Hydro-Québec (, []) ist ein kanadisches Unternehmen der Elektrizitätsversorgung. Das der Regierung der Provinz Québec unterstellte Staatsunternehmen mit Sitz in Montreal ist für die Erzeugung, die Übertragung und die Verteilung von elektrischer Energie in Québec verantwortlich. Ein Teil der Produktion wird in den Nordosten der Vereinigten Staaten exportiert. Mit 61 Wasserkraftwerken ist Hydro-Québec der größte Elektrizitätsproduzent Kanadas und der weltweit größte Produzent von elektrischer Energie aus Wasserkraft. Im Jahr 2013 betrug die installierte Leistung der Anlagen 36.068 Megawatt (MW); 19.692 MitarbeiterJahresbericht 2014 Hydro-Québec, S. 2. erwirtschafteten einen Umsatz von 12,881 Milliarden kanadischen Dollar (CAD).Sofern nicht anders angegeben, steht „Dollar“ in diesem Artikel für den kanadischen Dollar.

Das Unternehmen entstand 1944 durch die Verstaatlichung von Montreal Light, Heat and Power, das in der Region um Montreal ein Gas- und Elektrizitätsmonopol besaß. Hydro-Québec erweiterte zunächst die installierte Leistung der übernommenen Kraftwerke und begann in den 1950er Jahren mit dem Bau neuer Werke. 1963 gingen weitere elf private Elektrizitätsgesellschaften in Staatsbesitz über, wodurch sich Hydro-Québec zum mit Abstand größten Stromversorger der Provinz entwickelte. Von 1966 bis 2012 war das Kernkraftwerk Gentilly in Betrieb, das einzige Québecs. Der Ausbau der Stromversorgung aus Wasserkraft konzentrierte sich auf den schwach besiedelten Norden der Provinz, wo zahlreiche Staudämme entstanden.

Die großen Wasserkraftprojekte erlaubten es der Provinz Québec, die Abhängigkeit von fossiler Energie zu reduzieren. 2011 bildete die Elektrizität die Hauptquelle der konsumierten Primärenergie und hatte einen Anteil von 39,7 % an der Energiebilanz. Das Unternehmen schüttet hohe Dividenden an seine einzige Aktionärin, die Provinzregierung, aus und garantiert stabile und einheitliche Stromtarife, die zu den tiefsten in Nordamerika gehören. Darüber hinaus trug Hydro-Québec entscheidend zur wirtschaftlichen Entwicklung der Provinz bei. Allerdings hatte der massive Ausbau der Wasserkraft auch negative Auswirkungen auf die Umwelt im Norden der Provinz, insbesondere die Überflutung weiter Landstriche durch Stauseen. Wasserkraftprojekte stießen zudem in der Vergangenheit auf heftigen Widerstand der Ureinwohner, die auf juristischem Wege umfangreiche Entschädigungen und Gegenleistungen durchsetzten.

Geschichte

Entwicklung der Elektrizitätsversorgung in Québec mini|links|Das 1897 eröffnete Kraftwerk am Lachine-Kanal bei Montreal (Aufnahme von 1929) Das Elektrizitätszeitalter in Québec begann im Herbst 1878. Der Ingenieur J. A. I. Craig hatte an der Weltausstellung in Paris erstmals jablotschkowsche Kerzen gesehen und installierte solche Geräte im Collège Notre-Dame in Montreal. Am 16. Mai 1879 organisierte er auf dem Champ-de-Mars eine öffentliche Vorführung vor Tausenden von Zuschauern.Bolduc et al.: Hydro-Québec. L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 19–20. Zahlreiche kleine Elektrizitäts- und Gasgesellschaften rangen daraufhin in verschiedenen Städten um die Vormachtstellung im Energiebereich. Das erste Wasserkraftwerk ging 1885 am Montmorency-Fall in der Nähe der Provinzhauptstadt Québec in Betrieb.

Bald begannen US-amerikanische und anglokanadische Investoren den Markt zu beherrschen. 1898 wurde die Shawinigan Water and Power Company (SW&P) gegründet, die am Rivière Saint-Maurice große Kraftwerke errichtete. Die Verfügbarkeit von billigem elektrischem Strom bewog Unternehmen der Aluminium-, Papier- und Chemiebranche dazu, energieintensive Produktionsstätten in bisher unterentwickelten Regionen wie Mauricie zu errichten. 1901 erfolgte die Gründung von Montreal Light, Heat and Power (MLH&P), das in den folgenden Jahren durch die Übernahme kleinerer Konkurrenten zum alleinigen Anbieter von Elektrizität und Erdgas in der Region Montreal emporstieg. Auf den Strommarkt der gesamten Provinz bezogen, bildeten SW&P und MLH&P beinahe ein Duopol. Neben diesen beiden Großunternehmen gab es nur noch wenige unabhängige Anbieter. Der Aluminiumkonzern Alcan errichtete ab den 1920er Jahren in der Region Saguenay–Lac-Saint-Jean mehrere Wasserkraftwerke für seinen großen Eigenbedarf.

mini|hochkant=0.7|Adélard Godbout (1939) Während der Weltwirtschaftskrise der frühen 1930er Jahre wurden in Québec vermehrt Stimmen laut, die Interventionen des Staates in der Elektrizitätswirtschaft befürworteten. Die Kritik richtete sich hauptsächlich gegen den „Elektrizitäts-Trust“ mit seinen als missbräuchlich empfundenen hohen Strompreisen und exzessiven Profiten. Inspiriert durch das Beispiel der Provinz Ontario, die bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen großen Teil der Elektrizitätswirtschaft verstaatlicht hatte, forderten verschiedene Politiker mit Nachdruck ein ähnliches Vorgehen in Québec. Untersuchungskommissionen und neu geschaffene Regulierungsbehörden blieben weitgehend wirkungslos. Während die SW&P sich in einigen Bereichen kooperativ zeigte, verweigerte die MLH&P jegliche Zusammenarbeit.Bolduc et al.: Hydro-Québec. L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 76. Nach seiner Wahl zum Premierminister im Jahr 1939 war der Liberale Adélard Godbout der Idee eines öffentlichen Versorgungsunternehmens wohlgesinnt. Er war empört über das ineffiziente, von anglokanadischen Wirtschaftsinteressen dominierte Stromnetz, die Intransparenz und die geheimen Absprachen. Das Duopol bezeichnete er als „betrügerische und bösartige Wirtschaftsdiktatur“.Bélanger, Comeau: Hydro-Québec. Autres temps, autres défis. S. 63–70.

Verstaatlichung in zwei Schritten

Die Entstehung von Hydro-Québec mini|hochkant=0.6|links|Erstes Logo von Hydro-Québec (1944–1964) Im Herbst 1943 brachte Godbouts Regierung zwei Gesetzesvorlagen ein, um die Kontrolle über MLH&P zu übernehmen. Am 14. April 1944 verabschiedete die Legislativversammlung von Québec das Gesetz 17 (Loi 17) und schuf damit die Commission hydroélectrique de Québec, allgemein unter der Bezeichnung Hydro-Québec bekannt. Das Gesetz gewährte dem neuen Staatsunternehmen das Recht auf das Monopol der Strom- und Gasverteilung in der Region Montreal. Artikel 22 ordnete das Unternehmen an, seine Kunden zu den tiefstmöglichen Tarifen zu beliefern, die mit einem vernünftigen Management in Einklang zu bringen sind.Bolduc et al.: Hydro-Québec. L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 126. Hydro-Québec erhielt auch den Auftrag, das überalterte Stromnetz zu sanieren und die Elektrifizierung ländlicher Gebiete voranzutreiben, die von den privaten Unternehmen bisher nicht oder nur schlecht erschlossen worden waren. Einen Tag später erfolgte die Übernahme von MLH&P mitsamt Tochtergesellschaften, finanziert durch die Ausgabe einer Anleihe in der Höhe von 112.225.000 Dollar. Hydro-Québec zählte damals 290.000 Kunden und verfügte über ein Gasleitungsnetz sowie vier Kraftwerke mit einer installierten Leistung von 616 MW.

Die Niederlage von Godbouts Parti libéral du Québec bei den Wahlen im August 1944 gegen die konservative Union nationale von Maurice Duplessis hatte auf die Verstaatlichung keine Auswirkungen,Bolduc et al.: Hydro-Québec. L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 133. mit Ausnahme der Elektrifizierung ländlicher Gebiete, die an das Office de l’électrification rurale übertragen wurde.Jean Louis Fleury: Les porteurs de lumières. S. 90. Das neue Management erkannte, dass das Unternehmen seine installierte Leistung in den nächsten Jahren rasch vergrößern musste, um die wachsende Nachfrage zu befriedigen. Von 1948 bis 1953 wurde zunächst das Kraftwerk Beauharnois ausgebaut. Das nächste Vorhaben umfasste den Bau zweier Kraftwerke am Rivière Betsiamites in der Region Côte-Nord, über 700 km von Montreal entfernt. Die Anlagen Bersimis-1 und Bersimis-2 entstanden zwischen 1953 und 1959. Sie galten weithin als Prüfstein für das technische Können des Unternehmens und boten einen Vorgeschmack auf die Entwicklung im Norden Québecs in den folgenden Jahrzehnten. Im April 1957 verkaufte Hydro-Québec das Gasleitungsnetz an Gaz Métro.

„Stille Revolution“ mini|hochkant|Büste von René Lévesque vor dem Hauptsitz von Hydro-Québec Die Stille Revolution (révolution tranquille), die Québec einem tiefgreifenden sozialen und wirtschaftlichen Wandel unterwarf, brachte neuen Schwung in die Entwicklung des Unternehmens. Nach dem Wahlsieg der Liberalen unter Jean Lesage im Juni 1960 übernahm der ehemalige Fernsehreporter René Lévesque das Ministerium für staatliche Bauvorhaben und Ressourcen. Lévesque genehmigte die Weiterführung der laufenden Bauprojekte und bereitete mit verschiedenen hochrangigen Beamten die Verstaatlichung von elf privaten Elektrizitätsunternehmen vor, die weiterhin einen bedeutenden Teil der Stromerzeugung und -verteilung in Québec kontrollierten.Bolduc et al.: Hydro-Québec. L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 156.

Am 12. Februar 1962 begann Lévesque eine öffentliche Kampagne. In einer Rede vor Vertretern der Elektrizitätsbranche verurteilte er mit klaren Worten die aktuelle Situation und bezeichnete sie als „unglaubwürdiges und kostspieliges Durcheinander“. In der Folge trat er an zahlreichen Veranstaltungen in ganz Québec auf, um die Bevölkerung zu beschwichtigen und um die Argumente der Shawinigan Water and Power Company, dem Hauptgegner der geplanten Verstaatlichung, zu widerlegen.Bolduc et al.: Hydro-Québec. L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 167–168. Bei einem gemeinsamen Angelausflug am 4. und 5. September konnte Lévesque seine Kabinettskollegen davon überzeugen, das Vorhaben durchzuziehen. Um sich die Unterstützung der Bevölkerung zu sichern, rief Lesage vorgezogene Neuwahlen aus. Die geplante Verstaatlichung dominierte folglich den Wahlkampf. Der Wahlslogan der Liberalen, Maîtres chez nous („Herren im eigenen Hause“), hatte einen nationalistischen Unterton, da er sich explizit gegen die anglokanadische Wirtschaftselite richtete.Bélanger, Comeau: Hydro-Québec. Autres temps, autres défis. S. 89–95.

Lesages Regierung wurde am 14. November 1962 mit einer vergrößerten Mehrheit bestätigt und Lévesque begann mit der Umsetzung seines Vorhabens. Am 28. Dezember 1962 lancierte die Regierung eine feindliche Übernahme und bot an, sämtliche Aktien von elf Unternehmen zu einem Kurs zu erwerben, der leicht über dem Marktwert lag. Neben der Shawinigan Water and Power Company waren dies Quebec Power, Southern Canada Power, Saint-Maurice Power, Gatineau Power, die Compagnie de pouvoir du Bas-Saint-Laurent, Saguenay Power, Northern Quebec Power, die Compagnie électrique de Mont-Laurier, die Compagnie électrique de Ferme-Neuve und La Sarre Power. Einige Wochen später gaben die Unternehmensleitungen nach und empfahlen den Aktionären, das Angebot in der Höhe von 604 Millionen Dollar zu akzeptieren.Bolduc et al.: Hydro-Québec. L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 176. Hydro-Québec übernahm per 1. Mai 1963 auch fast alle Elektrizitätsgenossenschaften und einen Teil der gemeindeeigenen Versorgungsnetze. In Privatbesitz verblieben die Kraftwerke der Aluminiumkonzerne Alcan und Alcoa sowie von Énergie MacLaren am Rivière du Lièvre.Bolduc et al.: Hydro-Québec. L’héritage d’un siècle d’électricité. S. 178–181.

Wachstum in den 1960er und 1970er Jahren mini|Das Kraftwerk Jean-Lesage (früher Manic-2), erbaut von 1961 bis 1965 mini|Hubschrauber zur Überwachung von Hochspannungsleitungen (1978)