mini|Michael Maier, 48 Jahre alt. Einziges Porträt. 1617. Aus: Atalanta fugiens. Oppenheim 1618. Kupfer von Matthäus Merian.

Michael Maier, unter anderem auch Michael Majer (* Sommer 1569 in Kiel; † Sommer 1622 in Magdeburg), war ein holsteinischer Arzt, Alchemist, Satiriker, nationalistischer Publizist und neulateinischer Dichter. Er wirkte jeweils für kurze Zeit in Hamburg, Danzig, am Kaiserhof Rudolfs II. in Prag, in England, Frankfurt am Main und Magdeburg.

Am berühmtesten wurde sein Buch Atalanta fugiens, das eine Sammlung von 50 als Triosonaten vertonten lateinischen Versen mit illustrierenden allegorischen Kupferstichen enthält.

Michael Maier starb im Alter von rund 54 Jahren in bedrängten wirtschaftlichen Verhältnissen in Magdeburg, wo er mit dem Pädagogen Wolfgang Ratke befreundet war.Humberg, 400 Jahre nach Maier (siehe Literatur), 60–63.

Leben Schule und Studium

Michael Maier war ein Sohn des Kieler Perlstickers Peter Maier und dessen Ehefrau Anna. Er wuchs in der Kieler Kehdenstraße auf, wo die Familie ein Haus bewohnte, und besuchte von seinem fünften bis fünfzehnten Lebensjahr die nahegelegene städtische Lateinschule. Sein Vater starb etwa 1582. Ab etwa 1584 besuchte Maier, nunmehr auf Kosten der Mutter, eine entfernter gelegene Schule.

Im Februar 1587 ließ er sich in die Matrikel der Universität Rostock einschreiben,Siehe dazu den Eintrag der Immatrikulation von Michael Maier im Rostocker Matrikelportal. wo er unter anderem bei Magnus Pegel Astronomie hörte. Im Frühjahr 1591 wechselte Maier an die Brandenburgische Universität Frankfurt an der Oder, wo er am 12. Oktober 1592 in einer gleichzeitigen Prüfung die Grade eines Baccalaureus und eines Magister artium erlangte. In Frankfurt ist er noch im März 1593 nachweisbar.

Nach anderthalb Jahren in seiner holsteinischen Heimat wollte er auf Anraten seines väterlichen Freundes, des Hofarztes Matthias Carnarius (1562–1620), an der Universität Padua sein Medizinstudium abschließen. Im Frühjahr 1595 nahm er aber zunächst an einer Ostseefahrt teil, die ihn bis ins Baltikum und an die Grenze Russlands nach Iwangorod führte. In Padua ließ er sich Anfang Dezember 1595 einschreiben. Dort hörte er Medizin, erlangte aber auch die Dichterkrone und begab sich auf eine mehrmonatige Rundreise durch Italien, die ihn über Siena und Bologna nach Florenz, Rom, Ancona und Loreto wieder nach Padua zurückführte.

Nach einem gewaltsam ausgetragenen Streit mit einem Landsmann musste er Padua allerdings im Frühsommer 1596 wieder verlassen. An der Universität Basel wurde er Anfang November 1596 von Caspar Bauhin zum Doktor der Medizin promoviert, nachdem er erfolgreich über theses de epilepsia disputiert hatte. Hans Roger Stiehle, der Maiers Stellung in der Medizin seiner Zeit untersucht hat, bemerkt über Maiers Thesenpapier, dass deren Beschreibung des Krankheitsbildes umfangreicher und ausführlicher als die anderer vergleichbarer Arbeiten aus der Zeit sei. Aber Hans Roger Stiehle: Michaelus Maierus Holsatus (1569–1622), Alchemist und Arzt. Ein Beitrag zur naturphilosophischen Medizin in seinen Schriften und zu seinem wissenschaftlichen Qualifikationsprofil. Diss. München. 1991, S. 269. Anfang 1597 ist Maier wieder in Rostock anzutreffen.Humberg, 400 Jahre nach Maier (siehe Literatur), 36–42.

Erste Praxis Bereits Anfang 1597 war Maier wieder in Deutschland und praktizierte in Hamburg und Rostock, wo er unter anderem Tycho Brahe kennenlernte. Um die Jahrhundertwende wechselte Maier nach Danzig in Preußen, wo er ebenfalls eine private schulmedizinische Praxis führte. In Danzig bekam er jedoch Kontakte mit einer Szene begeisterter Alchemisten (1601 lernte er etwa Heinrich Khunrath kennen). Während des Pestsommers 1602 lud ihn ein Patient auf sein Landgut ein, wo Maier eine reichhaltige alchemistische Bibliothek vorfand und sich mit Eifer an die Identifikation der verschlüsselten geheimen Substanzen machte. Im Winter 1602/03 kehrte Maier, der zwischenzeitlich auch Johann Grasse als Betrüger entlarvt hatte, nach Kiel zurück. Im Laufe des Jahres 1603 unternahm er eine längere Reise nach Oberungarn, um sich aus den dortigen Bergwerken besonders wirksame Erze zu beschaffen. Anfang 1604 begann er dann in Kiel mit eigenen laborantischen Arbeiten. Dabei gelang ihm die Produktion eines hochwirksamen Medikaments, die letzten Schritte zur Perfektion der alchemistischen Substanz gelangen ihm jedoch nicht.Humberg, 400 Jahre nach Maier (siehe Literatur), 42–50.

Am Hof Kaiser Rudolfs II. mini|links|Kaiser Rudolf II. 1609 in Prag. Kupferstich von Aegidius Sadeler. Etwa in der Mitte des Jahres 1608 zog Maier nach Prag, wo der habsburgische Kaiser Rudolf II. residierte, dem er sich durch seine Medicina regia empfahl, eine teilweise autobiographische Schrift, die nicht für den Buchhandel bestimmt war. Im September 1609 ernannte ihn der von der Alchemie begeisterte Kaiser zu seinem Diener und erteilte ihm drei Privilegien: die Hofpfalzgrafenwürde, die Gerichtsexemtion und den erblichen Adelsstand. Eine stabile Beziehung zum Kaiser scheint Maier jedoch nicht aufgebaut zu haben und verließ Prag, noch bevor Rudolf von seinem Bruder Matthias vertrieben wurde, und bereiste im mitteldeutschen Raum mehrere Fürstenhöfe, bis er schließlich Ende 1611 in den Niederlanden eintraf, wo er ein Rotterdamer Naturalienkabinett besichtigte.Humberg, 400 Jahre nach Maier (siehe Literatur), 50–54.

England mini|König Jakob I. von England (1566–1625). Kupferstich von Wolfgang Kilian. Nach 1610.

Im Winter 1611/12 schickte Maier einen Weihnachtsgruß an König Jakob I. von England (James I.). Adam McLeans Vermutung, Maiers Grußkarte habe dazu gedient, im Winter 1611/12 Zutritt zum englischen Hof zu erlangen, um die Hochzeit des Kurfürsten Friedrich von der Pfalz mit Elisabeth, der Tochter des Königs einzufädeln, mit der eine protestantische Koalition zum Schutz des Rosenkreuzertums geschmiedet werden sollte, ist unbegründet und findet in dem Dokument keine Stütze.Adam McLean. A rosicrucian manuscript of Michael Maier. In: The Hermetic Journal. 1979. Nr. 5, S. 4–7. Möglicherweise hat Maier aber die Hochzeit am 14. Februar 1613 in London schon miterlebt, gewiss aber die Beisetzung des Thronfolgers Henry Frederick im Dezember 1612. In England, wo sich Maier rund fünf Jahre aufhielt und auch eine schulmedizinische Praxis führte, verkehrte er jedenfalls mit Francis Anthony, dem Erfinder eines europaweit gefragten Aurum potabile,Aurum potabile, auf mariekehendriksen.nl dessen Heilmittel er später in Frankfurt vermarkten wollte. In England gab Maier auch sein erstes Werk in den Druck, die Arcana arcanissima. Darin deutet Maier die ägyptische und griechischen Mythologie als Bilder alchemistischer Vorgänge.Humberg, 400 Jahre nach Maier (siehe Literatur), 55–57.

Frankfurt am Main Im Sommer 1616 nach Frankfurt zurückgekehrt, gelang es Maier nicht, Anthonys Aurum potabile zu vermarkten. Infolgedessen warf er in schneller Folge satirische und alchemistische Schriften auf den Markt. Zuerst den Circulus physicus quadratus, den er Moritz dem Gelehrten von Hessen widmete und in dem er den Kölner Medizinprofesser Petrus Holtzemius verspottete; im September 1616 folgte die Schrift Lusus Serius, ein Streitgespräch zwischen Rind, Schaf, Gans, Hummel, Flachs und Quecksilber, anschließend der ebenso satirische Jocus severus, in dem verschiedene Vogelarten die Eule (die laut Maiers Vorwort für die Chymie steht) vor dem Vogel Phönix verklagen. Mit alchemistischen Betrügern und ihren Techniken setzt er sich im Examen Fucorum Pseudo-Chymicorum auseinander.Wolfgang Beck: Michael Maiers Examen Fucorum (Diss. TU München), 1992.

In Frankfurt lebend, trat er in die Dienste des Landgrafen Moritz als „Medicus und Chymicus von Haus aus“, wozu neben der Behandlung der Landgräfin auch die Übermittlung politisch relevanter Neuigkeiten gehörte. Die Landgräfin Juliane übernahm auch die Patenschaft für Maiers älteste Tochter Anna Juliana, die am 26. Mai 1618 in Frankfurt am Main getauft wurde. Seine Ehefrau, Jane Hart(e), hatte Maier vermutlich aus England mit auf den Kontinent gebracht.Humberg, 400 Jahre nach Maier (siehe Literatur), 57–60.

Magdeburg Maiers Sohn Petrus Aurelius wurde schon am 28. Dezember 1619 in Magdeburg geboren, wo Maier in seinen letzten Lebensjahren ansässig war. Zu seinen Briefpartnern in dieser Zeit gehört der Adlige Gebhard Johann von Alvensleben, befreundet war Maier mit dem Pädagogen Wolfgang Ratke.

1622 erschien die letzte von ihm selbst veröffentlichte Schrift in Rostock, die Cantilenae intellectuales de Phoenice redivivo, in denen Maier seine ganze Vielseitigkeit dichterischer Versmaße entfaltet.Eine deutsche Übersetzung bietet Erik Leibenguth: Hermetische Poesie des Frühbarock. Die ‚Cantilenae intellectuales‘ Michael Maiers. Edition mit Übersetzung, Kommentar und Bio-Bibliographie. Tübingen 2002. Eine Rückkehr nach Holstein, die Maier in der Widmung der Cantilenae an Herzog Friedrich III. von Holstein-Gottorf andeutet, kommt nicht mehr zustande. 1623 behauptete sein Freund Johannes Staricius, er habe für Maier eine großzügig dotierte Pension des schwedischen Königs Gustav Adolf erwirkt. Jedenfalls war Maier schon im Spätsommer des Jahres 1622 gestorben. Über den Verbleib seiner angefangenen literarischen Arbeiten (unter anderem eine Schrift Strategemata Medica Triaria, die „magnetische“ und „übernatürlich“ wirkende Universalarzneien und Spezifika behandeln sollte) ist nichts bekannt.Humberg, 400 Jahre nach Maier (siehe Literatur), 60–63.

Schriften Einsatz für das Rosenkreuzertum Im Herbst 1616 war Maier zu Michaeli auf der Frankfurter Buchmesse. Dort kam er mit den ersten beiden Schriften der Rosenkreuzer in Berührung. Nach eigenen Angaben hatte er bereits 1613 zum ersten Mal in England von den Rosenkreuzern gehört. Im Dezember 1616 kommentierte er diese in seinem Werk Symbola Aureae Mensae. In den folgenden Jahren verfasste er eine Reihe von Schriften, in denen er sich offen für das Rosenkreuzertum einsetzte.

Die Symbola Aureae Mensae duodecim nationum 1617 mini|Zwölf Alchemisten tragen das Wissen aller Völker über die Alchemie an einer Tafel zusammen, um die Alchemie zu retten. Titel der Symbola Aureae Mensae duodecim Nationum. Frankfurt 1617.

Das Titelblatt der ersten Verteidigungsschrift vereinigt an einer goldenen Tafel (Aurea Mensa) die führenden Alchemisten von zwölf Nationen. Es sind am oberen Ende der Tafel sitzend: Hermes, der Ägypter, und Maria, die Hebräerin. Im Uhrzeigersinne folgen: der Grieche Democrit, der Römer Morienus, der Perser Avicenna, der Deutsche Albertus Magnus. Am unteren Ende der Tafel sitzen der Franzose Arnoldus von Villanova und Thomas von Aquin für Italien. Den Kreis beschließen der Spanier Raymundus Lullus, der englische Mönch Roger Bacon, der ungarische Priester Melchior Cibinensis (genannt auch Nikolaus Melchior), dessen alchemistische Messe von Maier gegenüber der Kirche verteidigtAllison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 105–106 und 126. wurde, und ein anonymer Sarmate (Pole oder Russe). Jede dieser Persönlichkeiten trägt in einem eigenen Kapitel ihre Symbole herbei und wirft ihre Erkenntnisse gegen die Feinde der Alchemie in die Waagschale.