Die Bundestagswahl 1998 fand am 27. September 1998 statt. Das Ergebnis der Wahl zum 14. Deutschen Bundestag bedeutete ein Novum in der Geschichte der Bundesrepublik: Zum ersten und bisher einzigen Mal wurde eine Bundesregierung komplett abgelöst, während sich bei allen anderen Regierungswechseln lediglich einer der vorherigen Koalitionspartner änderte. Außerdem gewann mit der SPD erstmals eine Partei mehr als 20 Millionen Stimmen und zugleich erstmals die traditionell „links der Mitte“ eingestuften Parteien mehr als 50 Prozent.

Kanzlerkandidat der CDU/CSU war zum sechsten Mal (davon fünf Mal in Folge) nach 16 Jahren im Amt des Bundeskanzlers Helmut Kohl. Für die SPD trat erstmals der damalige niedersächsische Ministerpräsident Gerhard Schröder an.

Die SPD wurde zum ersten Mal nach 1972 stärkste Bundestagsfraktion. CDU und CSU erreichten addiert ihr schlechtestes Ergebnis seit der Bundestagswahl 1949. Die FDP war nach der Wahl zum ersten Mal seit 29 Jahren nicht mehr an der Regierung beteiligt. Die PDS errang erstmals den Fraktionsstatus im Deutschen Bundestag.

Im Ergebnis der Wahl bildete sich eine rot-grüne Koalition, die erste auf Bundesebene.

Themenfelder Beherrschendes inhaltliches Thema des Wahlkampfs war die Wirtschaftspolitik und insbesondere die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. Repräsentative Umfragen der Forschungsgruppe Wahlen nach den wichtigsten Problemen in Deutschland (Mehrfachnennungen waren möglich) ergaben mit großer Mehrheit die Arbeitslosigkeit als wichtigstes Thema. Die Werte lagen das ganze Jahr über zwischen 83 und 91 % der Deutschen. Auf den nächsten Plätzen folgten mit weitem Abstand die Themen Asyl/Ausländer (8 bis 16 %, 14 % im September) und Renten/Alter (9 bis 12 %; 9 % im September).

Im Gegensatz zur Bundestagswahl 1994, als eine kurzfristige wirtschaftliche Erholung der damaligen Kohl-Regierung bei der Wiederwahl half, stiegen die Arbeitslosenzahlen in Deutschland seit 1996 stetig an. Die Regierung legte ein ökonomisches Reformpaket vor, das unter anderem Steuersenkungen und Senkungen der Lohnnebenkosten vorsah. Allerdings blockierte der SPD-dominierte Bundesrat einen Teil der Gesetze. Der Vorwurf der Bundesregierung, besonders an den damaligen SPD-Vorsitzenden Oskar Lafontaine, die SPD agiere destruktiv, fand bei den Wählern Umfragen zufolge kaum Widerhall. Das Bündnis für Arbeit, an dem unter anderem Regierung, Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände teilnehmen sollten, scheiterte nach kurzer Zeit, ohne konkrete Erfolge vorweisen zu können.

Während die Reformversuche von den meisten Ökonomen als „halbherzig“ kritisiert wurden, wurden sie von großen Teilen der Bevölkerung abgelehnt. Insbesondere Streichungen bei der Lohnfortzahlung im Krankheitsfall führten zu umfangreichen Protesten. Der Sommer des Jahres 1998 war von großen Demonstrationen gegen die Reformversuche der Regierung gezeichnet. Die Menschen befürchteten unter anderem auch Kürzungen in der Kranken- und Rentenversicherung.

Antretende Parteien Berechtigte Hoffnungen, ins Parlament gewählt zu werden, konnten sich nur die Parteien machen, die schon im Bundestag vertreten waren: CDU/CSU, FDP, SPD, Bündnis 90/Die Grünen und die PDS. Dennoch gab es viele kleine Parteien, die hofften, von der staatlichen Parteienfinanzierung profitieren zu können. Sowohl zwischen Union und FDP als auch zwischen SPD und Bündnis 90/Die Grünen gab es bereits frühzeitig eine Festlegung auf eine gemeinsame Koalition nach einem eventuellen Wahlgewinn.

Regierungsparteien mini|Helmut Kohl (rechts) und US-Verteidigungsminister William Cohen (1997) Die Regierungsparteien wollten den von ihnen eingeschlagenen Kurs fortsetzen. Seit 16 Jahren an der Regierung, empfanden sie ihre Politik als erfolgreich und versprachen, diese beizubehalten. Nachdem es mit dieser Strategie gelungen war, die Bundestagswahl 1994 vor dem Hintergrund eines damaligen wirtschaftlichen Aufschwungs zu gewinnen, sollte die Arbeit der vergangenen Jahre im Wesentlichen unverändert fortgesetzt werden. Einzig die Frage, ob Helmut Kohl oder Fraktionschef Wolfgang Schäuble als Spitzenkandidat antreten sollte, sorgte für Diskussionen innerhalb der Partei.

Kohl entschied die Frage eigenmächtig, indem er am 3. April 1997, seinem 67. Geburtstag, seine Absicht erklärte, als Kanzlerkandidat anzutreten.

Direkt nach dem Leipziger Parteitag der CDU im Oktober 1997 präsentierte er Schäuble jedoch unabgesprochen als seinen späteren Nachfolger. Dieses Vorgehen sollte innerhalb der Partei klarstellen, dass nur Helmut Kohl über Person und Zeitpunkt seiner Nachfolge bestimmte. Er reduzierte damit Schäuble auf einen Kandidaten „… von Kohls Gnaden“. Zudem musste Kohl sich nun gegen den Vorwurf wehren, nurmehr ein Kanzler auf Abruf zu sein. Er wollte jedoch auf jeden Fall bis 2002 im Amt bleiben, womit er Schäuble auf eine fünfjährige Kronprinzenschaft festlegte.

Opposition mini|Gerhard Schröder (2003) Während die Regierungsparteien auf der Arbeit der vorherigen Jahre aufbauen konnten, sah die Situation insbesondere bei der SPD anders aus. 1994 auch an der eigenen Zerstrittenheit und inneren Grabenkämpfen gescheitert, hatte Oskar Lafontaine 1995 in einer überraschenden Kampfabstimmung den Parteivorsitz übernommen. Es war lange unklar, ob er oder Gerhard Schröder als Kanzlerkandidat antreten würde. Beide standen für eine wirtschaftspolitisch unterschiedliche Ausrichtung: Lafontaine für einen eher nachfrageorientierten „klassisch sozialdemokratischen“ Ansatz, Schröder für eine Fortführung des schwarz-gelben Programms in moderaterer Version. Die Konstellation, in der die SPD schließlich antrat – Schröder als Kanzlerkandidat, Lafontaine als Finanzminister – versprach sowohl Traditionswähler als auch Wechselwähler aus der politischen Mitte anzusprechen. Die inhaltlichen wie auch persönlichen Konflikte dieser Konstellation traten erst nach der Regierungsbildung zutage.

Wahlprogramme Die öffentliche Wahrnehmung ging von einer Richtungsentscheidung zwischen zwei verschiedenen Lagern aus, die sich im Wahlkampf widerspiegelte. Auch in den beiden Wahlprogrammen wurden zwei konträre Politikansätze verfolgt. Zwar forderten beide Parteien Steuersenkungen und weitere Änderungen bei der Einkommensteuer, die CDU wollte allerdings eine wesentlich größere Nettoentlastung erreichen als die SPD, die die Tarifsenkungen größtenteils über den Abbau von Steuervergünstigungen gegenfinanzieren wollte. Beide Parteien wollten die Staatsverschuldung begrenzen, indem sie die öffentlichen Ausgaben bzw. Subventionen senken wollten. Die CDU wollte die Arbeitslosigkeit bekämpfen, indem sie „arbeitsschaffende Tarifvereinbarungen“ forderte, die SPD „Arbeit schaffen, indem sie das Wirtschaftswachstum anregte“. Beide Parteien wollten das deutsche Staatsbürgerschaftsrecht reformieren, obwohl die SPD hier mit der Forderung nach einfacherer Doppelter Staatsbürgerschaft einen Schritt weiter ging.

Die Grünen näherten sich in ihrem Programm sehr der Sozialdemokratie an. Hatte im März noch die Forderung der Magdeburger Parteikonferenz nach einer langfristigen Erhöhung der Ökosteuer bis zu einem Endpreis von 5 DM pro Liter Benzin für harsche Reaktionen gesorgt, waren im endgültigen Programmentwurf die traditionellen grünen Themen Umweltschutz und internationale Zusammenarbeit auf eine Vereinbarkeit mit dem sozialdemokratischen Programm ausgerichtet. So war im Programm der Abschnitt zur „Präventiven Polizeiarbeit“ länger als der zur partizipatorischen Demokratie.

Das Programm der PDS war ambivalent. Zum einen nahmen die spezifischen Interessen Ostdeutschlands einen erheblichen Stellenwert ein. Themen der Neuen Linken, als deren Vertreter traditionell die Grünen gesehen wurden, waren im PDS-Programm oft pointierter, aber auch häufig weniger detailliert festgelegt. Letztendlich unterschied sich das PDS-Programm deutlich von dem der anderen Parteien. Als sozialistische Partei setzte sie hier auf Ansätze der traditionellen Linken: „Eine Umverteilung von oben nach unten“, die mit einem „echten Politikwechsel“ und „keinem reinen Regierungswechsel“ einhergehen müsse.

Wahlkampf Organisation innerhalb der Parteien Die CDU gab nicht bekannt, wer zum inneren Kreis der Wahlkampforganisation gehörte. Im Frühjahr 1998 ernannte Helmut Kohl den ehemaligen Chefredakteur der Bild-Zeitung Hans-Hermann Tiedje zu seinem persönlichen Berater und besetzte die Position des Regierungssprechers mit Otto Hauser neu. In Presse und Politikwissenschaft gilt als gesichert, dass neben den beiden auch Friedrich Bohl, Anton Pfeifer, Andreas Fritzenkötter, Willi Schalk (Werbeagentur McCann Erickson), Renate Köcher (Institut für Demoskopie Allensbach) und Peter Hintze zum strategischen Zentrum des CDU-Wahlkampfes gehörten. Ob Roland Koch auch zu diesem Kreis zählte, ist bis heute nicht sicher bekannt, wurde aber von einigen Zeitungen angenommen.

Von diesen Personen hatten indessen nur Bohl und Pfeifer verlässlichen Zugang zur Person Kohl. Faktisch traf dieser fast alle wichtigen Entscheidungen allein, die Wahlkommission segnete diese meist nur nachträglich ab. Neben dem Entscheidungszentrum um Kohl gab es innerhalb der CDU zwei wichtige Gruppen, die mit Planung und Koordinierung des Wahlkampfes befasst waren: Zum einen die Geschäftsstelle der Partei unter Peter Hintze, die Vorschläge unterbreiten und Entscheidungen umsetzen sollte. Zwischen Geschäftsstelle und Strategischem Zentrum gab es jedoch zahlreiche Koordinationsschwierigkeiten, die so in der Außenwahrnehmung den Eindruck eines unprofessionellen und wenig abgestimmten Wahlkampfes entstehen ließen. Zum anderen bildete sich um den damaligen Fraktionsvorsitzenden und designierten Nachfolger Kohls Wolfgang Schäuble ein weiteres strategisches Zentrum, das jedoch in zahlreichen Punkten eine andere Linie verfolgte als Kohl und diese auch öffentlich machte. Der Unions-Wahlkampf wirkte so in sich noch unabgestimmter. Deutlich wurde dies zum Beispiel darin, dass Kohl eine mögliche Große Koalition konsequent ablehnte, während Schäuble diese öffentlich für möglich hielt.

Während der Wahlkampf der CDU um die Person Kohls kreiste, bildeten sich in der SPD drei weitgehend unabhängige Zentren, denen es aber gelang, den ganzen Wahlkampf hindurch koordiniert zusammenzuarbeiten. Sie bündelten sich um den Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder, den Parteivorsitzenden Oskar Lafontaine und den SPD-Bundesgeschäftsführer sowie Vorsitzenden des mitgliederstärksten Landesverbandes Nordrhein-Westfalen Franz Müntefering. Alle drei verfügten über erhebliche innerparteiliche Macht, waren aber auch auf eine Zusammenarbeit angewiesen, um die Wahl gewinnen zu können. Lafontaine wusste, dass die SPD die Popularität Schröders in der politischen Mitte ebenso brauchte wie Schröder Lafontaines Machtposition innerhalb der Partei. Müntefering war mit der praktischen Durchführung des Wahlkampfes beschäftigt. Er, beziehungsweise sein Vertrauter Matthias Machnig, gründeten die Kampa '98, die erstmals in der Parteigeschichte große Teile der Wahlkampfplanung und -organisation außerhalb der eigentlichen Parteigremien konzentrierte.

Politische Positionierung Während sich CDU/CSU („Union“) und SPD programmatisch kaum unterschieden, stellten beide sehr verschiedene politische Themenfelder in das Zentrum ihrer politischen Positionierung im Wahlkampf. Die Union betonte den Erfolg des Bewährten. Helmut Kohl und die mit ihm Verbundenen nahmen eine wichtige Rolle in der Wahlkampfkommunikation der Partei ein. Sie verfolgte dabei zwei Grundlinien. Zum einen versuchte sie eine Polarisierung des Wahlkampfes, zum anderen stellte sie sich sowie besonders die Person Kohl als Garant für Stabilität dar. Der zentrale Wahlkampfslogan der Partei war Sicher in die Welt von morgen.