mini|Der Archäologe Hartmut Thieme erläutert dem Bergwerksdirektor der Braunschweigischen Kohlen-Bergwerke Klaus Friedrich die Fundsituation von Speer VI (1997) mini|Video über die Schöninger Speere bei Terra X (01:26 Minuten) Als Schöninger Speere werden neun hölzerne Wurfspeere und eine ursprünglich als Speer angesehene Stoßlanze aus Holz bezeichnet, die aus der Altsteinzeit stammen. Sie wurden zwischen 1994 und 1998 am Rande von Schöningen in Niedersachsen auf einer archäologischen Ausgrabungsstätte im Tagebau Schöningen gemeinsam mit weiteren Stein- und Holzartefakten, wie einem beidseitig angespitzten Stab und dem Wurfstock von Schöningen, entdeckt. Absolute Datierungsverfahren ergaben ein Alter der Funde von 290.000 bis 337.000 Jahren. Sie stützen dabei Erkenntnisse, die sowohl aus der geologischen Abfolge als auch Untersuchungen zur Pollenanalyse und der Biostratigraphie gewonnen wurden und eine Datierung in das MIS 9 vor 334.000 bis 301.000 Jahren befürworten. Die Ausgrabung an der Fundstelle leitete bis 2009 der Archäologe Hartmut Thieme vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege.

Die Schöninger Speere sind die ältesten vollständig erhaltenen Jagdwaffen der Welt und ein wichtiger Beleg für die aktive Jagd des frühen Menschen.Jordi Serangeli In: Terra X - Sternstunden der Steinzeit. Ein Film von Alexander Hogh und Martin Papirowski, Fachberatung Hermann Parzinger, Minute 9 bis 14 von ZDF 2018. Sie befinden sich in einem eigens für sie errichteten Museum, dem Forschungsmuseum Schöningen.

Fundstelle mini|hochkant=1.4|Ausgrabungsarbeiten auf dem sogenannten Speersockel, der vom Braunkohletagebau ausgespart blieb, 2012 Die Fundstelle der Speere (Schöningen 13 II Verlandungsfolge 4) liegt innerhalb des Braunkohletagebaus Schöningen in etwa 10 Meter Tiefe unter der ursprünglichen Geländeoberfläche. Sie befindet sich an der Tagebaukante auf einem 50 × 60 Meter großen Geländesockel, der vom Abbau durch die Braunschweigische Kohlen-Bergwerke AG ausgespart wurde. Der Sockel ragt an drei Seiten in das Tagebauloch hinein. Die auch als Speersockel bezeichnete Fläche ist eine von dreizehn altsteinzeitlichen Fundplätzen im Braunkohlentagebau Schöningen Süd, die im Zuge der Prospektion der quartären Deckschichten von 1992 bis 2009 ausgegraben wurden. Der rund 3900 m² große Grabungssockel repräsentiert einen kleinen Ausschnitt einer ehemaligen Uferzone, die über Jahrtausende – zwischen Elster- und Saaleeiszeit – von Menschen und Tieren aufgesucht wurde. Der Sockel weist fünf mächtige Schichtpakete (Verlandungszonen) auf, die durch schwankende Wasserstände des Sees und Verlandungsprozesse entstanden sind. In der Abfolge der Verlandungszonen sind Veränderungen des Klimas von einer warmtrockenen Phase mit lichten Laubwäldern zu einer Kältesteppe deutlich abzulesen.

Der schnellen, luftdichten Bedeckung der Fundschichten durch Mudden ist die außergewöhnlich gute Erhaltung der organischen Materialien zu verdanken. Für die weitere Fundkonservierung sorgte die Lage unter dem Grundwasserspiegel, der erst durch den Schöninger Braunkohle-Tagebau ab 1979 künstlich gesenkt wurde. Die Speere und die weiteren Fundstücke stammen aus dem sogenannten Speerhorizont. Das ist eine annähernd 10 Meter breite und 125 Meter lange Grabungsfläche parallel zum ehemaligen Seeufer in der Verlandungszone 4 aus der Epoche der ausgehenden Holstein-Warmzeit.

Das Alter der Funde wurde zunächst mit rund 400.000 Jahren angegeben,Hartmut Thieme, Reinhard Maier (Hrsg.): Archäologische Ausgrabungen im Braunkohlentagebau Schöningen. Landkreis Helmstedt, Hannover 1995.Hartmut Thieme: Die ältesten Speere der Welt – Fundplätze der frühen Altsteinzeit im Tagebau Schöningen. In: Archäologisches Nachrichtenblatt. 10, 2005, S. 409–417. andere Datierungsansätze kamen hingegen auf etwa 270.000 Jahre.Michael Baales, Olaf Jöris: Zur Altersstellung der Schöninger Speere. In: J. Burdukiewicz u. a. (Hrsg.): Erkenntnisjäger. Kultur und Umwelt des frühen Menschen. (= Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie Sachsen-Anhalt. 57). 2003, S. 281–288. (Festschrift Dietrich Mania)O. Jöris: Aus einer anderen Welt – Europa zur Zeit des Neandertalers. In: N. J. Conard u. a. (Hrsg.): Vom Neandertaler zum modernen Menschen. Ausstellungskatalog Blaubeuren 2005, S. 47–70. Spätere Thermolumineszenz- und Uran-Thorium-Datierungen an den Schichten unterhalb des Speerfundhorizontes geben den Funden ein Maximalalter von 290.000 bis 337.000 Jahre.Melanie Sierralta, Manfred Frechen und Brigitte Urban: 230Th/U dating results from open cast mine Schöningen. In: Karl-Ernst Behre (Hrsg.): Die Chronologische Einordnung der paläolithischen Fundstellen von Schöningen. Mainz, 2012, S. 143–154 Diese Datierung ist konkordant zu Untersuchungen der geologischen Schichtenfolge, ebenso wie zu palynologischen und biostratigraphischen Erkenntnissen. Diesen zufolge ist eine Stellung des Speerfundhorizontes innerhalb des MIS 9c als höchstwahrtscheinlich anzusehen, welches den Zeitraum von vor 334.000 bis 301.000 Jahren einnimmt.Charles Turner, Brigitte Urban und Thijs van Kolfschoten: A radical reassessment of the stratigraphy, palaeoenvironmental processes and dating of the Middle Pleistocene deposits at Sch¨oningen, northern Germany. In: Quaternary International. 768, 2026, S. 110257, doi:10.1016/j.quaint.2026.110257. Eine angenommene Altersstellung der Speere von rund 200.000 Jahren, veröffentlicht in einer Studie aus dem Jahr 2025, ist dem gegenüber als eher problematisch anzusehen. Diese basierte auf Aminosäuremessungen an den Gehäusedeckeln der Süßwasserschnecke Bithynia und an Muschelkrebsen.Jarod M. Hutson, Felix Bittmann, Peter Fischer, Alejandro García-Moreno, Sabine Gaudzinski-Windheuser, Ellie Nelson, José E. Ortiz, Kirsty E. H. Penkman, Zoran M. Perić, Daniel Richter, Trinidad Torres, Elaine Turner, Aritza Villaluenga, Dustin White und Olaf Jöris: Revised age for Schöningen hunting spears indicates intensification of Neanderthal cooperative behavior around 200,000 years ago. Science Advances 11, 2025, S. eadv0752, doi:10.1126/sciadv.adv0752Die Schöninger Speere sind 100.000 Jahre jünger – mit Folgen in Die Welt Online vom 10. Mai 2025 Das dafür gewonnenen Probenmaterial entstammt den spät- bis nach-warmzeitlichen Fundschichten des Speerfundhorizontes, wodurch die Ergebnisse mit methodischen Problemen behaftet sind.

Speere mini|hochkant=0.7|Speer VII in Fundlage, 1997 Unter den 10 gefundenen Speeren befindet sich eine hölzerne Stoßlanze mit einer Länge von 2,53 m, die ursprünglich auch als ein Speer angesehen wurde. Die Speere sind, mit einer Ausnahme, aus schlanken, geraden Fichtenstämmchen gearbeitet. Speer IV ist aus Kiefernholz gefertigt. Die Wahl von Nadelhölzern für die Herstellung ist vor allem klimatisch bedingt, da deren lokales Vorkommen im kühleren Klima am Ende des Interglazials nachgewiesen ist.Brigitte Urban: Interglacial Pollen Records from Schöningen, North Germany. In: Frank Sirocko u. a. (Hrsg.): The Climate of Past Interglacials. (= Development in Quaternary Science. Band 7). 2007, S. 417–444. Der Durchmesser der Speere liegt zwischen rund 2,5 und 5 cm bei einem Baumalter zwischen etwa 20 und 60 Jahren. Obwohl es sich bei den verwendeten Holzarten Fichte und Kiefer um Weichholz handelt, bestehen die Speere aus langsam gewachsenen, festen Hölzern, die sich unter wenig günstigen klimatischen Bedingungen gebildet haben. Die Archäologen vermuten, dass die Hölzer von einem Standort mit erschwerten Wachstumsbedingungen, wie dem Elm oder dem Harz, stammen.

Die Speere weisen Längen zwischen rund 1,80 m und 2,30 m auf und sind aufgrund des auflastenden Sedimentdrucks leicht deformiert. Sie sind sehr sorgfältig bearbeitet und zeugen von hohem technologischen Können und einer handwerklichen Tradition. Wie bei heutigen Wettkampfspeeren liegt der größte Durchmesser und damit der Schwerpunkt im vorderen Drittel des Schaftes. Die Spitzenpartien sind symmetrisch aus der Basis der Stämmchen gearbeitet, wobei die Spitzenenden gezielt seitlich neben dem zentralen Mark, dem schwächsten Teil des Stammes, ausgebildet wurden.

In ihren Wurfeigenschaften sind die Schöninger Holzspeere modernen Wettkampfspeeren ebenbürtig. Bei Tests konnten Sportler originalgetreue Nachbauten bis zu 70 Meter weit werfen.Hartmut Thieme: Altpaläolithische Holzgeräte aus Schöningen, Lkr. Helmstedt. In: Germania. Nr. 77, 1999, S. 451–487.Miriam Golek, Hermann Rieder: Erprobung der Altpalaolithischen Wurfspeere von Schöningen. In: Stadion, Internationale Zeitschrift für Geschichte des Sports. Nr. XXV Academia Verlag, Sankt Augustin 1999, S. 1–12.Leif Steguweit: Die Recken von Schöningen – 400 000 Jahre Jagd mit dem Speer. In: Mitteilungsblatt der Gesellschaft für Urgeschichte. 8, 1999, S. 5–14 (Online-Ansicht und PDF-Download) Forscher des University College London stellten nach Würfen von Nachbauten durch trainierte Athleten fest, dass Speerwürfe auf 20 Meter für Großwild tödlich waren.Annemieke Milks, David Parker und Matt Pope: External ballistics of Pleistocene hand-thrown spears: experimental performance data and implications for human evolution. In: Scientific Report. Band 9, Artikel-Nr. 820, 2019, doi:10.1038/s41598-018-37904-w Neandertaler motorisch geschickter als gedacht. Auf: ndr.de vom 31. Januar 2019

Daten der SpeereSteckbrief der Speere in: 300.000 Jahre Spitzentechnik: Der altsteinzeitliche Fundplatz Schöningen und die frühesten Speere der Menschheit, S. 80–81 Speer Länge Durchmesser Holzart Baumalter Besonderheiten I 221 cm 4,7 cm Fichte 53 JahreDer massivste Speer II 229 cm 3,7 cm Fichte 45–55 JahreStellenweise Basterhaltung, Schlagzeit im Frühsommer III 184 cm 2,9 cm Fichte 33 JahreDer kürzeste Speer, Schlagzeit im Sommer IV 119 cm 2,9 cm Kiefer 18 JahreNur in Fragmenten von 4 Teilen bis 119 cm erhalten V 206 cm 2,9 cm Fichte 49 JahreSorgfältige Glättung der Holzoberfläche mit einem Werkzeug aus Feuerstein, Schlagzeit wahrscheinlich im Sommer VI 253 cm 4 cm Fichte 57 JahreLanze, ursprünglich als Wurfspeer angesehen, Schlagzeit im Spätsommer VII 203 cm 3 cm Fichte 31 JahreStatt Konservierung erfolgt eine Aufbewahrung in sterilem Wasser, Schlagzeit im Sommer VIII Fichte Nur Spitze erhalten IX Fichte Nur Spitze erhalten X 142 cm 2,4 cm Fichte 60 Jahre Nur in Fragmenten von 5 Teilen bis 142 cm erhalten

Weitere Holzwaffen Bei einem in der Fundschicht der Speere entdeckten Holzstock ist die Funktion nicht eindeutig geklärt. Der beidseitig angespitzte Stock von 78 Zentimeter Länge wurde 1994 als erstes bearbeitetes Holzgerät gefunden. Interpretationen reichen vom Wurfholz über Grabstock bis zum Allzweckwerkzeug.Ältester Wurfstock der Welt entdeckt bei scinexx.de vom 20. April 2020 Dagegen wurde ein gleichartiges, 2016 innerhalb derselben Fundschicht freigelegtes Holzgerät anhand von Gebrauchsspuren als Wurfstock von Schöningen identifiziert.Nicholas J. Conard, Jordi Serangeli, Gerlinde Bigga und Veerle Rots: A 300,000-year-old throwing stick from Schöningen, northern Germany, documents the evolution of human hunting. In: Nature Ecology & Evolution. Band 4, 2020, S. 690–693, doi:10.1038/s41559-020-1139-0. Guido Kleinhubbert: Vogelkiller aus der Steinzeit. Auf: Spiegel Online vom 20. April 2020. Es ist rund 65 Zentimeter lang und hat einen Durchmesser von 2,9 Zentimetern. Die Enden des rund 260 Gramm schweren und leicht gebogenen Stocks sind angespitzt. Wissenschaftler vermuten anhand der Knochenfunde von Schwänen und Enten an der Fundstelle eine frühere Verwendung bei der Jagd auf Wasservögel.Steinzeitjäger verfügten über ganzes Arsenal tödlicher Waffen bei Welt Online vom 20. April 2020 Ebenso soll der Wurfstock zum Treiben von Beutetieren, zum Beispiel von Pferden, bei der Jagd geeignet gewesen sein.300.000 Jahre alter Wurfstock dokumentiert die Evolution der Jagd. Pressemitteilung der Universität Tübingen vom 20. April 2020

Weitere Fundstücke mini|Tierknochenreste in der Fundschicht der Speere