Islamkritik auf politischer, ethischer, philosophischer, wissenschaftlicher oder theologischer Grundlage gibt es seit der Gründungszeit des Islam im 7. Jahrhundert. Sie stellt eine Religionskritik dar und wird an Grundlagen, an kulturellen Traditionen und sozialen Normen des Islams geübt. Islamkritik als sachlich geübte Religionskritik wird terminologisch von Kritik im Sinne einer Islam- bzw. Muslimfeindlichkeit abgegrenzt, jedoch wird diese Unterscheidung häufig nicht getroffen.Vgl. Heiner Bielefeldt: Entgleisende Islamkritik. Differenzierung als Fairnessgebot. In: Politik und Islam. VS Verlag, Wiesbaden 2011, S. 135–143.

Frühe Kritiken am Islam wurden von Christen einige Jahrzehnte nach dem Auftreten Mohammeds geschrieben. Dabei betrachteten viele den Islam als eine christliche Irrlehre (Häresie).De Haeresibus von Johannes von Damaskus. Siehe Migne: Patrologia Graeca, vol. 94, 1864, cols 763-73. Englische Übersetzung von John W Voorhis erschien The Moslem World, 1954, S. 392–398. Später erschienen auch Kritiken aus der muslimischen Welt selbst, von jüdischen Autoren und von Vertretern verschiedener christlicher Kirchen.Ibn Warraq: Leaving Islam: Apostates Speak Out. Prometheus Books, 2003, ISBN 1-59102-068-9, S. 67.Ibn Kammuna: Examination of the Three Faiths, trans. Moshe Perlmann. Berkeley / Los Angeles 1971, S. 148–49David Novak: The Mind of Maimonides.Gabriel Oussani: Mohammed and Mohammedanism. In: Catholic Encyclopedia. Abgerufen am 16. April 2006. In der aktuellen Islamkritik ist eine herkunftsmäßige wie auch thematische Vielfalt zu verzeichnen.

Gegenstände der Kritik umfassen islamische Reaktionen auf Kritik, Stellungnahmen gegenüber Häresie bzw. Verdacht auf Häresie sowie die Behandlung von Apostasie im islamischen Recht.Andrew Bostom: Islamic Apostates’ Tales – A Review of Leaving Islam by Ibn Warraq. In: FrontPageMag, 21. Juli 2003.

Andere Kritiken problematisieren die Frage der Menschenrechte in islamischen Ländern der Moderne, die Stellung der Frau im islamischen Gesetz und in der Rechtspraxis (siehe auch Islamischer Feminismus). See also Timothy Garton Ash: Islam in Europe. The New York Review of Books, 10. Juni 2006. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde insbesondere die Rolle des Islams bei der Integration muslimischer Migranten in die Gesellschaften des Westens Gegenstand kritischer Analysen.Tariq Modood: Multiculturalism, Muslims and Citizenship: A European Approach. 1st. Routledge, 2006, ISBN 978-0-415-35515-5, S. 29. miniatur|Beispiel für Islamkritik: Auf einem Protestplakat für das „Verbot der Scharia“ wird diese als misogyn, antisemitisch und homophob bezeichnet (Raleigh/USA), 2017

Islamkritik aus den Religionen Christliche Apologetik Siehe auch: Die Darstellung Mohammeds im mittelalterlichen und neuzeitlichen Europa

Der Islam wurde bereits im 7. Jahrhundert in christlichen Quellen erwähnt.Zu den nicht-islamischen Quellen des frühen Islam siehe ausführlich Robert G. Hoyland: Seeing Islam as Others Saw It. A Survey and Evaluation of Christian, Jewish and Zoroastrian Writings on Early Islam. Princeton 1997. Zu den ältesten und einflussreichsten Streitern gegen den Islam gehört der Theologe und Kirchenvater Johannes von Damaskus († 749). Im zweiten Kapitel seines Buches Die Quelle der Weisheit () mit dem Titel Über die Häresien wird dargestellt, ohne dass dabei der Islam namentlich genannt wird. Im Buch der Häresien heißt es weiter, die Ismaeliten seien bis zur Zeit des Kaisers Herakleios Götzendiener gewesen und dann von einem falschen Propheten „Mamed“ in die Irre geführt worden, der seinerseits von einem häretischen Mönch beeinflusst gewesen sei. Bei diesem Mönch handelt es sich um den mit Legenden ausgeschmückten Bahira, der teils als Nestorianer, teils als Arianer geschildert wird.St. John of Damascus’s Critique of Islam; deutsche Übersetzung: Kritik von St. Johannes von Damaskus am Islam

Kaiser Manuel II. Palaiologos (1350–1425), dessen Reich unter dem Ansturm der Osmanen stark geschrumpft war und kurz vor dem Untergang stand, lehnte in seinem Dialoge mit einem persischen Gelehrten den Einsatz von Gewalt für die Glaubenssache als unvernünftig ab. Der Disput aus insgesamt 26 polemischen und apologetischen Dialogen soll das Christentum rechtfertigen wie dem Häretiker den wahren Glauben vorstellen.

Die biblische Prophezeiung an Hagar ( und ), der im 1. Buch Moses eine zahlreiche, jedoch wilde und kriegerische Nachkommenschaft vorausgesagt wird, wurde schon von Isidor von Sevilla und Beda Venerabilis in ihrer Polemik gegen Mohammed zu einer negativen Darstellung der Araber und Sarazenen verwendet: Als Abkömmling eines primitiven, barbarischen Volkes, das weder Gesetz noch Regierung gekannt und überdies einen zügellosen Polytheismus praktiziert habe, könne er keineswegs zum Prophetentum bestimmt gewesen sein. Sein Analphabetismus, der in der islamischen Tradition als gültiges Argument für den göttlichen Ursprung der koranischen Offenbarungen herangezogen wurde, diente im Westen, wo er seit etwa 1100 bekannt war, der entgegengesetzten Argumentation: Mohammed müsse als Mann von einfacher Herkunft und zudem Analphabet, umgeben von Götzendienern, ein leichtes Opfer für Betrügereien gewesen sein. Ergänzend dazu kamen die verschiedenen Versionen seiner Beziehungen mit religiös inspirierten Männern, die ihm in seiner unwissenden Naivität häretische christliche und jüdische Lehren als wahre Religion vermittelt hätten – ein Motiv, das dem Westen schon von Johannes Damascenus vermittelt worden war. Die Theorie, wonach Mohammed von zweifelhaften Personen verführt worden sei, war in gelehrten Kreisen des europäischen Mittelalters vorherrschend. Sie sahen demnach den Islam als eine christliche Häresie, während die Darstellung von Mohammed als Teil eines polytheistischen islamischen Pantheons ein immer wiederkehrendes Thema der „volkstümlichen“ mittelalterlichen Darstellung Mohammeds in Europa war. In diesem Zusammenhang wurde auch die These aufgestellt, Mohammed wäre in Wirklichkeit ein christlicher Priester oder sogar Kardinal, der aus Gründen des Ehrgeizes vom Christentum abgefallen sei und durch Gründung einer neuen Sekte seine Ziele verwirklicht habe.Übersetzung nach: Encyclopaedia of Islam, Band VIII, S. 379–381

Weltweites Aufsehen und zum Teil militante Proteste von Muslimen rief das Papstzitat von Regensburg hervor, als Papst Benedikt XVI. am 12. September 2006 in einer Vorlesung an der Universität Regensburg zur Rolle der Gewalt im Islam folgende fundamentale Islamkritik des oben erwähnten Kaisers Manuel II. zitierte: „Zeig mir doch, was Mohammed Neues gebracht hat, und da wirst du nur Schlechtes und Inhumanes finden wie dies, daß er vorgeschrieben hat, den Glauben, den er predigte, durch das Schwert zu verbreiten.“Glaube, Vernunft und Universität. Erinnerungen und Reflexionen, Ansprache von Benedikt XVI., Aula Magna der Universität Regensburg am 12. September 2006 Von Seiten des Heiligen Stuhls wurde als Reaktion auf die Kritik und Proteste betont, dass Benedikt XVI. sich das Zitat von Manuel II. nicht zu eigen machen wollte, sondern auf den wesentlichen Zusammenhang zwischen Glaube und Vernunft hinführen wollte und Ehrfurcht gegenüber dem Koran empfindet.

In der christlichen Apologetik werden islamische Glaubenswahrheiten kritisiert, etwa die Sündenlehre und die Stellung Jesu Christi als Prophet. Kritisiert werden auch islamische Polemiken gegen das Christentum.

Kritik aus dem Islam Historische Kritik Seit der Entstehung des Islams gab es bis zum Ende des abbasidischen Kalifats (ca. 750–1258) immer wieder islamische Gelehrte und Gelehrtenschulen, die – oft in der Auseinandersetzung mit der klassischen griechischen Philosophie – im Sinne einer innerislamischen „Aufklärung“Gerhard Schweizer: Islam und Abendland: Geschichte eines Dauerkonflikts. Stuttgart 2003, S. 104. Kritik an der Orthodoxie bzw. der dogmatischen Koranexegese betrieben und versuchten, die Aussagen des Koran aus ihrer Position als wissenschaftlich anerkannte Autoritäten teils zu hinterfragen, teils rational zu begründen. Hierzu zählen u. a.

der Perser Ibn al-Muqaffa' (729–756), der befand, das Gesetz müsse dem religiösen Bereich entzogen und politisch kontrolliert werden; die rationale Glaubensströmung der Muʿtazila in Bagdad (bis etwa Ende des 9. Jh.) lehrte die „Erschaffenheit des Koran“ und konnte diesen und alle anderen religiösen Quellentexte des Islams somit kritisch betrachten. Statt der Imitation zogen sie den logischen Schluss vor; al-Warraq, der Widersprüche und Ungereimtheiten im Koran im Lichte seines Vernunftbegriffes kritisierte.Vgl. Abdelwahab Meddeb: Islam und Aufklärung. Theologen und Philosophen im Widerstreit um Tradition und Moderne. lettre 73, Sommer 2006

Vor allem die schiitische Theologie trug in Auseinandersetzung mit philosophischen Positionen zu einer rationalen Koranauslegung bei.Markus Wachowski: Rationale Schiiten: Ismailitische Weltsichten nach einer postkolonialen Lektüre von Max Webers Rationalismusbegriff. Religionsgeschichtliche Versuche und Vorarbeiten Bd. 59, Berlin 2012. Die Zwölfer-Schia weist der menschlichen Vernunft ('aql) in Glaubensdingen, bei der Auslegung des Koran und in der Rechtsfindung eine wichtige Rolle zu.Heinz Halm: Die Schiiten. München 2015.

Auch in Ägypten entwickelten sich im 19. Jahrhundert mit der Nahda-Bewegung die Kritik an der religiösen Legitimation des Kalifats und die Forderung nach Trennung von Religion und Politik, die von ʿAlī ʿAbd ar-Rāziq in den 1920er Jahren am radikalsten formuliert wurde.Erdmute Heller: Islam, Demokratie, Moderne: Aktuelle Antworten arabischer Denker. München 1998, S. 13.

Moderne Kritik Liberale Bewegungen im Islam beziehen sich auf viele dieser frühen muslimischen „Aufklärer“, die die Gleichberechtigung von Glauben und Vernunft betonen, so z. B. die kanadische Feministin Irshad ManjiIrshad Manji in ihrem Buch Der Aufbruch – Plädoyer für einen aufgeklärten Islam. München 2005, S. 64: „Innerhalb Spaniens … wagte es (Ibn Rushd), anderer Meinung zu sein als die Theokraten. Angetrieben durch den Aufstieg eines grausamen Islam, argumentierte Ibn Rushd, dass ‚Philosophen am besten in der Lage sind, die allegorischen Passagen im Koran … richtig zu verstehen. Es gibt keine religiöse Begründung dafür, dass die allegorischen Koranpassagen wörtlich zu nehmen sind‘. Dazu kann ich nur Amen sagen“. oder der türkische Theologe Yaşar Nuri Öztürk.

In der Türkei argumentierte der promovierte islamische Philosoph und Theologe Yaşar Nuri Öztürk seit vielen Jahren gegen „verzerrte Auslegungen“ des Koran. Öztürk, der in der türkischen und deutschen Presse als „Türken-Luther“ bezeichnet wurde,Vom „Türken-Luther“ zum Anti-Erdogan: Türkischer Star-Theologe gründet Partei. Welt Online, 20. Februar 2005; abgerufen am 3. August 2011Türk Luther’i Erdoğan’a karşı. Hürriyet; abgerufen am 3. August 2011 sah sich selbst als orthodoxen Muslim, der den Islam in seiner reinen, ursprünglichen Form rekonstruieren will. Er unterschied zwischen einem kulturell geprägten „Islam der Traditionen“ und einem „wahren Islam“, der sich an der Überlieferung des Korans festmachen ließe. Ausdrücklich befürwortete Öztürk vernunftgeleitete Kritik. Aktuelle Entwicklungen in der islamischen Welt kritisierte er als „Degenerationserscheinungen im Islam“. Er wendete sich auch gegen die Geschlechtertrennung in Schulen und Sport, gegen die Todesstrafe für vom Glauben abgefallene Muslime und gegen fundamentalistische Muslime, „die sich gottgefällig wähnen, weil sie Schweinefleisch und Alkohol meiden, während sie ungerührt ihre Frauen versklaven“. Der Theologe war in seiner türkischen Heimat durch regelmäßige Fernsehauftritte und Zeitungskolumnen bekannt.Abdul-Ahmad Raschid: Beitrag. Radiofeuilleton, Dradio Kultur