mini|Personifikation der Austria am Austriabrunnen in Wien Österreichische Identität bezeichnet das „Wir-Gefühl“, das Personen mit österreichischer Staatsbürgerschaft oder österreichischer Herkunft (Altösterreicher, Auslandsösterreicher) in verstärktem Maße seit der Unabhängigkeit Österreichs vom Deutschen Reich am 27. April 1945 entwickelt haben und welches sie subjektiv von Angehörigen anderer Staaten unterscheidet. In diesem Sinne ist der Begriff Österreichische Identität eine kollektive kulturelle, soziale, historische, sprachliche und ethnische Identität, die sich auf die österreichische Bevölkerung bezogen entwickelt hat, die zu einem Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb dieser geführt hat und die in einem klaren Nationsbewusstsein resultiert. Diese Identität entwickelt sich immer weiter und ist bei der Bevölkerung vor allem hinsichtlich der einzelnen Bundesländer auch im Hinblick auf das spezielle Landesbewusstsein verschieden ausgeprägt.

Im Diskurs um eine österreichische Identität und Nation sind geistesgeschichtlich viele verschiedene, einander teils widersprechende Konzepte entwickelt worden. Sie reichen vom Konzept der Österreicher als östlicher Gruppe des bairischen StammesÖsterreicher. In: Deutscher Taschenbuch Verlag, Lexikon-Redaktion des Verlages F.A. Brockhaus (Hrsg.): dtv – Brockhaus Lexikon. 20 Bände, Band 13: Neo–Par. Mannheim / München 1989, ISBN 3-423-03313-4, S. 262. und Österreichern als Teil einer deutschen Nation bis hin zu dem von Österreichern als eigenständiger primordial-ethnischer Nation. Heute ist die Vorstellung von einer separaten und eigenständigen österreichischen Nation vorherrschend,Peter Wiesinger: Nation und Sprache in Österreich. In: Andreas Gardt (Hrsg.): Nation und Sprache. Die Diskussion ihres Verhältnisses in Geschichte und Gegenwart. Verlag de Gruyter, Berlin 2000, ISBN 3-11-014841-2, S. 525–562, hier S. 556.Ruth Wodak, in: Franz Römer (Hrsg.): 1000 Jahre Österreich – Wege zu einer österreichischen Identität. Universität Wien, 1996, S. 35 ff. wobei deren Grenzen je nach ideologischem Nationsbegriff variieren.

Die im 20. Jahrhundert entwickelte, moderne österreichische Identität wird auch mit einem speziellen Österreich-Bewusstsein in früheren Jahrhunderten in Verbindung gebracht. Der Begriff Österreich beziehungsweise der Österreicher selbst war allerdings mit Ausnahme der damaligen Kernländer (vgl. die Bundesländer Oberösterreich, Niederösterreich und Wien als Gebiet des ehemaligen Erzherzogtums) jahrhundertelang eher ein Synonym für das Haus Österreich und den jeweiligen Herrschaftsbereich der landesfürstlichen Dynastie, nicht aber die Bezeichnung für ein Volk. Ebenso waren nach alter Lesart vom Spätmittelalter bis 1848 die jeweiligen Landstände (Adel und Ritter, in Tirol auch die Bauern) die Träger eines jeweiligen spezifischen Landesbewusstseins.Ernst Bruckmüller: Nation Österreich. Kulturelles Bewußtsein und gesellschaftlich-politische Prozesse (= Studien zu Politik und Verwaltung 4). 2. Auflage. Wien/Köln/Graz 1996, ISBN 3-205-98000-X, S. 173, 175.

Bereits in den Jahrzehnten nach 1870/71 und insbesondere unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg sowie während des Krieges und danach fand sowohl im katholischen als auch im liberalen Lager mit Hugo von Hofmannsthal, Hermann Bahr, Robert Musil, Friedrich Heer oder Friedrich TorbergWilliam M. Johnston: Zur Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns 1890–1938. Auf der Suche nach verborgenen Gemeinsamkeiten. Böhlau, Wien 2015, ISBN 978-3-205-79541-4, S. 46f. gegenüber dem deutschnational freiheitlichen Lager ein Prozess zunehmender Verösterreichisierung und bewusster Abgrenzung von einer deutschen Identität statt.Thomas Götz: Gratwanderungen. In: Heinz-Gerhard Haupt, Dieter Langewiesche (Hrsg.): Nation und Religion in der deutschen Geschichte. Campus Verlag, 2001, S. 502. Dabei wurden als Trennlinien zwischen Österreichern und Preußen das Leitbild des in Zentraleuropa lebenden, von William M. Johnston so genannten „theresianischen Menschen“ und die Entwicklung einer „österreichischen Idee“ hervorgehoben. Die „österreichische Idee“ war dabei die zu leistende Vermittlerrolle zwischen der lateinischen, germanischen und slawischen Zivilisation im Rahmen der positiven Pluralität der Habsburgermonarchie.William M. Johnston: Zur Kulturgeschichte Österreichs und Ungarns 1890–1938. Auf der Suche nach verborgenen Gemeinsamkeiten. Wien 2015, ISBN 978-3-205-79541-4, S. 46 ff. Maria Sterkl: Das „typische Österreichische“ erforschen. Der Standard vom 21. Oktober 2009.

Gerade nach 1945 wurde die österreichische Identität vor allem in Abgrenzung zum spezifisch österreichischen Deutschnationalismus entwickelt. Eine direkte Linie vom dynastischen Österreich-Bewusstsein zum damaligen Österreich-Bewusstsein wurde dabei durch die Verwerfungen der Zwischenkriegszeit und des Zweiten Weltkrieges nicht angenommen. Erst ab dem Beitritt zur Europäischen Union im Jahr 1995 und der Einbettung der Republik Österreich in eine Staatengemeinschaft wird das „Österreichische“ vermehrt auch als langdauernder historischer Kulturstrang seit der multinationalen Monarchie wahrgenommen. Denn schon das alte Österreich (die Donaumonarchie) galt manchen als ein „Europa im Kleinen“zitiert nach: Thomas Thiel: Hugo von Hofmannsthal im Ersten Weltkrieg – Requiem auf eine zerbrechliche Idee. In: FAZ vom 18. April 2014 und auch im damaligen Vielvölkerstaat wurde versucht, mit frühen Formen einer supranationalen Identität die pluralen nationalen wie konfessionellen Identitäten zu überwölben.Thomas Götz: Gratwanderungen. Liberale Katholiken deutscher und italienischer Nationalität im ultramontanen Tirol zwischen Restauration und liberalem Konstitutionalismus (1830–1880). In: Heinz-Gerhard Haupt, Dieter Langewiesche (Hrsg.): Nation und Religion in der deutschen Geschichte. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-593-36845-5, S. 446–479, hier: S. 477.

Abgrenzungsansätze Über das Thema österreichische Nation wurden und werden immer wieder politische Diskurse geführt. Der Identitätsbegriff ist generell emotional und ideologisch aufgeladen; Ruth Wodak schrieb dazu:

Vielfach wurden etwa die Ansichten einiger Vertreter der lange Zeit deutschnational orientierten österreichischen Geschichtswissenschaft, etwa von Ernst Hoor, als „antiösterreichische Geschichtsfälschung“ kritisiert.Ernst Hoor, zit. nach Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische Identität. Verlag Hermann Böhlaus Nfg., Wien/Köln/Graz 2001, ISBN 3-205-99333-0, S. 12. Der später aufgrund seiner Einstellung zum Nationalsozialismus zwangspensionierte Historiker Taras Borodajkewycz nannte die österreichische Nation daraufhin mit Bezug auf Hoors Aussagen einen „blutleere[n] Literaturhomunkulus“ und ein „Gemisch von Anmaßung und Unkenntnis“. Außerdem schrieb er: „Die ‚österreichische Nation‘ scheint nur zwischen Unkraut zu gedeihen“.Taras Borodajkewycz, zit. nach Friedrich Heer: Der Kampf um die österreichische Identität. Verlag Hermann Böhlaus Nfg., Wien/Köln/Graz 2001, ISBN 3-205-99333-0, S. 13.

Da bei der Identifikation des Individuums mit dem ihm (aus der Sicht der den Nationsbegriff Bejahenden) übergeordneten Ganzen, der Nation, gefühlsmäßige und weltanschauliche Tendenzen eine wesentliche Rolle spielen, werden dem Nationsbegriff auch immer wieder metaphysische Eigenschaften bis zur Vergöttlichung (vgl. etwa die Nationalallegorien) zugeschrieben. Der Schriftsteller Ferdinand Bruckner sah diesen Hang zur Übersteigerung vor allem beim österreichischen Selbstverständnis als zentrales Problem an:

Auch Benedict Anderson sieht Nationen als Vorstellungsgemeinschaften ihrer Individuen, die „begrenzt und souverän […] vorgestellte politische Gemeinschaften“ seien, da sich selbst innerhalb der kleinsten Nation nie alle Individuen persönlich begegneten, „aber im Kopf eines jeden die Vorstellung ihrer Gemeinschaft existiert“.Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 1998, S. 14 f. Für Definitionsversuche verschiedener nationaler Identitäten, die zu einer solchen vorgestellten Gemeinschaftlichkeit führen, werden häufig kulturelle, sprachliche, historische, religiöse oder ethnische Gemeinsamkeiten der jeweiligen Bevölkerung gewählt. Laut Anderson sollen „Gemeinschaften […] nicht durch ihre Authentizität voneinander unterschieden werden, sondern durch die Art und Weise, in der sie vorgestellt werden“.Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 1998, S. 15.

Sprache

Besonders durch Unterrichtsminister Felix Hurdes wurde nach 1945 die Stärkung des österreichischen Deutsch, das von deutschnationalen Kritikern deshalb auch als Hurdestianisch verspottet wurde, vorangetrieben. Neben der Initiierung des österreichischen Wörterbuches veranlasste er auch die Umbenennung des Schulgegenstandes Deutsch in Unterrichtssprache, die später jedoch wieder schrittweise zurückgenommen wurde.Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Verfreundete Nachbarn. Deutschland – Österreich. Kerber Verlag, 2005, S. 116 ff. Eine deutlichere Betonung der sprachlichen Eigenständigkeit Österreichs wurde im Zuge der Konsolidierung des österreichischen Nationalbewusstseins immer häufiger gefordert. Dazu gehörte sowohl die Aufforderung zur zunehmenden Verschriftlichung dialektaler Begriffe als auch die Ablehnung gegenüber außerösterreichischen deutschen Wörtern und das damit verbundene vermehrte Zurückgreifen auf Austriazismen. Das österreichische Deutsch ist mittlerweile als eigenständige Varietät der deutschen Sprache weitgehend anerkannt.Peter Wiesinger, in: Nation und Sprache. Verlag de Gruyter, Berlin 2000, S. 548 f.

Der Versuch, die nationale Eigenständigkeit über sprachliche Unterschiede zu definieren, ist dennoch schwierig und beschränkt sich auf die Standardsprache. Vor allem im Dialektbereich herrschen große regionale Unterschiede, etwa zwischen den in Vorarlberg und Westtirol vorherrschenden verschiedenen alemannischen Dialektvarianten und den süd- und mittelbairischen Dialekten, die in den restlichen deutschsprachigen Gebieten Österreichs dominieren. Im Verfassungskonvent von 2005 wurde auch darüber diskutiert, die Definition der Staatssprache in Artikel 8 B-VG als „Österreichisches Deutsch“ stärker zu betonen.

Eine sprachliche Nationsbegründung würde allerdings die Einbeziehung der kroatisch-, ungarisch-, tschechisch-, slowakisch-, romanes- und slowenischsprachigen Volksgruppen (anerkannte Minderheitensprachen in Österreich) in den österreichischen Nationsbegriff erschweren. Darüber hinaus wird Sprache, vor allem in Verbindung mit dem Buchdruck, zwar als wichtiger Initialfaktor der Nationsbildungsprozesse gesehen, hat mittlerweile aber wesentlich an Bedeutung verloren.Benedict Anderson: Die Erfindung der Nation. Campus-Verlag, Frankfurt a. M. 1998, S. 46 f.

Kultur

Manche Wissenschaftler, vor allem in der Konsolidierungsphase des österreichischen Nationalbewusstseins, gingen von einer schon früh eigenständigen österreichischen Kultur aus, die sie in Gegensatz zur deutschen Kultur setzen, um die österreichische Eigenständigkeit auch im kulturellen Bereich zu betonen: