gerahmt|Ernst Jünger Heliopolis. Rückblick auf eine Stadt ist ein 1949 erschienener utopischer Roman von Ernst Jünger. In der fiktiven Stadt Heliopolis bekämpfen sich die Anhänger des Prokonsuls und des Landvogts. Der Kommandant Lucius de Geer gehört zum Stab des Prokonsuls, steht den inneren Kämpfen aber immer distanzierter gegenüber. Schließlich verlässt er Heliopolis. Der Roman verbindet phantastische Elemente mit philosophischen Exkursen und historischen Bezügen. Das alltägliche Leben trägt auch viele idyllische und anakreontische Züge mit Bauern, Winzern, Handwerkern, Künstlern, Gastwirten, Gastmählern, Naturschilderungen usw.

Der Roman spielt in einer zeitlich nicht genau eingegrenzten Zukunft. Heliopolis ist der Beschreibung nach eine Metropole im Mittelmeerraum. Von ihr werden „ungeheure Räume“ beherrscht. Die Ländernamen im Roman zeigen, dass keine exakte geografische Zuordnung beabsichtigt ist. Hesperiden heißen in der griechischen Sage Gebiete am westlichen Rand der damaligen bekannten Welt, hier sind es neu entdeckte, teilweise unerforschte Regionen. Auch haben das „Burgenland“ (vgl. Burgenland), Asturien (vgl. Asturien), die Parsen (vgl. Parsen) oder Mauretanier (vgl. Mauretanien) keine oder zumindest keine genauen heutigen Entsprechungen. Eher stehen diese Länder oder Volksnamen für bestimmte politische Ordnungen.

In seinem Roman Eumeswil (1977) nimmt Jünger die fiktive Welt von Heliopolis wieder auf, so wie sich umgekehrt hier einige Begriffe des vorausgehenden Romans Auf den Marmorklippen (1939) wieder finden, z. B. die Mauretanier.

Wenn nicht anders vermerkt, beziehen sich die folgenden Seitenangaben auf die Ausgabe von 1980 in Sämtliche Werke. Sie ist gegenüber der Erstausgabe von 1949 um circa ein Viertel gekürzt und erheblich verändert. Seitenangaben mit Jahreszahl 1949 beziehen sich auf die Erstausgabe.

Der Konflikt zwischen dem Prokonsul und dem Landvogt Vor Beginn des Konflikts hatte ein sog. „Regent“ eine weltweite monarchische Ordnung errichtet und einen ersten Bürgerkrieg gegen eine Liga geführt. Der Regent konnte die Liga in einer Entscheidungsschlacht bei den Syrten schlagen, sein politisches Konzept ist aber dennoch gescheitert. Es folgte der „Auszug“ des Regenten mit der Bemerkung „euch zu züchtigen ist sinnlos“ (S. 162), seither residiert er irgendwo im Weltraum, von wo aus er die Geschehnisse auf der Erde beobachtet, ohne einzugreifen. Es entstanden „Diadochenstaaten“, von denen Heliopolis der bedeutendste wurde.

In Heliopolis haben sich zwei verfeindete Parteien gebildet, die des Prokonsuls und die des Landvogts. Dabei liegt die militärische Macht noch beim Prokonsul, der die bisherige Ordnung zu verteidigen sucht. Der Landvogt versucht diese zu erschüttern, indem er eine Geheimpolizei aufbauen, Unruhen anzetteln und die parsische Minderheit verfolgen lässt. Er strebt eine Diktatur an. Der Krieg ist nicht offen erklärt, vielmehr verkehren beide Parteien offiziell „freundschaftlich“ miteinander.

Das Machtzentrum des Prokonsuls ist der Palast in Heliopolis, das „Punktamt“, eine Art Geheimdienst, und das „Energeion“, die zentrale Energieversorgung. Als seine Anhänger treten Offiziere und Akademiker auf.

Der Landvogt beherrscht das Zentralamt, ebenfalls eine Art Geheimdienst, und ein sog. „toxikologisches Institut“ mit Wissenschaftlern. Außerdem benutzt der Landvogt den „Demos“ (griechisch für Volk) für seine Zwecke und die Presse wird als landvogtkontrolliert beschrieben (einschließlich einer Zeitschrift namens „Spiegel“ (1949 S. 260)). Über die Anhänger des Landvogts heißt es: „Nur selten strahlte ein höheres, reflektierendes Bewusstsein von ihnen aus“ (S. 39).

Die Anhänger des Landvogts akzeptieren Forschung und Wissenschaft nur, wenn sie ihren Zwecken dient. Projekte, von denen sie sich nichts versprechen und Ergebnisse, die ihnen nicht nützlich sind, lehnen sie ab. Die Akademiker des Regenten dagegen erforschen eher beispielsweise die neu entdeckten Gebiete jenseits der Hesperiden nur um ihrer besseren Kenntnis willen, ohne dass von vornherein ein Nutzen zu sehen ist. Allerdings gibt es auch auf der Seite des Prokonsuls pragmatische Realpolitik, deswegen fällt Lucius schließlich beim „Chef“ in Ungnade.

De Geer bezeichnet die Seite des Regenten als „konservativ“, die des Landvogts als „nihilistisch“.

Zu Beginn des Romans hoffen die Offiziere des Prokonsuls auf einen Bürgerkrieg, um den Landvogt noch beseitigen zu können, bevor es zu spät ist.

810px|Panorama Neapels (Ernst Jünger gab an, bei der Beschreibung von Heliopolis an Neapel gedacht zu haben)

Inhalt Erster Teil Die Rückkehr von den Hesperiden

De Geer kehrt mit dem Schiff Blauer Aviso von einer Dienstreise von jenseits der Hesperiden zurück. Er sollte herausfinden, wie man sich in Asturien und im Burgenland zu dem Konflikt verhält. Mit auf dem Schiff sind zahlreiche Vertreter der beiden Parteien. Beim Frühstück an Bord werden in mehreren Gesprächen die Machtverhältnisse in Heliopolis diskutiert.

Während der Einfahrt in den Hafen sehen die Reisenden eine Leiche an einer Stelle, an der das Schiff dicht vorbeifahren muss. Sie liegt beim Gefängnis des Landvogts. Offenbar hat Messer Grande, der Polizeichef des Landvogts, die Leiche dort auslegen lassen, um seine Gegner einzuschüchtern und zum Zeichen, dass er es nicht mehr nötig hat, seine Verbrechen zu verheimlichen.

Unruhen in der Stadt

Bei der Ankunft sieht de Geer Rauchwolken über dem Parsenviertel aufsteigen. Er beschließt, durch dieses Viertel zu gehen und nach dem parsischen Buchbinder Antonio Peri zu sehen, dem er eine Handschrift anvertraut hatte. Sein Diener Costar und sein Wagenlenker Mario begleiten ihn.

Das Viertel war geplündert worden, die drei finden die Straßen menschenleer und verwüstet vor. Der Landvogt benutze solche Plünderungen, um das Volk aufzuwiegeln und größere Veränderungen vorzubereiten. De Geer und seine Begleiter können nur noch einer einzelnen Frau Schutz bieten, die von einem übrig gebliebenen Plünderer verfolgt wird. Sie heißt Melitta und arbeitete bei einer parsischen Familie.

Der Laden des Buchbinders liegt in einem Bereich, der von den Plünderungen verschont wurde. Peri selbst allerdings war zum Prokonsul gerufen worden und so gibt seine Nichte Budur Peri de Geer die fertig gebundene Handschrift. Die beiden beginnen ein Gespräch über den Autor der Handschrift und de Geer meint, man müsse sich einmal in Ruhe darüber unterhalten.

Im Palast

Nach einem ersten Bericht an seinen Chef begibt sich de Geer in seine Wohnung. Diese liegt in der sogenannten Voliere, einem Mansardenbereich auf dem Palast des Prokonsuls. Über Nacht schreibt de Geer seinen Bericht über die Lage in Asturien. Dom Pedro, ein dortiger Politiker, plant einen Staatsstreich und hofft, der Prokonsul werde sich mit ihm verbünden und zur gleichen Zeit in Heliopolis den Landvogt beseitigen. De Geer rät von einem solchen Bündnis ab, da Dom Pedro lediglich eine Diktatur anstrebe, der Prokonsul aber weitergehende Ziele verfolge. Welche, wird nicht gesagt.

Den Rest der Nacht beschäftigt sich de Geer mit der Handschrift, einem Romanentwurf Heinses, und hängt allerlei Gedanken nach.

Das Symposion

Am nächsten Abend ist de Geer zum Geburtstag des Malers Halder eingeladen. Ebenfalls zu Gast sind der Schriftsteller Ortner und der Philosoph Serner. Sie alle sind Bewohner der Voliere. Nach allerlei Geplänkel über Malerei und Dichtung gibt Ortner ein Thema vor, zu dem jeder der vier sprechen soll: den Augenblick des Glücks. Die vier entwerfen ihre verschiedenen Vorstellungen davon. Zum Abschluss des Abends bittet man Ortner, eine Geschichte vorzutragen.

Ortners Erzählung

Diese Erzählung in der Erzählung, die auch als eigenes Buch erschienen ist, spielt „im alten Berlin“ und handelt von einem heruntergekommenen Spieler und Trinker, der, nachdem ihn ein rätselhafter Fremder „Dr. Fancy“ einer Augenoperation unterzogen hat, hellseherische Fähigkeiten erlangt. Er kann nun jedes Glücksspiel gewinnen und wird an der Börse äußerst reich. Er kann allerdings trotz Tarnmaßnahmen nicht verhindern, dass sein Glück von jemandem erkannt wird, der sich ihm als Geschäftspartner aufdrängt. Es gelingt ihm aber, diesen zu ruinieren.

Mit jetzt endgültig gesichertem Wohlstand ekelt er sich aus Überdruss zusehends vor sich selbst, fühlt sich abgeschnitten von den anderen Menschen.

Endlich trifft er eine Frau, mit der er einigermaßen glücklich ist. Als er Dr. Fancy überraschend wiedertrifft, bittet er ihn, ihm das Hellsehen wieder zu nehmen. Ohne diese Fähigkeit verliert er sogleich nahezu sein gesamtes Vermögen und kann sich nur knapp ohne größere Schulden von seinen bisherigen Unternehmungen absetzen. Er führt von da an mit seiner Frau ein beschauliches Leben.

Der Ausflug nach Vinho del Mar

De Geer macht mit Melitta, die zuvor aus dem Parsenviertel gerettet worden war, einen Ausflug auf die Insel Vinho del Mar, wo Wein angebaut wird und allerlei Wirtshäuser zu besuchen sind. Heliopolis zeigt sich trotz des drohenden Bürgerkriegs recht lebensfroh.

Auf dem Pagos

Auf dem Weg zur Kriegsschule reiten de Geer und Costar in das bergige Hinterland von Heliopolis, den Pagos. Hier finden sich unter anderem ein ausgedehnter Landsitz des Prokonsuls, auf dem etliche Künstler und Intellektuelle aus seinem Umfeld ihre Ateliers und Werkstätten haben, ein sogenanntes Punktamt, eine gigantische Höhlenanlage, die der Bevölkerung während des Krieges als Schutz diente und nun noch als Friedhof dient, sowie der Sitz des Bergrats.

Dem Bergrat, der die Goldreserven von Heliopolis verwaltet, stattet de Geer einen Besuch ab. Der Bergrat zeigt ihm verschiedene mineralische Fundstücke und entwickelt nebenher seine ökonomische Theorie, wie der Konflikt in Heliopolis zu beenden sei.

In der Kriegsschule

Auf einem hochgelegenen Plateau auf dem Pagos liegen Exerzierplätze und die Kriegsschule. De Geer besucht dort eine Stunde für Moraltheologie, ein Kurs, den er selbst in den Lehrplan für die Abschlussjahrgänge aufnehmen ließ. Der Chef erscheint ebenfalls, um diesen Kurs zu inspizieren. Hier offenbaren sich die größten Differenzen zwischen de Geer und dem Chef. Während der Chef den Kurs für überflüssig hält und die Kadetten vor allem zu entschlossenem Kampf im Konfliktfall auffordert, meint de Geer, der Prokonsul wolle den Kadetten Entscheidungsspielraum geben, Konflikte selbst einzuschätzen. „Der Fürst beteiligt sie an seiner Souveränität.“ (S. 199)

Das Apiarium

Noch höher auf dem Pagos liegt die Klause des Eremiten Pater Foelix. Dieser führt ihm seine Bienenzucht vor, beide besprechen verschiedene politische Dinge in Heliopolis und allgemeine ethische Fragen.

Zweiter Teil Das Attentat

Ein kurzer Abschnitt wird aus der Perspektive Messer Grandes, des Polizeichefs des Landvogts erzählt. Nach einer Orgie am Vorabend begibt dieser sich auf den Weg zur Arbeit und wird im Dienstwagen von der Bombe eines parsischen Attentäters getötet. Sofort beginnen Ausschreitungen gegen die Parsen. Sie werden von den Leuten des Landvogts offiziell in Schutzhaft genommen, tatsächlich interniert und systematisch ermordet. Auch von der Partei des Prokonsuls werden sie aus taktischen Gründen nicht geschützt.

De Geer erhält vom Chef den Auftrag, dem Landvogt einen Kondolenzbesuch abzustatten. Unterwegs kommt er an einem Gelände vorbei, auf dem zahlreiche Parsen gefangen gehalten und misshandelt werden. Am Zaun erkennt er Budur Peri, die zu ihm um Hilfe ruft. Der Landvogt empfängt de Geer in seinem Gefechtsstand, einem Bunker tief unterhalb des Zentralamts. Er meint zynisch: „Es wird schwer sein, das Volk in seiner gerechten Entrüstung zu besänftigen.“ Noch im Zentralamt erwirkt de Geer beim zuständigen Fachleiter Dr. Thomas BeckerIn der Erstausgabe noch "Dr. Thomas Beckett, Abteilung für Fremdvölker" die Freilassung von Budur Peri. Der lässt de Geer daraufhin überwachen.