mini|Ehemaliges Wohngebiet der Beothuk Die Beothuk oder Pi'tow'ke („flussaufwärts“, aus dem Mi’kmaq Pi'tow'ke waq na nin „Wir kommen vom Land flussaufwärts“Rita Joe: Song of Rita Joe: Autobiography of a Mi'kmaq Poet, Seite 130, University of Nebraska Press, 1996, ISBN 978-0-8032-7594-2.) waren ein vermutlich Algonkin sprechendes indianisches Volk auf der Insel Neufundland vor der Ostküste Nordamerikas. Die letzten Beothuk lebten zu Beginn des 19. Jahrhunderts und sind möglicherweise nach Norden zu ihren indianischen Verbündeten in Labrador, den Innu, gezogen. Sie gelten seit 1829 als ausgestorben.

Name Der Name Beothuk taucht vor dem Ende des 18. Jahrhunderts nicht auf, bis Wörter aus ihrer Sprache von gefangenen Indianern gesammelt wurden. Bis dahin und sogar noch nach dieser Zeit waren die Beothuk wegen ihres großzügigen Gebrauchs von rotem Ocker nur als Red Indians bekannt. Die Schreibweise war unterschiedlich und umfasste Bethuk, Beothuk, Beothuc, Beothuck, Beothick, Boeothuck, Boeothick, Boethick, Behathook und Beathook. Die heutige Schreibweise ist Beothuk oder Beothuck.

Die Bezeichnung Red Skin hingegen taucht erstmals 1769 in den Quellen auf, und zwar als Selbstbezeichnung und Abgrenzung gegenüber den Europäern, die nach Nordamerika kamen.Lakshmi Gandhi: Are You Ready For Some Controversy? The History Of 'Redskin'. in: Code Switch! 9. September 2013.

Sprache und Wohngebiet Durch das isolierte Wohngebiet der Beothuk unterschied sich ihre Sprache von ihren Nachbarn auf dem Festland. Eine entfernte Verwandtschaft könnte zum Algonkin-Dialekt der Naskapi und Montagnais in Québec und Labrador bestanden haben. Das Wissen über ihre Sprache basiert auf vier kurzen Wörtersammlungen, die von gefangenen Beothuk stammen. Sie umfassen insgesamt mehr als 400 lexikale Begriffe. Die Qualität und Anzahl der Aufzeichnungen lässt keine Schlüsse auf eine Standard-Orthographie für Beothuk-Wörter zu.

Obwohl die Beothuk einst das gesamte Neufundland bewohnt hatten und auch Verbindungen zu Labrador unterhielten, stammen die meisten Informationen von einer Gruppe, die sich während des 18. und frühen 19. Jahrhunderts am Exploits River aufhielt. Dieses Volk bewohnte während des Herbstes und frühen Winters das östliche Ende des Beothuk Lake (bis November 2021 offiziell „Red Indian Lake“) und verteilte sich für den Rest des Jahres am nahegelegenen Ostufer des Sees. Vom See aus war es leicht möglich, auf verschiedenen Routen zur Ostküste und auch zur Süd- oder Westküste zu kommen.

Beziehungen zu Nachbarn und Europäern Vor der Ankunft der Europäer waren die Beothuk die Herren ihrer Insel. Sie hatten eine besondere Abneigung gegen Eskimos, die sie als Vierpfoten (engl. Fourpaws) verspotteten, und es bestand eine traditionelle Feindschaft zwischen den Beothuk und den Labrador-Eskimos.

Die Beothuk fürchteten die Abenaki und Mi'kmaq aus dem Westen und die Innu aus dem Norden aufgrund ihrer kämpferischen Fähigkeiten. Gleichwohl pflegten sie freundschaftliche Beziehungen zu den Montagnais (allerdings nur zu ihnen), von denen sie Steinäxte und andere Werkzeuge übernahmen, und beide Gruppen besuchten sich gegenseitig. Man vermutet, dass die letzten überlebenden Beothuk sich den Montagnais in Labrador angeschlossen haben könnten.

Die Ankunft der Weißen störte das Gleichgewicht zwischen den Stämmen der Region empfindlich, als die Mi'kmaq mit Feuerwaffen ausgerüstet wurden. Die Beothuk vermieden den Kontakt zu den Weißen, deshalb blieben sie auch weitgehend von europäischen Krankheiten verschont, von denen die meisten anderen Stämme in regelmäßigen Abständen heimgesucht wurden. Im späten 17. Jahrhundert kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen. Die Franzosen setzten Prämien für die Köpfe von Beothuk aus, weil sie über deren Diebstähle erbost waren. In der Nähe der St. George’s Bay entdeckten die Beothuk eine Gruppe von Mi'kmaq im Besitz derartiger Beothuk-Köpfe und brachten sie um. Den nachfolgenden Krieg zwischen beiden Stämmen konnten die Mi'kmaq aufgrund ihrer Feuerwaffen siegreich beenden und zwangen die Beothuk, sich in das Innere der Insel zurückzuziehen. Am Ende des 18. Jahrhunderts fand man die Beothuk nur noch im südlichen und westlichen Teil der Insel. Auch das Landesinnere bot keine Sicherheit mehr, weil Expeditionen der Europäer sie am Red Indian Lake aufspürten. Danach verliert sich die Spur der letzten Beothuk, die vermutlich die Insel verließen und zu den Montagnais zogen.

Kultur Lebensunterhalt mini|Beothuk, Boyd’s Cove Beothuk Site Museum Das Klima auf Neufundland ließ keinen Maisanbau zu, deshalb waren die Beothuk Halbnomaden und lebten hauptsächlich vom Fischfang und von der Jagd. Die Beothuk verbrachten den Sommer in Lagern an der Küste, wo sie fischten, jagten und andere Nahrung sammelten. Im Winter zogen sie in das Landesinnere, doch es gab auch Gruppen, die das ganze Jahr über an der Küste lebten.

Auf Neufundland gab es nicht viele Landtiere, das wichtigste davon war das Karibu, das mit Speeren erlegt wurde. Die Beothuk machten auch Jagd auf Vögel und kleine Tiere, die mit Schlingen gefangen oder mit Pfeil und Bogen erlegt wurden. Robben und kleine Wale wurden harpuniert. Außerdem gehörten Schalentiere, essbare Wurzeln, das Innere von Rinden und Vogeleier zur Nahrung der Beothuk. Es gab auch Expeditionen nach Funk Island, etwa 60 Kilometer nordöstlich jenseits des Horizonts. Von dort kehrten die Kanus vollgeladen mit Vogeleiern zurück, die für den späteren Verzehr hart gekocht wurden.

Im Winter konzentrierten sich die Männer der Beothuk auf das Erlegen der in Herden wandernden Karibus, die innerhalb von ausgedehnten Wildzäunen am Exploits River gefangen wurden. Die Hauptarbeit war das Verarbeiten und Lagern von Hunderten von Kadavern. Das Fleisch wurde entweder eingefroren oder geräuchert, in Rinde verpackt und in Schneewällen oder Hütten gelagert. Doch Wild gab es nur in begrenzter Anzahl. In späteren Jahren konnten die Beothuk die Küste nicht mehr erreichen, was vermutlich einer der Gründe für das Verlassen der Insel war. Der Grund für das Aussterben der Beothuk waren weniger Krankheiten und Kriege, sondern vielmehr der Mangel an Nahrung.

Wohnkultur Die Beothuk wohnten in Wigwams, deren Wände aus Stangen bestanden und mit überlappender Birkenrinde bedeckt waren. Eine Öffnung in der Spitze der konischen Behausung sorgte für den Abzug des Rauchs aus der zentralen Feuerstelle. Es gab auch größere viereckige Konstruktionen, die in den Sommermonaten genutzt wurden. Getrocknete Lebensmittel lagerte man auf Ablagen im oberen Bereich des Wigwams. Karibufelle dienten zum Verschließen der Eingänge. Typisch waren die Schlafplätze, die in Gruben des Wigwambodens lagen. Diese Wigwams konnten von 12 bis 15 Personen bewohnt werden. Zur Aufbewahrung von Lebensmitteln gab es Lagerhäuser, die entweder konisch oder mit einem Firstdach bedeckt waren. Im Innenraum fand man Gestelle zum Trocknen von Lachs oder zum Lagern von Beinknochen der Karibus, die essbares Knochenmark enthielten.

Man nahm Dampfbäder in speziellen Hütten, bestehend aus einem halbrunden Rahmen, der mit Fellen bedeckt war. Zur Dampferzeugung goss man Wasser auf große heiße Steine.

Beim Tod eines Stammesangehörigen stellte man einen hölzernen Behälter oder Sarg auf eine niedrige Plattform. Es gab auch besondere Hütten, in denen der Tote auf dem Boden gebettet wurde. Die Beothuk beerdigten ihre Toten in Höhlen und Felsspalten, im Boden oder unter einem Steinhaufen, der Leichnam konnte in ausgestreckter, gekrümmter oder auch in sitzender Stellung beigesetzt werden.

Kleidung und Verzierungen In zeitgenössischen Berichten fällt auf, dass immer vom großzügigen Gebrauch des roten Ockers die Rede ist. Die Beothuk mischten das rote Pulver mit Fischöl oder Fett und schmierten die Substanz buchstäblich über alles. Sie färbten die Haare, das Gesicht, den Körper und auch die Kleidung und Ausrüstung, so dass Weißen dieser Brauch als Unterscheidungsmerkmal gegenüber anderen Stämmen diente. Der Begriff Rothaut (engl. Redskin) stammt daher und wurde später auf alle Indianer übertragen.

Oft waren die Beothuk mit einem rechteckig geformten Umhang bekleidet, der aus zwei zusammengenähten Karibufellen bestand. Kleinkinder wurden in einer Schlinge auf dem Rücken der Frauen getragen. Um besser mit Pfeil und Bogen schießen zu können, waren die Männer auf der Jagd auf der rechten Schulter unbekleidet. Die meisten Kleidungsstücke waren aus Leder, wie Leggings, Handschuhe, Mützen und Mokassins. Häufig wurde das Fell nach innen getragen, während man die Außenseite eingeölt und mit rotem Ocker beschmiert hatte.

Fortbewegungsmittel Im Winter trugen die Beothuk Schneeschuhe und benutzten Schlitten zum Transport von erlegtem Wild und gelegentlich auch von Personen. Das zerlegte Wild wurde in Birkenrinde verpackt, transportiert und gelagert. Am Exploits River fand man bei den Lagerhäusern einfache Flöße aus Baumstämmen, die auch zum Transport der bis 90 kg schweren Fleischpakete gedient hatten.

Birkenrinden-Kanus waren aber das wichtigste Transportmittel der Beothuk, sowohl in den Küstengewässern als auch auf Binnenseen und Flüssen. Es gab so genannte Portagen, an denen die Kanus über eine Landstrecke getragen werden mussten. Die Kanus der Beothuk waren bis zu 20 Fuß (ca. 6,20 m) lang, relativ breit und bestanden aus Birkenrinde. Für Fahrten auf dem offenen Meer wurden sie mit schweren Steinen als Ballast und mit einem Kiel versehen. Zur Fortbewegung benutzte man Paddel oder manchmal sogar Segel. Beothuk waren tüchtige Seeleute, die von Neufundland nach Funk Island fuhren und außerdem die Straße von Belle Isle überquerten. Auf Gewässern des Binnenlandes benutzte man wahrscheinlich andere Kanus, bei denen anstelle von Rinde elastisches Karibu-Leder für die Außenverkleidung verwendet wurde.

Materialkultur Obwohl die Beothuk den Kontakt zu den Europäern vermieden, waren sie sehr an deren Gütern interessiert – so ersetzten sie auch bald die traditionellen Materialien durch Metall. Sie trieben aber keinen Handel mit den Weißen – alles Metall in ihrem Besitz war von Europäern gestohlen. Die meisten archäologischen Fundstätten auf Neufundland weisen auf die Existenz europäischer Güter hin, wie zum Beispiel Segel, Äxte und Messer, es gab jedoch keinerlei Feuerwaffen. Man fand in ihren ehemaligen Lagern Hunderte von alten Nägeln, die zu Pfeilspitzen verarbeitet wurden.

Die traditionellen Waffen für Jagd und Kriegsführung bestanden aus Pfeil und Bogen, Speeren, Äxten, Messern und Keulen. Die Klingen und Pfeilspitzen bestanden aus Flint, Feuerstein oder Knochen. Die Bogen hatten eine Länge von etwa 5 Fuß (ca. 1,55 m) und waren aus Esche oder Kiefer gefertigt, die Pfeile aus Kiefernholz waren etwa 3 Fuß (ca. 92 cm) lang und an den Enden gefiedert. Auf die Robbenjagd gingen die Beothuk mit 12 Fuß (ca. 3,66 m) langen Harpunen.

Aus Birken- und Fichtenrinde fertigten die Beothuk fast alle Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens, so zum Beispiel das Geschirr zum Essen und Trinken, Behälter, Eimer und Gefäße zum Kochen, aber auch für Haus- und Kanuwände. Tierische Sehnen und flexible Wurzeln bildeten das Material zum Nähen, Binden und Schnüren. Decken und Kleidung waren aus Leder. Kämme schnitzte man aus Karibu-Geweihen und Schmuckanhänger aus Knochen.