mini|Akıncılar Derneği Trabzon Der Akıncılar Derneği („Verein der Akıncılar“) ist ein islamistischer Jugendverband in der Türkei. Der Verein wurde am 25. Oktober 1975 gegründet. Er fungierte als inoffizielle Jugendorganisation der Millî Selamet Partisi (MSP) und war Teil der islamistischen Millî-Görüş-Bewegung. Bis zum Verbot im Jahr 1979 war der Verein in gewalttätige Auseinandersetzungen mit nationalistischen, linken und kemalistischen Türken verwickelt. Mitglieder verübten Gewalttaten und wurden Opfer von Gewalt. Der Verein wurde 1979 verboten und 2011 neu gegründet.
Eine besonders radikale Abspaltung des Vereins war die der Akıncı Güç. Ihr gehörte Salih Mirzabeyoğlu, der Gründer der İBDA-C, an.
Bezeichnung Das türkische Wort Akıncı (türkischer Plural: Akıncılar) bezeichnet einen Angehörigen der irregulären Reitertruppen („Renner und Brenner“) des Osmanischen Reichs. Die Bezeichnung „Akıncılar“ hatte einen positiven Klang. So nannte man auch die türkischen Soldaten bei der Schlacht von Gallipoli oder im Türkischen Befreiungskrieg. Selbst Schüler in Dorfinstituten wurden gelegentlich so genannt.
Die islamischen Jugendverbände Wenige Monate nach der Gründung der Millî Nizam Partisi (MNP) wurde die offizielle Jugendbewegung der Partei gegründet Nach dem Militärputsch in der Türkei 1971 wurde die Partei aus dem Spektrum der Millî Görüş verboten. Der Jugendverband der Nachfolgepartei Millî Selamet Partisi wurde am 29. Mai 1973 ins Leben gerufen. Vorsitzender war Ahmet Oğuz und zum Vorstand gehörte Recep Tayyip Erdoğan.
Verein Der Verein wurde am 25. Oktober 1975 von 32 Personen aus dem Umfeld der Millî Türk Talebe Derneği gegründet. Der Antrag auf Vereinsgründung ging offiziell am 12. Dezember 1975 beim Vali von Ankara ein. Vorstandsvorsitzender war Tevfik Rıza Çavuş. Die Vereinszentrale lag am Gazi Mustafa Kemal Bulvarı in Ankara. Die Einweihungsfeier fand am 23. Januar 1976 statt.
Der erste Ortsverein wurde in Kayseri, der Heimatstadt des Vorsitzenden Çavuş, eröffnet. Am 23. Mai 1976 feierte man in Istanbul die Eröffnung von 22 Istanbuler Ortsvereinen mit einer Großveranstaltung im Kongresszentrum Harbiye Spor ve Sergi Sarayı. Ehrengast war der amtierende Justizminister İsmail Müftüoğlu. Dieser nannte die Akıncılar ein Vorbild für die gesamte Menschheit. Die Menge skandierte Slogans wie „Die Rettung liegt im Islam“. Der Istanbuler Vorsitzende Yakub Kaldırım machte für die „aufkeimende Anarchie“ die Entfremdung vom Islam, die Öffnung zum Westen und den Materialismus verantwortlich.Turhan Feyzioğlu: Akıncılar ve AK-Gençlik'ten AKP'ye. Akıncı Gençlik Tarihi (1969–2001). Istanbul 2015, S. 223 Nach einem halben Jahr existierten bereits 360 Ortsvereine. Çavuş schrieb später, eine der ersten öffentlichen Aktionen sei eine große Anti-Israel-Kundgebung gewesen. Dort habe man das „Israel der durch Gott verfluchten Söhne Israels verdammt.“Turhan Feyzioğlu: Akıncılar ve AK-Gençlik'ten AKP'ye. Akıncı Gençlik Tarihi (1969–2001). Istanbul 2015, S. 61 Weitere Kundgebungen folgten in Istanbul, Konya und Sivas. Ferner führte die Organisation zahlreiche Sommercamps in verschiedenen Regionen durch.
Nachfolger von Çavuş als Vorsitzender wurde Mehmet Tezel.
Die zweite Vollversammlung der Akıncılar fand am 8. April 1978 im Yıldız-Kino in Ankara statt. 935 Delegierte aus 398 Ortsvereinen bestimmten einen neuen Vorstand. Redner waren u. a. Necmettin Erbakan und der frühere Vorsitzende Çavuş. Dieser sprach in seiner Rede vom „seelenlosen Ungeheuer“ des Westens, das die islamischen Länder in einen Todesschlaf wiege und sich gegen deren Erwachen wehre. Die Akıncılar kämpften für die Vorherrschaft Gottes auf der gesamten Erde.Turhan Feyzioğlu: Akıncılar ve AK-Gençlik'ten AKP'ye. Akıncı Gençlik Tarihi (1969–2001). Istanbul 2015, S. 109f. Neuer Vorsitzender der Organisation wurde Mehmet Tellioğlu. Dieser wandte sich am Folgetag nach der konstituierenden Vorstandssitzung gegen die um sich greifende Anarchie und erklärte, es gebe keine andere Lösung als den Islam. In einer Erklärung vom 15. April 1978 der Vereinszentrale hieß es, man Kämpfe gegen jeden, der sich gegen Gott stelle, für die Souveränität Gottes. Es sei Zeit, die Menschen Anatoliens Gott anzuvertrauen. Dies werde das Ende der Nachahmer und Parteigänger des Westens bedeuten.Turhan Feyzioğlu: Akıncılar ve AK-Gençlik'ten AKP'ye. Akıncı Gençlik Tarihi (1969–2001). Istanbul 2015, S. 112. Am 30. April 1978 wurde in Balıkesir der 400. Ortsverein feierlich eröffnet. Daneben wurden Ableger des Vereins für Gymnasiasten (Akıncı Liseliler Birliği) und Organisationsteile für Angestellte (AK-Mem), Sportinteressierte (Akıncı Sporcular Derneği) und Arbeiter (AK-İş) gebildet.
Publikationen Bereits am 15. Dezember 1976 brachte der Akıncılar Derneği die erste Ausgabe seiner Monatszeitschrift „Gölge“ heraus. Sie diente als ideologische Wegweiserin und wurde in Anzeigen in der Millî Gazete „Kampfzeitschrift“ (kavga dergisi), die – in Anlehnung an der Terminologie Hegels – den Kampf für den „epochenübergreifenden absoluten Geist“ (Çağlarüstü Mutlak Fikir) führe, angepriesen.Millî Gazete vom 14. März 1976
Später erschien innerhalb der Bewegung eine weitere Zeitschrift namens Akıncı-Güç, die in Konkurrenz zur offiziellen Zeitschrift stand und deutlich abweichende Standpunkte vertrat.
Am 3. August 1979 erschien die erste Ausgabe einer 15-täglichen Publikation namens Akıncılar. Die Schlagzeile lautete übersetzt „Leben, Glauben und Dschihad“. Der Artikel beschrieb den Islam als die absolute Ordnung. Weder der Westen noch die materialistische Philosophie des Ostblocks oder der Mystizismus der Hindus könne diese Jugend in den Schlaf wiegen. Der Kommunismus sei der Oberkiefer und der Kapitalismus der Unterkiefer eines Krokodils. Weder dort noch im Faschismus oder den anderen jüdischen Fallstricken finde die islamische Jugend ihre Heimat. Sie betrachte den Islam als einzige Rettung und gebe sich völlig dieser Sache hin.
Hymne der Akıncı Gençlik Der Akıncı Gençlik Marşı war die Hymne der Akıncı-Jugend
Text:
Müslüman'ın hedefi Hem komünisti hem faşisti Ezeceğiz mutlaka Kalpte iman, elde Kuran ile çıktık biz yola Önderimiz Peygamberimiz, muzafferiz mutlaka Ya oluruz, ya ölürüz Biz bu yoldan dönmeyiz Yüce İslam devletini kuracağız mutlaka
Türkistan'da Eritre'de Filistin'de Moro'da Müslüman'ın tüm hakkını alacağız inşallah Ey Müslüman Ey Müslüman Cihad vakti yaklaştı Al silahı vur omuza Dinsiz düşmana karşı Der Marsch der Akıncı Gençlik
Das Ziel der Muslime Sowohl den Kommunisten als auch den Faschisten Werden wir auf jeden Fall zerquetschen Mit Glauben im Herzen und dem Koran in der Hand haben wir uns auf den Weg gemacht Unser Führer ist unser Prophet, unser Sieg ist unausweichlich Entweder wir werben oder wir sterben Umkehren werden wir nicht Wir werden den erhabenen Staat gründen
In Turkestan und in Eritrea In Palästina und auf den Philippinen (siehe Provinz Moro) Alle Rechte der Muslime werden wir erringen, so Gott will O Muslim, o Muslim Die Zeit des Dschihad ist nah Nimm die Waffe und leg sie an Gegen den ungläubigen Feind
Gewalttätige Auseinandersetzungen Bewaffnete Auseinandersetzungen zwischen islamistischen und anderen Gruppen begannen bereits Jahre vor der Gründung des Akıncılar Derneği. Bekannte Beispiele sind der Aufstand in Konya vom 23. und 24. Juli 1968 und der Blutige Sonntag (Kanlı Pazar) vom 16. Februar 1969.
1976 intensivierte sich der politische Streit zwischen MSP und der nationalistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP). Dies fand auch an der Basis in gewalttätigen Auseinandersetzungen seinen Widerhall. Die ersten Toten auf Seiten der Akıncılar waren im Januar 1976 zu beklagen. Aber auch Streit zwischen Akıncılar und linken Studenten wie am 11. März 1976 an der Yıldız Teknik Üniversitesi wurde mit Waffen ausgetragen.
Im Zeitraum von Anfang 1974 bis zum 31. Januar 1977 wurden nach Angaben des Innenministers Oğuzhan Asiltürk 81 junge Erwachsene bei Auseinandersetzungen zwischen den drei großen verfeindeten politischen Gruppierungen getötet und 1.846 Personen verletzt. Eine Senatskommission gab am 23. April 1977 eine detaillierte und 217 Seiten umfassende Aufstellung der politisch motivierten Gewalttaten heraus, die in mehreren Zeitungen veröffentlicht wurde. Demnach verloren in den Jahren 1975 und 1976 insgesamt 37 Angehörige linker und 11 Angehöriger rechter Gruppierungen ihr Leben. Der Bericht stellte ab dem Jahr 1975 eine erhebliche Steigerung der Gewalt fest.
Viele Auseinandersetzungen konzentrierten sich auf Studentenwohnheime, die jeweils in der Hand einer bestimmten Gruppierung waren und die oft bestimmte Gebiete zu befreiten Gebieten ausriefen. Die Akıncılar beherrschten dabei regelmäßig die Wohnheime, die der Aufsicht der Stiftungsbehörde Vakıflar unterlagen oder in denen Studenten der theologischen Fakultäten lebten.
Haltung zur Gewaltfrage Der Organisationsvorsitzende Mehmet Tezel rief am 4. April 1976 bei einer „Gebietsversammlung für Zentralanatolien“ in Konya dazu auf, das Blutvergießen unter Brüdern zu beenden. Die Mitglieder sollten sich vor Anarchie wie vor der Pest hüten. Allerdings fuhr er fort: Zerquetscht und vernichtet die Mentalität, den Kommunismus und den Faschismus, die die Waffe gegen unsere Armee und unsere Polizei ziehen und Kufr begeht.Turhan Feyzioğlu: Akıncılar ve AK-Gençlik'ten AKP'ye. Akıncı Gençlik Tarihi (1969–2001). Istanbul 2015, S. 238
In einer am 7. August 1977 veröffentlichten schriftlichen Erklärung des Vorsitzenden Mehmet Tezel hieß es, die Akıncılar seien sehr betrübt über die jüngsten Entwicklungen. Nur der Staat könne den „internationalen Mächten“, die die Türkei zum Werkzeug des Kommunismus machen und „schlucken“ wollten, Einhalt gebieten. Es sei Wasser auf die Mühlen der Imperialisten, wenn man die, die nach der Vorherrschaft auf den Straßen strebten, auf der Straße bekämpfe. Es habe keinerlei Wert, sich in der Pose eines Retters des Vaterlandes zu sonnen.
Nach der Ermordung eines Mitgliedes in Ankara erklärte Mehmet Tellioğlu am 12. Juli 1978 schriftlich, dass die Täter doppelt und dreifach dafür büßen würden. Die Akıncılar seien für das Wort, das sie Gott gegeben hätten, bereit, ihr Blut zu opfern. Der Kampf (Akın) gehe weiter, bis die Religion Gottes die gesamte Erde beherrsche und die Fitna überwunden sei.
Der später ermordete Metin Yüksel erklärte am 12. Juli 1978 anlässlich der temporären Schließung des Ortsvereins in Fatih, wo er Ortsvorsitzender war, man werde den Kampf fortsetzen, bis die Welt aufhöre, sich zu drehen. Entweder man bringe die anderen zum Schweigen oder lasse sie Blut spucken.
Tellioğlu ließ aus Anlass des Todes eines Vereinsmitgliedes in einer Presseerklärung verlautbaren, dass der Dschihad sich nicht aufhalten lasse. Außerislamische Kräfte hätten die Türkei zum Pilotgebiet bestimmt, um ihrem Plan, die Muslime zu vernichten, näher zu kommen. Es gehöre zu ihrer Taktik, die Muslime der Türkei auf die Straßen zu treiben und zu vernichten.
Innenminister İrfan Özaydınlı gab am 18. August 1978 bekannt, dass während der Amtsperiode der Regierung Ecevit (ab dem 5. Januar 1978) insgesamt 11.750 Personen wegen politisch motivierter Gewalt festgenommen worden seien. In 1.619 Fällen sei Untersuchungshaft verhängt worden. Bei 668 Untersuchungshäftlingen habe es sich um linksgerichtete und bei 897 um rechtsgerichtete Personen gehandelt.
Die Haltung des Vereins zur Gewalt war widersprüchlich. Halis Özdemir, damaliger Vorsitzender des Akıncı Sporcular Derneği, beschreibt in seinem Buch Mamak Zindanlarında bir Akıncı, wie Oğuzhan Asiltürk seine Bemühungen unterband, Akıncılar zur Ausbildung an der Waffe nach Palästina zu entsenden.Halis Özdemir: Mamak Zindanlarında bir Akıncı. Tarihe Notlar. Istanbul 2010, S. 118
Chronologie gewalttätiger Auseinandersetzungen