mini|hochkant|Ilka Gedő (um 1960)
Ilka Gedő (* 26. Mai 1921 in Budapest; † 19. Juni 1985 ebenda) war eine bedeutende Vertreterin der ungarischen Grafikkunst und Malerei. Bis zum Jahre 1949, als sie ihre künstlerische Laufbahn vorläufig beendete, schuf sie ein sehr umfangreiches GrafikwerkBasierend auf einem digitalisierten Oeuvre-Katalog befinden sich mehr als 3000 Zeichnungen von Ilka Gedő in den Mappen, und die Anzahl der Juvenilia-Zeichnungen liegt bei etwa 1700. Die Anzahl der zwischen 1944 und 1949 entstandenen Zeichnungen beträgt 740. In den öffentlichen Sammlungen gibt es 355 Zeichnungen (Museum der Bildenden Künste-Ungarische Nationalgalerie: 77; König Stephan Museum, Székesfehérvár, Ungarn: 8; British Museum: 15; Israel Museum: 6; Jüdisches Museum, Budapest: 12; Jüdisches Museum, New York: 3; Yad Vashem Art Museum: 144; Berlin; Kupferstichkabinett: 8; Museum Kunst Palast, Düsseldorf: 8; Albertina, Wien, 15, Museum of Fine Arts Houston (MFAH): 20, Buffalo AKG Art Museum, Buffalo, Bundesstaat New York: 3, Metropolitan Museum, New York, 3; Herzog-Anton-Ulrich-Museum (HAUM), Braunschweig: 21; Cleveland Museum of Art: 3; MoMA, New York, 7; Städel Museum, Frankfurt am Main: 20; US Holocaust Memorial Museum: 19 Zeichnungen). , das verschiedene Serien von Zeichnungen („Selbstporträts“, „Ganz Fabrik“, „Tischserie“) umfasst. Sie interessierte sich für kunstphilosophische und kunstgeschichtliche Fragen und fertigte Übersetzungen aus Goethes Farbenlehre an. Nach einer Unterbrechung von anderthalb Jahrzehnten setzte sie ihre Laufbahn im Jahre 1964 fort. 1969/1970 verbrachte sie ein Jahr in Paris. In den zwei Schaffensperioden sind 152 Gemälde und eine sehr große Zahl von Zeichnungen entstanden.
Leben Die Familie Ilka Gedő wurde als Tochter von Simon Gedő und Elsa Weisskopf geboren. Gedő wuchs in einer Familie auf, in der sie die Möglichkeit erhielt, eine gebildete und sensible Künstlerin zu werden. Ihr Vater war Gymnasiallehrer für ungarische Literatur und deutsche Sprache, ihre Mutter eine Büroangestellte mit unerfüllten schriftstellerischen Ambitionen.
Die frühen Jahre bis 1939 Gedő besuchte die Új Iskola (Neue Schule), eine Institution, gegründet von Frau László Domokos, geborene Emma Löllbach, die sich die Reformbestrebungen der neuen Pädagogik, wie etwa Gruppenarbeit, projektbezogener Unterricht, zu eigen machte. Gedő begann bereits als kleines Kind allein, ohne Lehrer zu zeichnen und war in ihren Jugendjahren schon eine routinierte Grafikerin. Von früher Kindheit an hielt sie ihre Erlebnisse in Zeichnungen beinahe tagebuchartig fest. Die Zahl ihrer Kinder- und Jugendwerke beträgt ungefähr 2000 Zeichnungen.
mini|Kinderzeichnung, 1934, Nachlass Ilka Gedő mini|links|Kinderzeichnung, 1934, Nachlass Ilka Gedő Die Skizzenhefte sind beinahe vollständig erhalten geblieben und sind in ihrer Handschrift mit Datum und Themenangabe versehen. Von der Zeit der Kinderzeichnungen bis zum Abitur, also bis zum Erwachsenwerden, habe ich unaufhörlich gezeichnet. Erinnerungsbilder aus der Vergangenheit: Das Mädchen ist 10 Jahre alt und läuft während der Sommerferien in Tirol in dem wildfremden Dorf mit dem Skizzenbuch auf der Suche nach Motiven umher. Sie ist 11 Jahre alt und arbeitet todernst am Balatonufer. Sie ist 13, 14, 15 Jahre alt und zeichnet die im Városmajor Schach spielenden Leute und die auf den Bänken sitzenden alten Damen mit der höchsten Konzentration und mit dem entschlossenen Zorn eines Asketen, damit alles genau so aussieht. Im Durcheinander des Samstagsmarkts versucht sie das Unmögliche: eine rasch verschwindende Geste festzuhalten. Sie errötet vor Zorn, wenn Leute in ihr Heft hineinsehen, dennoch bezwingt sie die Scham und Abscheu aufgrund des Aufsehens.
Beim Lesen der Erinnerungen stellt sich heraus, dass das Zeichnen für Gedő schon in ihrer Kindheit sowohl eine über alles geliebte Tätigkeit als auch eine Flucht war.
Jugendjahre (1939–1945) Nach dem Abitur wollte Gedő nach Paris gehen, jedoch bricht der Zweite Weltkrieg aus. Es ist ihr aufgrund der ungarischen Judengesetze nicht möglich, die Kunstakademie zu besuchen. Gedő erhält Unterricht in der Zeichenschule von Tibor Gallé und besucht zwischen 1942 und 1944 auch die Freie Schule von István Örkényi-Strasser.
Bereits die um 1939/1940 entstandenen Blätter zeugen von einem ausgeprägten Gefühl für die Malerei und einer immer sichereren Technik. Die Reihe ihrer Zeichnungen lässt sich chronologisch ordnen, und so begegnet man einem visuellen Tagebuch. Dieses Tagebuch führte sie auch während der im Ghetto verbrachten Monate des Terrors weiter.
Während des Zweiten Weltkriegs kam Gedő im Sommer 1944 in das Zwangsghetto von Budapest. Im Sommer 1944 zog Gedő in das mit gelbem Judenstern versehene Haus in der Erzsébet krt 26. Dieses Haus, in dem Gedő bis zum 18. Januar 1945 lebte, befand sich in der unmittelbaren Nähe des späteren Ghettos. Zunächst war dieses Gebäude Teil des Notkrankenhauses in der Wesselényi Miklós utca 44, das später als Obdach für Waisen oder verlassene Kinder diente. Diese Kinder erscheinen auf den Ghettozeichnungenhttp://mek.oszk.hu/kiallitas/gedo_ilka/galleries/worksonpaper/publiccoll/5/index_en.php.htm.
Im Ghetto sind auch vier Selbstbildnisse entstanden. 1944 war die Künstlerin erst 23 Jahre alt, dennoch blickt uns auf einem der im Yad Vashem Art Museum vorhandenen Selbstbildnisse eine Person an, deren Alter nicht definierbar ist oder die doch eher gealtert scheint. Die Augen zeugen von der schon erfolgten Gebrochenheit, die aus dem Bogen der zusammenpressten Lippen nach unten verlaufende Linie hingegen zeigt, dass sie noch Kraft für den Kampf um ihr Leben hat.
„Dieses Selbstbildnis, eines der frühesten der Künstlerin, zeichnet sich durch seine verschwommene Gestalt aus, in der die Identität gleichsam ausgelöscht wird. Ilka Gedő, obwohl gerade einmal 23 Jahre alt, hat sich hier als alte Frau porträtiert. Das verschattete Gesicht, die trüben Augen und die hängenden Schultern künden von Ermüdung und Niedergeschlagenheit. In ihren nach dem Krieg entstandenen Selbstporträts führte die Künstlerin diesen expressiven Stil fort, der eine schmerzhafte Innenschau verbildlicht.“Eliad Moreh-Rosenberg, Walter Smerling (Hrsg.): Kunst aus dem Holocaust. Wienand Verlag, Köln 2016, ISBN 978-3-86832-315-3, S. 188–189.
Auf einer anderen Zeichnung blickt ebenfalls eine alte Frau auf, die sich mit dem Ellbogen auf den Tisch stützt, während ihr Kopf auf der Hand ruht und ihr Blick sich auf den Betrachter richtet. Das rechte Auge sieht uns an, während der Blick des anderen Auges sich zunächst in der Ferne zu verlieren scheint, doch letztendlich auch den Betrachter anblickt.
Die Zeitperiode von 1945 bis 1949 Im Herbst 1945 immatrikulierte sich Gedő an der Ungarischen Akademie der Bildenden Künste. Gedő verließ die Akademie nach einem halben Jahr, vermutlich, wie in einem ungarischen Ausstellungskatalog erwähnt wird, aufgrund familiärer Gründe. Man weiß nicht genau, was diese Gründe gewesen sein könnten, doch handelte es sich dabei höchstwahrscheinlich um die Eheschließung der Künstlerin, denn ihre Ehe nahm einen äußerst stürmischen Anfang.
Auch in dieser Periode nahm Gedő mit ihren Werken am Kunstleben teil. 1947 wurde ihr Sohn Dániel, 1953 ihr zweiter Sohn Dávid geboren. Die in ihrer Ehe auftauchenden Komplikationen und das Familienleben bereiteten der jungen Mutter immer größere Sorgen. Wie ihr Tagebuch von 1949 bezeugt, war sie mit jener Frage konfrontiert, ob eine Frau sich überhaupt mit Kunst beschäftigen kann und ob die künstlerische Tätigkeit einerseits und Familie sowie Kindererziehung andererseits miteinander vereinbart werden können. Über den unversöhnlichen Gegensatz zwischen der bürgerlichen Lebensweise und der Kunst, der eine Künstlerin viel mehr trifft als einen Künstler, schreibt sie: „Paula Modersohn-Becker war eine begabte Malerin. (Sie ist jene Ausnahme, die die Regel bestätigt.) Sie starb im Alter von dreißig Jahren, nach der Geburt ihres Kindes. Sie tat sehr gut daran. Sie hat ein schönes Werk hinterlassen. Mit ganz kühler Wissenschaftlichkeit, was ist der Grund dafür, dass im Mittelalter die Mönche malten und die Nonnen nicht? Warum finden wir in der ganzen chinesischen und japanischen Malerei keinen einzigen weiblichen Namen?“
Selbstporträtserie / Selbstbildnisse (1945–1949)
Die Serie von Selbstbildnissen aus der Zeit in der Fillér utca üben aufgrund ihrer grausamen Aufrichtigkeit und authentischen künstlerischen Kraft eine starke Wirkung aus. Für den Künstler, der Porträts zeichnet oder malt, gibt es kein kooperativeres Modell als das eigene Selbstbildnis, das Bild, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickt.
Das im Spiegel erscheinende Porträt des Künstlers oder der Künstlerin steht immer zur Verfügung. Doch, so schreibt Sabine Melchoir-Bonnet,
Die Zeichnerin des Selbstporträts sitzt vor dem Spiegel, sie posiert, selbst dann, wenn sie sich während des Zeichnens zur Leinwand oder zum Papierblatt beugen muss. Die Zeichnerin des Selbstporträts ist Künstlerin und Modell zugleich, sie ist die Schaffende und Geschaffene, doch auch Betrachterin und Kritikerin. Die Künstlerin stellt nicht nur das visuelle Bild dar. Sie kann nicht umhin, etwas von ihrer Persönlichkeit widerzuspiegeln, denn sie ist es, die den hinter den Augen verborgenen Menschen wirklich kennt.
Zeichnungen in der Ganz-Fabrik und die Tischserie
1947 und 1948 erhielt Gedő die Erlaubnis, Studien in der Fabrik der Ganz-Werke anzufertigen, die ganz in der Nähe ihrer Wohnung am Margit körút lag. Ende der vierziger Jahre organisierte ein Ingenieur ein Bildungsprogramm in der Fabrik, und so bekam die Künstlerin die Erlaubnis, dort zu zeichnen.
Die hier entstandene Serie stellt keine vom Sozialismus verlangte Glorifizierung der industriellen Arbeit und des Arbeiters dar. Den Freunden Gedős war das Fabrikthema von vornherein suspekt, und viele dachten, die Künstlerin habe sich der Parteilinie angepasst, obwohl für Gedő die Fabrik nur ihren Hunger nach Modellen und Themen stillte.
Der Gegenstand einer anderen, sehr interessanten Serie sind zwei Thonet-Tischchen.
Die Jahre des kreativen Schweigens (1949–1964) Obwohl die Künstlerin Ende 1949 mit dem Zeichnen aufhörte – und an ihrem Entschluss so sehr festhielt, dass sie nicht einmal mit ihren Kindern spielend bereit war, etwas zu zeichnen – erlosch ihr Interesse an der Kunst nicht, und sie begann, kunsthistorische und kunsttheoretische Studien zu betreiben, deren Notizhefte in dem umfangreichen handschriftlichen Nachlass erhalten geblieben sind. Alle Notizhefte sind mit einem Datum versehen: Im September 1949 etwa las sie Gino Severinis theoretische Arbeit über die Malerei. Mit Vorliebe ging sie zu den ursprünglichen Quellen zurück: Sie studierte eingehend das von Hermann Uhde-Bernays herausgegebene zweibändige Werk Künstlerbriefe über Kunst.
Gedő übersetzte sehr lange Abschnitte aus Goethes Zur Farbenlehre, und während sie die Texte mit gründlichen Notizen und Kommentaren versah, interpretierte sie sie nicht nur, sondern rekonstruierte sie mit Hilfe der herauskopierten Illustrationen und der parallel entstehenden, auf Glas gemalten Farbmuster. Ihre Übersetzung umfasst beinahe den gesamten didaktischen Teil, besondere Aufmerksamkeit widmete sie der sechsten Abteilung (Sinnlich-sittliche Wirkung der Farbe).
Die zweite Schaffensperiode (1965–1985)