Das Dorf Vernawahlshausen ist ein Ortsteil der Gemeinde Wesertal im nordhessischen Landkreis Kassel.

Geographie Vernawahlshausen liegt im Weserbergland zwischen dem Solling (im Norden) und dem Kiffing (Höhenzug im Süden), hinter dem sich der Bramwald (im Süden) und der Reinhardswald (im Südwesten) befindet. Die zu Niedersachsen gehörende Kleinstadt Uslar liegt etwa vier Kilometer nördlich, die Gemeinde Bodenfelde fünf Kilometer westnordwestlich, die Großstadt Göttingen 24 Kilometer ostsüdöstlich und die nordhessische Großstadt Kassel 35 Kilometer südsüdwestlich (alle Entfernungen Luftlinie).

Der Ort liegt auf im Tal der Schwülme, die etwa viereinhalb Kilometer westlich bei Lippoldsberg, einem der Verwaltungsstandorte der Gemeinde Wesertal, in die Weser mündet.

Geschichte mini|Frühere Bleichwiesen zwischen Bahnhof und Schwülme, im Bildhintergrund ist der Ortskern Vernawahlshausen zu sehen mini|Zeichnung der Vernawahlshäuser Steinaxt

Ortsgeschichte Das „spätmöglichste Jahr als Datum der Ersterwähnung“ von Vernawahlshausen ist das Jahr 1233 – diese Erwähnung geht aus schriftlich aufgezeichneten Streitigkeiten um Ländereien der späteren Gemeinde Wahlsburg hervor. Thorsten Quest, Uta Schäfer-Richter: Dorfleben. Die Geschichte der Dörfer Lippoldsberg und Vernawahlshausen. Herausgegeben von der Gemeinde Wahlsburg 1989. Verlag Die Werkstatt GmbH, Göttingen. Seite 15, Anmerkung 19 (Seite 51): Gutachten von Archivrat Dr. Heinemeyer vom Staatsarchiv Marburg zur urkundlichen Ersterwähnung des Ortsteiles Vernawahlshausen (Gemeinde Wahlsburg) vom 13. Juli 1987. In den Aufzeichnungen wurde Vernawahlshausen als „Wahlshusen“ erwähnt. Der Name wurde später zur besseren Unterscheidung von Wahlshausen geändert. Da man weiter vom damaligen Regierungssitz entfernt angesiedelt war, kam das „Verna“ hinzu. Im 18. Jahrhundert war Vernawahlshausen als größte Leinenbleiche in Hessen bekannt.

Dass sich schon vorher Menschen in dieser Gegend aufgehalten haben, kann aus dem Fund eines vorgeschichtlichen Artefakts geschlossen werden: Knapp einen Kilometer nördlich der Dorfmitte fand, etwa 1978, ein Dorfbewohner auf einem Kartoffelacker einen durchbohrten Breitkeil. Die etwa zehn Zentimeter lange Axt stammt aus dem Mittelneolithikum (Rössener Kultur).

Im Vorfeld des Zweiten Weltkrieges existierte in Vernawahlshausen innerhalb und außerhalb der sozialdemokratischen Arbeiterschaft eine Art Widerstandsbewegung gegen die Politik von Hitlers Nationalsozialisten.Thorsten Quest, Uta Schäfer-Richter: Dorfleben. Die Geschichte der Dörfer Lippoldsberg und Vernawahlshausen. Seite 308: „Wenig Zustimmung für die NSDAP in Vernawahlshausen.“ Sie wurde von diesen nach 1933 gewaltsam unterdrückt.„Am fürchterlichsten wurde ein junger Arbeiter misshandelt, der vor den März-Wahlen ein großes Transparent über die Straße gehängt hatte mit der Aufschrift: Wer Nazis wählt, wählt den Krieg, er wurde nach Oedelsheim verschleppt und dort so schwer misshandelt, dass er bis an sein Lebensende an den Folgen der Schläge zu leiden hatte.“ Thorsten Quest, Uta Schäfer-Richter: Dorfleben. Die Geschichte der Dörfer Lippoldsberg und Vernawahlshausen. Seite 312: „Widerstand und offener Terror.“ Am 19. April 1933 wurde der Bürgermeister Quentin durch den Hofgeismarer Landrat Hans Graack (NSDAP) abgesetzt und dem Zimmermann Theodor Henne kommissarisch übertragen. Später übernahm der NSDAP-Ortsgruppenleiter Eduard Blume das Amt des Bürgermeisters.

Im Deutschen Reich entstand in unmittelbarer Nähe, im Wald zwischen Vernawahlshausen und Lippoldsberg, eine Fabrik der Paraxol GmbH für das Sprengstoff-Vorprodukt Pentaerythrit. Das Werk wurde von 1937 bis 1941 erbaut und trug den Tarnnamen „Werk B“. Für die Errichtung waren bis zu 1.200 Arbeiter im Einsatz. Der Betrieb lag bis zum Spätsommer 1944 brach. Am 2. September 1944 nahm das Werk die Produktion auf, monatlich wurden dabei rund 320 Tonnen Pentaerythrit hergestellt, welches zirka ein Viertel der Gesamtproduktionsmenge im Deutschen Reich entsprach. Am 8. April 1945 erreichten US-Truppen Lippoldsberg und besetzten die Fabrik.

Infolge des Zweiten Weltkriegs gab es in Vernawahlshausen 84 Todesopfer.Thorsten Quest, Uta Schäfer-Richter: Dorfleben. Die Geschichte der Dörfer Lippoldsberg und Vernawahlshausen. „Ein Kriegstagebuch aus Vernawahlshausen.“ Seite 343.

Hessische Gebietsreform und Zusammenschluss mit Wahlsburg

Im Zuge der Gebietsreform in Hessen fusionierten zum 1. Februar 1971 die beiden bis dahin selbständigen Gemeinden Lippoldsberg und Vernawahlshausen freiwillig zur neuen Gemeinde Wahlsburg. Der Name entstammt der karolingischen Fliehburg, deren nahezu vollständig abgetragene Ruine zwischen beiden Ortsteilen liegt.

Am 28. Oktober 2018, parallel zur hessischen Landtagswahl, stimmte eine Mehrheit der Bürger von Wahlsburg im Rahmen eines Bürgerentscheids für die Fusion mit der Nachbargemeinde Oberweser zu einer neuen Gemeinde Wesertal. Die Bürger von Oberweser stimmten in einem parallel stattfindenden Bürgerentscheid ebenfalls für den Zusammenschluss. Die Fusion fand zum 1. Januar 2020 statt. Der Ortsbezirk Vernawahlshausen blieb weiter bestehen.

Verwaltungsgeschichte im Überblick Die folgende Liste zeigt die Staaten und deren Verwaltungseinheiten,Bis zur Trennung der Rechtsprechung von der Verwaltung waren die Ämter sowohl Gericht als auch Verwaltungsorgan. denen Vernawahlshausen angehört(e):

bis 1567: Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen, Amt Sababurg 1567–1806 Heiliges Römisches Reich, Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Sababurg ab 1806: Landgrafschaft Hessen-Kassel, Amt Sababurg ab 1807–1813: Königreich Westphalen, Departement der Fulda, Distrikt Kassel, Kanton Bodenfelde ab 1815: Kurfürstentum Hessen, Niederhessen, Amt Sababurg ab 1821/22: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, kreis HofgeismarVerordnung vom 30sten August 1821, die neue Gebiets-Eintheilung betreffend, Anlage: Übersicht der neuen Abtheilung des Kurfürstenthums Hessen nach Provinzen, Kreisen und Gerichtsbezirken. Sammlung von Gesetzen etc. für die kurhessischen Staaten. Jahr 1821 – Nr. XV. – August. (kurhess GS 1821) S. 70.Trennung von Justiz (Justizamt Sababurg) und Verwaltung. ab 1848: Kurfürstentum Hessen, Bezirk Kassel ab 1851: Kurfürstentum Hessen, Provinz Niederhessen, Kreis Hofgeismar ab 1867: Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hofgeismar ab 1871: Deutsches Reich, Königreich Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hofgeismar ab 1918: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Hessen-Nassau, Regierungsbezirk Kassel, Kreis Hofgeismar ab 1944: Deutsches Reich, Freistaat Preußen, Provinz Kurhessen, Landkreis Hofgeismar ab 1945: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Groß-Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hofgeismar ab 1946: Deutsches Reich, Amerikanische Besatzungszone, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hofgeismar ab 1949: Bundesrepublik Deutschland, Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hofgeismar ab 1971: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Hofgeismar, Gemeinde WahlsburgAm 1. Februar 1971 als Ortsbezirk zur Gemeinde Wahlsburg. ab 1972: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel, Gemeinde Wahlsburg ab 2020: Bundesrepublik Deutschland, Land Hessen, Regierungsbezirk Kassel, Landkreis Kassel, Gemeinde WesertalAm 1. Januar 2020 als Ortsbezirk zur Gemeinde Wesertal.

Bevölkerung Einwohnerstruktur 2011 Nach den Erhebungen des Zensus 2011 lebten am Stichtag dem 9. Mai 2011 in Vernawahlshausen 738 Einwohner. Darunter waren 6 (0,8 %) Ausländer. Nach dem Lebensalter waren 135 Einwohner unter 18 Jahren, 264 zwischen 18 und 49, 162 zwischen 50 und 64 und 177 Einwohner waren älter. Die Einwohner lebten in 318 Haushalten. Davon waren 75 Singlehaushalte, 87 Paare ohne Kinder und 117 Paare mit Kindern, sowie 30 Alleinerziehende und 9 Wohngemeinschaften. In 54 Haushalten lebten ausschließlich Senioren und in 195 Haushaltungen lebten keine Senioren.

Einwohnerentwicklung 1585: 49 Haushaltungen 1747: 85 Haushaltungen

Historische Religionszugehörigkeit • 1961: 836 evangelische (= 85,48 %), 141 katholische (= 14,42 %) Einwohner

Politik Für Vernawahlshausen besteht ein Ortsbezirk (Gebiete der ehemaligen Gemeinde Vernawahlshausen) mit Ortsbeirat und Ortsvorsteher nach der Hessischen Gemeindeordnung. Der Ortsbeirat besteht aus sieben Mitgliedern. Bei den Kommunalwahlen in Hessen 2021 wurden gewählt: fünf Mitglieder der SPD und zwei Mitglieder der „Freien Wählergemeinschaft Vernawahlshausen“. Der Ortsbeirat wählte Iris Helling-Kuttler (SPD) zur Ortsvorsteherin.

Kultur und Sehenswürdigkeiten mini|St.-Margarethen-Kirche im Zentrum von Vernawahlshausen alt=Historischer Grenzstein westlich von Vernawahlshausen|mini|Historischer Grenzstein westlich von Vernawahlshausen

Ältestes in Vernawahlshausen erhaltenes Gebäude ist die St. Margarethenkirche im Zentrum des Dorfes. Ihr teilweise romanischer Baustil deutet darauf hin, dass die Kirche vor der ersten urkundlichen Erwähnung des Ortes erbaut wurde. Als ältester Teil der Kirche gilt in den Aufzeichnungen der Kirchengemeinde der quadratische Chor- oder Altarraum. Es wird vermutet, dass er um 1100 als romanischer Chor mit einem Kreuzkuppengewölbe gebaut wurde. Der Überlieferung zufolge gab es einen noch älteren Vorgängerbau, eine im 10. Jahrhundert von Mönchen aus dem Kloster Corvey errichtete Kapelle, die der Heiligen Margareta von Antiochia geweiht war. Patrone der Kirche waren bis 1293 die Herzöge von Braunschweig. Durch einen Gebietsaustausch kam das Patronat über die Kapelle danach zum Kloster Lippoldsberg.

Im Altarraum der Kirche wurden 1955 bei Sanierungsarbeiten mittelalterliche Fresken entdeckt. In der Fachliteratur werden sie von „romanisch bis spätgotisch“ eingestuft.

Am Radweg zwischen Vernawahlshausen und Lippoldsberg überschreitet dieser die alte Grenze zwischen dem Kurfürstentum Hessen und dem Königreich Hannover, dieses ist durch einen historischen Grenzstein markiert.

Sehenswürdigkeiten wie beispielsweise die Burgen und Burgruinen der Bram-, Kruken-, Saba- und Trendelburg sowie die historischen Ortskerne von Hann. Münden und Uslar befinden sich in der Nähe. Durch Vernawahlshausen führen die von Uslar kommenden Touristik-Routen Deutsche Märchenstraße und die Straße der Weserrenaissance.

Wirtschaft und Infrastruktur Straßenverkehr Nur wenige hundert Meter nördlich von Vernawahlshausen verläuft die Kreisstraße 449 von Uslar nach Bodenfelde, über die Abschnitte der touristischen Routen der Deutschen Fachwerkstraße, der Deutschen Märchenstraße und der Straße der Weserrenaissance führen. Durch Uslar und das Tal der Weser verlaufen die Bundesstraßen 241 und 80. Die nächsten Autobahnabfahrten gibt es bei Warburg und Breuna an der A 44 sowie an der A7 von Norden kommend Göttingen, Nörten-Hardenberg und Northeim bzw. von Süden (aus Richtung Kassel) kommend Staufenberg bei Hann.Münden.

Schienenverkehr mini|Der alte Bahnhof von Vernawahlshausen, unterer Bahnsteig

Der Bahnhof im Norden des Ortes an der Sollingbahn und der Bahnstrecke Göttingen–Bodenfelde wurde zu einem eingleisigen Haltepunkt der Kategorie 7 herabgestuft. Heute halten hier nur Züge zwischen Ottbergen und Göttingen („Oberweserbahn“). Dieser Verkehr wird seit Dezember 2013 durch die NordWestBahn ausgeführt. Das Empfangsgebäude ist zum Jahreswechsel 1971/72 abgerissen worden. Es verband über eine Treppe die Bahnstrecke Göttingen–Bodenfelde mit der höher gelegenen Sollingbahn. Somit konnte schon in Vernawahlshausen umgestiegen werden. Heute ist dies erst im benachbarten Bodenfelde möglich. Wie in Bad Karlshafen wird hier kurz hessisches Gebiet befahren.