mini|hochkant|Andreas Dorschel (2010) Andreas Dorschel (* 1962 in Wiesbaden) ist ein deutscher Philosoph. Seit 2002 ist er Professor für Ästhetik sowie Vorstand des Instituts für Musikästhetik an der Universität für Musik und darstellende Kunst Graz (Österreich).
Herkunft, Studium und Werdegang
Andreas Dorschel wurde 1962 in Wiesbaden geboren. Die bildende Künstlerin und Schriftstellerin Gesine Probst-Bösch (Weimar 1944–1994 München) war seine Cousine.Sie war die einzige Tochter der Schwester seines Vaters, Annemarie Probst, geb. Dorschel. Vgl. Gesine Probst-Bösch. Zehn Pfeile, ein Herz und eine Seele. Hrsg. v. Kathrin Dünser, Nina Schedlmayer und Claudia Voit. Verlag für moderne Kunst, Wien 2022, S. 12. Nach Studien der Philosophie, Musik- und Sprachwissenschaft an den Universitäten Wien und Frankfurt am Main (Magister artium 1987, Promotion 1991) lehrte Dorschel in Marburg an der Lahn (1993–1994), Dresden (1994–1997) und Norwich (University of East Anglia, England) (1997–2002). 2002 wurde er an der Philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern (Schweiz) habilitiert.Axel Schniederjürgen (Red.): Art. „Dorschel, Andreas“. In: Kürschners Deutscher Gelehrten-Kalender 2014. Bio-bibliographisches Verzeichnis deutschsprachiger Wissenschaftler der Gegenwart. 26. Ausgabe, Bd. 1 (A–G). De Gruyter, Berlin – Boston, Mass. 2014, S. 663. Gastprofessuren führten ihn an die Emory University (1995) und die Stanford University (2006).Distinguished Visiting Austrian Chair Professors Gewitzt erinnert sich Gina Arnold an ein Seminar über Freud und Canetti in dies., Half a Million Strong: Crowds and Power from Woodstock to Coachella. University of Iowa Press, Iowa City, IA 2018, S. vii–viii. Das Grazer Institut für Musikästhetik erhielt 2007 auf Dorschels Initiative seinen neuen Namen.Vormals ‚Institut für Wertungsforschung‘, gegründet von dem Musikforscher und Philosophen Harald Kaufmann (1927–1970). Dorschels Vorgänger Otto Kolleritsch (1934 – 2023) rügte ihn wegen der Umbenennung: Hier wird’s Ereignis. Kritische Ästhetik zwischen künstlerischer Praxis und Forschung mit der Kunst. Leykam, Graz 2014, S. 339–340. Von 2008 bis 2017 gehörte Dorschel dem Kuratorium des österreichischen Wissenschaftsfonds (FWF) an;. Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), Wir fördern Zukunft. FWF, Wien 2017, S. 64. zum Review Panel des HERA (Humanities in the European Research Area) Joint Research Programme der European Science Foundation (ESF) (Straßburg / Brüssel) zählte er zwischen 2012 und 2017. Seit 2010 ist Dorschel Mitglied des Beirates der britischen Royal Musical Association (RMA) Music and Philosophy Study Group.Royal Musical Association Music and Philosophy Study Group. Die Hessische Ministerin für Wissenschaft und Kunst berief ihn 2019 sowie erneut 2023 in den Hochschulrat der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main. 2019 wurde Dorschel als Mitglied in die Academia Europaea gewählt. Er war während des akademischen Jahres 2020/21 Fellow des Wissenschaftskollegs zu BerlinAndreas Dorschel auf den Seiten des Wissenschaftskollegs zu Berlin sowie während des akademischen Jahres 2024/25 Fellow des Hamburg Institute for Advanced Study (HIAS)Andreas Dorschel auf den Seiten des Hamburg Institute for Advanced Study (HIAS).
Werk Dorschels Arbeiten gehen den logischen und historischen Zusammenhängen von Denken und Handeln nach. Sie fügen sich insofern nicht der vorherrschenden Arbeitsteilung zwischen systematischer Philosophie und Philosophiegeschichte sowie zwischen theoretischer und praktischer Philosophie.
Wille mini|hochkant|Die idealistische Kritik des Willens (1992) In Die idealistische Kritik des Willens (1992) sucht Dorschel das Recht des wählenden Willens gegen dessen ethische Kritik im deutschen Idealismus zu verteidigen. Einer Methode „kritische[r] Analyse“Dieter Hüning: Die „Härte des abstracten Rechts“. Person und Eigentum in Hegels Rechtsphilosophie. In: Dieter Hüning, Gideon Stiening und Ulrich Vogel (Hrsg.): Societas rationis. Duncker & Humblot, Berlin 2002, S. 235–262, S. 238. folgend, widerspricht Dorschel der These Kants, dass „ein freier Wille und ein Wille unter sittlichen Gesetzen einerlei“Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten AB 98. sei, wie derjenigen Hegels, dass „die Freiheit des Willens als Gesetz verwirklicht“ werde.Georg Wilhelm Friedrich Hegel: Vorlesungen über die Philosophie der Weltgeschichte. Hrsg. v. Georg Lasson. Felix Meiner, Leipzig 1923ff., S. 368. Nicht im Gesetz realisiere sich Freiheit des Willens, sondern in von Intelligenz geleiteter Wahl.Kurzfassung der Argumentation in englischer Sprache: Andreas Dorschel: The Authority of the Will. In: The Philosophical Forum 33 (2002), Heft 4, S. 425–441. Micha H. Werner: Art. 'Diskursethik'. In: Handbuch Ethik. Hg. v. Marcus Düwell, Christoph Hübenthal und Micha H. Werner. Metzler, Stuttgart/Weimar 2002, S. 140–151, S. 150, bezeichnet Dorschel als "Vertreter der Diskursethik"; dafür bietet die Argumentation aber keinerlei Anhaltspunkte. Im Unterschied zu anderen Kritikern des Idealismus schlägt sich Dorschel nicht auf die Seite des Determinismus. Wenn die Position eines Determinismus Sinn ergeben soll, argumentiert Dorschel, muss er mit dem Begriff der Voraussage korreliert sein. Was vorausgesagt wird, darf wiederum nicht vom Akt des Voraussagens abhängen. Doch wie einer nicht den eigenen Schatten überspringen kann, kann er auch nicht sein eigenes künftiges Verhalten aufgrund seines jetzigen Zustandes voraussagen. Denn diesen würde er ändern, indem er die Voraussage macht.Vgl. Andreas Dorschel: Zur Kritik des totalisierenden Erklärungsprogramms. In: Vierteljahresschrift Theologie und Philosophie 63 (1988), H. 3, S. 384–395. Diese ReflexionDas Argument schließt eine Wendung von der intentio recta zur intentio obliqua ein. kommt ohne den Kantischen Gegensatz eines Determinismus von Erscheinungen und Freiheit des Dinges an sich aus.Vgl. Andreas Dorschel: Die idealistische Kritik des Willens. Versuch über die Theorie der praktischen Subjektivität bei Kant und Hegel. Felix Meiner, Hamburg 1992 (Schriften zur Transzendentalphilosophie 10), S. 118–121.
Vorurteil Nachdenken über Vorurteile (2001) untersucht den Kampf der Aufklärung gegen VorurteileInsbesondere die Entgegensetzung von Vorurteil und Erfahrung ist nicht zu halten. „As Andreas Dorschel has pointed out in this context, language itself, necessary to articulate experience even to ourselves, is saturated with prejudice“ (Martin Kagel: A Blank Slate. In: Publications of the English Goethe Society. 79 (2010), Heft 2, S. 79–94, S. 92). Zu Dorschels Hinweisen auf die Rolle des Vergessens in der aufklärerischen Vorurteilskritik s. Christine Abbt, »Ich vergesse.« Über Möglichkeiten und Grenzen des Denkens aus philosophischer Perspektive. Campus, Frankfurt am Main – New York, NY 2016, S. 191–192. und das Eintreten der Gegenaufklärung für sie. „Dorschel will diesen Streit unterlaufen, indem er eine von beiden geteilte Annahme widerlegt“,Richard Raatzsch: Über Wesen und Wert der Vorurteile. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. 50 (2002), Heft 4, S. 646–653, S. 652. nämlich, Vorurteile ließen sich als schlecht oder gut, falsch oder wahr charakterisieren, eben weil sie Vorurteile seien. Dabei geht Dorschel, wie Richard Raatzsch formuliert, „den gemeinsamen Quellen der Irrtümer beider Seiten nach […], indem er sie so plausibel wie möglich zu machen sucht“.Richard Raatzsch: Über Wesen und Wert der Vorurteile. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie. 50 (2002), Heft 4, S. 646–653, S. 653.Vgl. auch Richard Raatzsch: Autorität und Autonomie. Mentis, Paderborn 2007, S. 95, S. 140–141. Vorurteile, schließt Dorschel, können wahr oder falsch, gescheit oder dumm, weise oder töricht, positiv oder negativ, gut oder schlecht, rassistisch oder humanistisch sein, und sie sind jeweils dies oder jenes anderer Eigenschaften halber als der, dass es sich bei ihnen um Vorurteile handelt.Andreas Dorschel: Nachdenken über Vorurteile. Felix Meiner, Hamburg 2001, S. 1. Vgl., an Dorschel anschließend, John Arthur: Race, Equality, and the Burdens of History. Cambridge University Press, Cambridge – New York, NY, S. 28–29. „Überzeugend“, urteilt Manfred Geier, sei auch Dorschels „Kritik an jener hermeneutischen Rehabilitierung von Vorurteilen, die Hans-Georg Gadamer unternommen hat. Denn die wesenhafte Vorurteilshaftigkeit alles Verstehens, die Gadamer ins Spiel brachte, […] lässt ‚Vorurteil‘ zu einem inflationären Begriff werden.“ Wie Dorschel zeige, verwische die hermeneutische Ehrenrettung des Vorurteils dessen Differenzen zu „Hypothese, Vorgriff […], Vorannahme oder Erwartung.“Manfred Geier: Vorurteilchenphysik. In: Süddeutsche Zeitung 57, Nr. 178 (4./5. August 2001), S. V.
Gestaltung mini|hochkant|Gestaltung, 2. Aufl. (2003) In Gestaltung – Zur Ästhetik des Brauchbaren (2002) durchdenkt Dorschel das Entwerfen nützlicher Dinge entlang der Frage, wie dessen Ergebnisse zu beurteilen seien.Knuth Hornbogen: Rezension. In: design report 10/2002. Für eine exemplarische Ausarbeitung einer Antwort auf diese Frage s. Andreas Dorschel: Ein Bett gestalten. In: Deutsche Zeitschrift für Philosophie 68 (2020), H. 3, S. 439–450. Nach Dorschel, so hebt Annette Geiger hervor, determinieren Zwecke, Technik und Material „nicht die Gestaltung, sondern setzen der Wahl der Form lediglich Grenzen, innerhalb derer sie unterschiedlich ausfallen kann.“Annette Geiger: Andersmöglichsein. Zur Ästhetik des Designs. Transcript, Bielefeld 2018 (Design 41), S. 24. Scharf arbeitet Dorschel die Differenz des Brauchbaren zu Werken der Kunst heraus.Paolo Bianchi: Türen zum Wunderbaren. Zwölf Schlüsselmomente. In: Kunstforum International Nr. 259 (März – April 2019), S. 46–63, S. 58. Ludwig Hasler sieht in Dorschels Buch „eine Streitschrift […] gegen den Funktionalismus der Moderne, der ein Jahrhundert lang die Gestaltung der Gebrauchsdinge revolutionierte, wie gegen die Postmoderne, die sich auf den Spass an der Beliebigkeit der Formen kaprizierte“, analytisch durchgeführt als „argumentative Präzisionskur“.Ludwig Hasler: Die Schönheit der Büroklammer. In: Die Weltwoche 70 (2002), Nr. 29, S. 60–61. Zu Dorschels Kritik des Funktionsbegriffs des Funktionalismus der Moderne vgl. Ute Poerschke: Funktionen und Formen. Architekturtheorie der Moderne. Transcript, Bielefeld 2014 (Architekturen 18), S. 10, 35 u. 169; Johannes Lang: Prozessästhetik. Birkhäuser, Basel 2015, S. 69 u. 156; Annika Frye: Design und Improvisation. Produkte, Prozesse und Methoden. Transcript, Bielefeld 2017, S. 164.
Verwandlung Mit Verwandlung. Mythologische Ansichten, technologische Absichten legte Dorschel 2009 erstmals eine detaillierte, „in vielen Schattierungen abgestufte“Wolfgang Sandberger: Identität, Stabilität und Historizität. In: Musik-Konzepte N.F. XII/2011, S. 73–89, S. 82; vgl. S. 87. Ideengeschichte der Metamorphose vor. Die in den Göttinger Neuen Studien zur Philosophie erschienene Monographie zeigt, wie die Idee der Verwandlung sich einer Rationalisierung durch den Begriff der Veränderung entzieht. Veränderung versteht Dorschel als rationales Muster: Das Ding bleibt, seine Eigenschaften wechseln. Doch wo hört das Ding auf, wo beginnen seine Eigenschaften? Was wäre das Ding ohne seine Eigenschaften? So sei dem Begriff der Veränderung wie ein Schatten die Idee der Verwandlung gefolgt. In vier großen Fallstudien untersucht Dorschel die Verwandlung in der griechisch-römischen Mythologie, im Neuen Testament,Zu Dorschels historischer Analyse der "Verklärung" vgl. Markus Kleinert, Andere Klarheit. Versuch über die Verklärung in Kunst, Religion und Philosophie. Wallstein, Göttingen 2021, S. 67–70. in der neuzeitlichen Alchemie sowie in den aktuellen Entwicklungen der Gentechnologie und der synthetischen Biologie.
Ideen mini|hochkant|Ideengeschichte (2010)