Oberweier ist ein Stadtteil der Großen Kreisstadt Ettlingen im Landkreis Karlsruhe in Baden-Württemberg. Die Ortschaft liegt am Rande des Schwarzwalds zwischen Rheinebene und Vorbergzone des Oberrheinischen Tieflands und zählt 1.483 Einwohner.Stadt Ettlingen – Bevölkerungszahlen, abgerufen am 16. August 2025. Archäologische Funde belegen eine Besiedlung seit der Römerzeit; erstmals urkundlich erwähnt wurde Oberweier in einer Schenkungsurkunde des 12. Jahrhunderts.Le Maire, 1998, S. 15 f. Bis ins 20. Jahrhundert war der Ort stark landwirtschaftlich geprägt, insbesondere durch Viehwirtschaft. Mit der Gebietsreform in Baden-Württemberg wurde Oberweier 1974 nach Ettlingen eingemeindet. Der Ort gilt als Pendlergemeinde.Le Maire, 1998, S. 112.
mini|Luftaufnahme von Oberweier mini|hochkant=0.6|alternativtext=Blick auf das Rathaus|Oberweier im Winter – Blick aufs Rathaus, die Kirchturmspitze St. Wendelin im Hintergrund
Geschichte Der römische Gutshof Fast 500 Jahre lang zeigten die Römer ihre Präsenz in der Provinz Obergermanien. Sie legten ein Netz von Gutshöfen für die landwirtschaftliche Produktion an, die sogenannten villae rustica. Zwischen dem späten 1. und der Mitte des 3. Jahrhunderts befand sich einer dieser Gutshöfe im Gefällwald Oberweiers, nahe der Grenze zur Gemarkung Sulzbach. Der Hof bestand aus mehreren Gebäuden mit Estrichböden und bemaltem Wandverputz. Besonders bemerkenswert ist ein Raum mit Hypokaustenheizung, die für Fußbodenwärme sorgte. Mit dem Fall des Limes 259/260 n. Chr. gaben die Römer den Gutshof auf. In den folgenden Jahrzehnten siedelten sich zunehmend germanische Alamannen im Gebiet rechts des Oberrheins an. Das Ende des Weströmischen Reiches im Jahr 476 n. Chr. markiert endgültig das Ende der römischen Herrschaft in diesem Raum.
Frühmittelalter: Besiedlung durch die Franken Zwanzig Jahre nach dem Fall Roms, mit der Niederlage der Alamannen gegen die Franken bei der Schlacht von Zülpich, ging das gesamte alamannische Gebiet ins Fränkische Reich über. Eine fränkische Besiedlung von Oberweier zwischen dem 7. und 10. Jahrhundert vom nächstgelegenen Ettlingenweier aus gilt als wahrscheinlich, wenngleich die genauen Umstände im Dunkeln bleiben.Le Maire, 1998, S. 21 ff. Vermutlich hatten diese Siedler alamannische Wurzeln, die in Sprache und Brauchtum fortwirkten. Sprachliche Überreste der Alamannen finden sich heute noch im regionalen Dialekt der Oberweirer.Hochstuhl, 1989, S. 131
Die verwaltungsmäßige Gliederung des Frankenreiches führte schließlich zur Bildung der Großmark Ettlingen, zu dem Oberweier wie viele andere umliegende Gemeinden gehörten.Rüdiger Stenzel. Ettlingen von der frühdeutschen Siedlung zur Stadt Die Wechselbeziehungen zwischen den Ortschaften macht es dabei manchmal schwierig, in den historischen Quellen genauer zwischen ihnen zu unterscheiden.
mini|hochkant=1.2|Gemarkungsplan von Oberweier (1868/69)
Hochmittelalter: Von den Saliern zu den Staufern
Ab dem 10. Jahrhundert gehörte Oberweier zum Herrschaftsraum der Salier, eines fränkischen Adelsgeschlechts aus der Gegend um Speyer und Worms. Vom Regionaladel stiegen die Salier erst zu Königen und dann zu Kaisern des Heiligen Römischen Reiches auf. Sie bestimmten die große Reichspolitik, doch die konkrete Verwaltung einzelner Landstriche lag in den Händen von regionalen Grafengeschlechtern.
Oberweier war Teil der Grafschaft Ufgau. Die Grafen besaßen hier weltliche Gewalt – Rechtsprechung, Heerfolge und Abgaben. Kirchlich unterstand die Region dem Bistum Speyer, das den Zehnt einforderte (ein Zehntel der bäuerlichen Erträge) und in geistlichen Fragen Gericht hielt (z. B. bei Ehe- oder Kirchenrechtsverstößen). Das Nebeneinander von weltlicher Grafschaft und kirchlicher Organisation bestimmte den Alltag in der Region.
Die Grafenwürde im Ufgau trugen nacheinander verschiedene Adelsgeschlechter. Zunächst waren es die Konradiner, später die Reginbodonen, von denen Reginbodo II. auch als Graf von Malsch bekannt ist. Die Reginbodonen waren allerdings nicht nur lokal am Oberrhein präsent, sondern brachten auch überregionale Amtsträger hervor. Ein Beispiel ist Siegfried I., der als Erzbischof von Mainz einer der einflussreichsten Reichsbischöfe seiner Zeit wurde. In dieser Rolle spielte er eine zentrale Funktion im Investiturstreit, dem großen Machtkonflikt zwischen König und Papst. Solche Reichskonflikte wirkten wieder bis in die Region hinein: Klöster erhielten Schenkungen, um ihre Stellung zwischen König und Papst zu sichern, und selbst kleine Siedlungen wie Oberweier wurden über diese Klöster enger in die Strukturen des Heiligen Römischen Reiches eingebunden.Le Maire, 1998, S. 25
Erstmals urkundlich erwähnt wird Oberweier unter dem Namen „Babinwilare“ (grob übersetzt als „Siedlung des Babin“) in einer Schenkungsurkunde des Edelfreien Luitfried aus dem Jahre 1115 an das Kloster Reichenbach. Laut der Urkunde verschenkt er seinen gesamten Besitz in Ettlingenweier an das Kloster. Neben den Brüdern Wezel und Gnanno wird Luitfried darin als Grundbesitzer in Oberweier erwähnt, ohne genauere Details zu nennen.Le Maire, 1998, S. 21 Mit Bruchhausen gründete er in unmittelbarer Nähe seinen eigenen Weiler.
Im 12. Jahrhundert errangen zunächst die Staufer Kontrolle über die Region, insbesondere nach der Heirat von Friedrich I. von Schwaben und seiner Übernahme der Obervogtei des Klosters Weißenburg. Ab 1219 gewannen die Markgrafen von Baden immer mehr Einfluss in der Region, während sich die Staufer zurückzogen.Le Maire, 1998, S. 25 f.
Spätmittelalter: Die Markgrafschaft Baden und der Stab Weier
Markgraf Hermann VII. verpfändete Oberweier mehrfach zur Tilgung seiner Schulden, zum Beispiel an die elsässischen Grafen von Fleckenstein. Im Jahre 1307 fassten die Markgrafen von Baden Oberweier aus Gründen der Verwaltungsvereinfachung mit Ettlingenweier und Bruchhausen zum Stab Weier zusammen, wobei Ettlingenweier als damals offiziell "älteste Siedlung" (basierend auf der Erstnennung) den Vorsitz innehatte.Hochstuhl, 1989, S. 38 Nach der letzten Verpfändung fiel Oberweier im Jahr 1404 schließlich wieder an die Markgrafschaft Baden zurück und blieb von da an badisch.Le Maire, 1998, S. 27 1490 entstand die erste Kapelle in Oberweier, die St. Wendelin geweiht wurde, dem Schutzpatron der Bauern und Viehhirten. Sie war die älteste Kirche des gesamten Stabes, doch offizielle Stabskirche (Kirche des Stabes Weier) wurde St. Dionysius in Ettlingenweier. Ebenso musste der Ettlingenweirer Friedhof in Anspruch genommen wurde.Le Maire, 1998, S. 222
Frühe Neuzeit: Dreißigjähriger Krieg und Pfälzischer Erbfolgekrieg
Im Dreißigjährigen Krieg (1618–1648), der als Glaubenskrieg zwischen Protestanten und Katholiken begann, wurden große Teile Mitteleuropas verwüstet – die mittelalterliche Kapelle in Oberweier fiel ihm ebenfalls zum Opfer. 1683 errichteten die Oberweirer auf den alten Mauerresten eine neue, größere Kapelle im gotischen Stil.St. Wendelin Oberweier, auf kath-ettlingen-land.de, abgerufen am 2. Februar 2025
Die Zeiten blieben jedoch unruhig. Wie in der gesamten Region, hinterließ der Pfälzische Erbfolgekrieg gegen die Franzosen im Jahre 1689 auch seine Spuren in Oberweier. 1691 schlugen französische Truppen von Ettlingen kommend zwischen Oberweier und Ettlingenweier ihr Lager auf. Sie plünderten die vom Kriegsgeschehen gezeichneten Ortschaften, bevor sie weiterzogen, um die Festung Philippsburg zu erobern.Lorch, Wolfgang. Ettlingen im Wandel der Geschichte Zu dieser Zeit hatte Oberweier gerade einmal etwa 100 Einwohner.Hochstuhl, 1989, S. 76
Industrialisierung und Moderne
Am 7. Dezember 1819 wurde die Auflösung des Stabes Weier in die Wege geleitet. Auf Grundlage Großherzoglicher Verordnungen wurde Oberweier als Teilgemeinde wieder administrativ selbständig.Hochstuhl, 1989, S. 84 Als erste Gemeinde des ehemaligen Stabes führte Oberweier ein eigenes Wappen.Le Maire, 1998, S. 74 Erst im Jahre 1885 entdeckte der Heimatforscher Julius Naeher südwestlich des Ortes die Mauerreste des römischen Gutshofs.Der römische Gutshof von Ettlingen-Oberweier, Kreis Karlsruhe
Mit der Industrialisierung kam eine verstärkte Öffnung zu den gewerblich-industriellen Zentren der Umgebung und neben der Landwirtschaft gingen die Einwohner oftmals noch anderen Berufen nach. Ziele der Arbeiter waren zum Beispiel die Fabriken in Ettlingen, Karlsruhe und Rastatt, sowie durch den Bahnhof in Bruchhausen auch die Eisenbahn. Noch 1913 erhielten mehrere Bahnarbeiter aus Oberweier von Großherzog Friedrich I. die Ehrenmedaille für ihre treue Arbeit.Karlsruher Zeitung, 09.07.1913 Im Vergleich zu den umliegenden Gemeinden blieb Oberweier lange Zeit infrastrukturell benachteiligt.Hochstuhl, 1989, S. 58
Die Weltkriege 1914 bis 1945
Wie alle Kriege der vorigen Jahrhunderte, hatte auch der Erste Weltkrieg tiefgreifende Auswirkungen auf das Dorf. Zahlreiche Männer wurden zum Kriegsdienst eingezogen, viele von ihnen kehrten nicht zurück. 15 Oberweirer fielen an verschiedenen Fronten, unter anderem in Verdun, an der Somme und in Hennelsburg. Besonders betroffen waren die Familien, die ihre Haupternährer verloren hatten. In mehreren Fällen beantragten Hinterbliebene Kriegselterngeld, um den wirtschaftlichen Verlust auszugleichen.
Die finanziellen Folgen des Krieges und der nachfolgende Zusammenbruch des Kaiserreichs trafen Oberweier schwer. Die große Inflation ließ die Ersparnisse der Bevölkerung wertlos werden, und die anschließende Weltwirtschaftskrise verschärfte die Situation weiter. Es gab vermehrt Diebstähle in der Region, weswegen das Bezirksamt Ettlingen Ettlingenweier aufforderte, einen zweiten Feldhüter einzustellen. Viele landwirtschaftliche Betriebe litten unter Absatzproblemen, während die Arbeitslosigkeit stark anstieg. Staatliche Notprogramme und Nachbarschaftshilfe versuchten, die schlimmsten Folgen abzufedern, doch für viele Familien blieb die wirtschaftliche Lage prekär. Es folgten zahlreiche Privatinsolvenzen.
Bereits ab 1930 hatte die NSDAP mit Bürgermeister Lumpp von Ettlingenweier ihre erste Lokalgröße in der Region Mittelbaden. Lumpp hielt viele Veranstaltungen mit dem Thema „Bauer in Not“ ab und warb für den Eintritt in die Partei, so unter anderem auch am 22. November 1931 in der Gastwirtschaft zum Rappen in Oberweier.
1932 erhielt die NSDAP bei 480 Einwohnern 37,8 % der wahlberechtigten Stimmen im Dorf.leograph-bw.de Bürgermeister Günter trat am 16. Mai 1933 angeblich deswegen von seinem Amt zurück, weil er seinen Urlaub noch nicht hatte nehmen können. Wahrscheinlicher ist, dass er dazu gedrängt wurde.Le Maire, 1998, S. 84
Als am 10. November 1938 bei den Novemberpogromen die Ettlinger Synagoge in Flammen aufging, waren auch von der NSDAP aufgeforderte Teilnehmer aus umliegenden Dörfern anwesend. Wie viele genau aus Oberweier teilnahmen, ist nicht verbrieft.Wolfgang Lorch. Jüdisches Leben in Ettlingen, Seite 27
Im Rappen fanden Ortsgruppentreffen der NSDAP und des Deutschen Frauenwerks statt. Gezeigt wurden Propagandafilme wie die UFA-Produktion "Verräter", um die Bevölkerung auf die "gegebene Marschroute" einzuschwören.Der Führer: das Hauptorgan der NSDAP Gau Baden, 03.12.1937
Die Gewalt im NS-Staat war auch für die Oberweirer allgegenwärtig. Davon zeugen zum Beispiel das Zwangsarbeiterlager in Bruchhausen, das im Zuge der Autobahnerschließung angelegt wurde, sowie das Gestapo-Gefängnis in Ettlingen.Anke Safa: So war es in Bruchhausen. Verl. Regionalkultur, 2000, ISBN 3-89735-127-7. Seite 155.Dieter Behringer: Es kam "zu den vielleicht brutalsten Folterungen in Baden überhaupt"! Gestapo-Gefängnis Ettlingen 1943 bis 1945 Ungeachtet dessen stieß das Regime auf eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung. Dazu trugen das Überwinden der Wirtschaftskrise und die – aus Sicht der Nationalsozialisten – außenpolitischen Erfolge von 1934 bis 1939 bei.Hochstuhl, 1989, S. 109