mini|Lina Hilger im Direktoratszimmer, um 1930|350x350px Lina Hilger (* 8. März 1874 in Kaiserslautern; † 13. April 1942 in Frankfurt am Main) war eine deutsche Pädagogin und Bildungsreformerin. Leben Herkunft, Schule, Studium Familie und Verwandtschaft Lina Hilger (eigentlich Karolina Maria Friederike)Pottlitzer-Strauß S. 31. wurde als zweites von drei Kindern einer pfälzischen Familie geboren.Die ältere Schwester Fanny (1871–1882) starb früh, der jüngere Bruder Eduard Olivier (1872–1938) wurde Jurist; Pottlitzer-Strauß S. 17 und 27. Der katholische Vater, Ludwig Hilger, war Jurist und Leiter des Rentamtes in Kaiserslautern; zu seiner Verwandtschaft zählten der Pharmakologe Albert Hilger, der Direktor der pfälzischen Eisenbahnen Albert von Jäger und dessen Vater, der bayerische Pädagoge und Hofrat Georg von Jäger. Lina Hilgers Patentante Sophie Kayser geb. Hilger war die Ehefrau des Heidelberger Altphilologen Karl Ludwig Kayser. Sie hatte auf ihre literarische und musische Bildung großen Einfluss. Die Mutter, Augusta Hilger geb. Eberts († 1906), „eine große strenge Erscheinung“Elsbeth Krukenberg, zit. bei Pottlitzer-Strauß S. 49 entstammte einer angesehenen, in Kreuznach ansässigen evangelischen Lehrer- und Theologenfamilie.

Zu den Vorfahren zählte der reformierte Pfarrer, Konsistorialpräsident und Superintendent Karl Christoph Eberts (1768–1831), der 1817 die evangelische Kirchenunion an der Nahe zustande brachte sowie sein Sohn Heinrich Eberts (1806–1876), Generalsuperintendent der Rheinprovinz; zur näheren Verwandtschaft gehörten der Apotheker Karl Aschoff, der den Radiumgehalt des Heilwassers in Kreuznach nachwies, sowie die Verlegerfamilie Voigtländer, zur entfernteren der Philosoph Lichtenberg.Pottlitzer-Strauß, S. 11, 13. Augusta Hilger hatte eine Ausbildung als Sängerin absolviert. Die Tatsache der konfessionellen Mischehe hat den Ehefrieden ebenso wenig gestört wie der Altersunterschied von fast 14 Jahren.Pottlitzer-Strauß S. 16 und 26 Als 1881 ein Untergebener des Vaters während dessen krankheitsbedingter Abwesenheit eine große Summe veruntreute und damit ins Ausland floh, musste der Vater als Vorgesetzter den Schaden ersetzen und verstarb im folgenden Jahr (1882); zu allem Unglück kam im gleichen Jahr auch die ältere Tochter Fanny durch einen Treppensturz ums Leben. Die Witwe – nun fast mittellos – zog mit den beiden verbliebenen Kindern noch im gleichen Jahr zurück zur Mutter nach Bad KreuznachHaus Mühlenstr. 41, im Krieg zerstört, später Standort eines Krankenhauses., wo sie sich zunächst den Lebensunterhalt durch privaten Gesangsunterricht verdiente, bis ihr nach dem Tod der Mutter (ca. 1894) durch die Erbschaft eine großzügigere Unterstützung der beiden Kinder möglich wurde.Gleichzeitig zog Auguste Hilger in die Schlossstraße 10 um; Pottlitzer-Strauß S. 29, Adressbuch 1894.

Schulzeit In Kaiserslautern hatte Lina Hilger die Fallersche Privatschule besucht; in Kreuznach legte sie an der Rostschen privaten Mädchenschule, wo man Englisch, Französisch und Schülertheateraufführungen besonders pflegte, 1891 die Reifeprüfung ab; der Lehrplan bot dort im Unterschied zum Lyzeum allerdings weder Chemie noch Mathematik oder Kunstgeschichte an, und im Vergleich zu den Jungen-Gymnasien fehlten zusätzlich die alten Sprachen Latein und Griechisch, die als das Kernstück gymnasialer Bildung galten und für eine Laufbahn beim Staat, für Jura, Naturwissenschaften und Medizin unerlässlich waren. 1889 wurde Lina Hilger konfirmiert. Wie die Mutter lebenslang religiös suchendPottlitzer-Strauß S. 19 f., wurde sie später (Mitte der 1920er Jahre) Mitglied der Quäkergemeinschaft, die nach dem Ersten Weltkrieg seit 1920 für Kinder und Bedürftige die sog. Quäkerspeisung initiiert hatte und deren praktisches Christentum ihrem eigenen Wesen entsprach.Pottlitzer-Strauß S. 64 f.

Abitur und Studium Nach dem Abitur besuchte sie in Koblenz die sog. „Hildaschule“ des Pädagogen, Schriftstellers und Historikers Karl Hessel (1844–1920)Karl Hessel, ein Nachfahre des Kreuznacher Maler-Dichters Maler Müller, setzte sich für die Frauenbildung in Lehrbüchern und Zeitschriften ein, u. a. in Zusammenarbeit mit Helene Lange. Biographie Karl Hessel. Lina Hilger hielt ihrem ehemaligen Mentor 1920 in Kreuznach die Grabrede; Pottlitzer-Strauß S. 28–29 mit angeschlossenem Lehrerinnenseminar („Lehrerinnenbildungsanstalt“) und bestand dort 1893 die Lehrerinnenprüfung für höhere und mittlere Mädchenschulen; ein Handarbeitslehrerinnenexamen war zuvor verpflichtend. 1894–96 kehrte sie nach Kreuznach zurück und wurde Lehrerin an der von ihr zuvor besuchten Rostschen Schule.Pottlitzer-Strauß S. 29

Ein Ferienkurs führte sie 1896 an die Sorbonne nach Paris, und nach Caen in der Normandie, wo sie als Erzieherin arbeitete und sich an der Universität immatrikulierte. 1897 erwarb sie dort ihr „Diplome d'Études Supérieures“.Pottlitzer-Strauß S. 30 f. – Das Diplome d'Études Supérieures wurde 1886 auf Initiative des Historikers Ernest Lavisse (1842–1922) eingerichtet und entsprach dem heutigen Magister. In Paris und der Normandie bildete sich auch die mit Lina Hilger gleichaltrige Pädagogin und Bildungsreformerin Hanna Glinzer weiter. In dieser Zeit unternahm sie auch einen Abstecher nach London. 1897 nach Kreuznach zurückgekehrt, trat sie 1898 eine Stelle als Lehrerin in Deutsch, Französisch und Geschichte in Darmstadt an und bereitete sich darauf vor, mit einer Ausnahmegenehmigung als Gasthörerin an der Universität Bonn zu studieren, um nach zweijährigem Studium das Oberlehrerinnenexamen abzulegen.

Nach dem Studienbeginn in Bonn gründete Lina Hilger im August 1899 – nach den beiden Damenverbindungen in Berlin im Jahr 1898Erna Frerichs: Die Geschichte der Hilaritas-Bonn. In: Festschrift zum 16. Verbandstag, 1906-1926. Verband der Studentinnenvereine Deutschlands (V.St.D.). Halle 1926, S. 12–16, in Reimform. Hilger gründete ihr zufolge nicht nur den Verein, sondern leitete zur 25-Jahrfeier (1924) auch persönlich das "Hilarenfest" in Bonn; Frerichs S. 13 und 15. – die dritte in Deutschland:Laut Pottlitzer-Strauß war dies "die erste weibliche Studentenverbindung", zu ergänzen wäre jedoch: "in Bonn"; S. 33, den „Club der Namenlosen“ mit 40–60 Mitgliedern und einem Archiv; der Verein wurde 1904 auf Anregung des Bonner Anglisten Moritz Trautmann in „Hilaritas“, lat. „Frohsinn“, umbenannt.Frerich S. 13. Die Mitgliederzahl betrug ihr zufolge "wohl 60" Studentinnen; ebda. Lina Hilger begriff sich stets als emanzipiert, war aber ohne kämpferische Ambitionen und hegte keinerlei Vorurteile gegenüber Männern. Die Verbindung sollte in erster Linie der Geselligkeit, nicht politischen oder sozialen Zwecken dienen.Roth, Lina Hilger, S. 131, Pottlitzer-Strauß S. 33. mini|Anzeige der Städt. Frauenschule 1901 legte Lina Hilger in Bonn die Oberlehrerinnenprüfung in Deutsch und Geschichte ab und erwarb damit als eine der ersten Frauen in Deutschland die Lehrbefugnis für höhere Schulen; damit wurde sie anschließend Lehrerin an der Klostermannschen privaten Höheren Mädchenschule in Bonn.

Schulgründerin und -leiterin in Bad Kreuznach Bis zum Schulneubau (1903–1912) Als der Stadtrat von Bad Kreuznach 1903 die erst 29-Jährige aufgrund ihres bisherigen Wirkens, hervorragender Empfehlungen und einer Petition von Bürgerinnen mit der Gründung und Leitung einer konfessionell paritätischen „Städtischen Höheren Mädchenschule“ betraute"Im Hau-Ruck-Verfahren", um der Gründung einer konfessionell gebundenen katholischen höheren Mädchenschule zuvorzukommen, die die "Gefahr einer in alle Lebensverhältnisse eingreifenden Spaltung" mit sich bringen würde", so Bürgermeister Kirschstein; Silbermann, Lina Hilger, S. 1, sowie ders. in Lina Hilger (2003), S. 20. – Es gab die Eccardtsche, Senckelsche und Rostsche Vorschule für Jungen und Mädchen, wovon die Rostsche Schule als Städtische Höhere Mädchenschule mit einer neuen Leiterin übernommen wurde; Pottlitzer-Strauß S. 39 f. – die verpflichtende „Vorsteherinnenprüfung“"Vorsteherin", heute vergleichbar mit Amts- oder Behördenleiterin absolvierte sie 1904 –, wurde sie in dieser Position zur „Vorkämpferin der Reformpädagogik und Wegbereiterin der schulischen Bildung für Frauen“Michael Vesper, Vorankündigung Vortrag Silbermann 2024 und ihre Kreuznacher Schule „zu einer über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Musterschule“Pottlitzer-Strauß S. 41. Der Schulabschluss sollte hier in Zukunft auch den Zugang zur Hochschulbildung ermöglichen.

Exkurs: Das Schulwesen für Frauen zur Zeit Lina Hilgers Die erste Höhere Mädchenschule war zwar bereits Ende des 17. Jahrhunderts entstanden: das 1698 gegründete Gynaeceum des August Hermann Francke in Halle/Saale; die Mängel dieser Schulart beklagten Frauenrechtlerinnen wie Helene Lange oder Gertrud Bäumer, aber auch Kaiserin Auguste Viktoria oder die Unternehmersgattin und Mäzenin Ottilie von Hansemann noch zu Ende des 19. Jahrhunderts. Die Schulabschlüsse berechtigten nur zum Besuch eines Lehrerinnenseminars, eine externe Abiturprüfung an einem Jungengymnasium war aber erst seit etwa 1890 – nach entsprechender privater Vorbereitung – möglich. Das erste Mädchengymnasium in Deutschland mit Abiturprüfung und Zulassung zum Universitätsstudium wurde dann kurz darauf (1893) von Hedwig Kettler in Karlsruhe gegründet, wo 1899 die ersten Absolventinnen das Abitur ablegten. Erst 1908 wurde in Preußen den Frauen – mit wenigen Ausnahmeregelungen – die Immatrikulation an Universitäten ermöglicht.

Reformpädagogische Ziele und Leistungen Geprägt durch Reformpädagogik und Frauenbewegung, insbesondere die Frauenbildungsbewegung, gründete Lina Hilger bereits um 1905 den „Lehrerinnenverein“ in Kreuznach, angebunden an den 1890 gegründeten „Allgemeinen Deutschen Lehrerinnenverein“ (ADLV)Der ADLV kam 1933 der Gleichschaltung zuvor, indem er sich zuvor in Erfurt selbst auflöste. Geschichte des ADLV Die Kreuznacher Bildungseinrichtung begann zunächst mit der vierjährigen Grundschule und führte in sechs weiteren Jahren zur Mittleren Reife. Nach der Überführung der Grundschule in eine eigene Schulart wurde das Lyzeum sechsjährig weitergeführt, wobei Lina Hilger – im Unterschied zu den wissenschaftlich geführten Gymnasien – die Lehrinhalte um frauenspezifische Themen und entsprechende Schulabschlüsse nach dem Motto „das gleiche Ziel - verschiedene Wege“ ergänzte.Rede von Lina Hilger zum 25jährigen Schuljubiläum 1928; zitiert nach Silbermann S. 2

Dabei lehnte sie die „radikale Richtung der Frauenbewegung, die Rechtsgleichheit und Einebnung der Geschlechterunterschiede verlangt, […] ab, sie stimmte vielmehr der Helene Lange'schen Richtung zu, die 'die Eigenart der Frau und ihre Sonderbestimmung als zur Ergänzung männlicher Kultur erforderlich' zur Geltung bringen wollte“Pottlitzer-Strauß S. 41–42, also eine nach damaligen Begriffen „geschlechtsspezifische“ Ausbildung. Auch blieb der Anteil der männlichen Lehrkräfte gering oder aufs Nebenamt beschränkt (so u. a. Prof. Kohl). Die durch Auflösung von Privatschulen rasch anwachsende Schule war zunächst auf fünf Gebäude verteilt, die Klassen waren überfüllt, so dass sich bald die Notwendigkeit eines Neubaus zeigte, der auch mit dem Anwachsen des von ihr herangezogenen Mitarbeiterstabs Schritt hielt. Bis dahin (1912) vergingen jedoch noch weitere sieben Jahre.Pottlitzer-Strauß S. 43

mini|Lina Hilger im Kreis ihres Kollegiums, 19 unverheiratete Kolleginnen sowie vier Kollegen (1924)|350x350px