mini|hochkant=1.35|Die Insel Santorin heute: Die vulkanische Caldera wird aus der Hauptinsel, der Insel Thirasia im Westen und der winzigen Felsinsel Aspronisi im Südwesten gebildet. In der Mitte des Inselrunds liegen die beiden erst nach der Minoischen Eruption entstandenen Inseln Palea Kameni und Nea Kameni.

Als Minoische Eruption (auch Thera- oder Santorin-Eruption) wird der spätbronzezeitliche Ausbruch der ägäischen Vulkaninsel Thera (heute Santorin) bezeichnet, der im 17. oder 16. Jahrhundert v. Chr. die eng mit der minoischen Kultur verbundene Siedlung Akrotiri (moderner Name) auf Santorin zerstörte. Die direkten Auswirkungen des Ausbruchs sind umstritten, vor allem die bis in die 1960er Jahre oft vertretene Meinung, er habe den Untergang der minoischen Kultur auf Kreta herbeigeführt.Spyridon Marinatos: The Volcanic Destruction of Minoan Crete. In: Antiquity 13, 1939, S. 425–439.Walter L. Friedrich: Feuer im Meer. Der Santorin-Vulkan, seine Naturgeschichte und die Atlantis-Legende. 2. Auflage. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg 2004, ISBN 3-8274-1582-9.

Die bei der Eruption ausgestoßenen Pyroklastika lassen sich in archäologischen Fundstellen im gesamten östlichen Mittelmeer finden und bieten so einen Fixpunkt in der Stratigraphie. Die Datierung der Eruption ist umstritten; zwischen den historiografisch und den naturwissenschaftlich ermittelten Daten lagen etwa 100 Jahre. Seit einer Verfeinerung der naturwissenschaftlichen Methodik lassen sich die Radiokarbondatierungen mit den historiografischen Befunden vereinbaren.

Der Vulkan von Santorin Der Vulkan von Santorin entstand durch plattentektonische Vorgänge. Er gehört zu einem vulkanischen Inselbogen in der südlichen Ägäis, der über einer Subduktionszone liegt, die durch das Abtauchen der Afrikanischen unter die Eurasischen Platte entsteht.

Der Kern der Insel besteht aus metamorphen Gesteinen im Alter von etwa 200–40 Millionen Jahren. Sie sind heute an der Oberfläche nur noch an der höchsten Erhebung, dem Profitis Ilias (567 m), sichtbar, liegen an vier Stellen der südlichen Insel aber unter jüngeren Schichten. Der Rest der Insel besteht aus vulkanischem Gestein, das bei mindestens zwölf mittleren und größeren sowie weiteren kleineren Eruptionen seit dem Pleistozän, also in den letzten 1,8 Millionen Jahren, entstanden ist. Dabei handelt es sich überwiegend um pyroklastische Ablagerungen; es lassen sich jedoch durch das ganze Gebiet fünf Lavaströme nachweisen.Floyd W. McCoy & Grant Heiken, The Late-Bronze Age explosive eruption of Thera (Santorini), Greece – Regional and local effects. In: Volcanic Hazards and Disasters in Human Antiquity, Special Paper 345 of the Geological Society of America, Boulder 2000, ISBN 0-8137-2345-0, S. 43–70. Altersbestimmungen der Gesteine lassen ein Intervall von 20.000 Jahren zwischen größeren und 5.000 Jahren zwischen kleinen Ausbrüchen vermuten.

Santorin liegt im Zentrum einer Vulkankette, die sich von den Christiana-Inseln im Südosten über den Unterwasservulkan Kolumbos bis zur Kolumbo-Vulkankette im Nordosten erstreckt. Dieses ca. 60 km lange Vulkanfeld liegt in einer Nordost-Südwest orientierten Schwächezone und ist in vier Phasen entstanden, die im späten Pliozän mit der Entstehung Christianas ihren Anfang nahmen. Die Insel Santorin ist das Ergebnis der jüngeren Geschichte dieser Vulkankette, in der die Insel ihre Form und Größe wiederholt änderte. Vor etwa 360.000 Jahren verlagerte sich der Schwerpunkt der vulkanischen Aktivität auf das Zentrum des heutigen Kraters. Die charakteristischste Art der Aktivität in den letzten 360.000 Jahren war der zyklische Bau von Schildvulkanen. Die großen explosiven und zerstörerischen Ereignisse des letzten Zyklus vor etwa 3.600 Jahren hatten starke Auswirkungen auf die Kulturen des insbesondere östlichen Mittelmeeres. Im Detail kann die vulkanische Entwicklung von Santorin in sechs Hauptstadien unterteilt werden:T. H. Druitt et al.: Explosive volcanism on Santorini, Greece. Geological Magazine (1989), Vol. 126, No. 2, S. 95–126.

Akrotiri-Vulkane (650.000 – 550.000 Jahren) Peristeria-Vulkan (vor 550.000 – 450.000 Jahren) Aschenkegel der Halbinsel Akrotiri (vor ca. 450.000 – 340.000 Jahren) Erster Eruptionszyklus (vor 360.000 – 180.000 Jahren) Zweiter Eruptionszyklus (vor 180.000 Jahren – 1613 v. Chr.) mit Kap Riva Eruption (21.000 Jahre) Kameni-Schild (1613 v. Chr. – Gegenwart)

Moderne Untersuchungen zeigen, dass die Inselgruppe bereits in minoischer Zeit annähernd ihre heutige Form hatte (einschließlich einer Insel in der Mitte der Caldera), die sie bereits durch die Kap-Riva-Eruption vor etwa 21.000 Jahren erhielt.S. Wulf, M. Kraml, T. Kuhn, M. Schwarz, M. Inthorn, J. Keller, I. Kuscu, P. Halbach: Marine tephra from the Cape Riva eruption (22 ka) of Santorini in the Sea of Marmara. In: Marine Geology, Band 183, Issues 1–4, 30. April 2002, S. 131–141.

Umfang der Eruption mini|Verbreitungskarte theräischer Tephra nach der Minoischen Eruption

Der griechische Archäologe Spyridon Marinatos publizierte 1939 die Theorie, der Ausbruch des Thera-Vulkans habe zum Untergang der minoischen Kultur auf Kreta geführt. Für Marinatos musste der Thera-Ausbruch dem des indonesischen Vulkans Krakatau geähnelt haben, durch den 1883 rund 36.000 Menschen starben. Neben einem Ascheregen, der in einem Umkreis von mehreren hundert Kilometern den Himmel verdunkelt hatte, war für ihn besonders die aus der Eruption resultierende Flutwelle eine wichtige Parallele. Mit bis zu 15 m Höhe hatte der vom Krakatau verursachte Tsunamiardalpha.de 11. April 2024 1883 die Küste der benachbarten Inseln überspült und zahlreiche Städte zerstört. Marinatos nahm eine ähnlich verheerende Überflutung der Küsten Kretas durch die Thera-Eruption an und vermutete darin die Ursache für den Untergang der minoischen Kultur.

Mittlerweile wurden Spuren von Flutwellen an einigen Orten an der Nordostküste Kretas identifiziert, so in Pseira, Palaikastro und Papadiokambos.Walter L. Friedrich: Santorini – Volcano, Natural History, Mythology. Aarhus University Press 2009, ISBN 978-87-7934-505-8, S. 95. Selbst an der Küste Israels wurden Tsunamispuren gefunden und datiert.Lisa Leander: Tsunami-Spuren an Israels Küste. epoc-online vom 14. Oktober 2009. Die Ausgrabungen von Palaikastro zeigen, dass der ganze Ort überschwemmt und zerstört wurde, später aber zumindest teilweise wieder aufgebaut wurde, die minoische Kultur also noch weiter bestand.

Im Vergleich zum Krakatau-Ausbruch (20–30 km³) vermutete schon Marinatos die vierfache Menge von Tephra (80–120 km³). Ein solches Ausmaß entspricht einer Eruption der Stärke 7 auf dem Vulkanexplosivitätsindex (VEI). Im Laufe der Jahre wurden die Zahlen zunächst nach unten korrigiert. Da auch die Dicke der Ascheschichten auf den Nachbarinseln Marinatos’ Annahme nicht bestätigte,Christos Doumas et al.: Santorini tephra from Rhodes. In: Nature 287, 1980, S. 322–324. doi:10.1038/287322a0. nahm man eine kleinere Eruption (30 km³) der Stärke VEI 6 an. Auch eine Pollenanalyse von Sedimentschichten vor und nach dem Thera-Ausbruch deuteten auf minimale Veränderungen der regionalen Vegetation und somit eine verhältnismäßig kleine Eruption hin.W. J. Eastwood et al.: The environmental impact of the Minoan eruption of Santorini (Thera): statistical analysis of palaeoecological data from Gölhisar, southwest Turkey. In: The Holocene 12, 2002, S. 431–444. doi:10.1191/0959683602hl557rp.

Im Jahr 2002 wurden jedoch Ascheschichten gefunden, deren Dicke als Hinweis auf eine mehr als doppelt so starke Eruption (bis zu 100 km³ Tephra) interpretiert worden ist.Floyd W. McCoy et al.: Modelling the Climatic Effects fo the LBA Eruption of Thera: New Calculations of Tephra Volumes May Suggest a Significantly Larger Eruption than Previously Reported. In: Proceedings of the Chapman Conference on Volcanism and the Earth’s Atmosphere. Am. Geophysical Union, Santorini, 2002, S. 21–22. agu.org (PDF). Weitere Untersuchungen des Meeresbodens rund um Santorin im Jahre 2006 ermittelten Ablagerungen von pyroklastischen Strömen in erheblicher Dicke. Die darauf basierende neue Schätzung ergab nun ein Gesamtvolumen von 60 km³ Magma, was die Stärke nach VEI wieder sicher auf 7 erhöhte.Haraldur Sigurdsson, Steven Carey: Thera 2006 Expedition Summary. Graduate School of Oceanography University of Rhode Island.

Bei Ausgrabungen im türkischen Fundort Çeşme Bağlararasi, gegenüber der griechischen Insel Chios im Küstenort Çeşme (Provinz Çeşme) wurde erstmals ein Opfer der Minoischen Eruption(en) gefunden. Ende 2021 wurde über den Fund des Çeşme-Manns (und eines Hundes) publiziert. Demnach wurde er durch die erste von vier Tsunamiwellen in 227 km Entfernung von Santorin in einem Haus verschüttet. Nachdem damals rasch nach dem jungen Mann gegraben wurde, wurde die Stelle von weiteren Ablagerungen nach Tsunamis nochmals wiederholt verschüttet. Es wechseln sich Asche- und Geröllschichten ab.Vasıf Şahoğlu et al.: Volcanic ash, victims, and tsunami debris from the Late Bronze Age Thera eruption discovered at Çeşme-Bağlararası (Turkey). In: PNAS. Band 119, Nr. 1, e2114213118; doi:10.1073/pnas.2114213118. Vulkanausbruch: Opfer von bronzezeitlicher Katastrophe gefunden. Auf: orf.at vom 28. Dezember 2021.

Phasen der Eruption Der Ausbruch wird heute in vier größere Phasen eingeteilt.Die Darstellung des Ablaufs folgt McCoy/Heiken 2000, soweit keine anderen Quellen angegeben sind.Darstellung der Rekonstruktion der Eruption in vier Phasen. Dabei bildete sich der Tsunami in Phase 3 und 4 und nicht beim Einbruch der Caldera. Graphik aus P. Nomikou, T.H. Druitt et al.: Post-eruptive flooding of Santorini caldera and implications for tsunami generation. Nature Communications 7:13332, November 2016 . Ihm gingen einige Erdbeben voran. Die Bewohner verließen daraufhin die Insel. Sie hatten genügend Zeit, ihre Wertsachen mitzunehmen. Bei den Ausgrabungen der Stadt Akrotiri wurden weder Leichen noch Schmuck oder aufwendige Werkzeuge gefunden. Kurz nach den Erdbeben wurde Akrotiri offenbar wieder aufgesucht. Man versuchte, unzerstörte Pithoi (Vorratsbehälter) und Möbelstücke zu bergen, einsturzgefährdete Wände niederzureißen und Baumaterialien für eine Wiederverwendung zu sortieren.Clairy Palyvou: Akrotiri Thera – an architecture of affluence 3500 years old. INSTAP Academic Press, Philadelphia 2005, ISBN 1-931534-14-4, S. 11.

Die Bergungsoperation wurde abgebrochen; die Helfer flohen erneut und ließen die schon bereitgestellten Vorratsbehälter und Möbel zurück. Als Ursache gilt der erste Fall von Pyroklastika. Es handelte sich nur um geringe Mengen von vulkanischen Aschen und Lapilli aus einem Schlot fast genau im Zentrum der Insel. Danach trat eine Pause ein. Da auf einigen Mauerstümpfen in Akrotiri Grasbüschel nachgewiesen wurden, wird über eine Ruhezeit von mehreren Monaten spekuliert.

Der erste Ausstoß von Bimsstein mini|links|hochkant|Gut erhaltene Bimsschichten am Küstenabschnitt ca. 1000 m nördlich der Ausgrabungsstätte Akrotiri (Santorin). mini|Bimsstein der Minoischen Eruption von der Nordküste Kretas in Papadiokambos westlich von Sitia (Archäologisches Museum Sitia) Die erste Phase des eigentlichen Ausbruchs bestand aus einer plinianischen Eruption mit dem Auswurf von leichtem Bimsstein und Aschen. Die Ablagerung geschah mit ca. 3 cm/min, die maximale Dicke der Schicht betrug 7 m. Wo sich die Aschen unter steilen Hängen sammelten, konnten 11 m erreicht werden. Der Ausstoß begann mit weißem Material und wechselte zu Rosa, in das zunehmend Gesteinsbrocken in leuchtend gelben, orangen und roten Tönen eingelagert wurden. Die Farben stammen von den zunehmenden Temperaturen des Gesteins beim Auftreffen am Boden beziehungsweise auf vorherigen Schichten.