD und dem ISK nahestanden. Neben Alfred Dang waren dies unter anderem:Hermann Schnorbach: „Für ein ‚anderes Deutschland‘“, S. 60–62; ein vollständiger Überblick findet sich dort auf den S. 84–85. Hans und Frieda Carl. Frieda Carl unterrichtete Handarbeit, ihr Mann Hans Carl das Fach Deutsch. Er blieb an der Schule bis zu seiner Pensionierung 1956. Hans Carl unterhielt auch die Ferienkolonie „Punta del Indio“, in der Schüler (nicht nur der Pestalozzischule) ihre Ferien verbringen konnten.Hermann Schnorbach: „Für ein ‚anderes Deutschland‘“, S. 84 & S. 122. Walter Damus Martin und Johanna FenskeVon Martin Fenske stammt das in den Beständen der Deutschen Nationalbibliothek befindliche Buch: Wer lesen kann hat Freude dran : Ein Buch für Schule u. Haus. Martin Fenske. Mit Zeichn. von Wolfgang Meinhard. Buenos Aires : Beutelspacher 1946. Bei dem Buch handelt es sich um eine Lesefibel für spanisch-sprechende Kinder, die Deutsch lernen wollen. Das Buch in der DNB Heinrich Grönewald Lotte Hirsch emigrierte zunächst nach Paris und von dort aus 1936 nach Buenos Aires. Sie war Mitglied im Verband deutscher Lehreremigranten.Hildegard Feidel-Mertz, Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration. Der Verband deutscher Lehreremigranten (1933-39) im Traditionszusammenhang der demokratischen Lehrerbewegung. Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1981, ISBN 3-407-54114-7, S. 230. Hans Lehmann, der 1933 aus Deutschland emigrierteOsvaldo Bayer: Exil im Land der Tyrannenfreunde. Das Deutschlandbild eines Flüchtlings aus Lateinamerika, in: ila, 153, März 1992, S. 46–50. und später in Argentinien als Redakteur für Das Andere Deutschland arbeitete, wird in einem Manuskript von Irene L. de Münster auch als Lehrer der Pestalozzi-Schule erwähnt.Irene L. de Münster: Through her eyes Bei Huss-Michel wird er erwähnt als „Dr. Hans Lehmann (Vorstandsmitglied des sozialdemokratisch-sozialistischen Arbeitervereins ›Vorwärts‹)“.Angela Huss-Michel: Literarische und politische Zeitschriften des Exils 1933–1945. Metzler, Stuttgart, 1987, ISBN 978-3-476-10238-6, S. 62. Bei dem 1954 wieder in die Bundesrepublik zurückgekehrten und in Bad Soden am Taunus lebenden Hans Lehmann handelt es sich um Dr. Hans Max Siegfried Lehmann (* 24. August 1900 in Hamburg – † 1. Oktober 1991 in Bad Soden).Hans Lehmann auf der Website der Philosophisch-Politischen Akademie „Hans Lehmann, Pseudonym: Hans Kaiser ( ), USPD (1919), SPD (1921), IJB und ISK (1926), zusammen mit Erna Blencke Leiter der ISK-Gruppe Frankfurt am Main ( ), Geschäftsführer der den ISK unterstützenden Dreiturm-Seifenfabrik Viktor Wolf in Steinau/Hessen (ab 1926), Schutzhaft (1933), Flucht nach Frankreich (1933) und Österreich (1934), Emigration nach Argentinien (1936), Rückkehr nach Deutschland (1954), SPD, erneut Mitglied der Geschäftsführung der Dreiturm-Seifenfabrik (bis 1970).“Heiner Lindner: „Um etwas zu erreichen, muss man sich etwas vornehmen, von dem man glaubt, dass es unmöglich sei.“ Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund(ISK) und seine Publikationen Carl Meffert, bekannt auch als Clément Moreau Kurt Pahlen Fritz Reinhardt sei 1936 aus Prag kommend an die Pestalozzischule gekommen und auch später in Argentinien geblieben, Mitglied im Verband deutscher Lehreremigranten.Hildegard Feidel-Mertz, Hermann Schnorbach: Lehrer in der Emigration. Der Verband deutscher Lehreremigranten (1933-39) im Traditionszusammenhang der demokratischen Lehrerbewegung. Beltz Verlag, Weinheim und Basel, 1981, ISBN 3-407-54114-7, S. 233. August Siemsen Selma Sievers war Deutschlehrerin von 1934 bis 1937. Max Sulzberger unterrichtete Deutsch, Musik und Werken. Max Tepp lebte schon seit 1924 in Argentinien und gründete 1933 den Verlag ‚Die Umwelt‘. Mit ihm wollte er auslandsdeutschen Kindern und Jugendlichen anspruchsvollen Lesestoff bieten, der an deren Erfahrungshorizont anknüpft. Er hat über 20 Bücher und Erzählungen veröffentlicht, die ein Gegengewicht zur nationalsozialistischen Schülerlektüre bilden sollten.Hermann Schnorbach: „Für ein ‚anderes Deutschland‘“, S. 64. Während Alfred Dangs „Auszeit“ als Schulleiter der Pestalozzischule (1948–1956) war Tepp, der aus der deutschen Reformpädagogik kam und selbst Schulen gegründet hatte, Direktor der Pestalozzischule.Vergleiche hierzu: Vom Schulmeister zum Menschen Rezension zu dem Buch von Peter Dudek: ‚Vom Schulmeister zum Menschen. Max Tepp – ein jugendbewegter Reformpädagoge, Schriftsteller und Verleger.‘ Julius Klinkhardt Verlag, Bad Heilbrunn 2014, ISBN 978-3-7815-1959-6.
Diese Lehrer einte ihre gemeinsame antifaschistische Grundhaltung, die stärker war als ihre Herkunft aus unterschiedlichen politischen Gruppierungen, und sie wurde verstärkt durch gemeinsame pädagogische Interessen und vielfältige persönliche Beziehungen. So ist es auch nicht verwunderlich, dass diese Lehrerschaft zur Keimzelle für Das Andere Deutschland wurde, das sich seinerseits zum Zentrum des antifaschistischen Kampfes in Lateinamerika entwickelte.
Schüler in der Emigration So, wie die Gründung der Pestalozzischule ein Akt bereits länger in Argentinien lebender Menschen war, so waren es anfangs auch deren Kinder, die den Großteil der Schülerschaft stellten. Im Laufe der Zeit kamen jedoch immer mehr Kinder aus Emigrantenfamilien an die Schule. Alfred Dang unterschied hier 1943 in einem Aufsatz zwischen drei Gruppen:
Bis Ende 1935 waren es überwiegend noch Kinder aus Familien, die mehr oder minder freiwillig ausgewandert waren. Diese Kinder waren für den Schulalltag eine relativ unproblematische Gruppe und leicht zu integrieren.
In den Jahren 1936 bis 1939 kamen dann die Kinder, die Opfer der ersten Vertreibungswelle aus Deutschland und Österreich geworden waren. Sie waren traumatisiert, hatten seelische Schäden erlitten: „In Deutschland und Österreich vertrieben aus den öffentlichen Schulen, gebrandmarkt und isoliert wie Leprakranke, beschimpft selbst noch als Schüler der jüdischen Zwangsschulen, mussten sie die volle Wucht des inneren und äußeren Elends ihrer Eltern auch noch ertragen, erlebten ständig die Szenen des Jammers und der Verzweiflung, fühlten meist zum ersten Male die demütigenden Qualen der Armut.“Alfred Dang: Rettung einer Generation. In: Hermann Schnorbach: „Für ein ‚anderes Deutschland‘“. S. 74–77. Es war der „Kampf um kranke Seelen“ (Dang), den die Schule mit und für diese Kinder führen musste – eine pädagogische Herausforderung, die zunehmend dadurch erschwert wurde, dass beinahe parallel dazu die staatliche Schulbehörde die formalen Leistungsanforderungen verschärfte und jährliche Examen für alle Klassen verlangte. Für die Emigrantenkinder, die meist ohne spanische Sprachkenntnisse ins Land gekommen waren, bedeutete es eine zusätzliche Schwierigkeit, den obligatorischen Spanischunterricht zu meistern, denn ohne die Beherrschung der spanischen Sprache hatten sie keine Chance, die staatlichen Examen zu bestehen. Die Schule richtete deshalb Sonderkurse ein, Intensivkurse in der spanischen Sprache, um den Kindern binnen eines Jahres den Anschluss an das jeweilige Alters- und Klassenniveau zu ermöglichen. Dang zieht ein positives Resümee: „Es gehört mit zu den notwendigsten und schönsten Leistungen der Pestalozzi-Schule, dass sie diesen Kindern mit jedem Wort und jeder Tat die Verpflichtung zur gesellschaftlichen Persönlichkeit eingab, ihnen als neues Ideal immer wieder den Menschen zeigte, der in sich selbst vor allem die ihnen so besudelten ethischen Forderungen erfüllt, um sich so demokratisch frei für die gesellschaftlichen Pflichten einzusetzen.“