Tsotsitaal, auch bekannt als Flaaitaal, ist ein hauptsächlich von Männern gesprochener Soziolekt der südafrikanischen Townships, vor allem in der Gauteng-Provinz in Südafrika, etwa Soweto. Ellen Hurst bezeichnet Flaaitaal auch als „stylect“, da extralinguistische Merkmale, besonders die Sprechweise, eine wichtige Rolle spielen.Hurst: Style, Structure and Function in Cape Town Tsotsitaal, 2008, S. 2 Die Struktur von Tsotsitaal basiert vor allem auf Afrikaans, das Vokabular stammt jedoch zu einem großen Teil aus dem Wortschatz von Zulu, Xhosa, den Sothosprachen (Nord-Sotho/„Pedi“, Süd-Sotho und Tswana) und Englisch.Makhudu: An introduction to Flaaitaal, 2000, S. 399. Es ist sehr schwer, genaue Angaben über Ursprung, Geschichte und Definition von Tsotsitaal zu machen, da der wissenschaftliche Diskurs hierzu große Differenzen und teilweise Widersprüche einschließt. Zudem handelt es sich um einen Soziolekt, der sich ständig verändert, regional stark variieren kann und dessen Verwendung je nach Alter, Geburtsort und sozialer Stellung sehr unterschiedlich ist.

Etymologie Das Wort flaaitaal setzt sich zusammen aus flaai (Afrikaans „stadterfahren“ oder „clever“) und taal („Sprache“). Die zweite, mindestens genau so häufig verwendete Bezeichnung ist „Tsotsitaal“. Der Begriff tsotsi bedeutet gemeinhin so viel wie „Gangster“, seine Herkunft ist aber nicht eindeutig geklärt. Laut Glaser beschreibt es einen modischen Trend der Townshipjugend in den 1940er Jahren, sogenannte „Zoot Suits“ zu tragen.Glaser: Bo tsotsi: the youth gangs of Soweto 1935–1976, 2000, S. 50. Dieser Trend etablierte sich stark und wird scheinbar mit dem spezifischen Habitus eines Gangsters assoziiert. Nicht zuletzt durch den Film „Tsotsi“ (2005) wurde diese Bezeichnung auch über die Grenzen Südafrikas hinaus eindeutig mit Kriminalität und Gangstertum in Verbindung gebracht.

Abgrenzung von anderen Sprachvarietäten Die ersten Zeugnisse von Tsotsitaal stammen aus Sophiatown und anderen Townships in der Gegend nördlich um Johannesburg und wurden dort in den 1940er Jahren dokumentiertHurst: Style, Structure and Function in Cape Town Tsotsitaal, 2008, S. 19. Die literarischen Quellen zur genauen Definition beziehungsweise Abgrenzung von Tsotsitaal gegenüber anderen Varietäten sind widersprüchlich. So wird im Sammelband „Language in South Africa“ Iscamtho von K.D.P. Makhudu mit Tsotsitaal gleichgesetzt, während Ntshangase im nächsten Kapitel des gleichen Sammelbandes beide Varietäten unterscheidet. Er definiert die Unterschiede wie im Folgenden erläutert: Iscamtho entstand wohl eher in der südlichen Minengegend von Johannesburg und wurde stark von den Amalaita-Banden beeinflusst. Tsotsitaal habe seinen Ursprung eher in der Gegend nördlich von Johannesburg, insbesondere in Sophiatown, woher auch die ersten Aufzeichnungen von Tsotsitaal stammen. Linguistisch lassen sich insofern Unterschiede beobachten, als dass Tsotsitaal deutlich mehr Einflüsse aus dem Afrikaans aufweist. Iscamtho hingegen ist stärker durch das Englische geprägt und basiert je nach Varietät auf Zulu oder Sotho. Seit dem Aufstand in Soweto 1976 ist die Verwendung von Tsotsitaal jedoch zugunsten von Iscamtho zurückgegangen, so dass heute in Soweto Iscamtho weiter verbreitet ist. Ntshanghase: Language Practice in Soweto, 2002, S. 411 Hurst legt in ihrer Promotionsarbeit dar, dass Iscamtho und Tsotsitaal einen gemeinsamen Ursprung haben könnten und sich erst später durch unterschiedlich starke Einflüsse von Sotho, Zulu oder Afrikaans veränderten. Als möglichen gemeinsamen Ursprung schlägt sie Shalambombo vor. Dieses wurde laut Ntshangase (1995) von den Amalaita-Banden gesprochen. Das Wort setzt sich zusammen aus Zulu shala („meiden“) und mbombo („herumdrehen“), was laut Hurst (2002) womöglich auf den geheimen Charakter von Shalambombo hindeutet.Hurst: Style, Structure and Function in Cape Town Tsotsitaal, 2008, S. 17 In unterschiedlichen Townships sind unterschiedliche Namen für Tsotsitaal verbreitet, wie beispielsweise Flaaitaal, Withi, Sepantsula, Setsotsi, Himbul, Hova oder Bika,Makhudu: An introduction to Flaaitaal, 2000, S. 399 um nur einige Beispiele zu nennen. Diese vielen verschiedenen Bezeichnungen können als Zeugnis der großen Flexibilität von Tsotsitaal verstanden werden. Laut MakhuduMakhudu: An introduction to Flaaitaal, 2000, S. 399 handelt es sich bei Fanakalo nicht um eine Form von Tsotsitaal, sondern um eine Pidgin-Sprache, die sich vermutlich in den Minen durch die Einflüsse verschiedener Sprachen entwickelte. Tsotsitaal ist aber keine Pidgin-Sprache, da es der Kommunikation innerhalb einer Sprachgruppe dient, oder zumindest innerhalb einer Gruppe mit ähnlichem soziokulturellen Hintergrund und Perspektiven verwendet wird.Makhudu: An introduction to Flaaitaal, 2000, S. 399

Ursprung Die Grundlagen für Tsotsitaal wurden in Südafrika im 19. Jahrhundert geschaffen, als viele verschiedene Sprachen in den Bergbauregionen rund um Johannesburg aufeinandertrafen. Die im Bergbau beschäftigten Männer kamen aus den unterschiedlichsten Teilen Südafrikas und darüber hinaus. Manche sprachen Sotho-Sprachen wie Pedi oder Tswana, andere Nguni-Sprachen wie Zulu oder Xhosa. Menschen, die aus Europa kamen, um ihr Glück in Südafrika zu suchen, sprachen Englisch, Deutsch, oder Französisch, um nur einige Beispiele zu nennen.Makhudu: An introduction to Flaaitaal, 2000, S. 398 1916 dokumentierte M.S. Evans, wie Farmarbeiter versuchten, zur Kommunikation mit ihren „Unterdrückern“ Afrikaans zu sprechen. Diese Aufzeichnungen aus der Gegend westlich von Johannesburg liefern Zeugnis eines gebrochenen Afrikaans.Makhudu: An introduction to Flaaitaal, 2000, S. 398 Sie sind ein möglicher Beleg für Matheras Theorie (1987:14), der davon ausgeht, dass die Ursprünge von Tsotsitaal in der Kommunikation von Hausangestellten mit der weißen, afrikaanssprachigen „Oberschicht“ liegen. Die Hausangestellten waren in der Regel Südafrikaner mit einer der Bantusprachen als Muttersprache. Diese Art von Afrikaans wurde jedoch gemeinhin als kitchen kaffir bezeichnet, was auch mit dem bereits erwähnten Fanakalo in Beziehung steht und anderen Quellen zufolge keinerlei Verbindung zu Tsotsitaal besitzt.Hurst: Style, Structure and Function in Cape Town Tsotsitaal, 2008, S. 20 Makhudu verweist in seinem Artikel auf van Rensburg, der auf die Einflüsse der in der Nähe der Minen lebenden Griqua-Gruppen hinweist. So könnte Tsotsitaal eine Art Proto-Pidgin sein, das aus der Notwendigkeit heraus entstand, trotz unterschiedlicher Sprachhintergründe miteinander zu kommunizieren.Makhudu: An introduction to Flaaitaal, 2000, S. 398 Eine weitere Theorie verweist hingegen auf den urbanen Gebrauch von Tsotsitaal und die Distanzierung der Sprecher von der Landbevölkerung. Die rurale Bevölkerung wurde laut Molamu (1995) mit negativen Ausdrücken wie country bumkins oder kalkoenes (Afrikaans „Truthahn“) beschrieben, wohingegen Sprecher von Tsotsitaal sich selber als „clever“ und autie bezeichneten.

Tsotsitaal als Gangstersprache Ebenfalls zu Beginn des 19. Jahrhunderts bildeten sich in der Gegend um Johannesburg Banden, die von dem berühmt-berüchtigten Nongoloza (auch als Mzuzhepi Mathebula oder Jan Note bekannt) angeführt wurden. Dieser führte eine „band of robbers“ an, die den Minenarbeitern teilweise auf ihren Heimwegen auflauerten und ihnen den Lohn stahlen, in Häuser einbrachen, oder in den Bergen wegelagerten. Sie nannten sich umkhosi wezintaba – „Regiment der Berge“.Hurst: Style, Structure and Function in Cape Town Tsotsitaal, 2008, S. 15 Bandenmitglieder wurden für ihre kriminellen Handlungen verhaftet und in Gefängnisse gesperrt, in denen sie die Organisation ihrer Bande festigten. Diese ähnelten den Strukturen einer kolonialen Armee, und Nongoloza war in der Lage, diese auch aus dem Gefängnis heraus zu kommandieren. Auf dieser Grundlage entwickelten sich in den Gefängnissen vermehrt Banden wie die sogenannte The Numbers Gang. Die Machtstrukturen dieser Gangs sind bis heute nicht nur in den Gefängnissen von Südafrika beherrschend, sondern erstrecken ihre Wirkung bis in die Townships. Sie verfügen über eine sehr komplexes System der Organisation und über besonders strenge Regeln. Interessant ist der Einfluss von Afrikaans auf den Sprachgebrauch und die Etablierung gewisser Bezeichnungen innerhalb der Gefängniskultur. Dieser starke Einfluss ist darauf zurückzuführen, dass in den 1960er und 70er Jahren ungefähr doppelt so viele Coloureds wie „Africans“ inhaftiert waren.Steinberg:The number: one man’s search for identity in the cape underworld and prison gangs, 2004, S. 130–131 Tsotsitaal wird aber vorrangig auch mit den in den Townships lebenden Tsotsis (junge, kriminelle Männer, „Gangster“) assoziiert (vgl. Abschnitt Etymologie).

Style Die von Hurst (2002) geführten Interviews verdeutlichen, dass mit Tsotsitaal auch ein „style“ und für Städter typische Verhaltensweisen assoziiert werden, zum Beispiel wenn die befragten Tsotsitaalsprecher Kleidung und Körpersprache der Landbevölkerung mit ihrer eigenen vergleichen.Hurst: Style, Structure and Function in Cape Town Tsotsitaal, 2008, S. 225 Es besteht eine starke Affinität zu Markenkleidung, die in ländlichen Gegenden nur sehr selten erworben werden kann. Einige der interviewten Jugendlichen behaupten, aufgrund von modischen Unterschieden die Herkunft einer Person aus einer ruralen Gegend feststellen zu können. Bezüglich des Ganges sagte eine der befragten Frauen aus, dass sie selber vom Land stamme und die Stadtbevölkerung im Gegensatz zu ihr smoothly gehen würde. Sie selber würde mit hard steps laufen, die von der Arbeit auf dem Land gezeichnet seien.Hurst: Style, Structure and Function in Cape Town Tsotsitaal, 2008, S. 226 Auch spricht die urbane Bevölkerung angeblich schneller als die Landbevölkerung. Verhaltensunterschiede betreffen weitere Aspekte, wie Trinkverhalten, die Präferenz bestimmter Sportteams und den Lebensstil im Allgemeinen. Dieser „style“ ist in besonderem Maße identitätsstiftend und wird von sprachlichen Merkmalen begleitet und unterstrichen. Jugendliche aus urbanen Gegenden bezeichnen ihn als streetwise oder clever.

Tsotsitaal als Slang