Der Schiffbrüchige (auch Shipwrecked Sailor, Schiffbrüchiger oder Naufragé genannt, seltener Papyrus Leningrad 1115) ist ein altägyptisches Literaturwerk, das meist der Kategorie Märchen zugeordnet wird. Es ist auf einem Papyrus, dem Papyrus Sankt Petersburg 1115 überliefert.

Überlieferung und Datierung Die Erzählung ist nur auf einem aus dem Mittleren Reich stammenden Papyrus, dem Papyrus Sankt Petersburg 1115 überliefert, bei dem es sich um einen Palimpsest handelt.G. Burkard, H. J. Thissen: Einführung in die altägyptische Literaturgeschichte. Band I, S. 148. Er lag in der Eremitage von St. Petersburg und wurde dort von Wladimir Golenischeff (1856 bis 1947) am Ende des 19. Jahrhunderts wiedergefunden. Der originale Fundort ist unbekannt und man weiß nicht, wie er in die Sammlung der Eremitage gelangte.Le Conte du Naufragé (P. Hermitage 1115). 2010 auf sothis-egypte.com, abgerufen am 7. März 2017.

Er war in Hieratisch verfasst, der Kursivschrift der Hieroglyphen, und wird meist von Transkriptionen ins Hieroglyphische übersetzt.Richtungweisend und am häufigsten verwendet ist A. M. Blackman: Middle Egyptian Stories. Brüssel 1932. Der Schiffbrüchige S. 41–48. Die Sprache ist Mittelägyptisch, gewissermaßen die klassische Sprachstufe der alten Ägypter; es gibt jedoch einige Stellen, bei denen nicht klar ist, ob es sich um Reliktformen des Alten Reichs handelt, die während des Beginns des Mittleren Reiches weiter verwendet wurden.

Die meisten Ägyptologen datieren die Entstehungszeit der Geschichte ins Mittlere Reich, vermutlich die 12. Dynastie.

Nicht ganz geklärt ist die Frage nach der Vollständigkeit des Texts. So vermutet Simpson aufgrund fehlender Überschrift und Einleitung, dass der Papyrus vor den ersten Spalten abgeschnitten wurde und der originale Text einen herkömmlicheren Beginn hatte.W. K. Simpson: Schiffbrüchiger. In: LÄ. Band V. Spalte 619. Es spricht aber viel „für eine Vollständigkeit des Textes selbst, insbesondere seine inhaltliche und kompositorische Schlüssigkeit“.

Inhalt mini|Darstellung eines Schiffs einer Expedition ins Land Punt aus dem Totentempel der Hatschepsut (Neues Reich)

Die Erzählung beginnt recht abrupt, ohne die bekannte Einführung, weswegen schon vermutet wurde, dass der Anfang mit den ersten Spalten fehlt. Die Akteure bleiben namenlos und werden durch ihre Titel gekennzeichnet. Ein Leiter einer Schiffsexpedition (ḥ3.tj-ˁ) kehrt offenbar erfolglos von einer Mission zurück und fürchtet den Rapport beim König. Ein Gefolgsmann (šmsw) versucht den Fürsten zu trösten, indem er die sichere Rückkehr zur Heimat und die Vollständigkeit und Unversehrtheit der Mannschaft betont. Darauf erzählt er ein eigenes Erlebnis, in welchem dies nicht gewährleistet war, um die Expedition nachdrücklicher als Erfolg erscheinen zu lassen.

Hier beginnt die Geschichte in der Geschichte, ein auch in zeitgenössischen europäischen Märchen übliches Stilmittel. Der Gefolgsmann erzählt von einer Expedition, die Schiffbruch erlitt und die er als einziger überlebte: Er war auf einem großen Schiff mit 120 tapferen und fähigen Männern unterwegs zu den königlichen Minen. Das Schiff wurde jedoch von einem Sturm erfasst und zerschmettert. Der Erzähler wurde von einer Welle an die Küste einer Insel getragen, während alle seine Kameraden starben. Drei Tage und Nächte lag er alleine und verzweifelt auf der Insel. Dann versuchte er, etwas zu essen zu finden und stellte fest, dass auf der Insel alles Benötigte im Überfluss vorhanden war. Nichts gab es, was es dort nicht gab. Er fertigte ein Brandopfer als Dank für die Götter. Plötzlich sah sich der Gerettete dem Herrn der Insel gegenüber:

Die Schlange befragte den Schiffbrüchigen, wie er hergekommen sei: Wer hat dich hergebracht, wer hat dich hergebracht, Kleiner? und drohte ihm: Wenn du zögerst, mir zu sagen, wer dich zu dieser Insel brachte, so werde ich dafür sorgen, daß du dich als Asche wiedererkennst, geworden zu einem, den man nie gesehen hat. Als der Verängstigte allerdings nicht sofort antworten konnte, tat ihm die Schlange nichts, sondern verschleppte ihn in ihre Behausung. Hier konnte er nun antworten und berichtete von seiner Situation. Die Schlange beruhigte ihn schließlich: Er solle sich nicht fürchten, er sei auf der Insel des Ka gelandet und prophezeite ihm, wenn er vier Monate auf der Insel verbracht habe, werde ein Schiff kommen und ihn heim bringen.

Die Schlange berichtete nun ihrerseits über ihr eigenes Schicksal: die Geschichte in der Geschichte in der Geschichte. Sie lebte auf der Insel mit ihren Brüdern und Kindern, insgesamt 75 Schlangen, und dazu noch seine kleine Tochter, die ihm die Liebste von allen war. Doch eines Tages fiel ein Stern auf die Insel herab und alle starben in Flammen. Sie war zufällig nicht dort, doch als sie zurückkam, erkannte sie, dass ihre ganze Familie tot war und sie in Einsamkeit auf der Insel zurückblieb.

Nach Beendigung der Geschichte versprach die riesige Schlange abermals, dass der Schiffbrüchige nach Hause zurückkehren sollte. Der Schiffbrüchige verbeugte sich vor ihr und versicherte, dass er dem König von ihrer Größe und Macht erzählen würde und Reichtümer als Zeichen der Verehrung schicken würde. Die Schlange lachte ihn aus, und sagte, dass sie alle diese Dinge doch schon besitze, sie sei der Fürst von Punt. Wenn der Schiffbrüchige nach Hause käme, könnte er nicht mehr zurück, da die Insel im Meer versinken werde. Es kam so, wie die Schlange gesagt hatte: als der Schiffbrüchige gerettet wurde, versank die Insel im Meer. Er kehrte zurück mit vielen Schätzen, die ihm die Schlange geschenkt hatte, und brachte sie dem Pharao dar.

Am Ende der Rahmenerzählung versucht der schiffbrüchige Gefolgsmann (šmsw) dem Expeditionsleiter (ḥ3.tj-ˁ) nochmals zuzusprechen:

Seine Worte nützen aber nichts. Der Expeditionsleiter spricht ein einziges Mal in der ganzen Geschichte, nämlich die abschließenden Worte:

Interpretationen Die Geschichte des Schiffbrüchigen hat unter Ägyptologen viele verschiedene, teilweise gegensätzliche Interpretationen hervorgerufen und ihre Stellung innerhalb der Ägyptologie konnte nicht allgemeingültig beantwortet werden, dies liegt nicht zuletzt an der schlechten Quellenlage mit nur einem überlieferten Textzeugen.Dieter Kurth: Zur Interpretation der Geschichte des Schiffbrüchigen. In: SAK. Band 14, 1987, S. 167.

Hartwig Altenmüller fasst die Geschichte des Schiffbrüchigen als eine politische Schrift der 12. Dynastie auf.Hartwig Altenmüller: Die „Geschichte des Schiffbrüchigen“ – ein Aufruf zum Loyalismus? In: Hartwig Altenmüller, Renate Germer (Hrsg.): Miscellanea Aegyptologica (FS Helck). 1989, S. 7–8. Bereits Georges Posener arbeitete eine Reihe politischer Werke dieser jungen legitimationsbedürftigen Dynastie heraus.Georges Posener: Littérature et politique dans l’Egypte de la XIIe dynastie (= Bibliothèque de l’École des hautes études. Sciences historiques et philologiques. Band 307). Paris 1956. Nach dieser Interpretation ist das Schicksal der Schlange mit dem des einsam entscheidenden Königs vergleichbar. Sie bleibt mit ihrem Schicksal allein, obwohl sie über Macht und materielle Güter in ausreichender Form verfügt. Dem Schiffbrüchigen dagegen kann die Schlange helfen, so wie der König für seine loyalen Untertanen sorgt. Im Gegenzug für die geleistete Hilfe werden nicht materielle Gaben, sondern die Verkündigung des „guten Namens“ erbeten. Insofern enthält die Geschichte einen Aufruf zum Loyalismus und in dieser Hinsicht muss sie als politische Schrift gelten, die für den König und für das Königtum wirbt. Demnach müsste die Erzählung in die frühe 12. Dynastie, etwa zur Zeit von Sesostris I. datieren.Hartwig Altenmüller: Die „Geschichte des Schiffbrüchigen“ – ein Aufruf zum Loyalismus? In: Hartwig Altenmüller, Renate Germer (Hrsg.): Miscellanea Aegyptologica (FS Helck). 1989, S. 20–21.

Ganz anderer Auffassung ist Wolfgang Helck. Zwar betont auch er den politischen Charakter, hält die Erzählung aber für einen Text der Opposition: Der Urgott selbst (die Schlange) zeigt gegenüber dem Eindringling in sein geheimes Reich Gnade und Güte; der König der Vergangenheit verzieh seinem Gefolgsmann den Verlust seines Schiffes – aber beim König der Gegenwart sucht man Gnade und Menschlichkeit vergebens. Somit wendet sich nach Helck der Text gegen die herrschende Dynastie. Auch dass die Erzählung nur auf einem Textzeugen überliefert ist und sich sonst keine Spur von ihr findet, sieht er als Argument, dass sie als Ausdruck einer unterlegenen Partei keinen Anspruch auf Weitertradierung hatte.Wolfgang Helck: Die „Geschichte des Schiffbrüchigen“ – eine Stimme der Opposition? In: Jürgen Osing, Erland Kolding Nielsen (Hrsg.): The Heritage of Ancient Egypt (FS Iversen) (= CNI Publications. Band 13). 1992, S. 75–76.

Dieter Kurth wiederum sieht im Schiffbrüchigen hauptsächlich ein Unterhaltungswerk: Die Geschichte des Schiffbrüchigen verstehe ich als ein der Unterhaltung dienendes Literaturwerk, das mit seinem kunstvollen Aufbau und mit einer von Skepsis getragenen Pointe gebildete Leser und Hörer einer dafür aufgeschlossenen Zeit erreichte, das zugleich aber auch alleine mit den farbig geschilderten Erlebnissen des Schiffbrüchigen eine schlichtere Zuhörerschaft zu fesseln vermochte.Dieter Kurth: Zur Interpretation der Geschichte des Schiffbrüchigen. In: SAK. Band 14, 1987, S. 179.

Gustave Lefebvre erinnert an die Fahrten der Ägypter im Roten Meer, die gefährlich waren und einen Erzählstoff lieferten, der zu märchenhafter Ausschmückung einlud. Damit rückt er die Geschichte in die Nähe der Odyssee und der Erzählung von Sindbad dem Seefahrer.Dieter Kurth: Zur Interpretation der Geschichte des Schiffbrüchigen. S. 168 zitiert: Gustave Lefebvre: Romans et contes. 1949, S. 31.

Emma Brunner-Traut dagegen hält das Märchen nicht für ein abenteuerliches Seefahrermärchen, wie sie aus späteren Kulturen bekannt sind, sondern für eine Erzählung mit eschatologischem Hintergrund. Demnach zeugt sie von einer vergeistigten Gottesauffassung, wie sie der Zeit um 2000 v. Chr. eigen ist.D. Kurth: Interpretation der Geschichte des Schiffbrüchigen. S. 169 zitiert: Emma Brunner-Traut: Altägyptische Märchen. 1963, S. 253.

Mögliche Verbindungen zu vorderasiatischen Erzählungen In der Erzählung des Schiffbrüchigen finden sich einige Elemente ohne Parallele in der ägyptischen Literatur: Die verschachtelte Textstruktur, die wortgetreue Wiederaufnahme einer Erzählpassage und zwei- bis dreifache Repetition von Sätzen, das Motiv der Insel und ihres vegetativen Überflusses und Figur der Schlange und ihre Schicksalsgeschichte.

Als möglichen Ursprung dieser Motive sieht Andrea Maria Gnirs eine alte levantische Mythentradition, die im Ugarit des 14. Jahrhunderts v. Chr. zur Niederschrift des Baal-Zyklus führte (siehe auch Ugaritische Religion), des bedeutsamsten Literaturwerks des spätbronzezeitlichen syrisch-palästinensischen Raums.Andrea Maria Gnirs: Die levantische Herkunft des Schlangengottes. In: Rainer Stadelmann, Heike Guksch, Daniel Polz (Hrsg.): Stationen. Beiträge zur Kulturgeschichte Ägyptens. von Zabern, Mainz 1998, S. 199. Der Baal-Zyklus handelt vom Sieg Baals über den Meeresgott Jam, der von El eigentlich als göttlicher Herrscher bevorzugt wurde.Manfried Dietrich, Oswald Loretz: Mythen und Epen in ugaritischer Sprache. In: Texte aus der Umwelt des Alten Testaments. Band III, Lieferung 6, S. 1091ff.