mini|Gebäudeansicht Ihnestr. 22: ehemaliges Kaiser-Wilhelm-Institut. mini|Gedenktafel zur Erinnerung an die NS-Verbrechen mini|Otto-Suhr-Institut während einer Besetzung im Dezember 2000

Das Otto-Suhr-Institut für Politikwissenschaft (OSI) ist ein Institut der Freien Universität Berlin. Als Nachfolger der Deutschen Hochschule für Politik ist es seit 1959 Teil des Fachbereichs Politik- und Sozialwissenschaften. Das OSI gilt als renommiertestes politikwissenschaftliches Institut in Deutschland; im Wintersemester 2023/24 galt für eine Immatrikulation in den Studiengang Politikwissenschaften ein Numerus clausus von 1,0. Namensgeber ist der ehemalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Otto Suhr (1894–1957, SPD).

Im QS-Universitätsranking für Politikwissenschaft nimmt das Otto-Suhr-Institut jährlich den Spitzenplatz in Deutschland ein. Im CHE-Ranking 2021 nimmt das OSI ebenfalls eine Position als renommiertestes politikwissenschaftliches Institut in Deutschland ein.

Geschichte Das OSI ging 1959 aus dem Institut für politische Wissenschaft der FU und der 1920 gegründeten Deutschen Hochschule für Politik hervor, die unter den Nationalsozialisten als Auslandswissenschaftliche Fakultät unter der Leitung von Franz Six Teil der Berliner Universität war (s. hierzu auch Albrecht Haushofer, Harro Schulze-Boysen, Rainer Hildebrandt) und nach der Stilllegung am Ende des Zweiten Weltkriegs durch Beschluss der Stadtverordnetenversammlung vom 18. März 1948 am 15. Januar 1949 wieder eröffnet wurde.

Das OSI stand in den 1950er Jahren für einen Neuanfang der Politikwissenschaft in Deutschland. Sozialdemokratische und linkssozialistische Exilanten spielten an der Reformuniversität FU eine größere Rolle als dies in den westdeutschen Ordinarienuniversitäten möglich gewesen wäre. Insbesondere zeichneten sich diesbezüglich Franz L. Neumann, Ernst Fraenkel und Ossip K. FlechtheimDavid Bebnowski, Grundlagen der Neuen Linken. Franz L. Neumann und amerikanisch deutsche Netzwerke in West-Berlin, in: Zauber der Theorie - Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 23–38. aus. Zur zweiten Generation gehörten Hochschullehrer wie Johannes Agnoli, der seit 1962 als Assistent Flechtheims am OSI lehrte und später auf eine Professur berufen wurde,Michael Hewener, Die Theorie der Außerparlamentarischen Opposition: Johannes Agnolis „Transformation der Demokratie“ in: Zauber der Theorie - Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 39–45. Elmar Altvater, der 1971 eine Professur für Politische Ökonomie am OSI bekam, sowie der ab 1979 als Professor am Zentralinstitut für Sozialwissenschaftliche ForschungGrottian, Peter. In: Walter Habel (Hrsg.): Wer ist wer? Das deutsche Who’s who. 24. Ausgabe. Schmidt-Römhild, Lübeck 1985, ISBN 3-7950-2005-0, S. 415. tätige Peter Grottian.

Nicht erst seit der 68er-Bewegung war das Otto-Suhr-Institut somit Ideenschmiede für gesellschaftskritisches Denken und später auch für (links-)politischen Aktivismus. So gerieten die Jahre 1967 bis 1969 auch hier zu einem politischen Aufbruch, währenddessen die Studierenden und Teile des Mittelbaus sich breiter und teils auch radikaler politisierten als in den Vorjahren, aber auch als in anderen vergleichbaren Instituten der Bundesrepublik zu jener Zeit.

1995 entbrannte ein nicht nur am InstitutUserpage OSI/FU Berlin 1995 sondern auch in Berliner und überregionalen Tageszeitungen viel beachteter Streit zwischen dem AStA der FU Berlin und der als Freiwilligenprojekt am OSI angesiedelten osi zeitung über die Eingriffsmöglichkeiten einer formalen AStA-Herausgeberschaft und die abrupte Verweigerung der seit Jahren üblichen Übernahme der Druckkosten der Zeitung aus dem AStA-Budget. Anlass des Streits waren Vorwürfe der Zensur gegenüber dem AStA bzw. die von der Redaktion gesehene Einschränkung der Pressefreiheit der osi zeitung. Im Kern ging es um die Veröffentlichung zweier von AStA-Verantwortlichen als unliebsam und geschichtsrevisionistisch eingeschätzten Artikeln in der osi zeitung und im Verlauf zunehmend auch um das – dann weiter strittige – meinungsoffene redaktionelle Konzept des Blatts.

Im Zuge der internationalen Vereinheitlichung der Studiengänge wurde am Otto-Suhr-Institut 2003 der Diplomstudiengang Politikwissenschaft reformiert und durch konsekutiv gestufte Studiengänge mit Abschluss Bachelor of Arts und Master of Arts in Politikwissenschaft ergänzt. Darüber hinaus bietet das Otto-Suhr-Institut gemeinsam mit der Universität Potsdam und der Humboldt-Universität zu Berlin einen Master of Arts in Internationale Beziehungen an. Diese strukturellen Veränderungen, einhergehend mit einer EDV-gestützten Überwachung und Verwaltung der Studienverläufe der Studentenschaft durch die sogenannte „Campus-Management“-Software, sind seit ihrer Einführung ein andauernder Streitpunkt zwischen Studenten und Universitätsleitung.Heike Schmidt: Stummer und lauter Protest. In der taz, 8. Dezember 2005. Seit der Bewilligung des am Otto-Suhr-Institut angesiedelten Sonderforschungsbereichs 700 „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Jahr 2006 wird von Teilen der Studenten und Lehrenden eine zunehmende Fokussierung von Forschung und Lehre auf den politikwissenschaftlichen Teilbereich der Internationalen Beziehungen zu Ungunsten der Politischen Theorie und Ideengeschichte kritisiert. Diese Entwicklung führte zu heftigen Auseinandersetzungen um Berufungsverfahren.Streit um Politische Theorie am Otto-Suhr-Institut. Im Der Tagesspiegel, 30. Oktober 2010

Gebäude

Das Hauptgebäude wurde am 7. Mai 1962 eingeweiht. Die Baukosten von sechs Millionen DM wurden zur Hälfte von den USA getragen – auf Initiative der Berlin-Beauftragten im US-Außenministerium, Eleanor Dulles.

Ein Teil des OSI ist im Gebäude des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik untergebracht. Anfang der 1940er Jahre forschte hier auch Josef Mengele.

Neben den metallenen Lettern mit der Bezeichnung Otto-Suhr-Institut steht in schwarzer Schrift: „Johannes-Agnoli-Institut für Kritik der Politik“.

Forschungsschwerpunkte Die wichtigsten aktuellen Forschungsschwerpunkte des Otto-Suhr-Instituts liegen in den Bereichen der Area Studies inklusive der Europäischen Politik, der Internationalen Beziehungen, der Sicherheits- und der Umweltforschung. Neben einer Vielzahl von Drittmittelprojekten ist am OSI der Sonderforschungsbereich „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“ angesiedelt.

Deutsch-französische Studienprogramme HEC Paris: Der integrierte Studiengang bietet jährlich zwanzig Studierenden aus aller Welt die Möglichkeit, innerhalb von zwei Studienjahren den Master of Science in Management der HEC und den Master of Public Policy und Management der Freien Universität Berlin zu absolvieren. Darüber hinaus bietet die HEC jährlich drei Studierenden des Otto-Suhr-Instituts die Möglichkeit, im Rahmen ihres Grundstudiums ein Semester in Paris zu studieren. Institut d’études politiques de Paris (Sciences Po): Im Rahmen des Studiengangs erwerben die Studierenden innerhalb von vier Semestern (2 Jahre in Nancy, 2 in Berlin) den deutsch-französischen Doppel-Bachelor in Politik- und Sozialwissenschaften. Zugleich gibt es diesen integrierten Studiengang auch als Master Option: in Politik- und Sozialwissenschaften, der den Master of Arts in Politikwissenschaft der Freien Universität und den Master de Sciences Po mit den mentions „Affaires Internationales“ oder „Affaires Européennes“ verbindet.

Diese Studienprogramme sind von der Deutsch-Französischen Hochschule (DFH) anerkannt.

Persönlichkeiten Aktuelle:

Ehemalige:

Alumni Politik / Verwaltung: Reem Alabali-Radovan, Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie Mitglied des Deutschen Bundestags (SPD) Ferda Ataman, Unabhängige Bundesbeauftragte für Antidiskriminierung Dorothee Bär, Bundesministerin für Forschung, Technologie und Raumfahrt sowie Mitglied des Deutschen Bundestags (CSU) Klaus Böger, ehemaliger Senator für Bildung, Jugend und Sport in Berlin (1999–2006) Björn Böhning, Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen (SPD) Hermann Borghorst, Berliner Abgeordneter und Personalvorstand der Lausitzer Braunkohle AG Rebekka Borsch, Staatssekretärin in Norwegen Kuno Böse, Politiker Frank Bsirske, Bundesvorsitzender ver.di a.D. Edmund Brandt, Rechtswissenschaftler und Politologe Conrad Clemens, Staatssekretär in der Sächsischen Staatskanzlei und Bevollmächtigter des Freistaates Sachsen beim Bund Sawsan Chebli, Staatssekretärin für bürgerschaftliches Engagement und Internationales des Landes Berlin a.D. (SPD) Bettina Jarasch, Politikerin und Berliner Senatorin a.D. (Grüne) Barbara John, Ausländerbeauftragte des Berliner Senats (1981–2003) Steffen Krach, Regionalpräsident Hannover, ehem. Staatssekretär für Wissenschaft und Forschung des Landes Berlin (SPD) Holger Krestel, Mitglied des Deutschen Bundestages (FDP) Martina Krogmann, Mitglied des Deutschen Bundestages (1998–2010) (CDU) Reinhard Loske, ehem. Senator für Umwelt, Bau, Verkehr und Europa der Freien Hansestadt Bremen (2007–2011) (Grüne) Heinrich Lummer, ehemaliger Senator und Bürgermeister (CDU) Alfred Mechtersheimer, ehemaliger Bundestagsabgeordneter (Die Grünen), Sprecher der rechtsextremen Deutschland-Bewegung (DB) Walter Momper, Regierender Bürgermeister von Berlin (1989–1991) (SPD) Edda Müller, Politikerin Lisa Paus, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend a.D., MdB, (Grüne) Otto Schily, Bundesminister a.D. (SPD) Sabine von Schorlemer, Staatsministerin für Wissenschaft und Kunst im Freistaat Sachsen seit 2009 Peter Radunski, Senator für Bundesangelegenheiten, Senator für Kultur und Wissenschaft (CDU) Michael Roth, Politiker Gesine Schwan, Professorin, Universitätspräsidentin und Politikerin SPD Hermann Scheer, Mitglied des Deutschen Bundestages (SPD) († 2010) Swen Schulz, Mitglied des Deutschen Bundestages (SPD) Jörg-Otto Spiller, Mitglied des Deutschen Bundestages (1994–2009) (SPD) Michael Sommer, Bundesvorsitzender DGB a.D. Peter Sötje, Chef der Senatskanzlei, Kurator DSE, Vorstand Goethe-Institute († 2026) Jörg Steinert, Bürgerrechtler Horst Teltschik, Politiker, außenpolitischer Berater von Bundeskanzler Kohl (CDU) Günter Wehrmann, zuletzt deutscher Generalkonsul in Kalkutta Helga Zepp-LaRouche, Politikerin Bastian Fleig, politischer Beamter und Gewerkschafter

Wissenschaft: Wilhelm Bleek, Politologe Peter Brandt, Historiker Stefan Heinz, Politikwissenschaftler und Historiker Wolfgang Hertle, Politologe, Gewaltfreier Aktivist und Bewegungsforscher Wolfram Beyer, Politologe, Pazifist, Autor und Musiker Werner Jann, Professor für Politikwissenschaft, Verwaltung und Organisation an der Universität Potsdam Johannes Tuchel, Professor für Politikwissenschaft und Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand sowie der Gedenkstätte Plötzensee

Medien:

Wirtschaft: Arend Oetker, Unternehmer und Kunstsammler

Literatur David Bebnowski, Grundlagen der Neuen Linken. Franz L. Neumann und amerikanisch deutsche Netzwerke in West-Berlin, in: Zauber der Theorie – Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 23–38. Bodo von Greiff, Gerhard Kiersch, Klaus Megerle, Das OSI. Wissenschaft, Studium und Organisation am Fachbereich Politische Wissenschaft der Freien Universität Berlin, Berlin 1989. Michael Hewener, Die Theorie der Außerparlamentarischen Opposition: Johannes Agnolis "Transformation der Demokratie in: Zauber der Theorie – Geschichte der Neuen Linken in Westdeutschland, Schwerpunktheft von Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft II/2018, S. 39–45.