Zwar wohnten bereits im Mittelalter Juden in München, doch wurden sie in Pogromen mehrmals vertrieben und konnten sich aufgrund der besonders restriktiven antijüdischen Politik der bairischen Wittelsbacher erst ab etwa 1800 etablieren. Insofern dann einerseits einige bedeutende Persönlichkeiten aus der Münchner jüdischen Gemeinde hervorgingen und andererseits der Antisemitismus gerade von München als „Hauptstadt der Bewegung“ aus wirkte, ist die Geschichte der Juden in München von besonderer, mehr als nur lokaler Bedeutung. Das gilt auch noch für die Zeit nach 1945. mini|Die neue Hauptsynagoge in München im Jüdischen Zentrum München; rechts im Hintergrund das Jüdische Museum mini|Gedenkstein für die ehemalige Hauptsynagoge München (Herzog-Max-Str.) mini|Gedenktafel am Ort der von den Nazis zerstörten Ohel Jakob Synagoge in der Herzog-Rudolf-Str. 1 in München. mini|Toraschrein der Münchner Hauptsynagoge am Jakobsplatz mini|Synagoge am Jakobsplatz, München – Kuppel mit Davidsternmotiv (innen) mini|Jüdisches Zentrum und Jüdisches Museum am Jakobsplatz, München mini|Mahnmal im Rathaus zur Erinnerung an der Deportation von 1000 Münchner Juden nach Kaunas im Jahr 1941 mini|Gang der Erinnerung, der das Gemeindehaus unterirdisch mit der Synagoge am Jakobsplatz, München, verbindet

12. Jahrhundert: Beginn jüdischen Lebens in München Juden lebten seit dem Mittelalter in München.Leo Baerwald: Juden und jüdische Gemeinden in München vom 12. bis 20. Jahrhundert. In: Hans Lamm (Hrsg.): Von Juden in München. Ein Gedenkbuch. Ner-Tamid-Verlag, München 1958, S. 19–30. Zwar ist die Quellenlage nicht frei von Zweifeln, dennoch sind sich Historiker darüber einig, dass sich erste Juden bereits bald nach der Stadtgründung von München (1158) dort ansiedelten.

Urkundlich wird ihr Aufenthalt 1229 erstmals erwähnt. Der in diesem Jahr genannte erste namentlich bekannte Jude in München hieß „Abraham de Municha“ bzw. „Abraham der Municher“. Am 12. Oktober 1285 kam es zum ersten Pogrom, nachdem eine Frau „gestand“, die Münchner Juden hätten ein getauftes Christenkind getötet und sein Blut getrunken. Eine aufgebrachte Volksmenge zündete die Synagoge an, wobei 180 Juden, die sich in den ersten Stock geflüchtet hatten, in den Flammen umkamen, ihre Namen sind im Nürnberger Memorbuch von 1296 als Märtyrer verzeichnet. Zwei Jahre danach durften die Juden in die Stadt zurückkehren. Es folgten weitere Pogrome gegen Juden in München in den Jahren 1345, 1349, 1413, 1442 und 1715, die urkundlich dokumentiert wurden.

14. und 15. Jahrhundert: Wachstum, Pogrome, Vertreibung Das 14. und 15. Jahrhundert waren geprägt von Phasen des Wachstums der jüdischen Gemeinde und von Pogromen gegen Juden. 1381 baute die Gemeinde ein im Jahr zuvor erworbenes Haus in der Judengasse (später: Gruftgasse) zur Synagoge in der Judengasse um. 1442 wurden jedoch alle Juden aus München und Oberbayern auf Befehl Herzog Albrechts III. vertrieben. Die Synagoge in der Judengasse wurde zu einer Marienkapelle (Gruftkapelle) umgebaut und umgewidmet, die nach 1803 verschwand.

18. Jahrhundert: Rückkehr jüdischen Lebens nach München Nach über 300 Jahren siedelten sich wieder Juden in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in München an. Ihre Stellung in der Gesellschaft war schwierig. Auch die Jüdische Emanzipation, die sich im Zuge der Französischen Revolution entwickelte, konnte die Situation der Juden in München nur langsam verbessern. 1802 stellten Abraham Uhlfelder und Abraham Wolf Wertheimer den Rabbiner Hessekiel Hessel an.

Ein 1805 veröffentlichtes „Regulativ über die hiesige Judenschaft“ setzte auf Emanzipation nur unter dem Vorbehalt der Besserung, was bedeutete, dass die Emanzipation in die Hände von Bürokraten gelegt wurde. Den ständigen Aufenthalt garantierte nur die Aufnahme in die neu zu erstellende Matrikel, wobei die zugeteilte Nummer auf nur ein Kind übertragen werden konnte. Der Zutritt in die zünftischen Gewerbe blieb Juden verwehrt. Erlaubt waren ihnen jetzt immerhin Ansiedlung im ganzen Stadtgebiet und Religionsausübung. 70 jüdische Familien erhielten Bleiberecht; 37 Familien mussten München verlassen. Außerhalb der staatlichen Judengesetzgebung stand die kleine Schicht von Bankiers und Großhändlern, die durch Geschäftstätigkeit und Finanzanleihen ihre Nützlichkeit für den bayerischen Staat bewiesen hatten; sie bewegten sich ganz selbstverständlich innerhalb des Hofes und der höheren Beamtenschaft.

Eine Aufforderung der Münchner Polizeidirektion, die jüdische Gemeinde solle eigene jüdische Schulen errichten, lehnte Gemeindevorsteher Uhlfelder mit der Begründung ab, er könne den Mitgliedern nicht vorschreiben, in welche Schule sie ihre Kinder schickten; vermögende jüdische Eltern stellten für ihre Kinder Hauslehrer ein. 1804 wurde den Juden der Eintritt in die höheren und niederen Lehranstalten der christlichen Konfessionen gestattet. 1806 wurde aus dem Bedürfnis, dem traditionellen religiösen Leben eine breitere Basis und zugleich eine Organisationsform zu schaffen, die „Chewra Talmud Tora“ gegründet.

1806 bis 1871: Rechtssicherheit, Gründung der IKG, Friedhof und Synagogenbau Im Jahre 1806 wurde der Wittelsbacher Maximilian I. Joseph der erste König des Königreichs Bayern. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Münchens war der erste im Königreich Bayern, der sich ohne Vorbehalt auf den Boden der neuen Zeit stellte und die noch in den Ministerien schwebenden Verhandlungen und Beratungen zu beeinflussen versuchte durch eine von Abraham Uhlfelder als Vorsteher sowie vier Deputierten unterzeichnete „zur allerhöchsten Stelle gerichtete Immediateingabe“ vom 8. April 1812.Akten des israelitischen VereinsVorstandes in Fürth (Rep. Tit. II Nr. 155), die Verhältnisse der israelitischen Glaubensgenossen betr. (zitiert nach Eckstein, S. 16 ff.) Nach den üblichen schmeichlerischen Einleitungsfloskeln wagten sie, den König „um die Emanzipation unserer Glaubensgenossen im ganzen Königreiche allerunterthänigst anzuflehen und um den Genuss der staatsbürgerlichen Rechte allerdevotest zu bitten, indem wir zugleich die treueste und heiligste Erfüllung aller staatsbürgerlichen Pflichten ohne Ausnahme geloben.“ Dann folgt die rhetorisch gemeinte Frage: „Ob die Juden in Rücksicht ihrer Religion des Genusses der Bürgerrechte fähig und würdig sind?“ Weiter heißt es, diese Frage sei theoretisch und auch praktisch „affirmativ beantwortet“ durch die erfolgreiche Judenemanzipation in Napoleons Kaiserreich und einer ganzen Reihe deutscher Staaten. „Und in Baiern sollten wir zurückstehen? ... Nicht möglich! Die Constitution und mehrere frühere und spätere Gesetze und organische Edicte sprechen zu bestimmt vollkommene Religions- und Gewissensfreyheit aus, als dass wir von dieser Seite etwas zu befürchten hätten.“

Mit dem Judenedikt von 1813 ermöglichte der königliche Minister Montgelas erstmals die Rechtssicherheit der jüdischen Gemeinschaft in Bayern. Zwar wurden im Edikt die Freizügigkeit der Juden sowie die Möglichkeit von Familiengründungen eingeschränkt, da eine Heirat von der Obrigkeit genehmigt werden musste. Es ermöglichte aber dennoch ein geregeltes Leben und führte zu einem deutlichen Anstieg der jüdischen Gemeinschaft in Bayern.

Ein weiterer wichtiger Schritt für die Juden in München war im Jahre 1815 die Gründung der „Israelitischen Kultusgemeinde München“. Schon ein Jahr später wurde der jüdischen Gemeinde die Erlaubnis erteilt, einen jüdischen Friedhof anzulegen, worauf 1816 der Alte Israelitische Friedhof in Sendling an der Straße nach Thalkirchen errichtet wurde. Nachdem der alte Friedhof trotz mehrfacher Erweiterungen und dem Bau eines Taharahauses 1882 belegt war, wurden die Verstorbenen ab 1908 auf dem Neuen Israelitischen Friedhof an der Garchinger Straße begraben und der alte Friedhof geschlossen.

Die erste neuzeitliche Münchner Synagoge wurde 1824 bis 1826 an der Westenriederstraße gebaut, unter massivem Druck der Obrigkeit. Bis zu diesem Zeitpunkt trafen sich die Münchner Juden in vielen kleinen privaten Beträumen, die es über die ganze Stadt verteilt gab. Diese Situation missfiel den Behörden, da sie glaubte, dass in den Beträumen unkontrollierbare Winkelzusammenkünfte stattfinden würden. So zwangen die Behörden die Gemeinde unter Androhung von Geld- und Arreststrafen zum Bau einer Synagoge. Damit erfüllte sich aber auch ein lang ersehntes Ziel der Jüdischen Gemeinde. Die Synagoge entstand jedoch nur am damaligen Stadtrand, in der heutigen Westenriederstraße 7, was einen repräsentativen Kultbau im Herzen Münchens verhinderte, der als Symbol jüdischer Emanzipation und Integration hätte gelten können.

1872 bis 1900: Rechtliche Gleichstellung und zwei neue Synagogen Unmittelbar nach der deutschen Reichsgründung erhielten im Jahre 1872 die jüdischen Bürger endlich dieselben Bürgerrechte wie die Christen in Deutschland. Diese rechtliche Gleichstellung war ein entscheidender Impuls für das jüdische Leben in München, da ein starker Zuzug von jüdischer Landbevölkerung aus dem gesamten bayerischen Gebiet und darüber hinaus einsetzte. Viele Fabrikationsbetriebe und Handelsfirmen wurden ab 1872 von Juden in München gegründet wie z. B. die Gebr. Freundlich.Bernhard Koch: Ausgeliefert an willfährige Vollstrecker. Die Holzhandlung Gebrüder Freundlich. In: In der Folgezeit entwickelte sich die Jüdische Gemeinde in Bayern mit großer Geschwindigkeit.

1882 wurde auf Betreiben von König Ludwig II. der zu diesem Zeitpunkt blühenden Jüdischen Gemeinde ein Grundstück in der Innenstadt, gegenüber der Maxburg für den Neubau der Hauptsynagoge zur Verfügung gestellt. Die neue Hauptsynagoge in der Herzog-Max-Straße konnte am 16. September 1887 mit vielen offiziellen Gästen feierlich eingeweiht werden und war zu diesem Zeitpunkt die drittgrößte Synagoge Deutschlands – in unmittelbarer Nähe zur Frauenkirche. Sie gehörte der Gemeinde nach zum Reformjudentum, zählte zu den schönsten Synagogen in Europa und verlieh der Jüdischen Gemeinde ein neues Selbstbewusstsein, da sie zugleich ein Zeichen für die Akzeptanz und die Bedeutung der jüdischen Bevölkerung für das politische und gesellschaftliche Leben in München war. Eine Phase der Integration schien angebrochen.

Diese Entwicklung fand jedoch nicht überall in Europa statt. Zahlreiche Juden in Osteuropa entflohen den dortigen Pogromen und zogen Richtung Westen. Viele von ihnen wanderten in die Vereinigten Staaten aus. Eine Zwischen- und manchmal auch Endstation auf diesem Wege war München.

Die Orthodoxe Gemeinde, die sich zunehmend von den Versammlungen der Reformgemeinde fernhielt, erbaute auf eigene Kosten 1891/92 die Synagoge Ohel Jakob in der Herzog-Rudolf-Straße (früher Kanalstraße).

1900 bis 1919: Zuwanderung aus Osteuropa Durch die starke Zuwanderung von Juden aus Osteuropa stieg die Zahl der jüdischen Bevölkerung in München nach der Jahrhundertwende stark an. 1910 gehörten 11.083 von 590.000 Einwohnern der Stadt dem jüdischen Glauben an (knapp 2 % der Gesamtbevölkerung). Persönlichkeiten wie Lion Feuchtwanger, Bruno Walter, Hermann Levi, Max Reinhardt, Julius Spanier, Otto Bernheimer oder Kurt Eisner trugen zum internationalen Ruf wie auch zum kulturellen, politischen, wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Leben Münchens bei.

Weimarer Republik In der Zwischenkriegszeit verschlechterten sich die Lebensbedingungen für Juden in München: So kam es in den 1920er Jahren zunehmend zu Spannungen und zur rücksichtslosen Ausweisung polnischstämmiger Juden. Auch verübten SA-Trupps Übergriffe auf jüdische Personen und Geschäfte. Als 1931 mit der Synagoge an der Reichenbachstraße eine dritte Synagoge eingeweiht wurde, die für die aus dem Osten vertriebenen Juden bestimmt war, erschien in den Münchner Neuesten Nachrichten, der damals größten Münchner Tageszeitung, kein Bericht darüber.

1933 bis 1945: Repressionen, Verfolgung, Vertreibung und Tod