mini|Das Historische Waisenhaus (2013)

mini|Franckesche Stiftungen: Historisches Waisenhaus (Kupferstich, 1749)mini|Gesamtansicht der Franckeschen Stiftungen (Kupferstich, 1749) mini|Hof der Franckeschen Stiftungen (Kupferstich, um 1750)

Die Franckeschen Stiftungen zu Halle (früher Glauchasche Anstalten) beherbergen eine Vielzahl kultureller, wissenschaftlicher, pädagogischer und sozialer Einrichtungen. Sie wurden 1698 durch den Theologen und Pädagogen August Hermann Francke gegründet. Franckes pietistisch geprägte Schulen und soziale Initiativen erlangten internationale Bedeutung. Die historischen Gebäude stehen heute als weltweit einzigartiges Beispiel sozialer und pädagogischer Zweckarchitektur auf der deutschen Vorschlagsliste für das UNESCO-Weltkulturerbe. Mittlerweile haben sich über 50 verschiedene Einrichtungen auf dem Stiftungsgelände etabliert, darunter vier Schulen, Institute der Martin-Luther-Universität, die Kulturstiftung des Bundes und das Deutsche Jugendinstitut.

Geschichte Von der Armenschule zum Waisenhaus mini|hochkant|August Hermann Francke (1663–1727)

Am 22. Dezember 1691 wurde August Hermann Francke zum Pfarrer an die St.-Georgen-Kirche in Glaucha (seit 1817 Stadtteil von Halle) berufen. Gleichzeitig erhielt er die Ernennung zum Professor der griechischen und orientalischen Sprache an der in Gründung befindlichen Universität Halle. Da im Gebiet seines Pfarrbezirks eine „krasse Unwissenheit in Glaubensfragen und weitgehende sittliche Verwahrlosung“Helmut Obst; Paul Raabe: Die Franckeschen Stiftungen zu Halle (Saale). Geschichte und Gegenwart. Fliegenkopf-Verlag, Halle 2000, ISBN 3-930195-35-6, S. 22. herrschte, hielt er sonntags nach dem Gottesdienst Katechismusunterricht für Kinder und Erwachsene seiner Gemeinde ab. Um die soziale Not verarmter Kinder zu lindern, stellte er aus den Kirchenkollekten Schulgeld zur Verfügung.

Eine größere Spende zu Ostern 1695 von vier Talern und 16 Groschen in der Armenbüchse des Pfarrhauses wurde Grundstock seines Lebenswerkes.

Unmittelbar nach Erhalt der Spende eröffnete August Hermann Francke eine Armenschule, vorerst in einem Raum des Pfarrhauses. Unterrichtet wurden die mittellosen Kinder durch einen Theologie-Studenten der halleschen Universität. Der gute Ruf dieser kleinen Armenschule ließ die Zahl der Schüler rasch anwachsen, so dass wenige Wochen später bereits einige Glauchaer Bürger ihre Kinder gegen eine geringe Schulgebühr zum Unterricht schickten. Im Sommer 1695 wurden bereits 50 Schüler unterrichtet. Da zunehmend auch Angehörige wohlhabender Kreise ihre Kinder zu Francke schicken wollten, gründete er zu Pfingsten 1695 das Pädagogium als Erziehungs- und Bildungsanstalt für Kinder aus dem Adel und dem reichen Bürgertum. Eine weitere Schule, die Lateinische Schule, wurde 1697 für Knaben aus bürgerlichen Familien gegründet, die vorhatten, sich mit akademischen Studien zu beschäftigen. Der Unterricht fand durch Studenten statt, die als Gegenleistung eine freie Wohnung, freies Holz und 16 Groschen Lohn erhielten.Gustav Friedrich Hertzberg: August Hermann Francke und sein hallisches Waisenhaus. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses, Halle a. S. 1898, S. 18. Ziel der Schulen war die Rettung der Seelen, und dazu diente die schriftliche Gewissenserforschung. Hierfür mussten auch die Mädchen Lesen und Schreiben lernen.Angela Steidele im Interview mit Sabine Reithmaier: Ein Psychiater, zwei gespaltene Ichs. Ludwig II. im Wahn und eine Frau in Hosen trugen Angela Steidele den Bayerischen Buchpreis ein., in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 279, 3. Dezember 2015, S. R22. Da viele mittellose Kinder oder Waisen außerhalb der Schule durch das schlechte soziale Umfeld wieder erneuter körperlicher aber auch moralischer Verwahrlosung ausgeliefert waren, beschloss Francke, diese Kinder gegen Geld bei Familien unterzubringen. Damit war die Idee eines Waisenhauses geboren. Unter Nutzung kurfürstlicher Privilegien, die ihm Akzise-, Zoll- und Geleits-Freiheit gewährten, und Dank zahlreicher Spenden wurde 1698 der Grundstein eines für damalige Verhältnisse gewaltigen Bauwerks, des Waisenhauses, gelegt. Im April 1701 konnte Francke das Gebäude, welches zugleich als Hauptgebäude seiner Stiftungen fungierte, einweihen.

17. bis 19. Jahrhundert Dank weiterer kurfürstlicher Privilegien konnten eine Buchhandlung, eine Buchdruckerei und Buchbinderei, eine Apotheke sowie ein Naturalienkabinett eingerichtet werden. Deren Einnahmen finanzierten das Waisenhaus und ließen die Stiftungen weiter wachsen. Ab 1708 erschien dreimal wöchentlich die Hallische Zeitung. Im Jahr 1709 wurde ein dreistöckiger Fachwerkbau für Waisenmädchen und eine Mädchenschule errichtet, im Folgejahr entstand das Englische Haus, für Schüler aus England. Ebenfalls im Jahr 1710 entstand in einer Lücke zwischen Hauptgebäude und Englischem Haus ein weiteres Gebäude, in dem sich im Untergeschoss ein Speisesaal, in den Obergeschossen ein Sing- und Betsaal befand, in dem 2000 Personen Platz fanden. Im gleichen Jahr gründete Francke mit dem preußischen Freiherrn Carl Hildebrand von Canstein die Cansteinsche Bibelanstalt. Dort wurden bis in das 20. Jahrhundert Millionen preiswerter Bibeln gedruckt. Die Stiftungen wurden Halles Tor zur Welt. Im 18. Jahrhundert wirkten pietistische Geistliche im Baltikum, in Russland, Polen, Böhmen, Slowenien, Skandinavien, England, Holland, Indien und Nordamerika. Zu diesen entstand ein weltweites Korrespondenznetz. Im Jahr 1810 wurde die Realschule erbaut, 1835 folgte die Höhere Töchterschule, das spätere Lyzeum.

20. Jahrhundert

Die Umsetzung eines neuen mehrgliedrigen Schulsystems, getragen von der pietistischen Frömmigkeit und praktischen Nächstenliebe August Hermann Franckes in Verbindung mit wissenschaftlichen Institutionen und zum Erhalt beitragenden Wirtschaftsbetrieben begründeten den Ruf des halleschen Waisenhauses in ganz Europa. Die Reformpläne des Halleschen Pietismus wurden durch Lehrer, Ärzte und Missionare in die Welt getragen. Ihre Spuren findet man heute noch in vielen europäischen Ländern, aber auch in Indien und den USA. Die erste protestantische Mission, die Diakonie, die Realschule in Deutschland, Millionen deutschsprachiger Bibeln und eine Vielzahl der gängigen evangelischen Kirchenlieder haben ihren Ausgangspunkt in den Franckeschen Stiftungen. Wegen der großen Nachfrage und des ausgezeichneten Rufes wuchs der Bedarf an größeren Schulgebäuden in den Stiftungen. Im Herbst 1906 wurde daher ein neues Schulgebäude für die Lateinische Hauptschule (Latina) errichtet. Die Jahresstatistik von 1911 verzeichnete insgesamt 3056 Schüler in den verschiedenen Schulen der Franckeschen Stiftungen. 1920 konnte für die neue Oberrealschule ein weiteres Schulgebäude bezogen werden.

Über die Zeit des Nationalsozialismus bestanden die Stiftungen als christlich geprägte Schulstadt fort. Dies gelang durch eine Gratwanderung von Anpassung, Anhängerschaft und Ablehnung des nationalsozialistischen Gedankenguts. Die Latina blieb in dieser Zeit als eines der wenigen humanistischen Gymnasien des Landes bestehen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden einige Gebäude der Stiftungen, unter anderem Teile des Wohnhauses August Hermann Franckes und der Latina bei einem Fliegerangriff im März 1945 zerstört.

Während des Bestehens der DDR verloren die Franckeschen Stiftungen ihre Selbstständigkeit, wurden in Volkseigentum überführt und waren einem zunehmenden baulichen Verfall ausgesetzt. Eine notdürftige Instandsetzung erfolgte in dieser Zeit lediglich bei Gebäuden, die von der Martin-Luther-Universität genutzt wurden oder die als Schulgebäude Bestand hatten. Der Schulname August Hermann Francke wurde beibehalten. In dieser Zeit existierten unter diesem Namen sowohl eine Polytechnische Oberschule als auch eine Erweiterte Oberschule. Für die erste Arbeiter- und Bauernfakultät entstand 1952–53 das heutige Hans-Ahrbeck-Haus.

In den 1970er Jahren wurde die nördliche Waisenhausmauer abgerissen, um eine Hochstraße für die heutige Bundesstraße 80 zu bauen. Diese führt seitdem auf einem Teilstück direkt durch das Stiftungsgelände und trennt das Haus der Waisenhausapotheke von den übrigen Stiftungsgebäuden ab. Auf dem Gelände der stiftungseigenen Plantage wurden mehrere Hochhäuser errichtet. 1978 wurde auf dem früheren Feldgarten eine zusätzliche Plattenbau-Schule vom Typ Erfurt TS 75 errichtet.

mini|hochkant|Sanierung des verfallenen Hauptgebäudes der Franckesche Stiftungen (1991) Ab 1991 wurden die historischen Gebäude saniert. 1992 wurden die Stiftungen nach bundesdeutschem Recht wiedergegründet, als Stiftung öffentlichen Rechts.https://www.francke-halle.de/de/ueber-uns/selbstverstaendnis/ Die Franckeschen Stiftungen wurden in das im Jahre 2001 erschienene Blaubuch aufgenommen. Das Blaubuch ist eine Liste national bedeutsamer Kultureinrichtungen in Ostdeutschland und umfasst zurzeit 20 sogenannte kulturelle Leuchttürme. Zum 300. Jahrestag des Bestehens der Franckeschen Stiftungen wurden 1998 eine GedenkmünzeBekanntmachung der Gedenkmünze 300 Jahre Franckesche Stiftungen sowie eine Briefmarke mit dem Bild des WaisenhausesSiehe aktuelle Abbildung der Briefmarke. herausgegeben.

21. Jahrhundert Von 2009 bis 2011 wurde das historische Brau- und Backhaus (Haus 37–39) saniert. Im dahinter liegenden Gebäude 36/36a (Pächterhäuser) befindet sich das Staatliche Seminar für Lehrämter. Mit der Sanierung am Entrée konnte 2006 begonnen werden. Es handelt sich um ehemalige Gasthäuser aus dem 16. und 17. Jahrhundert, die Francke aufkaufte und für seine pädagogischen und sozialen Zwecke einrichtete. Das Wohnhaus Franckes wurde 2008 nach Sanierung wieder eröffnet und beherbergt seither das Informations-Zentrum, die Waisenhausbuchhandlung und die Bibelmansarde sowie eine Ausstellung zu Leben und Wirken des Stiftungsgründers. 1655 erbaut, war es als Gasthof ‚Goldene Rose’ bekannt. 2010 bis 2012 entstand der Neubau für die Kulturstiftung des Bundes.

Heutige Bedeutung mini|Innenhof (2015) Die Franckeschen Stiftungen sind heute eine Einrichtung von nationalem Rang mit zahlreichen internationalen Kooperationen. Das historische Waisenhaus mit der Kunst- und Naturalienkammer als ältestem bürgerlichen Museumsraum Deutschlands, das Francke-Kabinett, das Kinderkreativzentrum Krokoseum sowie die historische Bibliothek der Stiftung mit barockem Kulissenmagazin sind für Besucher zugänglich. Im historischen Waisenhaus finden neben der historischen Dauerausstellung auch regelmäßige Wechselausstellungen zu Themen die im Bezug zur Geschichte der Franckeschen Stiftungen stehen, statt. Im ehemaligen Versammlungssaal, dem heutigen Freylinghausen-Saal, finden regelmäßig weitere Veranstaltungen und Konzerte statt.

Der historische Gebäudekomplex, auf einem geschlossenen Areal mitten in der Stadt Halle gelegen, ist bis heute weitgehend erhalten geblieben. Das Lange Haus im oberen Lindenhof ist die größte Fachwerkkonstruktion Europas.Georg Giersberg: Kinderzentrum statt Waisenhaus, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24. Dezember 2010. Dort heißt es sogar: „Auf dem Geländer der Franckeschen Stiftungen zu Halle steht das größte Fachwerkhaus der Welt.“ Es misst über 110 Meter und bis zu sechs Stockwerke.

Die Franckesche Stiftungen sind zusammen mit der Moritzburg und der Marktkirche Unser Lieben Frauen eine von drei Stationen des Lutherweges Sachsen-Anhalt in Halle.www.lutherweg.de

Als weltweit einzigartiges Beispiel sozialer und pädagogischer Zweckarchitektur steht der Stiftungskomplex auf der deutschen Vorschlagsliste für das UNESCO-Weltkulturerbe.

Einrichtungen im Einzelnen (Auswahl) Wissenschaftliche Einrichtungen Historisches Waisenhaus und Franckes Wohnhaus