Die Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) wurde Ende März 1938 als einzige von der Zweiten Internationale anerkannte Interessenvertretung der österreichischen Sozialdemokratie von Otto Bauer, Joseph Buttinger und Friedrich Adler gegründet. Mit den am 1. und 2. April 1938 in der Brüssler Deklaration festgelegten Grundsätzen ihrer Exilarbeit (Konzentration auf die Unterstützung einer gesamtdeutschen Revolution nach Hitler, Kooperationsverweigerung mit anderen österreichischen Exilgruppen) nahm die AVOES entscheidenden Einfluss auf die gesamte österreichische Exilpolitik, da sie die Bildung einer repräsentativen Auslandsvertretung bzw. Exilregierung verhinderte. Dies sollte sich in einem von der Teilung bedrohten Nachkriegsösterreich letztlich aber als vorteilhaft im Sinne der Wiedererlangung der vollen Souveränität des Landes erweisen.

Geschichte der Organisation

Gründung (1938) Die Auslandsvertretung der österreichischen Sozialisten (AVOES) entstand aus der Zusammenlegung des Spitzengremiums der Revolutionären Sozialisten (R.S.) unter Joseph Buttinger mit dem Auslandsbüro der österreichischen Sozialdemokraten (ALÖS) unter Otto Bauer Ende März 1938 in Brüssel.

Die konstituierende Sitzung der AVOES fand vom 1. bis 2. April 1938 unter Führung von Joseph Buttinger statt. An ihr nahmen neben Buttinger und Otto Bauer die sozialdemokratischen Funktionäre Friedrich Adler, Otto Leichter, Oscar Pollak, Josef Podlipnig, Karl Hans Sailer und Manfred Ackermann teil. In dieser Sitzung wurden die Statuten und Ziele der Exilarbeit der Organisation festgelegt und einstimmig beschlossen. Die Grundzüge der Exilarbeit wurden als Brüssler Deklaration (auch Brüssler Manifest oder Brüssler Beschluss genannt) publiziert. Diese Deklaration erfuhr am 3. November 1938 eine Ergänzung durch die, Kriegsdeklaration der AVOES'.„Die politische Stellung und die Tätigkeit der Auslandsvertretung während der Zeit der akuten Kriegsgefahr“ publiziert in der „RS-Korrespondenz“ Nr. 5 vom 2. November 1938

Die AVOES war eine reine Kaderpartei, der nur Personen angehören konnten, die vor 1938 bei den R.S. bzw. bei der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP) als Funktionäre tätig waren. Die Mitgliederzahl schwankte, blieb aber immer unter der Zahl 15. Ihr Sitz war Brüssel (1938), dann Paris (1939/1940), kurze Zeit Montauban (Südfrankreich) und dann New York. Das von Oscar Pollak geführte London Bureau of the Austrian Socialists kann als Zweigstelle der AVOES angesehen werden. Die Autorität der AVOES beruhte auf der Anerkennung als Vertreter der österreichischen Sozialdemokraten durch die Zweite Internationale und die Mitgliedschaft Otto Bauers und Friedrich Adlers, der als Generalsekretär dieser Internationale tätig war.

Brüsseler Deklaration

Da die Sitzungsprotokolle der französischen Exilperiode der AVOES gemeinsam mit der einschlägigen Korrespondenz verloren gingen, lässt sich der Inhalt des Manifestes lediglich aus den Publikationen der AVOES rekonstruieren. Die Grundzüge:

Das Ziel der AVOES ist nicht der Kampf bzw. die Förderung des Kampfes gegen Hitler, sondern die Förderung einer Revolution nach Hitler,

„ein antifaschistischer Krieg zur Verteidigung bzw. zur Wiedererrichtung der geschlagenen Demokratien ist ausgeschlossen“.RS-Korrespondenz Nr. 5/1938 vom 3. November 1938

Die erhoffte Revolution darf nicht von außen verordnet werden, sie muss als autarke Bewegung aus dem Land selbst hervorgehen. Um dieser Revolution eine entsprechende Durchschlagskraft zu verleihen, muss sie im gesamtdeutschen Rahmen erfolgen, der Anschluss ist also nicht rückgängig zu machen. Dazu äußerte sich auch Otto Bauer:Der sozialistische Kampf Nr. 1 vom 2. Juni 1938, Seite 4

Wichtigste Aufgabe der Auslandsvertretung ist es, der revolutionären Bewegung im Lande einen maximalen Handlungsspielraum und auch außenpolitisch günstige Rahmenbedingungen zu schaffen, also vor allem die Bildung von repräsentativen nationalen Auslandsvertretungen bzw. Auslandsregierungen zu verhindern und zur Vermeidung von Abhängigkeiten auch nicht mit Gastländern zu kooperieren.

Wenn im Zusammenhang mit dem Manifest in den zeitgenössischen Publikationen dennoch immer wieder die aktive Kampfführung gegen den Hitler-Faschismus bzw. die tatkräftige Unterstützung eines solchen Kampfes propagiert wird, so findet dies in der Praxis keinen niederschlag. Auch in den Protokollen der AVOES, des ALC und des London Bureau finden sich keine Hinweise auf Versuche, einen Widerstand im Land zu initiieren bzw. zu unterstützen oder auch nur Kontakte nach Österreich herzustellen. Der Kampf gegen das Hitlerregime erschöpfte sich -ganz im Sinne der Deklaration- in dessen Verurteilung und allgemein gehaltenen Aufrufen zu dessen Zerschlagung. Man hatte zwarRS-Korrespondenz Nr. 5/38 vom 3. November 1938 im Manifest nicht jegliche aktive Teilnahme am antifaschistischen Kampf ausgeschlossen, machte sie jedoch von Bedingungen abhängig, die von den Gastländern kaum akzeptabel waren (volle Propagandafreiheit auch im Rundfunk, Indoktrination der Gefangenen etc.)Buttinger wird diese Abstinenz in seinem Buch damit begründen, dass die Fortsetzung des Kampfes der Revolutionären Sozialisten im Lande ein „aussichtsloses, selbstmörderisches Abenteuer“ gewesen wäre.Buttinger: Am Beispiel Österreichs, Seite 553 Er hatte daher das dreimonatige Aktions-Moratorium, das er vor seinem Abgang ins Ausland über die Parteiorganisation vor Ort verhängt hatte, niemals aufgehoben.

Die Bedeutung der Brüssler Deklaration liegt letztlich in der Tatsache, dass sie bis Kriegsende Leitlinie für die Politik des sozialistischen Exils blieb und entscheidend dafür war, dass es zu keiner Bildung einer repräsentativen österreichischen Auslandsvertretung kam.

Französisches Exil (1938–1940) Im Mai 1938 verlegt die AVOES ihren Sitz von Brüssel nach Paris und nimmt dort mit jenen (wenigen) Organisationen Kontakt auf, mit denen man kooperieren will. Mit den Vertretern der österreichischen Kommunisten (KPÖ) einigt man sich am 13. Mai 1938 auf die fallweise Zusammenarbeit im publizistischen Bereich. Diese sehr lose Kooperation findet allerdings mit der Wiederaufnahme des Kampfes der KOMINTERN gegen die internationale Sozialdemokratie knapp nach Kriegsbeginn ihr Ende. Ebenfalls unbefriedigend verlaufen die Verhandlungen bezüglich einer engen Zusammenarbeit mit den deutschen Sozialisten. Ein „Kartellantrag“ der AVOES, den man gemeinsam mit der (deutschen) Gruppierung Neu Beginnen und der (deutschen) Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) an die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SOPADE) richtet, wird zurückgewiesen. Die SOPADE argumentiert als einzige anerkannte Vertretung der zerstrittenen deutschen Sozialdemokraten, dass mit der gleichfalls von der Zweiten Internationale anerkannten AVOES bereits ein Kartellverhältnis bestehe und ein Kartell mit den beiden anderen Parteien lediglich die Zersplitterung der deutschen Sozialdemokraten institutionalisieren würde. Nach einem weiteren gemeinsamen, erneut vergeblichen Vorstoß im Oktober 1938 wird dieses Projekt aufgegeben.

Spätestens nach Ausbruch des Krieges wird der Masse der AVOES-Mitglieder das Korsett, das man sich mit der Brüssler Deklaration geschnürt hat zu eng. Das Bestreben geht in Richtung mehr Öffentlichkeitsarbeit und Kooperation mit den Gastländern zumindest in organisatorischen Fragen und Engagement im Kampf gegen Hitler. Diese Bestrebungen finden vor allem in Julius Deutsch, der im Juni 1938 von Spanien aus zum Exil stößt, einen prominenten Sprecher. Als diese Intentionen von Buttinger mit Hilfe Adlers und Bauers abgeblockt werden, nehmen die Spannungen innerhalb der AVOES immer wieder einen ernsten Charakter an, was ohne Zweifel zum raschen und frühen Tod Otto Bauers im Juli 1938 beigetragen hat. Bauers Ableben führt zu einer Verschiebung der Machtverhältnissen innerhalb der Organisation. Dem als Sekretär der Zweiten Internationale voll ausgelasteten Friedrich Adler, der nun die Parteigelder allein verwaltet, fällt jetzt auch allein die Schiedsrichterfunktion zu, was ihn zur eigentlichen Entscheidungsinstanz in der AVOES macht. Er wird diese Funktion mehr unfreiwillig als freiwillig ungeachtet aller Organisations- und Funktionsänderungen sowie Rücktritte bis Kriegsende wahrnehmen. Als überzeugter Befürworter der Brüssler Deklaration und der Kriegsdeklaration, zu denen auch Buttinger und dessen Vertraute Podlipnig, Hubeny und der „kleine“ Otto Bauer zählen, hält er kraft seiner Autorität und seiner uneingeschränkten finanziellen Verfügungsgewalt über die Parteigelder auch die, kollaborationswilligeren' AVOES-Funktionäre zumindest faktisch bis zuletzt auf dem Brüssler Anti-Kooperationskurs.

Nach Kriegsbeginn verschärfen sich die Spannungen innerhalb der AVOES erneut, vor allem als sich die Führung der AVOES weigert, auch an einer rein organisatorischen Zusammenfassung aller österreichischen Exilanten mitzuwirken. Frankreich reagiert mit der zeitweiligen Internierung aller Österreicher. Im Zuge des deutschen Vormarsches in Frankreich sieht sich die AVOES gezwungen ihren Sitz von Paris nach Südfrankreich (Montauban) zu verlegen.

Exilarbeit in New York und London (1940–1942) Vor bzw. nach dem deutschen Sieg in Frankreich verließen die AVOES-Funktionäre Frankreich und setzten in New York und London ihre Tätigkeit fort. Die Masse etablierte sich in den Vereinigten Staaten (New York). In London, dem eigentlichen politischen Zentrum des österreichischen Exils, vertraten Oscar Pollak und Karl Czernetz die Interessen der AVOES. In Schweden wurde Karl Heinz tätig, der mit dem London Bureau kooperiert. Nach seinem Abgang wird der junge Bruno Kreisky die Führung der Geschäfte übernehmen. Sein Eintreten für ein unabhängiges Österreich und für die Kooperation im Kampf gegen Hitler blieb jedoch außerhalb Schwedens ohne Einfluss auf die sozialdemokratische Exilpolitik.

New York Unter dem Eindruck der vernichtenden Niederlage der europäischen Sozialdemokratie, der permanenten Auseinandersetzungen mit der Mehrheit der AVOES-Mitglieder und der Abhängigkeit von der Unterstützung durch Friedrich Adler planten Buttinger und Podlipnig bereits Mitte 1940 die AVOES zu verlassen. Podlipnig setzte diesen Schritt mit Eintreffen in den USA. Buttinger, Hubeny und der „kleine“ Otto Bauer folgten ihm erst im Dezember 1941. Friedrich Adler wollte nach Buttingers Abgang die Auslandsvertretung auflösen. Mitten in die Debatte über dieses Thema platzte jedoch die Nachricht vom japanischen Angriff auf Pearl Harbor, der wenig später die Nachricht von der Kriegserklärung Deutschlands an die USA folgte. Da sich durch diese Ereignisse der Status der österreichischen Exilanten entscheidend änderte und eine Vertretung zur Wahrung der Interessen der Sozialdemokraten in den USA wichtiger als je erschien, wurde zwar die AVOES wie vereinbart aufgelöst, aber mit dem Austrian Labor Committee (ALC) eine neue Interessenvertretung gegründet.

London