mini|hochkant=0.88|Haruki Murakami (2009)

Haruki Murakami ( * 12. Januar 1949 in Kyōto) ist ein japanischer Autor von Romanen, Erzählungen und Sachbüchern. Sein Stil zeichnet sich durch surrealistische Elemente und Anspielungen auf die Popkultur aus. Obgleich seine Erzählungen in Japan spielen, sind sie durch Vorbilder westlicher Literatur geprägt. Von Rezensenten wurde Murakami wiederholt zu den populärsten und einflussreichsten japanischen Autoren seiner Generation gezählt.Theo Tait: Dreams of cats. In: The Sunday Telegraph. 13. November 2022 (englisch).Steven Poole: Tunnel Vision. In: The Guardian. 27. Mai 2000 (englisch).The complete review über Haruki Murakami., abgerufen am 13. November 2022 (englisch). Seine Bücher erhielten zahlreiche Literaturpreise, wurden in rund 50 Sprachen übersetzt und zum Teil zu Filmen oder Bühnenstücken adaptiert. Der Autor führte darüber hinaus eine Jazzbar in Tokio, betätigte sich als Übersetzer amerikanischer Literatur und hatte vier Jahre lang Gastprofessuren an US-amerikanischen Universitäten inne.

Leben Haruki Murakami wurde 1949 in Kyōto als einziges Kind seiner Eltern geboren. Sein Vater war der Sohn eines buddhistischen Priesters, die Mutter die Tochter eines Händlers in Osaka. Seine Kindheit verbrachte Murakami in einem Vorort der Stadt Kōbe, in der beide Eltern japanische Literatur unterrichteten. Entgegen dem elterlichen Beruf interessierte sich der junge Haruki weniger für japanische als für westliche Literatur und Musik. Wegen des Status Kōbes als Hafenstadt konnte er leicht an gebrauchte Bücher dort stationierter amerikanischer Marinesoldaten gelangen.

Murakami studierte ab 1968 an der Waseda-Universität Theaterwissenschaft. Dort lernte er seine Frau Yoko kennen. Sie heirateten nach Abschluss seines Studiums im Jahr 1971, und das Ehepaar ist bis heute zusammen. Es entschied sich bewusst dafür, keine Kinder zu bekommen. Zu den Gründen befragt, teilte Murakami mit: „Ich wollte kein Vater werden, weil ich wusste, dass mich meine Kinder hassen würden.“ Bereits während seines Studiums arbeitete er in einem Plattenladen, bevor er 1974 in Tokio seine eigene Jazzbar – Peter Cat – eröffnete, die er bis 1982 gemeinsam mit seiner Frau leitete. Auch diese Erfahrungen finden sich in Murakamis Werk wieder: Mehrere seiner Bücher sind nach Liedtiteln benannt, unter anderem Noruwei no mori (japanisch für Norwegian Wood, nach dem gleichnamigen Lied der Beatles; in deutscher Übersetzung: Naokos Lächeln) und Dansu dansu dansu (japanisch für Dance, dance, dance, nach einem Titel der Beach Boys; in deutscher Übersetzung: Tanz mit dem Schafsmann).

Mit dem Schreiben begann Murakami laut eigener Aussage 1978 – inspiriert durch einen eindrucksvollen Schlag in einem Baseball-Spiel. 1979 und 1980 erschienen seine beiden ersten Romane, Kaze no uta o kike (deutsch: Wenn der Wind singt) und 1973-nen no pinbōru (deutsch: Pinball 1973), von denen er sich später ausdrücklich distanzierte, und die erst 2015 in einer deutschen Übersetzung erschienen. 1984 verlegte er mehrmals seinen Wohnsitz (Fujisawa, Tokio, Ōiso), dann führten ihn Reisen nach Italien und Griechenland. 1991 wurde er an der Princeton University (New Jersey) zunächst Gastdozent, dann Gast-Professor. Im Juli 1993 folgte er einem Ruf an die Tufts University in Medford, Massachusetts, um zwei Jahre später in seine Heimat zurückzukehren. Seit 2001 lebt er in Ōiso.

Das Nachrichtenmagazin Time führte ihn 2015 in seiner Liste Time 100 als eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt an.Yoko Ono: , time.com

Auszeichnungen und Preise mini|Haruki Murakami bei der Verleihung des Jerusalem-Preises 2009

Für sein Schaffen wurde Murakami mit mehreren Preisen ausgezeichnet, darunter folgende: 1979: Gunzō-Nachwuchspreis der Literaturzeitschrift Gunzō für Kaze no uta o kike 1982: Noma Bungei Shinjin-shō für Wilde SchafsjagdHerbert Worm: , aai.uni-hamburg.de, Abteilung für Sprache und Kultur Japans, Universität Hamburg 1985: Tanizaki-Jun’ichirō-Preis für Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt 1996: Yomiuri-Literaturpreis für Mister Aufziehvogel 2006: Asahi-Preis 2006: Franz-Kafka-Literaturpreis der Franz-Kafka-Gesellschaft in PragGerald Schubert: Haruki Murakami nimmt Franz-Kafka-Preis entgegen. In: radio.cz, Radio Praha, abgerufen am 17. Juli 2022. 2006: World Fantasy Award als bester Roman für Kafka on the Shore. 2007: Kiriyama-Preis für den Kurzgeschichtenband Blinde Weide, schlafende Frau. Murakami nahm den Preis nicht an. 2009: Jerusalem-Preis für die Betonung der individuellen Freiheit in seinem Werk 2011: Premi Internacional Catalunya für sein Werk. 2014: Welt-Literaturpreis 2014: Ehrenmitglied der American Academy of Arts and Letters 2016: Hans-Christian-Andersen-Literaturpreis 2022: Prix mondial Cino del Duca 2023: Prinzessin-von-Asturien-PreisPrinzessin-von-Asturien-Preis 2023. In: fpa.es (spanisch). 2025: Sheikh Zayed Book Award

Werke Romane Ein übergreifendes Thema in Murakamis Werk ist der Verlust geliebter Menschen und die oft vergebliche Suche nach ihnen. Die Romane sind häufig im Stil des magischen Realismus gehalten, wo physische und psychische Realität nahtlos ineinander übergehen. Mystisch oder märchenhaft anmutende Passagen bilden dabei einen selbstverständlichen Teil der erzählten Wirklichkeit.

Den zentralen Figuren in seinen Werken verleiht Murakami oftmals autobiografische Züge. Sie teilen die Vorliebe ihres Schöpfers für einfaches, schmackhaftes Essen, hören Jazz oder Rock und verbringen ihre Zeit in guten Bars. Oft zeichnen sie sich durch eine vielschichtige Tiefe aus, die Murakami wortreich und bildhaft zu beschreiben oder in wenigen Sätzen zu umreißen vermag.

Murakami ist sehr belesen in europäischer und nordamerikanischer Literatur und bekennt sich zu seinen großen Vorbildern Franz Kafka und Fjodor Michailowitsch Dostojewski. Seit vielen Jahren bemüht er sich darum, den japanischen Lesern die amerikanische Literatur näher zu bringen, und übersetzte Autoren wie F. Scott Fitzgerald, John Irving, Paul Theroux, Raymond Carver, Raymond Chandler und Truman Capote in die japanische Sprache. Dies brachte ihm von Seiten traditioneller japanischer Kritiker den Vorwurf „westlicher Einflüsse“ in seinen Werken ein.

Wenn der Wind singt / Pinball 1973 Die ersten beiden Romane Murakamis, Wenn der Wind singt (jap. 1979, dt. 2015) und Pinball 1973 (jap. 1973-nen no pinbōru, 1980, dt. 2015), haben als Grundthema die Selbstfindung der Protagonisten im Kontext der aufkeimenden Popkultur in Japan. Zusammen mit Murakamis drittem Roman Wilde Schafsjagd bilden sie die Trilogie der Ratte, wobei Ratte ein Freund des Erzählers ist. Murakami hat sich von diesen beiden Romanen bald distanziert und jahrzehntelang Übersetzungen verhindert, so dass sie erst 2015 auf Deutsch erschienen.Besser als Bier schmeckt nur die Liebe. In: spiegel.de, Spiegel Online, 1. Juni 2015, abgerufen am 13. November 2022.

Wilde Schafsjagd Der Roman Wilde Schafsjagd (jap. 1982, dt. 1991) mischt Elemente der Detektivgeschichte, die in einem sehr modernen Japan spielt, mit denen der Murakami eigenen Mystik. Im Mittelpunkt steht der namenlose Ich-Erzähler, um die 30, Whiskytrinker und Fan von Rockmusik, der aufgrund eines Fotos in die Welt zwischen Leben und Tod gezogen wird.

Hard-Boiled Wonderland und das Ende der Welt Bei dem Roman Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt (jap. 1985, dt. 1995) handelt es sich um einen phantastischen dystopischen Science-Fiction Roman. In der fernen Gegenwart tobt ein Datenkrieg, in dem der 35-jährige Ich-Erzähler als Waffe dient. Durch die Gehirnmanipulation eines genialen Wissenschaftlers wurde seine Persönlichkeit dafür in mehrere Teile gespalten. Er lebt dadurch in zwei parallelen Welten – dem realen Tokio in der nahen Zukunft als "Hard-boiled Wonderland" und an einem reduzierten, märchenhaften Ort, dem "Ende der Welt". Beide Erzählstränge sind auf vielfältige Weise miteinander verwoben. Die innere Phantasiewelt übernimmt am Ende des Romans unausweichlich die alleinige Kontrolle über ihn, wodurch er sterben wird. 2006 erschien Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt in einer Neuauflage als gebundene Ausgabe beim Dumont Verlag, die sich von der Ausgabe im Insel Verlag durch die Verwendung der neuen Rechtschreibung und die Nicht-Nennung des Übersetzers der „Hard-Boiled Wonderland“-Kapitel, Jürgen Stalph, unterscheidet, der die neue Rechtschreibung nicht mittragen wollte.

Tanz mit dem Schafsmann Tanz mit dem Schafsmann (jap. Roman, 1988, dt. 2002) vermischt mystische Elemente mit Realem. Der 34-jährige Ich-Erzähler wurde gerade von seiner Frau wortlos verlassen und macht sich nun auf nach Sapporo, um seine frühere Geliebte ausfindig zu machen. Sein Alter Ego, der Schafsmann, berät ihn weise. Es handelt sich hier um die Fortsetzung von „Wilde Schafsjagd“.

Naokos Lächeln In dem Roman Naokos Lächeln (jap. 1987, dt. 2001) () geht es um den Studenten der Theaterwissenschaften Toru, der sich zwischen der geheimnisvollen Naoko und der lebenslustigen Midori nicht recht entscheiden kann. Auch hier spielt das Thema des Verlustes eine große Rolle, betrifft dies doch nicht nur die geliebte Naoko, sondern auch den Jugendfreund Kizuki, der Selbstmord begeht.

Gefährliche Geliebte / Südlich der Grenze, westlich der Sonne In dem Roman Gefährliche Geliebte (jap. 1992, dt. 2000) () geht es um die Liebe und Leidenschaft, die den verheirateten Jazzbarbesitzer Hajime an seine nach Jahren wiedergefundene Jugendliebe Shimamoto bindet. Der Roman wurde 2005 zum „Buch für die Stadt“ in Köln ausgewählt.

Bei der Besprechung des Buches Ende Juni 2000 in der Sendung Das Literarische Quartett kam es zum Eklat, als Sigrid Löffler das Buch als „literarisches Fast Food“ und als „vollkommen sprachloses, kunstloses Gestammel“ bezeichnete. Besonders negativ hob sie die „zotig[en]“ erotischen Darstellungen hervor, aber auch die Japanische Anrede qualifizierte sie als „Ritualisierung der Sprache“ ab. Die Romanfigur Shimamoto sei ein „Phantasma“ und eine „Männerphantasie“. Marcel Reich-Ranicki und Hellmuth Karasek hingegen verteidigten das Buch: Reich-Ranicki warf Löffler vor, sie könne „die Liebe im Roman nicht ertragen“ und sei „prüde“; Karasek lobte die Kunstfertigkeit des Autors und erwähnte, dass Murakami von einigen bereits als kommender Nobelpreisträger gehandelt würde. In der Folge verließ Löffler die Sendereihe.

Im Zuge des Streits stellte sich heraus, dass die deutsche Fassung des Romans nicht auf dem japanischen Originaltext basierte, sondern eine Zweitübersetzung aus dem Amerikanischen Englisch war. Auf diese Tatsache angesprochen, äußerte sich Murakami verwundert: „Ich habe mich gefragt, warum man in Deutschland keinen Übersetzer finden konnte, der direkt vom Japanischen ins Deutsche übersetzt hätte. Deutschland ist doch ein großes Land, und es gibt dort so viele Intellektuelle. Meiner Meinung nach sollte es leicht sein, jemanden zu finden, der Japanisch und Deutsch lesen und schreiben kann, finden Sie nicht? (…) Wenn man mich gefragt hätte, hätte ich darauf bestanden, dass man einen Japanisch-Übersetzer findet“.Olaf Schiedges: Das Phänomen der Zweitübersetzung. Am Beispiel eines Romans von Murakami Haruki. In: Olaf Schiedges: Das Phänomen der Zweitübersetzung. Am Beispiel eines Romans von Murakami Haruki. In: Bulletin of the Prefectural University of Aichi, 40 (2008), S. 275–302, doi:10.15088/00000682, hier S. 289 (englisch).