mini|Ehrenfried Walther von Tschirnhaus, Stich von Martin Bernigeroth Ehrenfried Walther von Tschirnhaus (auch Tschirnhauß, fälschlich Tschirnhausen; * 10. April 1651 in Kieslingswalde; † 11. Oktober 1708 in Dresden) war ein deutscher Naturforscher (Didaktiker, Mathematiker, Mineraloge, Philosoph, Physiker, Techniker, Vulkanologe) zu Beginn des Zeitalters der Aufklärung.
Die Schriften, der Briefwechsel und die physischen Objekte geben Aufschluss über die Arbeit und die Wahrnehmung seiner Person durch die Gelehrtenrepublik des 17. und 18. Jahrhunderts in Europa. Sein Denken basierte auf dem Cartesianismus. Seine Werke werden der Frühaufklärung zugerechnet. In der Anwendung und Vervollkommnung der Algebra als Methode der ars inveniendi sah Tschirnhaus eine universelle Methode zur wissenschaftlichen Erkenntnis. Bemerkenswert und umstritten sind die Schlüsse, die er unter Anwendung der propagierten Erkenntnismethode erzielte. mini|Medicina mentis (BEIC) Die Ergebnisse seiner Forschung beförderten die Entwicklung labortechnischer Untersuchungsmethoden, die Materialforschung, das Gießerei- und Hüttenwesen und den optischen Gerätebau. Seine technologischen Innovationen befruchteten die weitere Entwicklung der sächsischen Manufaktur.Forberger, 1985, S. 13–16.
Leben Ehrenfried Walther von Tschirnhaus wurde als siebtes Kind, drei Jahre nach der Beendigung des Dreißigjährigen Krieges in der Markgrafschaft Oberlausitz geboren. Seine Mutter war Elisabeth Eleonore Freiin Achil von Stirling, sein Vater der kurfürstlich-sächsische Rat Christoph von Tschirnhaus. Nach dem Tod der Mutter 1657 wurde er von der Stiefmutter Anna von Nostitz großgezogen.
mini|Gut Kieslingswalde bei Görlitz um 1870, Sammlung Alexander Duncker mini|Gedenktafel an der Stadtwohnung der Familie von Tschirnhaus in Görlitz
Tschirnhaus wuchs in der von zahlreichen protestantischen Glaubensflüchtlingen aus Böhmen und Mähren geprägten Oberlausitz auf. Die unter den Kriegsfolgen leidende Region gehörte trotz der Verluste von etwa zwei Drittel der Einwohner zu den Regionen mit der höchsten Bevölkerungsdichte in Kursachsen. 1623 war diese vom Kaiser Ferdinand II. an den verbündeten protestantischen Kurfürsten Johann Georg I. verpfändet und 1635 an Kursachsen angegliedert worden.
Tschirnhaus erhielt durch Hauslehrer eine mathematisch-naturwissenschaftliche Ausbildung. Er besuchte die Schule von Nathanael Heer in Lauban und das Gymnasium der Stadt Görlitz. Die Geschichte der Stadt Görlitz, die dem Oberlausitzer Sechsstädtebund angehörte, war beeinflusst von der Kultur der utraquistischen Stände Böhmens. Offenbar beschäftigte sich Tschirnhaus bereits als Schüler mit den Arbeiten von Johann Heinrich Alsted, Johann Amos Comenius und kannte wahrscheinlich auch die Schriften Jakob Böhmes. Die Werke reformierter Theologen, die das Systemdenken des Barock vertraten, waren dem jungen Tschirnhaus ebenso bekannt wie die des Jesuiten Athanasius Kircher.
1669–1674 Studium in Leiden Im Winter 1668 reiste er zum Studieren nach Leiden, erkrankte dort aber sofort am gerade grassierenden Fleckfieber. Wieder genesen schrieb sich Tschirnhaus am 8. Juni 1669 an der Universität Leiden zum Studium der Rechtswissenschaften ein. Sein Hauptinteresse galt jedoch der Mathematik, der Philosophie und der Physik. Er hörte beim Philosophen Arnold Geulincx und beim Mediziner de la Boe (Sylvius), der William Harveys Lehre vom Blutkreislauf lehrte. Bei Pieter van Schooten nahm er privat Mathematikstunden und wurde in die Lehren von René Descartes eingeführt, dessen begeisterter Anhänger er sein Leben lang bleiben sollte.
Ab 1672 nahm Tschirnhaus, wie viele seiner Studienkameraden, unter dem Kommando von Baron von Nieuwland für eineinhalb Jahre auf der Seite des niederländischen Statthalters Wilhelm III. von Oranien-Nassau an dem von Frankreich vorbereiteten und von England unterstützten Holländischen Krieg teil. In direkte Kampfhandlungen wurde er aber nicht verwickelt. Im Frühjahr 1674 beendete er sein Studium und kehrte nach Kieslingswalde zurück.
1675–1676 Bildungsreise nach England und Frankreich Zum Jahreswechsel 1674 / 1675 begann Tschirnhaus seine Grand Tour. Die Stationen dieser Reise, die Tschirnhaus in die wissenschaftlichen Zentren Europas führten, prägten seine späteren Forschungsarbeiten. In den Niederlanden knüpfte Tschirnhaus an die während des Studiums geschlossenen Kontakte zu dem in Den Haag lebenden Baruch Spinoza an. Ausgestattet mit einem Empfehlungsschreiben Spinozas reiste er im Mai 1675 für drei Monate nach London. Er besuchte dort den Sekretär der Royal Society Henry Oldenbourg. Dieser vermittelte dem selbstsicher auftretenden Tschirnhaus Kontakte zu Robert Boyle und John Wallis, Denis Papin und Christopher Wren. John Collins beschreibt Tschirnhaus später gegenüber James Gregory, der wie Isaac Newton am Bau von Spiegelteleskopen arbeitet, als the most knowing algebraist in Europe.siehe die Website John Collins and James Gregory discuss Tschirnhaus der University of St. Andrews, abgerufen am 21. Dezember 2015 John Pell lehnte es sogar ab, sich mit Tschirnhaus über mathematische Fragen zu unterhalten, damit er nicht in den Verdacht komme, von ihm abgeschrieben zu haben.Eike Christian Hirsch: Der berühmte Herr Leibniz. Beck’sche Reihe, S. 80. Der häufig sehr kritische Pell hatte dagegen den jungen unerfahrenen Leibniz bei seinem Besuch 1673 öffentlich bloßgestellt.
Oldenbourg gab Tschirnhaus Empfehlungsschreiben für in Paris lebende Wissenschaftler. Dort angekommen, traf er Gottfried Wilhelm Leibniz und Christiaan Huygens, welcher ebenfalls in Leiden studiert hatte. Huygens war seit 1660 Mitglied der Royal Society. Wie Newton arbeitete er am Bau optischer Instrumente und forschte zu Fragen der Beugung, Brechung und Reflexion des Lichts, die später zum Bestandteil seiner Elementarwellentheorie werden. Tschirnhaus arbeitete auf Empfehlung Huygens zeitweise als Hauslehrer des französischen Finanzministers Colbert, des Gründers der Pariser Akademie der Wissenschaften. Tschirnhaus unterrichtete Colberts Sohn in Mathematik, wobei er sich der lateinischen Sprache bedienen musste, da er kaum Französisch sprach. Er kam in Kontakt zu Antoine Arnauld, Nicolas Malebranche und Edme Mariotte. Im September 1675 ist er Teilnehmer von Schmelzversuchen, die mit einem Brennspiegel durchgeführt wurden.
An der Seite des von Johann Philipp von Schönborn nach Paris entsandten Leibniz arbeitete Tschirnhaus an Problemen der Algebra, daneben auch zur Geometrie und Zahlentheorie. Tschirnhaus war jedoch nicht gewillt, sich der von Leibniz entwickelten Infinitesimalrechnung anzuschließen. Er favorisierte eine anschauliche Methodik zur Behandlung geometrisch-algebraischer Sachverhalte. Diese auf dem Cartesianismus basierende Auffassung, als deren Vollender sich Tschirnhaus sah, enttäuschte die Erwartungen von Leibniz, die er an das mathematische Talent geknüpft hatte. Im Oktober entdeckt Tschirnhaus eine Methode zur Vereinfachung von Gleichungen höheren Grades, die Tschirnhaus-Transformation. Im November 1676 setzte Tschirnhaus seine Studienreise fort. Von Paris aus ging es zum Konstrukteur des Pariser Brennspiegels, dem Physiker François Villette in Lyon. Dort sieht Tschirnhaus weitere Brennspiegel und Experimente von Villette.
1677–1679 Studienreise nach Italien mini|250px|Kirchers Modell der unterirdischen Feuer, Illustration aus Mundus Subterraneus Im Gefolge des schlesischen Grafen Nimptsch führte seine Reise von Lyon über Turin nach Mailand zu Manfredo Settala und dessen Sammlung von Instrumenten, zu der ein Brennspiegel von 119 cm Durchmesser gehörte.Das Museum des Manfredo Settal – Settalas Museum in Mailand Nach den Stationen Venedig und Bologna erreichte er 1677 Rom. Tschirnhaus traf hier Giovanni Alfonso Borelli, den er zu Schleiftechniken befragte. Borelli war ein Schüler Michelangelo Riccis und Freund von Evangelista Torricelli und Athanasius Kircher. Letzterer hatte sechs Jahre zuvor in den Ars magna lucis et umbrae über antike Brennspiegel publiziert. Seine Arbeit Mundus subterraneus zur Vulkanologie stand unmittelbar vor dem Abschluss. Er war auch Gründer des Museum Kircherianum, der bedeutenden barocken Wunderkammer, die dem Collegium Romanum zu Lehrzwecken diente. Im April 1677 traf Tschirnhaus Kircher zum ersten Mal persönlich und empfing von ihm viele Anregungen. Noch im Frühjahr 1677 reiste Tschirnhaus nach Neapel. Nach Studien am Vesuv setzte er die Reise über Palermo fort, um am Ätna und auf den Liparischen Inseln am Stromboli Untersuchungen zur Vulkanologie und dem vulkanischen Gestein Obsidian zu betreiben.
Nach einem Abstecher nach Malta reiste Tschirnhaus über Mailand und Genf wieder nach Paris, wo er zu Beginn 1679 eintraf. Dort erhielt Tschirnhaus Einblick in die abgeschlossene Arbeit von Huygens zur Wellenoptik, die heute als Huygenssches Prinzip bekannt ist. Er erlebte außerdem die Wirkungsweise eines neuen großen Brennspiegels Villettes. Im Spätsommer reiste er nach Leiden und arbeitete an der Veröffentlichung von Spinozas nachgelassenen Manuskripten mit. Über Hannover, wo er Leibniz besuchte, erreichte er im Oktober 1679 Kieslingswalde.
1679–1687 Entwicklung der Brennspiegel mini|Sphärischer Brennspiegel von Tschirnhaus aus dem Jahr 1686 im Mathematisch-Physikalischen Salon in Dresden. Im Hintergrund steht einer seiner Brennlinsen-Apparate
Ab 1679 arbeitete Tschirnhaus zusammen mit dem Mechaniker Johann Hoffmann am Bau von Brennspiegeln. Tschirnhaus vereinfachte die Herstellung der bislang aus Metalllegierungen gegossenen Spiegel. Durch das Treiben vorgefertigter Bleche aus erzgebirgischen Kupferhämmern gelang die preiswerte Fertigung von Spiegelapparaten. Die Kupferkalotten waren leicht und im Anschluss gut polierbar. Im Reflexionsvermögen optimiert wurden die konkaven Hohlspiegel in kreisrund umlaufende Holzzargen eingelegt. Über einen Dreifuß aufgestellt, waren sie gut justierbar.
Ihr Ziel war es, mit den Gewinnen aus dem Verkauf der Instrumente zukünftige Forschungen und die Gründung einer naturwissenschaftlich-technischen Akademie in Kieslingswalde zu finanzieren. Dazu sollten auch zwischen 1681 und 1682 durchgeführte Reisen nach Paris helfen. Auf Empfehlung von Jean-Baptiste Colbert wurde Tschirnhaus am 22. Juli 1682 als académicien géomètre in die Académie des sciences aufgenommen. Den ersten Teil der 1686 veröffentlichten „Medicina mentis“ widmete er Ludwig XIV. Er erhoffte sich, so vom König eine Pension als Mitglied der Akademie zu erhalten. Beide Hoffnungen erfüllten sich nicht.
Neben Spinoza, Huygens und Oldenburg pflegte Tschirnhaus eine umfangreiche Korrespondenz zu Wegbereitern der Frühaufklärung wie Friedrich Hoffmann, Adam Rechenberg und Otto Mencke.
Tschirnhaus heiratete 1682 Elisabeth Eleonoren von Lest. Aus der Ehe gingen fünf Kinder hervor. Mit dem Tod des Vaters übernahm Tschirnhaus 1684 die Verwaltung des Gutsbesitzes, die er jedoch fast ganz seiner Frau überließ, während er sich wissenschaftlichen Arbeiten widmete. Die Ernennung zum Kanzler der neu zu gründenden Universität der Stadt Halle (Saale), die 1680 an das Kurfürstentum Brandenburg gefallen war, schlug Tschirnhaus ebenso aus wie die Mitwirkung am Aufbau von Manufakturen des Landgrafen Karl von Hessen-Kassel.