miniatur|Anhänger des Königs Kasliwami in Urundi, dem heutigen Burundi, zwischen 1906 und 1918 Die Geschichte Burundis umfasst die Entwicklungen auf dem Gebiet der Republik Burundi von der Urgeschichte bis zur Gegenwart.

Vorkoloniale Zeit Nach heute vorherrschender Meinung war das Gebiet, in dem sich heute die Staaten Ruanda und Burundi befinden, ursprünglich von den Vorfahren der Twa besiedelt, einem Stamm, der mittlerweile in beiden Ländern nur noch einen sehr geringen Anteil an der Bevölkerung stellt und der an der politischen und sozialen Entwicklung praktisch nicht beteiligt war.

Es lässt sich nicht mit Sicherheit sagen, wie genau die Völkerwanderungsbewegung und bzw. oder die soziale Entwicklung ablief, die zu den teilweise heute noch vorhandenen Strukturen in der burundischen Gesellschaft führten. Vor einigen Jahren war man allgemein noch der von „Rassenforschern“ der Zeit um 1900 entwickelten und in den 1920er und 1930er Jahren weiterentwickelten Meinung, dass das Gebiet zunächst von der heute als Hutu bekannten Gruppe bewohnt wurde, zu denen in einer weiteren Migrationsbewegung die Tutsi aus dem Gebiet des heutigen Äthiopien oder des heutigen Ägypten hinzukamen, und zwar in zwei Wellen, wodurch die beiden unterschiedlichen Gruppen innerhalb der Tutsi, die sich später teilweise verfeindet gegenüberstanden, erklären ließen.Kay, Reginald (1987): ; Minority Rights Group, Londonvgl. auch Holtz, Bruno (1973): Burundi: Völkermord oder Selbstmord? Imba, Freiburg, S. 24ff Die von Forschern des 19. Jahrhunderts vorgefundenen Herrschaftsstrukturen wurden dementsprechend als durch die Ankunft der „überlegenen Rasse“ verursacht angesehen.vgl. Prunier, Gérard (1995): The Rwanda Crisis 1959 – 1994. History of a Genocide; Hurst & Company, London. S. 7

Zu Beginn der 1990er Jahre, als die Region auf Grund der politischen Entwicklung (auf die später noch eingegangen wird) in den Blickpunkt der Forschung geriet, wurde die schon länger bekannte These verbreitet, wonach völkische Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi nicht existierten und erst in der Kolonialzeit postuliert worden seien.vgl. Strizek (1996): Ruanda und Burundi: Von der Unabhängigkeit zum Staatszerfall. Weltforum, Köln., S. 6. Nach neuerer Vorstellung lassen sich die Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi strukturell erklären: Die Gruppen seien zunächst nur funktionell benannt worden (Tutsi bedeutet „reich an Rindern“, was gesellschaftlich gleichbedeutend mit einflussreich war, während Hutu eine Person bezeichnete, die untergeordnet war). Erst nachdem dieser funktionelle Unterschied benannt worden war, begannen demnach die jeweiligen Gruppen sich zu separieren, Heiraten zwischen Mitgliedern unterschiedlicher sozialer Herkunft wurden seltener, dadurch entstand ein getrennter Genpool und somit eine Manifestation der Unterschiedlichkeit, die sich nun tatsächlich auch im Aussehen so deutlich niederschlug, dass die später behaupteten Unterschiede nicht vollkommen falsch waren.diese Auffassung findet sich beispielsweise bei Human Rights Watch (1999): ; S. 31ff, abgerufen am 20. September 2013. Eine weitere vertretene Meinung schließlich schließt unterschiedliche lokale Ursprünge der Gruppen nicht aus, merkt aber an, dass diese nicht zur Erklärung der heutigen Gruppenzugehörigkeit von Individuen taugen, da diese sich sozial von eventuellen Ethnien wegentwickelt hätten.Barnett, Michael (2002): Eyewitness to a Genocide. Cornell, Ithaca, S. 50.

Später bildete sich ein Staat unter der Führung eines Mwami (Königs) heraus. Insgesamt gab es rund dreihundert Tutsi-Clans, von denen sich jedoch bloß vier Königsrechte erwarben. Der Mwami rekrutierte sich aus den Clans der Bataga (Königstitel Mutaga), Bezi (Königstitel Mwezi), Bambutsa (Königstitel Mwambutsa) und Batare (Königstitel Ntare). Aus allen Tutsi-Clans bestand der Hochadel, als Ganwa bezeichnet. Diese Adeligen waren auf lokaler Ebene recht unabhängig gegenüber dem König. Unterhalb der Adelsschicht waren die gewöhnlichen Mitglieder der Tutsi, die alleine über Bodenrechte und Großvieh verfügten. Die Untertanen, die Hutu, bewirtschafteten das Land. Im Verlauf der Jahrhunderte kam es zu zahlreichen Mischehen zwischen Tutsi und Hutu, so dass die ethnische Zugehörigkeit eine Frage der Lebenshaltung wurde. Viehzüchter galten als Tutsi, Ackerbauern als Hutu. Beide sprachen Kirundi.

Im 19. Jahrhundert hatten sich die Bewohner massiv gegen Sklavenjagden von arabischen Sklavenhändlern von der afrikanischen Ostküste zu wehren.

Die ersten namentlich bekannten Europäer, die das heutige Burundi bereisten, waren Richard Francis Burton und John Hanning Speke im Jahr 1858. Diese waren auf der Suche nach den Nilquellen bis zum Tanganjikasee vorgestoßen. Ihnen folgten 1871 Henry Morton Stanley und David Livingstone. Als nächste kamen 1879 Missionare aus dem Orden der Weißen Väter ins Land, wurden aber 1881 der Freundschaft mit den Sklavenhändlern beschuldigt und von Einheimischen ermordet.

Kolonialzeit mini|Karte Deutsch-Ostafrikas mit Burundi Bei der Kongo-Konferenz wurde das Gebiet am 8. November 1884 dem deutschen Einflussbereich zugeteilt. Vorerst besetzten die Deutschen das Land nicht. Die Grenzen mit dem Kongo wurden 1885, diejenige zu den britischen Gebieten 1886 definiert. Im Jahr 1892 bereiste der Österreicher Oskar Baumann das Land, welches zusammen mit Ruanda das Gebiet Ruanda-Urundi innerhalb von Deutsch-Ostafrika bildete. Erst im Jahr 1896 trafen erste deutsche Missionare und Soldaten ein. Die Militärstation Usumbura (heute die Stadt Bujumbura) wurde gegründet. 1899 wurde Burundi Teil des Protektorats Ruanda-Urundi mit dem Hauptort Usumbura. Die deutsche Kolonialherrschaft regierte das Land mit Hilfe des Mwami und der lokalen Adeligen. Bis 1906 war das Gebiet Militärbezirk, seither unter ziviler Verwaltung. Der Aufbau kolonialer Einrichtungen wie Schulen und Spitäler begann 1909. Im Ersten Weltkrieg besetzten 1916 belgische Truppen das Protektorat Ruanda-Urundi.

Im Friedensvertrag von Versailles wurde Burundi am 28. Juni 1919 als Teil von Ruanda-Urundi Belgien als Völkerbundmandat zugesprochen. Die Belgier verboten 1924 alle Arten von Sklaverei. Ab 1925 wurde das Land von Belgisch-Kongo her regiert. Am 13. Dezember 1946 wurde es UNO-Mandat unter belgischer Verwaltung. Bei den Lokalwahlen gewannen im Jahr 1953 Hutu-Parteien, bei den Regionalwahlen hingegen Tutsi-Parteien. Dies führte zu einem Auseinanderleben von Tutsi und Hutu, weil Letztere sich weiterhin unterdrückt fühlen. Ab September 1959 wurden zahlreiche Parteien gegründet, die zumeist ethnischen oder Clan-Grenzen folgten. Eine Ausnahme bildete die UPRONA, in der sowohl Hutu als auch Tutsi in der Führungsriege vertreten waren. Im November 1959 kam es zu schweren Unruhen zwischen Hutu und Tutsi, die von den Belgiern unterdrückt wurden.

Im Frühjahr 1961 erhielt das Land eine autonome Interimsregierung unter dem Hutu Joseph Cimpaye, die aus zahlreichen Parteien bestand. 1961 wurde auch das Frauenwahlrecht eingeführt.Jad Adams: Women and the Vote. A World History. Oxford University Press, Oxford 2014, ISBN 978-0-19-870684-7, Seite 438 Am 29. September 1961 fanden unter UNO-Aufsicht erste Parlamentswahlen statt, die die UPRONA klar gewann. An Stelle von Cimpaye wurde Prinz Louis Rwagasore neuer Premierminister. Bereits am 13. Oktober 1961 wurde der Regierungschef, der mit einer Hutu-Frau verheiratet war, von einem bezahlten Mörder – einem Griechen namens Ioannis Kageorgis – umgebracht. Angehörige des Batare-Clans, die der Parti Démocrate Chrétien (PDC) angehörten, wurden beschuldigt, Auftraggeber des Mordes zu sein. Sie wurden im Januar 1963 öffentlich hingerichtet. Die UPRONA spaltete sich entlang ethnischer Kriterien. Neuer Regierungschef wurde am 20. Oktober 1961 der Tare-Tutsi André Muhirwa. Er blieb bis 1963 im Amt und wurde somit erster Regierungschef des unabhängigen Staates Burundi.

Unabhängigkeit und nachkoloniale Periode mini|Denkmal der Unabhängigkeit in Bujumbura Königreich von 1962 bis 1966

Die UNO beschloss am 6. Juni 1962, die beiden Gebiete Ruanda und Burundi als separate Staaten in die Unabhängigkeit zu entlassen. Das Land wurde am 1. Juli 1962 von Belgien in die Unabhängigkeit entlassen. Noch am gleichen Tag zerbrach die Regierungspartei UPRONA in zwei rivalisierende Gruppierungen, in die sogenannte Monrovia-Gruppe aus gemäßigten prowestlichen Tutsi und Hutu unter Führung des Hutu Paul Mirerekano und in die Casablanca-Gruppe aus radikalen Tutsi. Vorerst konnte sich die Monrovia-Gruppe durchsetzen. Sie stellte mit André Muhirwa und ab 18. Juni 1963 mit Pierre Ngendandumwe den Regierungschef und versuchte, das Land zu stabilisieren. Nachdem der ab 1915 regierende Mwami Mwambutsa IV. als Staatsoberhaupt die Entlassung von vier Hutu-Ministern durchsetzte, trat Ngendandumwe als Regierungschef zurück. Er wurde durch Albin Nyamoya, einen radikalen Tutsi, ersetzt. Dieser bildete am 6. April 1964 eine neue Regierung. Nyamoya änderte die prowestliche Politik seiner Vorgänger und lehnte sich an die Volksrepublik China an. Es kam zu Grenzstreitigkeiten mit der Demokratischen Republik Kongo. Als im Dezember größere Mengen Waffen chinesischer Herkunft gefunden wurden, verlor Nyamoya das Vertrauen des Mwami. Am 8. Januar 1965 wurde er entlassen. An seine Stelle trat sein Vorgänger Ngendandumwe. Dieser wurde bereits wenige Tage später, am 15. Januar, von einer Gruppe radikaler Tutsi ermordet. Der Mwami ernannte den Präsidenten der UPRONA, Joseph Bamina, zum neuen Regierungschef. Am 10. Mai 1965 fanden die ersten Parlamentswahlen nach der Unabhängigkeit statt. Die UPRONA gewann klar mit 64 Prozent der Stimmen. Doch erhielt die radikale Tutsi-Partei Parti du Peuple (PP) 30 Prozent der Stimmen und ging auf Konfrontationskurs zur UPRONA. Trotz des Wahlgewinns zwang der König Bamina, einen Hutu, zum Rücktritt. Am 24. Juli erklärte der König den Notstand. Neuer Regierungschef wurde am 13. Oktober 1965 der Privatsekretär des Mwami, Léopold Biha. Er gehörte zum Königsclan der Bezi-Tutsi. Sowohl die radikalen Tutsi wie die um ihre Regierungsverantwortung betrogenen Hutu versuchten im Oktober einen Staatsstreich. Die Armee, bestehend aus Tutsi, tötete in diesem Zusammenhang über 5000 Hutu, darunter Ex-Regierungschef Bamina und Ex-UPRONA-Präsident Mirerekano. Der König war diskreditiert und setzte sich nach Europa ab. Das Land trieb Richtung Bürgerkrieg. Am 24. März wurde der Sohn von Mwami Mwambutse, Charles Ndizeye, als Ntare V. neuer König. Der Oberbefehlshaber der Armee, Michel Micombero, und Ntare V. kämpften um die faktische Macht im Land. Vorerst obsiegte der neue Mwami. Micombero wurde am 11. Juli 1966 an Stelle von Biha neuer Regierungschef. Am 28. November 1966 putschte sich Micombero während eines Auslandsbesuchs von Ntare V. an die Macht und erklärte Burundi zur Republik.

Ära Micombero 1966–1976 (Erste Republik) Michel Micombero wurde erster Präsident der Republik. Gleichzeitig wurde das Amt des Regierungschefs abgeschafft. Micombero stand an der Spitze eines so genannten Nationalen Revolutionären Rats, der 1968 aufgelöst wurde. Micombero entfernte innerhalb von wenigen Jahren sämtliche Hutu aus Führungspositionen im Militär, Polizei und Verwaltung.

Im September 1969 versuchten die letzten im Militär verbliebenen Hutu-Offiziere einen Putsch. Dieser misslang, und 23 Personen wurden im Dezember 1969 hingerichtet. Micombero stützte sich immer mehr auf Tutsi aus seiner Heimatregion und verärgerte damit die anderen Tutsi-Clans. 1971 wurden die letzten gemäßigten Tutsi innerhalb der Führung nach der Gründung eines Obersten Rates der Revolution aus den Führungszirkeln entfernt. Diesem dreißigköpfigen Gremium gehörten nur noch jeweils zwei Vertreter der Hutu und der Ganwa (Hochadel) an.