Die Walzenspinnen (Solifugae, auch Solpugida) bilden eine Ordnung der Spinnentiere (Arachnida), die über 900 Arten umfasst. Anders als der Name vermuten lassen könnte, handelt es sich bei den ungiftigen Walzenspinnen nicht um „echte“ Spinnen.
Merkmale Die größten Walzenspinnen können von Kopf bis Hinterleib bis zu 70 mm messen, die meisten Arten sind aber wesentlich kleiner. Charakteristisch ist der deutlich gegliederte, langgestreckte, meist in seiner ganzen Breite dem gegliederten Vorderleib angewachsene Hinterleib aus elf Segmenten. Weitere Kennzeichen sind die sehr großen, am Grund blasig aufgetriebenen und scherenförmigen Kieferklauen (Cheliceren) sowie die senkrecht gegeneinander arbeitenden, beinförmigen Kiefertasterpaare (Pedipalpen). Walzenspinnen haben in zwei langen Fußklauen auslaufende Beine, welche mit langen, spröden Haaren besetzt sind. Der Leib kann von dichtem Filz bedeckt sein.
Als Sinnesorgane besitzen die Walzenspinnen ein Paar großer Einzelaugen direkt über dem Chelicerenansatz und ein bis zwei Paar reduzierte Seitenaugen. Hinzu kommen lange Tastborsten sowie Haftorgane auf den als großen Tastbeinen ausgebildeten Pedipalpen, außerdem jeweils fünf hammerförmige Organe (Malleoli) am letzten Beinpaar, die wahrscheinlich als Chemorezeptoren dienen. Auch das erste Laufbeinpaar wird als Fühlerbein genutzt, so dass die Walzenspinnen nur auf sechs Beinen laufen.
Lebensweise der Walzenspinnen Die Walzenspinnen leben meist in Trockengebieten, vor allem in Wüsten und Steppen. Einige Arten sind im Mittelmeerraum zu finden. Die meisten Arten sind nacht- oder dämmerungsaktiv und verbringen den Großteil des Tages in selbstgegrabenen Wohnröhren unter Steinen. Die nordamerikanische Art Mossamedessa abnormis lebt weitgehend unterirdisch. Es gibt auch Arten, die tagaktiv sind und sich bei hohen Temperaturen in der Sonne auf Beutesuche begeben.Berg, R., J. Berg & P. Berg (2018): Namibia für Arthropoden-Fans: Auf den Spuren der „Little five hundred“. – Draco 16: 60–67. Generell ist über die Lebensweise vieler Arten von Walzenspinnen wenig bekannt; nur einzelne sind genauer untersucht.
Walzenspinnen ernähren sich insbesondere von Insekten, Webspinnen, Skorpionen, anderen Walzenspinnen und sogar von kleinen Reptilien. Sie suchen aktiv nach Beute, die durch die Pedipalpen festgehalten und durch die schweren Cheliceren aktiv zerkleinert wird. Die Nahrung wird außerhalb des Körpers vorverdaut und gelangt anschließend breiig in den Verdauungstrakt. Giftdrüsen fehlen diesen Tieren. Bei Gefahr drohen die Walzenspinnen dem potentiellen Angreifer mit den Cheliceren, wobei einige Arten auch durch das Aneinanderreiben der Zangen stridulieren können. Die Cheliceren zählen, in Relation zur Körpergröße, zu den stärksten Beißwerkzeugen im Tierreich. Sie können Gestein bearbeiten und in zähen Kadavern sowie an Säugetieren tiefe Fleischwunden reißen. Ihr Biss ist für den Menschen sehr schmerzhaft und kann große Schwellungen durch Infektionen hervorrufen.
Walzenspinnen sind äußerst schnell in ihrer Fortbewegung, die sie jedoch oft ruckhaft unterbrechen, was vermutlich daher rührt, dass die Tiere als Atmungsorgane lediglich Tracheen besitzen. Walzenspinnen sind aggressive Tiere, die sich oftmals auch größeren Gegnern stellen, diese in der Regel jedoch nur dann angreifen, wenn sie sich bedroht fühlen. Daher sind Bisswunden bei Menschen eher selten und meist auf Fehler im Umgang mit diesen Tieren zurückzuführen.
Fortpflanzung Bei der sehr kurzen und heftigen Balz der Walzenspinnen ergreift das Männchen das Weibchen mit den Cheliceren, wirft es auf den Rücken und bearbeitet die Genitalregion mit einer speziell dafür vorgesehenen Borste auf den Cheliceren, die als Flagellum bezeichnet wird. Danach wird ein Spermienpaket (Spermatophore) des Männchens entweder mit den Cheliceren (bei Othoes saharae) oder direkt von der männlichen Genitalöffnung (bei Eremobates durangonus) in die weibliche Genitalöffnung übertragen.
Der Rückzug des Männchens muss vorsichtig erfolgen, da es ansonsten vom Weibchen als Beutetier angesehen und gefressen werden kann (Kannibalismus). Ist das Weibchen bereits trächtig oder aus anderen Gründen nicht paarungswillig, wird das Männchen ebenfalls als Beute betrachtet und verspeist.
Die Eiablage erfolgt in speziell gegrabenen Brutkammern. Die Eier werden hier von den Weibchen bewacht und verteidigt (Brutpflege). Über mehrere Nymphenstadien (Anzahl nach Art verschieden) entwickeln sich die Tiere zu ausgewachsenen Walzenspinnen.
Walzenspinnen und Menschen Ihre Erscheinung und die Geschwindigkeit, mit der sich viele Walzenspinnen fortbewegen, haben zu einer Vielzahl an Namen und Bezeichnungen (z. B. wind scorpions, sun spiders, camel spiders, hair-cutters) und zu Übertreibungen und Legenden geführt. Tatsächlich sind die ungiftigen Tiere nicht gefährlich für Menschen, obgleich größere Exemplare mit ihren Cheliceren schmerzhafte Wunden in der Haut verursachen können.
Aufgrund ihrer Schnelligkeit und Wildheit wurden zu Unterhaltungszwecken Walzenspinnen auf andere Walzenspinnen oder Skorpione losgelassen, zum Beispiel von in Libyen stationierten britischen Soldaten.
Die antiken Schriftsteller Älian und Plinius der Ältere erzählen von dem gefährlichen Biss der Walzenspinne, welcher angeblich ganze Länder unbewohnbar gemacht haben soll.
Systematik Die nächsten Verwandten der Walzenspinnen sind die Pseudoskorpione, mit denen sie die gleichartige Chelicere (die bei den Pseudoskorpionen allerdings sehr viel kleiner ist) sowie den Aufbau ihres Tracheensystems gemein haben.
Die Walzenspinnen werden insgesamt in 12 Familien unterteilt. Innerhalb einer Familie sind vor allem die in Europa vorkommenden Arten aufgeführt: Ammotrechidae , 1934 Ceromidae , 1933 Daesiidae , 1899 Biton ehrenbergi , 1880 – verbreitet in Griechenland und auf Sizilien Biton velox , 1885 – verbreitet auf Sizilien Gluvia dorsalis (, 1817) – auf der Iberischen Halbinsel verbreitet Gluviella rhodiensis , 1948 – verbreitet in Griechenland Gluviopsilla discolor , 1933 – verbreitet in Griechenland und der Türkei Gluviopsis rufescens (, 1897) – verbreitet von Griechenland bis Arabien Eremobatidae , 1901 Galeodidae , 1833 Kamelspinne (Galeodes arabs , 1842) – kommt nicht in Europa vor Galeodes araneoides (, 1772) – an der Nordküste des Schwarzen Meeres bis zum Kaspischen Meer Galeodes elegans , 1934 – verbreitet in Nordmazedonien Griechische Walzenspinne (Galeodes graecus , 1842) – verbreitet in Griechenland, Bulgarien, Nordmazedonien und der Türkei Galeodes hellenicus , 1934 – verbreitet in Griechenland Galeodes rhodicola , 1941 – verbreitet in Griechenland Galeodes ruptor , 1934 – verbreitet in Griechenland und der Türkei Gylippidae , 1933 Gylippus cyprioticus , 1953 – verbreitet auf Zypern Gylippus syriacus () – verbreitet von Zypern bis in die Türkei und den Nahen Osten Hexisopodidae , 1897 Karschiidae , 1899 Barrussus furcichelis , 1928 – verbreitet in Griechenland Eusimonia furcillata (, 1872) – verbreitet auf Zypern Eusimonia nigrescens , 1899 – verbreitet von Griechenland bis in den Nahen Osten Melanoblossidae , 1933 Mummuciidae , 1934 Rhagodidae , 1897 Solpugidae , 1815
Fossile Belege Fossile Walzenspinnen sind äußerst selten. Insgesamt sind nur sechs Arten belegt, die sich eindeutig den Solifugae zuordnen lassen (Stand 2026). Die älteste Form, Protosolpuga carbonaria stammt aus dem Pennsylvanium (Oberes Karbon) der Mazon-Creek-Fossil-Lagerstätte in den USA. Cratosolpuga wunderlichi, eine Art, die sich der rezenten Familie der Ceromidae zuordnen lässt, ist mit mehreren Exemplaren aus der Unterkreide der Crato-Formation in Brasilien bekannt. Etwas jünger ist Cushingia ellenbergeri aus den Bernsteinvorkommen von Myanmar. Baltischer Bernstein (Eozän) hat mit Palaeoblossia groehni und Eognosippus fahrenheitiana zwei Arten geliefert, die wahrscheinlich zur Familie der Daesidae gehören. Die bislang jüngste fossile Art ist Happlodontus proterus aus dem Dominikanischen Bernstein (Eozän–Miozän).J. A. Dunlop & D. Harms: The fossil history of the smaller arachnid orders. In: PalZ, 2026, .
Literatur Fred Punzo: The biology of camel-spiders: Arachnida, Solifugae. Springer Science & Business Media, New York 1998. Peter Weygoldt: Solifugae (Solpugida), Walzenspinnen. In: Westheide, Rieger (Hrsg.): Spezielle Zoologie Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere. Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, Jena 1997, S. 484–485
Weblinks
Solifugen-Links der International Society for Arachnology Walzenspinnen in Europa (PDF-Datei; 58 kB)
Camel Spider Feeding von Stefan F. Wirth
Einzelnachweise