Die Dampflokomotiven der Baureihe Preußische G 10 waren Güterzug-Schlepptenderlokomotiven der Preußische Staatseisenbahnen für den schweren Güterzugdienst auf Hauptstrecken, die Gemeinsamkeiten mit der Tenderlokomotive T 16.1 und Schlepptenderlokomotiven P 8 aufwiesen.
Die G 10 wurde in großen Stückzahlen gebaut und gilt zusammen mit den Kriegslokomotiven der Baureihe 52 als eine der in Europa am weitesten verbreiteten Güterzuglokomotiven. Sie waren ungefähr leistungsgleich zu den G 8.1, konnten aber durch ihre niedrigere Achslast flexibler eingesetzt werden. Vereinzelt wurden die G 10 auch im Personenzugdienst verwendet.
Geschichte Entwicklung und Bau mini|links|Erste Preußische G 10 mit der Nummer 5401 als 10000. Lok von Henschel & Sohn fertiggestellt
Im Dezember 1907 stellte Robert Garbe erstmals den Entwurf der G10 dem preußischen Ausschuss für Lokomotiven vor. Er war im Wesentlichen eine Schlepptenderlokomotive, die das Fahrwerk der Tenderlokomotive T 16 mit dem Kessel der P 8 kombinierte. Der Ausschuss bemängelte das Fahrwerk der T 16 mit der seitenverschiebbaren 3. Achse und wünschte eine Ausführung mit kürzeren Treibstangen, welche die Achse 3 statt 4 als Treibachse verwendet. Garbe stellte den überarbeiteten Entwurf im Dezember 1908 dem Ausschuss vor, bei dem das Fahrwerk neu nur noch verschiebbare Endachsen aufwies und die 3. Achse als Treibachse verwendet wurde – dasselbe Fahrwerk wurde später auch für die T 16 verwendet, wodurch die T 16.1 entstand.
Die ersten Lokomotiven der Gattung G 10 wurden 1910 von Henschel gebaut, weitere Hersteller folgten, wobei einige nur für den Export nach Rumänien bauten. Die meisten Lokomotiven wurden von Henschel, Hanomag und Krupp hergestellt. Bis 1925 wurden insgesamt 2651 Lokomotiven an die deutschen Bahnen geliefert, davon 2589 an die Preußischen Staatseisenbahnen und später Deutsche Reichsbahn, 35 an die Reichseisenbahnen in Elsaß-Lothringen als Elsaß-Lothringische G 10 und 27 an die Eisenbahnen des Saargebietes. Über 300 Lokomotiven gingen an ausländische Bahnverwaltungen wie die österreichisch-ungarischen k.u.k. Heeresbahn oder die Türkischen, Rumänischen, Polnischen, Litauischen und Italienischen Staatsbahnen.
Deutsche Reichsbahn Die Deutsche Reichsbahn übernahm einen Großteil der Maschinen aus Preußen und baute die G 10 bis 1925 weiter. Alle Lokomotiven wurden der Baureihe 5710–35 zugeteilt.
Nach dem Ersten Weltkrieg mussten 222 G 10 nach dem Friedensvertrag von Versailles als Reparationsleistung ins Ausland abgegeben werden. Davon gelangten 9 nach Italien, 76 nach Frankreich, 45 nach Belgien, 30 nach Polen und 17 nach Elsaß-Lothringen.
Nach Gründung der Deutschen Reichsbahn wurde die G 10 im ganzen Deutschen Reich eingesetzt.
Preußen und Reichsbahn-Nachbauten Die von Preußen übernommenen Lokomotiven erhielten die Nummern 57 1001–2726. Die direkt an die Reichsbahn abgelieferten oder durch sie nachbestellten Lokomotiven erhielten die Nummern 57 2892–3524, womit ein Nummernbereich dazwischen vorerst unbenutzt blieb. Einige Lokomotiven, die direkt an die Reichsbahn gingen, erhielten anfangs Nummern der Baureihe 33 aus dem vorläufigen Umzeichnungsplan von 1923.
Elsaß-Lothringen und Saar Die Reichseisenbahnen in Elsaß-Lothringen (EL) gab 1910 eine Bestellung über 35 Lokomotiven auf, die in den Jahren 1910 bis 1913 geliefert wurden und die Nummern 5401–5435 erhielten. Während des Ersten Weltkrieges ging die 5407 im Deutschen Reich verloren. Sie wurde später von der Reichsbahn als 57 1124 in ihren Fahrzeugpark eingegliedert.
Nach dem Ersten Weltkrieg kamen die 34 übrig gebliebenen G 10 zur 1918 gegründeten Chemins de fer d’Alsace et de Lorraine (AL), die zusätzlich 17 Lokomotiven als Reparationsleistung des Deutschen Reichs erhielt. Diese bis 1926 abgelieferten Nachbauten erhielten die Nummern 5437–5453. Weitere zwei auf dem Streckennetz vorgefundenen G 10 wurden als Kriegsbeute betrachtet und erhielten die Nummern 5454 und 5455.
Die G 10 der Saarbahnen erhielten 1935 bei der Reichsbahn die Nummern 57 2727–2763, darunter waren mit den 57 2737–2763 die 35 ursprünglich gelieferten Lokomotiven und die beiden Beutemaschinen.
Belgien und Luxemburg links|mini|Lokomotive der Baureihe I der Prinz-Heinrich-Eisenbahn in Luxemburg, Betriebs-Nr. 405.
Die belgischen Staatseisenbahnen erhielten nach dem Ersten Weltkrieg 45 Lokomotiven als Reparationsleistung des Deutschen Reichs, die der Baureihe 90 zugeteilt wurden. Elf Lokomotiven wurden 1923 an die Chemins de fer Prince-Henri in Luxemburg (PH) verkauft und dort als Baureihe K bezeichnet. Die PH war bereits in Besitz von fünf Lokomotiven von Schwartzkopff, die als Baureihe I bezeichnet wurden und gegenüber den preußischen Lokomotiven kleine Änderungen aufwiesen. Die Kessellage war geringfügig höher und das Führerhaus kürzer, dafür war der Tender mit einer Führerhausrückwand versehen, welche einen Witterungsschutz bot, wenn die Lokomotiven mit dem Tender voraus im Streckendienst eingesetzt wurde. Die von Belgien übernommenen Lokomotiven erhielten auch die Führerhausrückwände auf dem Tender.
Alle Lokomotiven der PH wurden 1943 von der Reichsbahn übernommen. Die Lokomotiven der Baureihe I erhielten die Nummer 57 901–57 905 und die der Baureihe K die Nummern 57 2773–2783.
Österreich und Polen Die k.u.k. Heeresbahn Österreich-Ungarns besaß ab 1916 insgesamt 20 Stück G 10, die als 680 auf den umgespurten russischen Bahnstrecken eingesetzt waren. Sie verblieben nach Ende des Ersten Weltkrieges alle in Polen und wurden zusammen mit den 35 in Polen bereits vorhandenen und den 30 als Reparationsleistung erhaltenen G 10 der Baureihe Tw 1 zugeordnet, sodass die PKP im Besitz von 85 Tw 1 waren. Bei der Eingliederung der Lokomotiven in die Reichsbahn während des Zweiten Weltkriegs erhielten sie die Nummern 57 2764–2772 und 57 2784–2804. +Nummerierung bei der Deutsche Reichsbahn (1920–1945)NummerHerkunftJahr57 901–905Prinz-Heinrich-Bahn Luxemburg, I 401–405194357 1001–Preußische Staatseisenbahnen192057 2727–Saarbahnen193557 2764–PKP Tw 1, inklusive ehemalige K.u.k. Heeresbahn 680, in Polen vorgefunden194157 2773–Prinz-Heinrich-Bahn Luxemburg, K 451–461194357 2784–PKP Tw 1, inklusive ehemalige K.u.k. Heeresbahn 680, in Russland vorgefunden1944–194557 2892–Nachbauten der DRNach dem Zweiten Weltkrieg von der Deutschen Reichsbahn (1945–1993) vergebene Nummern57 3551Elsaß-Lothringische G 10194857 4245unbekannte Lok im Bereich der Reichsbahndirektion Schwerin vorgefunden1945
Türkei Während des Ersten Weltkriegs erhielt das Osmanische Reich in größerem Umfang deutsche Lokomotiven zur Unterstützung. Darunter waren auch fünf G 10. 1924 beschaffte die nunmehrige türkische Republik weitere 29 Exemplare bei der Berliner BMAG. In den 30er Jahren kaufte sie noch fünf bei der DR ausgemusterte G 10 und erhielt 18 Nachbauten aus Schweden. Insgesamt besaß die türkische Staatsbahn TCDD damit 49 Exemplare der G 10, eingeordnet wurden die Maschinen als Reihe 55 001.trainsofturkey.com: 55001 to 55049 (englisch, abgerufen am 24. Januar 2023) In der Türkei kam mit der TCDD 57 001–027 auch eine Weiterentwicklung der G 10 zum Einsatz. Die Reihe 57 001 war eine -Maschine, die unter Verwendung der Zylinder, des Triebwerks und der Steuerung der G 10 entstand. Der Kessel wurde ebenfalls übernommen, jedoch etwas verlängert.trainsofturkey.com: 57001 to 57027 (englisch, abgerufen am 24. Januar 2023)
Frankreich Nach dem Ersten Weltkrieg musste das Deutsche Reich als Reparationsleistung 27 Lokomotiven G 10 an die PO und 49 an die PLM abtreten. Die PO verkaufte 21 ihrer Maschinen 1923 an die PLM, die restlichen sechs wurden 5526–5531 nummeriert. Sie waren den Depots von Bordeaux, Coutras und Vierzon zugeteilt, wo sie im schweren Rangier- und Überführdienst eingesetzt waren.
Die PLM nummerierte ihre 49 Lokomotiven 5001–5049, nach dem Zukauf von 21 Lokomotiven der PO und dem geänderten Nummernplan erhielten die 70 Lokomotiven die Bezeichnung 5 B 1–70. Sie waren den Depots von Besançon, Dijon und Grenoble zugeteilt und wurden im schweren Güterverkehr im Jura, in den Cevennen und in den französischen Alpen eingesetzt, wo sie auch als Schiebelokomotive eingesetzt wurden.
Mit der Gründung der SNCF im Jahre 1938 erhielten die Lokomotiven die folgenden Nummern:
die Lokomotiven der ehemaligen AL erhielten auf dem Papier noch die Nummern und der Region Est. Sie waren aber zu dieser bereits wieder im Besitz der Deutschen Reichsbahn. die PO-Lokomotiven erhielten die Nummern 4-050 D 526–531 der Region Sud-Ouest. die PLM-Lokomotiven erhielten die Nummern 5-050 B 1–70 der Region Sud-Est. Am Einsatz der Lokomotiven änderte sich nichts. Während des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmten die deutschen Behörden mehrere Lokomotiven und setzten sie im Deutschen Reich und in den besetzten Gebieten an der Ostfront ein.
Rumänien mini|links|50.277 der CFR
Die CFR, die bereits eine größere Stückzahl preußische P8 in Betrieb hatte, bestellte in den Jahren 1921 bis 1928 bei der deutschen Industrie 231 Lokomotiven G 10. Weitere 42 Lokomotiven wurden gebraucht gekauft. Von 1926 bis 1944 baute Rumänien 520 Lokomotiven in Lizenz in den Fabriken Uzinele și Domeniile Reșița (UDR), die 261 Lokomotiven baute, und in den Malaxa-Werken in Bukarest, die 259 Lokomotiven bauten. Die Lokomotiven aus rumänischer Produktion wiesen gegenüber den deutschen einige Verbesserungen auf. Sie waren mit teilweise geschweißten Kesseln ausgerüstet, die eine Cosmovici-Ölzusatzfeuerung und eine Kylchap-Saugzuganlage hatten, sowie weitere Verbesserungen aufwiesen. Zehn Lokomotiven wurden mit einer Lentz-Ventilsteuerung ausgerüstet, die eine um 10 km/h auf 70 km/h angehobene Höchstgeschwindigkeit erlaubte. Diese Lokomotiven trugen die Betriebsnummern 50.1001–50.1010 Alle Lokomotiven waren der Baureihe 50.1 zugewiesen.
Verbleib nach dem Zweiten Weltkrieg Deutsche Reichsbahn / Deutsche Bundesbahn links|mini|57 3075 im Mai 1954 im Rangierbahnhof Basel Bad
Im Jahre 1950 hatte die Deutsche Bundesbahn 649 der Baureihe 57, die Deutsche Reichsbahn 112 Lokomotiven der Baureihe 57.1-3 und die Saarbahnen 81 Lokomotiven G 10 in ihrem Bestand.
Die in der DDR gefundene ehemalige G 10 aus Elsaß-Lothringen wurde zur 57 3551, eine weitere G 10 unbekannter Herkunft, die in der Reichsbahndirektion Schwerin vorgefunden wurde, wurde zur 57 4245.
Die Bundesbahn musterte ihre G 10 bis 1970 aus, als letzte die EDV 057 070 am 22. September 1970. Die Baureihe 57 gehörte zu den wenigen, die auch nach 1968 noch ihre alten Nummern trugen. Erst bei ihrer Abstellung bekamen sie die neuen Nummern als Baureihe 057 aufgemalt. Bei der Reichsbahn war die Ausmusterung dieser Baureihe 1972 abgeschlossen.
Österreich Nach dem Zweiten Weltkrieg verblieben insgesamt 165 Stück der Baureihe 5710–35 auf österreichischem Staatsgebiet. Von diesen bildeten immerhin noch 96 Stück unter Erhaltung der Ordnungsnummer die ÖBB Reihe 657. Die ÖBB musterten die Lokomotiven bis 1968 aus.
Belgien Von den 45 Lokomotiven, die nach Ende des Ersten Weltkrieges nach Belgien gelangten, wurden 11 nach Luxemburg verkauft. Der Rest stand bis zu seiner Ausmusterung 1953 hauptsächlich im Hafen von Antwerpen im Einsatz.
Frankreich Die meisten G 10 kehrten nach Kriegsende nach Frankreich zurück, zusätzlich wurden in Frankreich 182 Lokomotiven G 10 von den Besatzern zurückgelassene, darunter drei aus Polen stammende ehemalige Tw 1. Zusammen mit den sich bereits im Besitz der SNCF befindlichen G 10 und den 54 Lokomotiven der ehemaligen AL, besaß die SNCF 304 Lokomotiven, die alle der Region Est zugeteilt wurden. Von den ehemaligen PO-Lokomotiven blieben nur zwei übrig, eine wurde nach Kriegsende ausgemustert, drei wurden an das Stahlwerk Société métallurgique de Normandie (SMN) bei Caen verkauft.
Die Nummern wurden wie folgt verteilt:
ehemalige PO-Lokomotiven: 1-050 B 126, 131 ehemalige PLM-Lokomotiven: 1-050 B 502–570 ehemalige Reichsbahnlokomotiven: 1-050 B 601–790