Das Dróttkvætt („Hofton“) ist die strengste Strophenform der altnordischen Skaldendichtung und gleichsam ihr Hauptversmaß. 5/6 aller erhaltenen Texte sind im Dróttkvætt/auch Hofton abgefasst.

Struktur Die Struktur des Dróttkvætt ist durch Halbverse, Stäbe, Binnenreime und Kenningar näher bestimmt. Die Form ist bindend.

Metrik + Stäbe Eine Strophe („vísa“) besteht aus: je 2 Halbstrophen („helmingr“) mit je vier Halbzeilen („vísuorð“) mit je sechs Gliedern.Die Sechsgliedrigkeit entspricht weitestgehend einer Sechssilbigkeit mit drei Hebungen, ist aber doch nicht ganz dasselbe. Im Anvers (erste Halbstrophe) müssen sich zwei Stäbe („stuðlar“) auf betonten Silben befinden, im Abvers ein Stab („höfuðstaðr“) auf der ersten Silbe, wobei Konsonanten mit sich selbst staben und Vokale miteinander.Die Konsonantenkombinationen sk, sp, st bilden eine Ausnahme: sie staben nur mit sich selbst, nicht aber mit s, während Kombinationen wie kr oder kl durchaus mit k staben. Als Vokal wird auch j behandelt.

Binnenreime In jeder Halbzeile befindet sich zusätzlich ein Binnenreim („hending“), wobei hier der Gleichklang von Lauten innerhalb von Reimworten gemeint ist. Jede vorletzte, betonte Silbe nimmt am Binnenreim teil, der Reimpartner muss auf einer betonten Silbe weiter vorn stehen. In jeder ungeraden Halbzeile sind die Binnenreime Halbreime („skothending“), d. h. nur Konsonantenklänge stimmen überein. In jeder geraden Halbzeile sind die Binnenreime jedoch Vollreime („aðalhending“), d. h. Konsonanten und Vokale lauten gleich.

Kenningar Darüber hinaus sind im Hofton Kenningar unabdingbar. Das sind zwei- oder mehrgliedrige, bildliche Umschreibungen, die sich im Idealfall nur mit einer speziellen Kenntnis der altnordischen Mythologie entschlüsseln lassen. Einige Kenningar sind auch aus dem Kontext heraus zu entschlüsseln. Typischerweise ist jede Halbstrophe von je einer Kenning bestimmt, die auch mehrere Teile oder Glieder haben kann.

Wortstellung Da der Dichter durch diese Formstrenge relativ eingeschränkt ist, besteht seine einzige Ausweichmöglichkeit in der Wortstellung, was darauf hinausläuft, dass die Syntax nicht immer leicht zu durchschauen ist.

Beispiel Das Beispiel ist ein Totenpreis für den dänischen Wikingerführer Sibbe, der in jüngerem Futhark (Runen) auf den Runenstein von Karlevi geritzt ist. Fett sind die Stäbe, unterstrichen die Binnenreime und {in geschweiften Klammern} die Kenningar, wobei zusammenhängende Teil-Kenningar durch + gekennzeichnet sind.

Folginn liggr hinn’s fylgðu (flestr vissi þat) mestar dáðir {dolga þruðar draugr} í þeimsi haugi. Mun-at {reið-Viðurr}+ ráða rógostarkr í Danmǫrku +{Endils jǫrmungrundar} ørgrandari landi.

In diesem Hügel verborgen liegt der Krieger („Baum der Thrud der Kämpfe“), dem (die meisten wissen das) die größten Taten folgten. Nicht wird ein kampfstarker, untadeliger See-Krieger („Wagen-Odin des weiten Grundes des Endill“) über Land in Dänemark herrschen.

Überlieferung Viele Skaldenstrophen sind überliefert als Zitate in Sagas oder in der Snorra-Edda, dem Skaldenlehrbuch Snorri Sturlusons (1179–1241). Im Gegensatz zu Edda-Liedern sind die Skaldenstrophen häufig mit Verfassernamen angeführt.

Frühe Formen finden sich bei Bragi Boddason (9. Jh.), dem ersten namentlich bekannten Skaldendichter, und Egill Skallagrímsson, der um 900 bis nach 990 gelebt hat.

Siehe auch Altnordische Literatur Altisländisch

Literatur Th. Andersson, E. Marold: Karlevi. 2RGA 16, 2000, S. 275–280. Finnur Jónsson: Den Norsk-Islandske Skjaldendigtning, Bde. A I-II, B I-II. København / Kristiania 1912–1915

Weblinks skaldic.usyd.edu.au Textausgabe titus.uni-frankfurt.de Textausgabe

Einzelnachweise und Anmerkungen

Kategorie:Altnordisches Versmaß