Die Luftangriffe auf Ingolstadt während des Zweiten Weltkriegs fanden vom Januar bis April 1945 ihren Höhepunkt.
Ab 1943/44 waren auch bayerische Großstädte zunehmend durch Luftangriffe der Royal Air Force und der United States Army Air Forces bedroht. Kleinere Städte wie Ingolstadt blieben zunächst verschont. Erst zu Beginn des Jahres 1945 traf das Luftkriegsgeschehen auch diese Stadt an der Donau und veränderte ihr Stadtbild. Die Bombenangriffe auf Ingolstadt forderten rund 650 Tote. Mindestens zwölf alliierte Flieger kamen ums Leben, einer davon wurde von einem NS-Funktionär ermordet.
Vorgeschichte Nach den Landungen in der Normandie im Juni 1944 und der Operation Dragoon in Südfrankreich im August 1944 drangen die Armeen der Alliierten innerhalb von wenigen Wochen quer durch Frankreich bis in die Nähe der deutschen Reichsgrenzen vor. Die Sommeroffensive der Roten Armee drängte die deutschen Truppen bis ins Weichselgebiet und an die Grenze Ostpreußens zurück. Der Luftraum über dem gesamten Reichsgebiet wurde zu Beginn des Jahres 1945 nahezu uneingeschränkt von den Alliierten kontrolliert. Wegen der immer schwächeren deutschen Abwehr konnten sie von den weniger präzisen Nachtangriffen zunehmend auf die zuvor gefährlicheren Tagesangriffe übergehen.
Am 10. September 1944 wurde der USAAF-Jagdflieger Major John R. Reynolds über Ingolstadt abgeschossen. Zur Vermeidung ziviler Opfer zog er mit seiner abstürzenden P-51 „Mustang“ noch über ein Wohnhaus weg und stieg erst in 50 Meter Höhe mit dem Fallschirm aus. Bei der Landung verletzte er sich leicht und wurde von Polizei gefangen genommen. Unter einem Vorwand ließ sich der Ingolstädter NSDAP-Kreisleiter Georg Sponsel, ein fanatischer Nazi, den Kriegsgefangenen übergeben und erschoss ihn. Der Fliegermord führte nach Kriegsende zur Verurteilung und Hinrichtung Sponsels.Christian Silvester: Major Reynolds’ Überleben und Sterben, Donaukurier vom 20. September 2012
Bis Anfang Januar 1945 war der Raum Ingolstadt von Kampfhandlungen noch verschont geblieben, doch der „Krieg an der Heimatfront“ begann nun auch dramatische Formen anzunehmen.
15. Januar 1945 Am 15. Januar 1945 erlebte Ingolstadt den ersten größeren Luftangriff auf das Stadtgebiet. Bereits in den frühen Morgenstunden wurde auf den Stützpunkten der in Südostengland stationierten 8th Air Force 640 Langstreckenbomber und 782 Jagdflugzeuge startklar gemacht. Der Tageseinsatz sah Luftangriffe auf Rangierbahnhöfe in Süddeutschland vor. Für das Angriffsziel Ingolstadt setzte die 1st Bombardment Division 111 Bomber der B-17 „Flying Fortress“ (Fliegende Festung) ein.
Um 11:55 Uhr gab die Luftwarnstelle für den Großraum Ingolstadt Fliegeralarm, der jedoch wegen einer Vielzahl vorhergehender Falschalarme von der Bevölkerung weitgehend ignoriert wurde.
Die äußerst schlechten Sichtverhältnisse im Donauraum beeinflussten die geplanten Bombardierungen der süddeutschen Rangierbahnhöfe entscheidend, weshalb vor Ort Ausweichziele gewählt werden mussten. In Ingolstadt sollte dies die Munitionsanstalt (Muna) bei Desching (heutiger Standort der Esso-Raffinerie) sein. Der Leitbomber (Pfadfinder) hatte über der dichten Wolkendecke die Zielmarkierungsbombe („Christbaum“) nach dem H2S-Navigationsradar gesetzt, worauf nur wenige Sekunden später die erste Welle mit dem Abwurf von 480 Sprengbomben und 330 Brandbomben begann. Der Umstand, dass die Markierungsbombe um nur wenige Sekunden zu früh gesetzt wurde, hatte für das Dorf Feldkirchen verheerende Folgen. Der größte Teil der Bombenlast fiel auf den alten Ortskern in der Umgebung des Marienplatzes, wobei 70 % der Gebäude als Totalschäden verzeichnet werden mussten. Infolge dieses Angriffes auf Feldkirchen fanden 22 Menschen den Tod. Das eigentliche Ziel, die Heeres-Munitionsanstalt Ingolstadt bei Desching – etwa 2 km weiter nördlich – wurde verfehlt. Die zweite Welle warf anschließend 1278 Splitterbomben über dem südlichen Teil der Stadt, zwischen Haunwöhr und dem Hochwasserdamm, sowie auf unbebautes Gebiet bei der Gaststätte „Bonschab“ ab. Eine weitere Welle traf die Gegend am Nordbahnhof, Ober- und Unterhaunstadt, wobei auch die Flugblattzeitung „Nachrichten für die Truppe“, Ausgabe vom 12. Januar 1945 abgeworfen wurde.
Der Abschlussbericht des örtlichen Luftschutzleiters verzeichnete 28 Tote und 29 Verwundete im Stadtgebiet, sowie 22 Tote und 7 Schwerverletzte in Feldkirchen. Am darauf folgenden Freitag, den 19. Januar, fand am Vormittag unter großer Anteilnahme der Bevölkerung die Totenfeier für die ersten Ingolstädter Luftkriegsopfer statt. Vor der Aussegnungshalle des städtischen Friedhofes waren die mit Hakenkreuzfahnen bedeckten Särge aufgebahrt. Die NSDAP inszenierte diese Trauerfeier mit großem propagandistischem Aufwand nach einem festen Ritual und Vertreter der Partei, des Staates, der Wehrmacht, der Stadt und sogar eine zufällig in Ingolstadt verweilende ungarische Abordnung säumten zusammen mit den Angehörigen den Platz vor der Aussegnungshalle.
Hasserfüllte Ansprachen der Ingolstädter NS-Größen gegen die „angloamerikanischen Mordflieger“ und Treuebekenntnisse zu „Führer, Volk und Vaterland“ sollten den Hinterbliebenen Trost und Beistand vermitteln. Unter Begleitung von leisen Trommelwirbeln erfolgte die Namensverlesung der Ingolstädter Opfer. Nach den zahlreichen Kranzniederlegungen schloss der Trauerakt mit dem Absingen von NS-Liedern.
1. März 1945 Für Donnerstag, den 1. März 1945, hatte die 8th Air Force eigentlich strategische Angriffe auf Flugplätze der gefährlichen neuen Messerschmitt Me 262-Abfangjäger geplant. Da die Meteorologen jedoch schlechtes Wetter ankündigten, mussten die geplanten Angriffsziele abgeändert werden. 253 Consolidated B-24 „Liberator“-Bomber der 2nd Air Division in Ostengland erhielten als Hauptangriffsziel die Ingolstädter Bahnhofsanlagen mit dem Reichsbahnausbesserungswerk (RAW).
Um 12:56 Uhr gab die Luftschutzwarnstelle für den Raum Ingolstadt den 183. Fliegeralarm. Um auch bei völlig geschlossener Wolkendecke die geplanten Ziele zu finden, setzten die Navigatoren des Bomberverbands ihre H2X-Radargeräte ein. Die dicht geschlossene Formation der viermotorigen B-24 flog aus Westen den Ingolstädter Hauptbahnhof an. Er war unverteidigt, da die Ingolstädter Flak-Kräfte bereits seit 1944 in besonders gefährdete „Luftschutzorte 1. Ordnung“ wie München, Nürnberg oder Augsburg verlegt worden waren. In der Zeit von 13:31 Uhr bis 13:35 Uhr lösten die Bomber über den Wolken aus einer Höhe von etwa 5500 Metern in drei kurz aufeinander folgenden Wellen 603,3 Tonnen Spreng- und Brandbomben aus. Zudem kam eine größere Anzahl von Flugblättern, gefälschten Lebensmittelkarten (Reisefleischmarken) und auf roten Karton geklebte Brandstiftungsmittel (Sabotagemittel) zum Abwurf. Der Großangriff erfolgte in einer Ausdehnung von etwa 14 km entlang der Bahnlinie ab Reichertshofen bis Oberhaunstadt, wobei sich der Angriffsschwerpunkt auf das nördliche Altstadtgebiet konzentrierte.
Große Teile der Altstadt lagen in Trümmern. Die Rettungskräfte Ingolstadts hatten völlig neue und ungewohnte Aufgaben zu bewältigen. An insgesamt 32 Schadensstellen waren Verschüttete zu bergen. Neben zahlreichen Wohnhäusern war das Kulturbauamt im 1593 erbauten Ballhaus am Paradeplatz total zerstört.
Aus den Trümmern des stark zerstörten städtischen Krankenhauses an der Sebastianstraße mussten unter schwierigsten Bedingungen über 100 Personen, meist Schwerkranke und Verwundete, geborgen werden. Der Luftschutzbunker an der Rechbergstraße, ein unterirdischer Verbindungsgang zwischen dem Kavalier Elbracht und der Fronte Rechberg, hatte einen Volltreffer erhalten.
Lösch- und Bergungsarbeiten dauerten noch die ganze Nacht hindurch an. Dabei mussten von den Sicherheitskräften einsturzgefährdete Gebäude gesichert, Möbel aus beschädigten Häusern geborgen, Straßen von Trümmern befreit sowie Blindgängerfundorte markiert und abgesperrt werden.
Der von den United States Air Forces als S. A. 3306 registrierte Angriff auf Ingolstadt forderte 197 Tote und 107 Verwundete. An Gebäuden registrierte man im gesamten Stadtgebiet 147 Totalschäden und über 200 mittlere bis schwere Schäden.
Chef des Stabes der an diesem Angriff auf Ingolstadt beteiligten 2nd Combat Bombardment Wing war der bekannte amerikanische Schauspieler James Stewart. Am darauf folgenden Tag war im Reichssender München die lapidare Mitteilung des Wehrmachtberichts zu hören: „Nordamerikanische Bomberverbände zerstörten bei ihren gestrigen Terrorangriffen in Süd-, Südwest- und Südost Deutschland wieder vorwiegend Wohnstätten der Bevölkerung. Schwere Schäden entstanden vor allem in den Stadtgebieten von Ulm, Ingolstadt und Reutlingen“.
4. März 1945 Aufgrund der schlechten Witterungsverhältnisse konnte auch am 4. März 1945 der Plan, deutsche Fliegerhorste oder Industrieanlagen zu bombardieren, nicht realisiert werden. Daher änderte die 8th Air Force den geplanten Einsatz auf Ausweichziele im Raum Ingolstadt ab. Um 9:44 Uhr verkündete die Luftschutzwarnstelle für das Ingolstädter Gebiet zunächst „Kleinalarm“ und bereits eine Minute später den 184. Fliegeralarm seit Kriegsausbruch. Gegen 10:12 Uhr flogen 69 B-17 „Flying Fortress“ aus westlicher und südöstlicher Richtung das Stadtgebiet an. Im Bereich der Altstadt war die Sicht an jenem Tag zwar gut, doch in Donaunähe wurde es sehr dunstig und bewölkt, deshalb war ein Angriff nach Sicht auch nur bedingt möglich. Ohne Radar warf dann die erste Welle um 10:13 Uhr an der Stadtgrenze bei Kothau, die zweite Welle um 10:14 Uhr beim Luitpoldpark, die dritte Welle um 10:17 Uhr entlang der Neuburger Bahnlinie, die vierte Welle um 10:24 Uhr an der Stadtgrenze bei Haunwöhr und schließlich die fünfte Welle um 10:25 Uhr bei Friedrichshofen eine Bombenlast von insgesamt 175,5 Tonnen ab. Der Schwerpunkt des Angriffes lag auf der Bahnlinie Ingolstadt-Neuburg.
Weshalb gerade Haunwöhr diesem massiven Angriff ausgesetzt war, dokumentiert die US-Zielkarte „Ingolstadt # 4416“ vom 4. März 1945. Auf dem Aufklärungsfoto mit den Bahnhofsanlagen waren die Eisenbahnlinien falsch ausgewiesen. So ist die Donauwörther Strecke im Foto als zweigleisige Hauptstrecke nach Eichstätt bezeichnet. Die eigentliche Eichstätter Linie dagegen weist die Zielkarte als Nebenstrecke nach Riedenburg aus.
5. April 1945 thumbnail|Während der Angriffe am 5. April 1945 dokumentierte eine US-Abwurfkamera den Verlauf der Bombenabwürfe mit 20 Luftaufnahmen. Dies ist ein Zielfoto der 8th Air Force während der Bombenabwürfe auf den Ingolstädter Exerzierplatz (heute AUDI-Werksgelände). Die 8th Air Force sah im Tagesbefehl Nr. 928 für den 5. April 1945 strategische Bombardements militärischer Einrichtungen in Süddeutschland vor. Zur empfindlichen Störung der deutschen Kriegslogistik sollten insgesamt 1358 Langstreckenbomber und 662 Jagdflugzeuge eingesetzt werden. Das Heereszeugamt in Ingolstadt, eines der umfangreichsten Wehrmachtsmagazine im Wehrkreis VII (Südbayern), war der 1st Air Division zugewiesen, die mit 211 B-17 „Flying Fortress“-Bombern und 201 P-51 „Mustang“-Jägern als Begleitschutz angriff.
Der Zielanflug auf Ingolstadt erfolgte an diesem sonnigen und wolkenlosen Tag nach Sicht, jedoch mit zusätzlicher Radarnavigation. Um 11:11 Uhr war der Bomberverband nahe Ingolstadt und drei Minuten später fielen in drei Wellen über dem Exerzierplatz zwischen der Ringler- und Ettingerstraße die Bomben, insgesamt 1575 Sprengbomben mit einer Gesamtlast von 621,4 Tonnen sowie zahlreiche Flugblätter mit den Hinweisen „Zwei Lehren - eine Entscheidung“ und „Ich kann den Weltkrieg nicht beenden“.