Die Deutschen in Pabianice (deutsch Pabianitz, 1940 kurzzeitig Burgstadt), die sich in dem Ort ab 1793 ansiedelten, waren ein Teil der deutschen Minderheit in Polen. Im Jahr 1860 bildeten sie 29 Prozent der Stadtbewohner, 1913 waren es 14 und 1921 noch 5,5 Prozent der Bevölkerung. Bis 1931 stieg der Anteil auf 9,8 Prozent.

Anfänge der deutschen Zuwanderung

1793, im Jahr der preußischen Besetzung, sprach im dreizehnköpfigen Magistrat von Pabianice, einer Kleinstadt mit 467 Katholiken und 15 Juden, niemand deutsch.Otto Heike: Die Provinz Südpreußen. Preußische Aufbau- und Verwaltungsarbeit im Warthe- und Weichselgebiet 1793–1806, Marburg 1953, S. 84, 92, Digitalisat Einige Deutsche kamen als Beamte in den Ort, als er infolge der zweiten Teilung Polens in den preußischen Staat eingegliedert wurde. Samuel Gottfried Schimink war Schreiber und Johannes Schulz Intendant im Pabianitzer Amt. Johannes Gottlob Wolmar war für die Rechtsprechung zuständig. Wenige andere Deutsche sind in dieser Zeit nachweisbar.

mini|Das Schloss der Krakauer Bischöfe, 1793–1807 Sitz der preußischen Verwaltung, seit 1833 Rathaus

Die nächste Einwanderungswelle der deutschen Siedler kam in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts infolge des Wiener Kongresses. Pabianice lag nun im zum russischen Reich gehörenden Königreich Polen. Aufgrund des Vorhandenseins von Wasserläufen, günstigen Verkehrswegen und Holzreichtum erschien Pabianice geeignet für die Ansiedlung von Tuchmachern und Webern. Dadurch sollte Pabianice den Status einer Fabrikstadt erhalten. Die Regierung in Warschau schickte Werber in die deutschen Textilgebiete, vor allem nach Sachsen, Schlesien, Preußen und in das Sudetenland.

mini|hochkant|Pabianitz 1796

Auf dem Stadtplan des Jahres 1824 war auf der linken Seite des Flusses Dobrzynka das Stadtviertel "Neustadt" für die zuwandernden Handwerker verzeichnet. 1826 befanden sich in Pabianice bereits 30 aus Deutschland stammende Tuchmacher. Den Neuankömmlingen wurden anfänglich Räume im Schloss, dem alten Hof des Krakauer Kapitels, zur Verfügung gestellt. In den Hinterhäusern des Schlosses wurden die ersten Handwebstühle untergebracht. Jeder Siedler bekam später einen Bauplatz und eine Anleihe in der Höhe von 600 Złoty für die Errichtung eines Holzhauses oder 1.500 Zł für ein gemauertes Haus. Eine Walkmühle zur Verarbeitung, Verdichtung und Veredelung von Geweben wurde an dem Fluss Dobrzynka eingerichtet.

mini|Ältestes erhalten gebliebenes Weberhaus der deutschen Weber, ab 1836 Haus von Benjamin Krusche

Die Mehrheit der deutschsprachigen Handwerker sammelte sich in der 1826 gegründeten Tuchmacherinnung. Die Bücher der Tuchmacherinnung wurden in polnischer und in deutscher Sprache geführt, da die Mehrheit der Mitglieder deutscher Abstammung war. 1836 stifteten sich die Tuchmacher die erste Fahne, 1854 die zweite. Von der zweiten ist nur die verzierte Spitze mit der deutschen Anschrift „Es lebe die löb Meisterschaft der Weberzunft in Pabianice“ erhalten.

Den Vorstand der Tuchmacherinnung bildeten fast ausschließlich deutsche Handwerker. Die Ältesten und Meister während der russischen Zeit waren unter anderem: Ambrosius Schulze und Gottlieb Krusche (in den Jahren 1826–1843), Josef August Führih und Józef Nowotny (1844–1846), Antonius Dinzer und Kilkar (1847–1849), Ambrosius Hazek (1850–1853), Josef August Führih und E. Krusche (1855–1864), Vincencius Dere und Josef Schnabel (1865–1877), Nikolaus Wendler (1878–1885), Franciszek Gryzel (1887–1894), Adolf Jaroszka (1906–1909) und Adolf Hille (1910–1917).

Eine preußische Erhebung ergab 1793, dass die Stadt 75 Häuser aufwies, 27 mit Schindeln und 48 mit Stroh gedeckt. Unter preußischer Herrschaft blieb der alte Markt unverändert, während die Neustadt schnell wuchs. Hier wurden im Jahre 1803 schon über 200 deutsche Hauswirte mit einer weit über 1000 Seelen liegenden Zahl notiert. 1817 sollen im Umkreise von einer Meile 250 evangelische Grundbesitzer gelebt haben, mit Angehörigen 1230 Personen.

Ein erster Plan der Migranten, auch eine evangelische Kirche zu errichten, scheiterte mit dem Abzug der Preußen 1806. Beim nächsten Versuch 1816 war unklar, ob für eine evangelische Kirche ausschließlich Pabianitz in Frage käme. Vor allem lag einem Oberamtmann Werner, dem Besitzer einer Schnapsbrennerei und Pächter des Pabianitzer Spiritusmonopols, viel daran, die Gründung einer Kirche in der Stadt wegen der Gefährdung seines Absatzes zu verhindern. Er überzeugte die Woiwodschaftskommission davon, die Kirche in Sulzfeld zu erbauen. Man hat damals auch Łódź zur evangelischen Parochie der Gegend vorgeschlagen. Diese Stadt hatte damals noch keine deutschen evangelischen Einwanderer.

Industriebetriebe „Krusche & Ender“ Die bestverdienenden Fabrikanten deutscher Abstammung waren die Krusches und Enders. 1825 kam der Tuchmacher Gottlieb Krusche (geb. 1769 in Reichenau) aus Sachsen nach Pabianice. Am Anfang hatte er nur eine Handweberei mit neun Werkstätten für die Herstellung von Baumwollprodukten. 1850 ließ sein Sohn Benjamin die erste Dampfmaschine herbeischaffen. 1865 baute er ein Hauptkontor an der Zamkowa (Schloss-)straße 3. Das Unternehmen bekam viele Auszeichnungen in den internationalen Industrieausstellungen (in Warschau, Moskau und Paris) für die gute Qualität der Erzeugnisse. 1872 wurde Karl Ender aus Sachsen als Mitinhaber von Benjamin Krusche mit einbezogen. Bald baute er die Weberei für die Baumwollabfälle aus. Seit 1874 nutzte die Firma den Namen „Krusche & Ender“. In den 1880er Jahren haben die Eigentümer der Baumwoll-Manufaktur weitere Preise in Industrieausstellungen (in Sankt Petersburg, Moskau und Warschau) bekommen. Ab 1896 hatte das Unternehmen das Recht auf seinen Waren das russische Staatswappen (zweiköpfiger Zarenadler) zu benutzen. 1891 wurde eine Feinspinnerei eingerichtet, die eine Herstellung von Unterwäschestoffen ermöglichte.

mini|Das 1865 erbaute Hauptkontor der Firma „Krusche & Ender“ 1899 wurde die Firma in die Aktien-Gesellschaft der Pabianicer Baumwoll-Manufakturen „Krusche & Ender“ mit einem Stammkapital in der Höhe von 3.500.000 Rubel umgewandelt. Die Gründer der Aktiengesellschaft waren Karl Ender, Hermann Krusche und Theodor Ender. Ein Jahr später bekam das Unternehmen eine Goldmedaille auf der Pariser Ausstellung. Die Mitglieder des Vorstandes der Aktiengesellschaft waren seit 1908 Theodor Ender (Vorsitzender und Generaldirektor), Felix Krusche (Technischer Direktor), Theodor Hadrian (Geschäftsdirektor), Ludwig Knothe (Technischer Direktor) und Alfred Scholz (Leiter des Hauptlagerhauses in Lodz). Das Hauptverkaufsbüro befand sich in Lodz. Die Firma besaß auch Warenlager in Warschau und Russland. 1911 beschäftigte die Firma 4.303 Arbeiter und produzierte 20.569.371 Meter Stoff.

mini|Das 1883 erbaute Palais der Enders an der Schlossstraße Für die Beschäftigten richtete die Aktiengesellschaft „Krusche & Ender“ Institutionen sozialen und bildungskulturellen Charakters ein. 1869 etablierte Benjamin Krusche die erste Krankenkasse für Arbeiter. Aus Initiative von Auguste Ender (geb. Krusche) begann man 1882 mit dem Bau der Arbeiterhäuser („Familienhäuser“). 1895 wurde das Gebäude an der Skromnastraße (heute Wyszyńskiegostraße) errichtet, wo später die Elementarfabrikschule ihren Platz fand. 1905 wurde die Fabrikbibliothek und 1906 eine kostenlose Badeanstalt für die Arbeiter an der Grobelnastraße eingerichtet. Das 1909 erbaute Fabrikkrankenhaus an der św. Rochastraße besaß 50 Betten und ein Ambulatorium.

Firma „Krusche & Ender“ prägte ebenso die sozialen Tätigkeiten auf Stadtebene. Sie überwies im Jahre 1900 10.000 Rubel für den Bau der katholischen Kirche in der Neustadt. 1910 erklärte sie sich bereit, 4.000 Rubel für den Bau der katholischen Kinderbewahranstalt an der St.-Johannes-Straße zu stiften. Für den Bau des städtischen Krankenhauses in den Jahren 1904–1907 hat die Aktiengesellschaft 10.000 Rubel und für die Errichtung der Abteilung für Geisteskranke im Jahre 1908 zusätzliche 1.000 Rubel gespendet. Das Unternehmen deckte auch die Defizite der Pabianicer Handelsschule. In den Jahren 1899 bis 1905 zahlte es in die Schulkasse 51.320 Rubel ein.

1926 feierte die Firma ihr 100-jähriges Bestehen. Aus diesem Anlass überreichten Felix Krusche und Stefan Ender dem polnischen Präsidenten Ignacy Mościcki ein Erinnerungsalbum mit den Aufnahmen der Firma. 1930 kam es zur Vereinigung der Firma „Krusche & Ender“ mit der Aktiengesellschaft „Moszczenicer Manufaktur T. Ender & Erben“. In der Zwischenkriegszeit produzierte man Wäschestoffe, Farbleinen, Druckgewebe, Bett- und Tischdecken, Taschen- und Tischtücher sowie Velours. 1938 betrug die Höhe des Unternehmenskapitals 14.875 Millionen Złoty, und die Zahl der Beschäftigten belief sich auf 4.130 Personen. Im gleichen Jahr hat man mit dem Bau der Fabrik zur Produktion technischer Materialien in Baranów bei Sandomir begonnen.

R. Kindler Die drittbedeutendste deutsche Fabrikantenfamilie war die Familie Kindler. Rudolf Kindler kam 1848 als erster Vertreter dieser Familie nach Pabianice und nahm die Stelle des Leiters der Färberei bei Benjamin Krusche an. 1859 machte er sich selbstständig, indem er einige Dutzend Webstühle installierte. 1861 gründete er eine Handweberei für wollene und halbwollene Waren, die sich aus 68 Webstühlen und einer Färberei zusammensetzte. Schon 1865 nahm er teil an einer Industrieausstellung in Moskau, und in der Landwirtschaftlich-industriellen Ausstellung in Paris bekam er eine Medaille. 1879 beschäftigte das Unternehmen 650 Arbeiter, und nahm damit den zweiten Platz in der Wollbranche in ganz Kongresspolen ein.

mini|Die restlichen noch erhaltenen Gebäude der Fabrik von Rudolf Kindler, nach dem Abriss im Jahre 20021888 entschied sich die Wollmanufaktur von Rudolf Kindler zur Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Die Firma nahm den Namen: „Aktiengesellschaft Halbwollener Waren R. Kindler“ an. Das Stammkapital betrug 1.000.000 Rubel. Es wurde in 1.000er Aktien geteilt, deren nomineller Wert bei einer Höhe von 1.000 Rubel lag. Dieses war typisch für ein Familienunternehmen. In der Gruppe der Gründer befanden sich Rudolf, Ludwig und Oskar Kindler.

mini|Der erhalten gebliebene Wasserturm der Fabrik von Rudolf Kindler Die weiteren Erfolge brachten die 1890er Jahre. Bei der Allrussischen Industrie- und Handwerksausstellung 1896 in Nischni Nowgorod erwarb das Unternehmen das Recht, auf ihren Produkten das Staatswappen zu benutzen. Den Absatzmarkt der Kindlerschen Firma bildete das Russische Reich. Um die Jahrhundertwende führte das Unternehmen Investitionen in Pabianice durch. Die Anlagen in der Gegend der Schloss- und Ogodowastraße (heute Trauguttastraße) wurden ausgebaut. Im Jahre 1913 wurde die Aktiengesellschaft R. Kindler zum Marktführer in der Wollindustrie Kongresspolens.

Die Aktiengesellschaft R. Kindler bemühte sich ebenso in sozialer und bildungs-kultureller Richtung, indem entsprechende Institutionen auf dem Firmengelände erschaffen wurden. Um das Jahr 1872 gründete Rudolf Kindler eine Krankenkasse für die Arbeiter. 1879 etablierte Julius Kindler eine Feuerwehr, die aus neun uniformierten und mit spezieller Ausrüstung ausgestatteten Feuerwehrmännern bestand. Um 1898 wurde die Lebensmittelgenossenschaft für die Beamten gegründet. 1904 wurde ein Gebäudekomplex des Stadtkrankenhauses an der Bocznastraße (heute Żeromskiegostraße) errichtet. Die Unterhaltung der 45 Krankenbetten des Krankenhauses kostete 21.000 Rubel. Der Chefarzt des Krankenhauses war ein bekannter Sozialarbeiter, Witold Eichler. 1906 begann die Elementarschule für Arbeiterkinder ihre Tätigkeit. Unterstützend für beide Schulen funktionierte eine 1905 gegründete Bibliothek, die 3.000 Bücherbände besaß.

mini|Das in den 1880er Jahren erbaute Palais der Familie Kindler