Der P-6 () ist ein Seezielflugkörper der in der Sowjetunion entwickelt wurde. Es entstanden verschiedene Ausführungen die ab U-Booten, Kriegsschiffen, Lastkraftwagen sowie aus Bunkern gestartet werden können. Im GRAU-Index tragen die Flugkörper den Systemindex 4K44, 4K48 und 4K88. Die NATO-Codenamen lauten SS-N-3A Shaddock, SS-N-3B Shaddock und SS-C-1B Sepal.Duncan Lennox: Jane’s Strategic Weapon Systems – 38th Edition. 2003, S. 162–163.
Entwicklung Am 17. August 1956 erteilte das Zentralkomitee der KpdSU dem OKB-52 Tschelomei den Auftrag, auf der Basis des P-5-Marschflugkörpers einen Seezielflugkörper zu entwickeln. Dieser sollte ab U-Booten und Kriegsschiffen gegen große Schiffe wie Flugzeugträger und Kreuzer jenseits des Radarhorizontes einsetzbar sein. Daraufhin entstand im OKB-52 der P-6-Lenkflugkörper für den Start ab U-Booten sowie der Flugkörper P-35 für den Start ab Schiffen. Die erste Testphase mit dem P-6 Flugkörper fand vom 23. Dezember 1959 bis Juli 1960 auf dem Testgelände Balaklawa bei der Krim statt. Die zweite Phase wurde von Juli bis Dezember 1960 auf dem Marinetestgelände Njonoksa westlich von Sewerodwinsk durchgeführt. Dabei waren die ersten sechs Testflüge Fehlschläge und der Seezielflugkörper musste bis zum Dezember 1962 nachgebessert werden. Vom Juli bis Oktober 1963 erfolgten weitere Testflüge ab einem U-Boot der 675 Echo-Klasse II. Danach wurden P-6-Flugkörper von Oktober bis Dezember 1963 auch ab einem U-Boot der 651 Juliett-Klasse gestartet. Am 24. Juni 1964 wurde das 4K48-Raketensystem mit dem P-6-Seezielflugkörper offiziell in die Bewaffnung der sowjetischen Marine aufgenommen. Der NATO-Codename lautete SS-N-3A Shaddock. Anfang der 1970er-Jahre arbeitete man an der Ausführung P-6D über den nichts weiteres bekannt ist.E. R. Hooton: Jane’s Naval Weapon Systems 1997. 1997, S. 325–327.Militaryrussia.ru: Комплекс П-6 - SS-N-3C SHADDOCK
Der erste Teststart der schiffsbasierte Ausführung P-35 erfolgte auf dem Testgelände Kapustin Jar am 21. Oktober 1959. Danach wurden vom 27. Juli 1960 bis 1962 auf dem Kaspischen Meer, ab dem Mehrzweckschiff OS-15 Ilet Testflüge durchgeführt. Ende 1962 wurde das 4K44-Raketensystem mit dem P-35-Seezielflugkörper offiziell in die Bewaffnung der sowjetischen Marine aufgenommen. Von der NATO bekam er den Codenamen SS-N-3B Shaddock. Basierend auf dem P-35-Entwurf entstand Mitte der 1960er-Jahre der Seezielflugkörper P-500 Basalt.Militaryrussia.ru: Комплекс П-35 - SS-N-3B SHADDOCK
Technik Die P-6 und P-35 sind Seezielflugkörper für den Einsatz ab U-Booten und Schiffen, die in einer sekundären Rolle auch gegen Landziele eingesetzt werden können. Weiter existieren die landbasierten Ausführungen 4K44 Utjos und 4K44B Redut zur Küstenverteidigung. Die startbereiten Lenkflugkörper sind in zylinderförmigen Transport- und Startbehälter untergebracht und werden aus diesen gestartet. Diese wasserdichten Behälter sind mit Stickstoff befüllt haben eine Länge von rund 12 m sowie einen Innendurchmesser von 1,65 m. Für den Flugkörperstart wird der Behälter in der Vertikalen in einem Winkel von 14–20° angestellt. Auf den U-Booten sind die Lenkflugkörper in Behältern vom Typ SM-49 oder SM-77 außerhalb des Druckkörpers untergebracht. Auf den Kreuzern der 58 Kynda-Klasse Klasse sind die Lenkflugkörper in SM-70 und auf den Kreuzern der 1134 Kresta-I-Klasse in KT-35-Behältern untergebracht.
Die aerodynamische Auslegung der P-6/P-35-Seezielflugkörper entsprechen der eines Flugzeuges. Der Rumpf ist aus Duraluminium und Stahl gefertigt. Etwa auf halber Rumpflänge sind zwei Tragflächen mit einer Pfeilung 27° montiert. Diese Flächen sind, während sich der Lenkflugkörper in dem Transport- und Startbehälter befindet, an den Rumpf angelegt. Sie entfalten sich mit einem Hydraulikantrieb unmittelbar nach dem Start. An jeder Tragfläche befindet sich ein Höhenruder. Im Bereich der Tragflächen ist unten am Rumpf der Lufteinlass platziert. Am Heck sind oben zwei kleine Stabilisierungsflächen angebracht. Unten am Heck ist das faltbare Leitwerk montiert. Weiter sind dort zwei Feststoffbooster für den Flugkörperstart angebracht. Während dem Marschflug wird der Flugkörper von einem Turbojet-Triebwerk angetrieben. Als Kraftstoff wurde T-1-Kerosin verwendet. Als Gefechtskopf wurde der 4G48-Hohlladungsgefechtskopf mit 930 kg Gewicht oder ein Nukleargefechtskopf mit einer Sprengleistung von 20 kT verwendet.
Überwasserziele werden mit ELINT, Sonar oder Radar vom U-Boot bzw. der Schiffe ermittelt. Um die P-6 und P-35 gegen weit entfernte Ziele starten zu können, wurde für die sowjetische Marine das MRSC-1 Uspech-System entwickelt. Mit diesem können die Seefernaufklärer Tu-16R „Badger-E“ und Tu-95R „Bear-D“ sowie später der Hubschrauber Ka-25Ts „Hormone-B“ über das Kobalt-Datenlink, Zielinformationen an das U-Boot oder Schiff senden.Ausairpower.net: MARITIME STRIKE–The Soviet Perspective
Varianten 4K48 / 4K88 / P-6 Der P-6-Seezielflugkörper wird von U-Booten gestartet. Die Flugkörperzelle wurde abgesehen vom Lufteinlass, mit kleineren Anpassungen von dem P-5-Marschflugkörper übernommen. Der P-6-Flugkörper hatte eine Länge von 10,90 m und eine Spannweite von 2,5 m. Das Startgewicht mit den Feststoffboostern am Heck betrug 5.670 kg und ohne Booster 4.500 kg. Gesteuert wurde der P-6-Flugkörper von dem Antey-Steuersystem. Dieses bestand aus einem Inertialen Navigationssystem, einem Radar-Altimeter, einem aktiven Radarsuchkopf sowie einem 2-Weg-Datenlink. Angetrieben wurde der Flugkörper von einem RD-9B (4D48)-Turbojet mit einem Schub von 32,3 kN. Für den Start wurden zwei 4LZh8-Feststoffbooster am Heck gezündet. Diese entwickelten für zwei Sekunden eine Schub von 392,3 kN. Danach waren sie ausgebrannt und wurden abgeworfen. Die Lenkflugkörper waren in Behältern vom Typ SM-49 oder SM-77 außerhalb des Druckkörpers untergebracht.Tech.wikireading.ru: МОРСКИЕ РАКЕТЫBastion-karpenko.ru: ПРОТИВОКОРАБЕЛЬНЫЕ КРЫЛАТЫЕ РАКЕТЫ П-6 (4К88) И П-6М(4К48)
Die Startvorbereitungen dauerten rund 15 Minuten. Für den Lenkflugkörper-Start musste das U-Boot auftauchen. Nach dem Auftauchen benötigte das U-Boot rund drei Minuten für die letzten Startvorbereitungen. Dabei wurde an der Turmfront des U-Bootes die Radarantenne für das Argument-Feuerleitradar aufgeklappt. Dieses Radar trug den NATO-Codenamen Front Door A/Front Piece. Weiter wurden die Transport- und Startbehälter in der Vertikalen in einem Winkel von 15° angestellt und geöffnet. Der Start konnte bei 8–14 Knoten Fahrt sowie einem Seegang bis Stärke 4–5 erfolgen. Ein U-Boot konnte in kurzer Folge eine Salve von vier P-6-Flugkörper abfeuern. Eine zweite Salve mit vier weiteren Flugkörpern konnte 12–20 Minuten später gestartet werden. Nach dem Start stiegen die P-6-Flugkörper auf eine Höhe von 4.500–7.500 m und flogen auf dieser Höhe in Richtung Ziel. Dabei wurden die Flugkörper mit dem Argument-Feuerleitradar verfolgt. Die Fluggeschwindigkeit betrug 420–450 m/s (Mach 1,2–1,3). Nach einer Flugstrecke von 175–200 km wurden die flugkörpereigenen Radarsuchköpfe aktiviert. Diese arbeiteten auf einer Frequenz von 8–10 GHz. Die Radardaten wurden über ein Datenlink, als Videosignal an das U-Boot gesendet. Dort wurde jedem der vier Flugkörper von einem Operateur ein Ziel zugewiesen. Dies geschah über das Datenlink des Argument-Feuerleitradars. Bei sehr großen Schussdistanzen konnte den Flugkörpern auch über das Kobalt-Datenlink des Uspech-Systems Ziele zugewiesen werden. Dabei fungierten die Seefernaufklärer als Funkrelaisstation. Nach der Zielzuweisung verfolgten die Lenkflugkörper ihre Ziele selbstständig und die Datenlink-Verbindung wurde nicht mehr benötigt. In 80–100 km Entfernung vom Ziel sanken die P-6 in einem Winkel von 20° auf eine Flughöhe von 100–120 m. Für die letzten 20 km sanken die Flugkörper bis auf wenige Meter über Meer. Im optimalen Fall schlugen die Flugkörper in die Bordwand der Schiffe ein, wo die Gefechtsköpfe detonierten. Das U-Boot musste, bis es allen vier P-6-Lenkflugkörpern einer Salve die Ziele zugewiesen hatte, an der Meeresoberfläche bleiben. Dies konnte bei der maximalen Schussdistanz von 350–380 km bis zu 20 Minuten dauern, was das U-Boot in dieser Zeit sehr verwundbar machte. Auf eine Distanz von rund 110 km konnte der P-6 auch nach dem Fire-and-Forget-Prinzip eingesetzt werden. Dabei flog der Flugkörper in einer Höhe von 100 m zum Ziel.Missilery.info: Крылатая противокорабельная ракета П-35 (П-6)Testpilot.ru: П-6 (4К88) крылатая противокорабельная ракетаScribd.com: DTIG–Russian/Sovjet Sea-based Anti-Ship Missiles
Zwischen 1959 bis 1965 entwickelte die sowjetische Marine das Molnija-Troposphären-Funksystem, welches als Datenlink für die P-6-Flugkörper genutzt werden konnte. Dabei wurden auch die Flugkörper modernisiert und in P-6M umbenannt. Die P-6M wurden auf den U-Booten der 651 Juliett-Klasse und 675 Echo-II-Klasse installiert.
Das System 4K48 mit den P-6-Seezielflugkörpern befand sich auf den U-Booten der 651 Juliett-Klasse (vier Flugkörper) und 675 Echo-II-Klasse (acht Flugkörper) im Einsatz. Ab den späten 1970er-Jahren wurden die P-6 durch die P-500 Basalt ersetzt.Robert Gardiner, Stephen Chumbley, Przemysaw Budzbon: Conway’s All the World’s Fighting Ships, 1947–1995. 1996, S. 96–132.
4K44 / P-35 mini|P-35 auf dem Gelände von NPO Maschinostrojenija Der P-35 wird von Schiffen gestartet und ähnelt seinem u-Boot-basierten Pendant P-6. Der P-35-Seezielflugkörper trägt weiter die Bezeichnung 3M44. Er hatte eine Länge von 9,80 m und eine Spannweite von 2,67 m. Das Leergewicht lag bei 2.330 kg. Das Startgewicht mit den Feststoffboostern am Heck beträgt 5.300 kg und ohne Booster 4.035 kg. Gesteuert wurde der P-35-Flugkörper von dem APLI-1-Steuersystem. Dieses bestand aus einem Inertialen Navigationssystem, einem TW-6WM-Radar-Altimeter, dem aktiven Radarsuchkopf sowie einem 2-Weg-Datenlink. Angetrieben wurde der Flugkörper von einem KR7-300-Turbojet mit 31,4 kN Schubkraft. Am Lufteinlass war ein Diffusor angebracht. Für den Start wurden zwei 4LZh8-Feststoffbooster am Heck gezündet. Diese entwickelten für zwei Sekunden eine Schub von 392,3 kN. Danach waren sie ausgebrannt und wurden abgeworfen. Die Lenkflugkörper waren in Transport- und Startbehältern auf Startern vom Typ SM-70 oder KT-35 auf dem Schiffsdeck untergebracht. Der SM-70-Starter konnte in der Horizontalen um 180° gedreht und in der Vertikalen 15° angestellt werden. Der KT-35-Starter konnte nur in der Vertikalen 20° angestellt werden.