mini|Francis Cadell: Two Sailors Als Seemannskultur bezeichnet man die in der Seefahrt etablierten, historisch gewachsenen kulturellen Eigenheiten. Sie entstanden überwiegend aus der Neigung der Seeleute, eine als unberechenbar und grenzenlos erlebte Umwelt mit Mythen und Bräuchen zu erfüllen, um auf diese Weise das Große, Unbekannte, Beängstigende – als welches das „fremde Element“, die See, erlebt wurde – mit Bekanntem zu füllen und so die Angst davor zu reduzieren.
Traditionen Schiffstaufe Die Schiffstaufe ist ein feierlicher Akt beim Stapellauf von Schiffen. Dabei wird eine Flasche Sekt am Schiffsrumpf zerschlagen und dem Schiff sein Name verliehen. Häufig wird auch eine Rede gehalten. Erst danach wird es vom Stapel, also zu Wasser gelassen.
Seemannsgruß Der Gruß heißt dippen. Er besteht im Niederholen und Wiedervorheißen der Nationalflagge. Sämtliche Handelsschiffe haben gegenüber den Kriegsschiffen aller Staaten die Verpflichtung zum ersten Gruß. Handelsschiffe pflegen sich nur dann zu grüßen, wenn sie zur eigenen Reederei oder Linie gehören oder wenn ein Freundschaftsverhältnis der Kapitäne zueinander besteht. Die Pflicht, als Erster zu grüßen, hat bei der Vorbeifahrt:
Das überholende Schiff gegenüber dem überholten. Das in Fahrt befindliche gegenüber dem vor Anker liegenden. Das auf der Ausreise befindliche gegenüber dem heimkehrenden. Hier wird der Heimkehrer, der in früherer Zeit das Ungemach einer langen, beschwerlichen Segelschiffsreise hinter sich gebracht hatte, von dem Ausreisenden geehrt.
Der Dippgruß wird unter Kriegsschiffen nicht erwiesen, weil er sich aus dem Streichen der Segel (bzw. die Flagge streichen; das Schiff dem Feind übergeben), dem Zeichen für Unterordnung und Unterwerfung, herleitet. Der zwischen Kriegsschiffen gebräuchliche Gruß ist die Front.
Daneben ist ahoi als verbaler Gruß bzw. als Frage ankommenden Booten gegenüber üblich. Im Hamburger Hafen gibt es eine eigene Schiffsbegrüßungsanlage.
Salut Treffen Kriegsschiffe verschiedener Nationen aufeinander, dann wird bei offiziellen Anlässen Salut geschossen. Die Anzahl der Schüsse entspricht dabei dem Rang des zu Grüßenden. Bei Alleinfahrern sind es vier Schuss, für einen Flottenverband und dessen Befehlshaber sind es bis zu 17 Schuss (z. B. Deutsches Reich).
Die Höchstzahl von 21 Schuss empfangen nur Staatsoberhäupter und der Inhaber des Apostolischen Stuhles in Rom. Das Salutschießen ist ein Zeichen friedlicher Gesinnung: Beim Anlaufen von fremden Häfen tat man in früheren Zeiten damit kund, dass die eigenen Geschütze abgebrannt waren, da es damals eine Weile dauerte, bis die Vorderladergeschütze wieder schussbereit gemacht worden waren.
Hausflagge mini|links|hochkant|Alte HAPAG-Flagge
Die Hausflaggen (Reedereiflagge) der Reedereien, die erstmals in den 1830er Jahren auftauchten, dienten zunächst als Unterscheidungssignal, da sich die Segler oft ähnelten. In diesen Reedereiflaggen sind meist die Anfangsbuchstaben der Reederei zu finden, selten Bildsymbole.
Flaggen – Handhabung und Symbolik mini|Segelschiff in Sack und Asche Grundsätzlich ist jedes Schiff verpflichtet, die Flagge des Staates, in dem es immatrikuliert ist, während des Tages am Flaggstock zu zeigen. Sie wird bei Sonnenaufgang vorgeheißt (gesetzt) und bei Einbruch der Abenddämmerung niedergeholt. Die Ausnahmen bilden Standarten der Staatsoberhäupter, Admiralsflaggen und Kommandantenwimpel, sie werden von Mond und Sonne beschienen. Das Hissen wie Niederholen der Flagge wird auf Kriegsschiffen mit einer feierlichen Flaggenparade gewürdigt. Sie wird musikalisch untermalt, wenn ein Musikkorps zur Verfügung steht, anderenfalls tritt ein besonderes Instrument in Aktion, die Bootsmannspfeife.
Die Flagge auf halbmast ist ein Überbleibsel aus der Zeit, in der man an Bord in Sack und Asche trauerte (beispielsweise, wenn der Kapitän verstorben war), abgeleitet von dem jüdischen Brauch der Trauer und Buße wie in der Bibel beschrieben. Dann wurden Rahen und Takelage bewusst in Unordnung gebracht. mini|links|Die Rickmer Rickmers in Hamburg, über die Toppen geflaggt
Die Flaggengala (auch Flaggenschmuck) wird bei festlichen Gelegenheiten gesetzt. Dabei werden die Signalflaggen aneinandergereiht längsschiff über die Toppen (Mastspitzen) gesetzt. Dies nennt sich daher auch über die Toppen flaggen.
Die Nationalflagge des Staates, in dessen Gewässern sich das Schiff aufhält, wird bei Segelschiffen unter die Steuerbordsalinge des Großmastes gesetzt, bei Motorschiffen an vergleichbarer Stelle, jedenfalls aber immer höher als die eigene. Beim Einlaufen in den ersten eigenen Hafen kann dann eine Gala bestehend aus allen Flaggen der unterwegs angelaufenen Länder gesetzt werden.
Das Abschiedssignal auf einem Schiff, das binnen 24 Stunden den Hafen verlässt, ist die Signalflagge P, genannt Blauer Peter, die früher auch dazu diente, die Mannschaft aufzufordern, sich unverzüglich an Bord zu begeben.
Seemannsgarn
Erzählungen der Seeleute über ihre Erlebnisse, wobei dieser Begriff explizit für übertriebene oder Lügengeschichten steht. Ein schönes Beispiel hierfür aus neuer Zeit sind die Erzählungen des Käpt’n Blaubär.
Wetterweisheiten mini|hochkant|Schiffsbarometer So mancher alte Seemann bleibt noch heute den Wettervorhersagen von den sogenannten Wetterfröschen gegenüber skeptisch, sie halten sich lieber an klassische Weisheiten der Fahrensleute, wenn das Barometer verrücktspielt.
Wenn das Seegeflügel bleibt am Strand, Gibt es schönes Wetter. Zieht sie aber weit ins Land, „Pfeifen“ bald die Götter.
Fällt das Glas wie Stein vom Turm, Dann kommt Sturm
Bei Tiefstand zeigt des Glases Klettern Vermehrte Kraft von Sturm und Wettern.
Elmsfeuer – Elektrische Entladung bei Gewitter, in der Form, dass an den Toppen der Masten, den Spieren usw. kleine Flämmchen – eigentlich nach oben treibende Gasentladungen – entstehen. Diese von alters her bekannte Erscheinung fand, bevor man die wirklichen Zusammenhänge erklären konnte, bei den abergläubischen Seeleuten die unterschiedlichsten Deutungen. Sie reicht vom Feuerteufel (Schiffsbrand) über Vorzeichen für gutes oder schlechtes Wetter bis zur Vorankündigung des nahen Todes eines Besatzungsmitgliedes.
Kleidung mini|Japanische Schuluniform, angelehnt an Matrosenanzug mit Exkragen und Halstuch Der Exkragen (Wäsche achtern) ist ein großer Kragen auf Matrosenblusen, der an die Zeit erinnert, als Mannschaften und Unteroffiziere noch geteerte oder gewachste Zöpfe trugen. Er sollte verhindern, dass der Zopf die Oberbekleidung beschmutzte (siehe Bändermütze). Viele Handels- und Marinenationen übernahmen die britische Tradition, den Exkragen mit drei weißen Streifen zu versehen. Sie sollten an die drei großen Seeschlachten Nelsons bei Abukir (1. August 1798), Kopenhagen (2. April 1801) bzw. Kap Finisterre und Trafalgar (21. Oktober 1805) erinnern. Zum Exkragen wurde ein schwarzes Halstuch zur Trauer um den bei Trafalgar gefallenen Nelson getragen, das in einigen Flotten einen kunstvollen Knoten erhielt oder als schmale schwarze Schleife ausgebildet ist. Die weiße Schleife auf dem Knoten hob die Trauer später wieder auf.
mini|links|hochkant|Seeleute um 1854 mit Plattingshüten In früheren Zeiten gab es für die Besatzungen, ausgenommen waren die Offiziere, auf Kriegsschiffen noch keine vorgeschriebene Uniformierung. Die Kapitäne konnten allerdings eine solche vorschreiben, mussten dann allerdings selbst dafür sorgen, dass die Leute entsprechende Möglichkeiten erhielten. Meist nähten sich die Matrosen ihre Kluft selbst, wozu häufig leichtes Segeltuch (speziell für die Tropenbekleidung) verwendet wurde.
Die Bändermütze ist die Bezeichnung für eine flache Kopfbedeckung mit zwei hinten frei herabhängenden dunklen Bändern für Matrosen. Die Bänder sollen daran erinnern, dass sich in den vergangenen Jahrhunderten Mannschaft und Unteroffizier geteerte oder geölte Zöpfe ansteckten und mit einem schwarzen, geteerten Band umwickelten. Früher wurden von den Seeleuten häufig sogenannte Plattingshüte, die möglicherweise mit Teer wasserdicht gemacht wurden, getragen. (vergleiche: Ölzeug, Teerjacke)
Schiffsnamen Es war früher eine ausnahmslos männliche Domäne, zur See zu fahren, so könnte es sein, dass daraus das Bedürfnis entstand, etwas Weibliches um sich zu haben. Schiffe hatten im Mittelalter vorzugsweise „echte“ weibliche Namen. In der englischen Seeschifffahrtsgeschichte ist es selbstverständlich, Schiffe als weiblich zu bezeichnen, und diese Tradition könnte so auch nach Deutschland gelangt sein. Schiffsrümpfe haben immer schon an weibliche Formen erinnert, besonders während des Mittelalters. So wird zum Beispiel das Heck eines Schiffes auch als Achtersteven bezeichnet (eigentlich hinterer Bug, da sich der Steven sowohl vorn wie auch achtern befinden kann). Diese Bezeichnung wird zumindest im Plattdeutschen auch für das weibliche Gesäß verwendet. Zudem war in der Regel eine weibliche Galionsfigur bei der fast ausschließlich männlichen Besatzung weit beliebter als eine sächliche oder maskuline Plastik.
Es gibt aber auch Ausnahmen von dieser Regel. Ein Schiff, welches einen Tiernamen trägt oder bekommen soll, heißt durchaus z. B. „Der Falke“, „Der Löwe“, oder es wurde von der Besatzung oft als männlich bezeichnet, hier als Beispiel, die Prinz Eugen, die von ihrer Mannschaft nur als der „Prinz“ oder „Eugen“ bezeichnet wurde (z. B. nicht die Harald Jarl). Ferner setzten sich auch Namensgeber oft über das ungeschriebene Gesetz hinweg; so ließ die HAPAG auf Wunsch von Kaiser Wilhelm II. die „Imperator“ auf „Der Imperator“ taufen. Auch gibt es Schiffe, bei denen ein „Heiliger“ Pate stand. Es gab z. B. einige Schiffe mit dem Namen des Hl. Andreas.
Seefahreralltag Dieser ist grundsätzlich sehr stark von den Traditionen der einstmals weltbeherrschenden Royal Navy (Britannia rule the waves) geprägt.
Die Kapitänskajüte (in der Seemannssprache heißt es „Kammer“ des Kapitäns) liegt immer an Steuerbord, denn dies gilt als die „gute“ Seite. Hier ist die Ausnahme die portugiesische Marine: Dort liegt sie an Backbord, weil Vasco da Gama das Kap der Guten Hoffnung an Backbord peilte. Der Merksatz zu den beiden Schiffsseiten sowie den zugehörigen Farben (Grün und Rot) lautet: „Rot ist die Back“, weil nämlich der Bootsmannsmaat dem Schiffsjungen, der sich dies partout nicht merken konnte, mit der rechten Hand eine langte, worauf hin sich die linke Backe (Wange) des Knaben „rot“ verfärbte (bei linkshändigen Bootsmannsmaaten gibt es da natürlich ein Problem). Hängematte: Diese war in der Regel auf die Mannschaften beschränkt, die Offiziere hatten meist Schwingkojen, also oben offene Kisten, die an Seilen hingen. Die Mannschaften dagegen hatten für ihre Schlafplätze so wenig Raum (14 inch in der englischen Marine) zur Verfügung, dass sie sich meist nur Wache um Wache wechselseitig hinlegen konnten. Wache: Diese dauert auf See jeweils vier Stunden und wird durch das Glasen der Schiffsglocke verkündet. Alle halbe Stunde ein Schlag mehr, ausgehend von 12:00 h mittags (8 Glasen). Mögliche Ausnahme ist die (kupierte) Hundewache, die um Mitternacht (8 Glasen) beginnt und dann bis morgens um Sechs (4 Glasen) andauern kann, was einer um zwei Stunden verkürzten Doppelwache entspricht. mini|Sailor and Rum von Joe Machine Der Seemannssonntag ist der Donnerstag, an dem es ein sehr gutes Essen (für Seemannsverhältnisse) gibt und meistens auch einen Pudding oder Kuchen am Nachmittag.