mini|Barockschloss Seußlitz Das Barockschloss Seußlitz ist eine barocke Dreiflügelanlage in Diesbar-Seußlitz, einem Ortsteil der Gemeinde Nünchritz im Landkreis Meißen (Sachsen). Der Bau entstand ab 1722 für den kursächsischen Kanzler Heinrich von Bünau unter Einbeziehung der Bausubstanz des 1268 gestifteten Klarissenklosters; die Planung lag beim Dresdner Ratszimmermeister George Bähr, dessen Beteiligung für die Schlosskirche durch ein Gutachten von 1724 archivalisch belegt ist. Schloss, Schlosskirche, barocker Terrassengarten, das Gartenhaus Heinrichsburg, der Weinbergpavillon Luisenburg und der spätere Landschaftspark bilden eine weitgehend zusammenhängend überlieferte Schloss- und Gartenanlage des sächsischen Elbtals. Die Anlage steht unter Denkmalschutz; der Park ist öffentlich zugänglich.
Lage Das Schloss liegt am rechten Elbufer am Ausgang des Seußlitzer Grundes, eines Seitentales der Elbe, rund zehn Kilometer nordwestlich von Meißen. Der Talgrund ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen und schließt unmittelbar an den Schlosspark an. Die Hänge oberhalb des Schlosses werden weinbaulich genutzt; Seußlitz gehört zu den nördlichsten Weinbauorten des Weinanbaugebiets Sachsen.
Geschichte mini|Schloss und Schlosspark von Südwesten (2025)
Herrensitz und Klarissenkloster Seußlitz wird 1205 erstmals urkundlich fassbar, als ein Otto de Suseliz genannt wird; 1226 erscheint der Ort als munitio, also als befestigter Platz. Im selben Jahr wurde die Burg Seußlitz durch den thüringischen Landgrafen Ludwig IV. gebrochen.Cornelius Gurlitt: Amtshauptmannschaft Großenhain (Land) (= Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Königreichs Sachsen. Heft 37). Dresden 1914. Die ältere Literatur deutet die Befestigung als Wasserburg im Talgrund; archäologisch gesichert ist die Anlage nicht. Die Denkmalliste verzeichnet Reste einer mittelalterlichen Wehranlage unter dem später errichteten Gartenhaus Heinrichsburg. Im 13. Jahrhundert war Seußlitz Sitz eines gleichnamigen Ortsadelsgeschlechts, bevor der Besitz an die Markgrafen von Meißen gelangte.
1268 übertrug Markgraf Heinrich der Erlauchte Burg und Ort dem Orden der Klarissen und stattete das neu gegründete Kloster mit weiteren Dörfern und Mühlen aus. Zur Erstausstattung gehörten auch das Patronat über die Dresdner Frauenkirche, das 1316 an den Bischof von Meißen überging, und das Dresdner Maternihospital, das der Konvent 1329 an den Rat der Stadt Dresden abtrat.
Während der Hussitenkriege wurde die Klosteranlage beschädigt und anschließend wiederhergestellt. Mit der Einführung der Reformation im albertinischen Sachsen entfiel die rechtliche Grundlage des Konvents; 1539 lebten noch vierzehn Nonnen und zwei Laienschwestern im Kloster. Der Besitz fiel dem Landesherrn zu und wurde zunächst als Vorwerk verwaltet.
Rittergut der Familie Pistoris (1540er Jahre bis 1720) Mitte der 1540er Jahre gelangte das säkularisierte Klostergut, das seit 1541 unter landesherrlicher Zwangsverwaltung gestanden hatte, von Herzog Moritz an den kursächsischen Kanzler Simon Pistoris d. J. (1489–1562), der zugleich Anteile am benachbarten Merschwitz erwarb; das Vorwerk Seußlitz kam 1545 an ihn, die Angaben zum Erwerbsjahr schwanken in der Literatur zwischen 1545 und 1546. Pistoris hatte als Ordinarius der Leipziger Juristenfakultät und als Kanzler Herzog Georgs des Bärtigen (1523–1539) sowie Herzog Moritz’ (1541–1549) zu den einflussreichsten Räten des albertinischen Sachsen gehört. In Seußlitz übte er die Rechte als Erb-, Lehn- und Gerichtsherr aus; 1552 ist der Besitz erstmals als Rittergut beurkundet. Nach dem Erwerb der Güter und der Erhebung in den Reichsadel durch Kaiser Karl V. – der erbliche Reichsritterstand folgte 1555 durch Ferdinand I. – nannten sich Pistoris und seine Nachkommen Pistoris von Seuselitz.
1549 zog sich Pistoris nach dem Ausscheiden aus dem Kanzleramt auf das Gut zurück, blieb dem Hof jedoch als Rat „von Haus aus“ verbunden und erstattete von dort weiterhin Rechtsgutachten. Er starb am 3. Dezember 1562 in Seußlitz und wurde dort bestattet.
Auch unter den Erben blieb Seußlitz Sitz einer Gelehrtenfamilie. Sein Sohn Hartmann Pistoris (1543–1603), kursächsischer Geheimer Rat und Verfasser der Quaestiones iuris tam Romani quam Saxonici, legte nach dem Tod Kurfürst Augusts 1586 sein Hofamt nieder und vereinigte das väterliche Erbgut durch Verträge mit seinem Bruder Eugen vollständig in seiner Hand; um 1586/1590 erwarb er zusätzlich das benachbarte Gut Hirschstein und führte seither den Namenszusatz „von Seußlitz und Hirschstein“. Von Seußlitz aus blieb er rund achtzehn Jahre als Rat „von Haus aus“ im kurfürstlichen Dienst. Seine dort handschriftlich verwahrte Sammlung von Rechtsfällen (Observationes) war bereits vor der Drucklegung weithin bekannt, so dass Rechtsuchende ihn auf dem Gut aufsuchten, um sie einzusehen. Er starb 1603 in Seußlitz und wurde in der dortigen Familiengruft beigesetzt.
Das Gut ging an dessen jüngeren Sohn Hartmann d. J. (1572–1622) über; ein Urenkel Simon Pistoris’ d. J., Johann Ernst Pistoris (1605–1680), war kursächsischer Appellationsrat und Oberhofrichter in Leipzig und gehörte 1646/47 zu den Prinzipalgesandten Kursachsens bei den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden. Seußlitz und Hirschstein blieben bis 1720 im Besitz der Familie. Als Herrensitz dienten die Gebäude des Klosters, die mittelalterliche Klosterkirche blieb als Gutskirche in Gebrauch; auf dem Kirchhof haben sich Sandsteinsarkophage der Familie erhalten.
Barocker Neubau unter Heinrich von Bünau mini|Kartusche am Mittelrisalit 1722 kaufte Heinrich von Bünau (1665–1745), königlich-polnischer und kurfürstlich-sächsischer Geheimer Rat und Kanzler und seit 1742 Reichsgraf, das Rittergut. Seußlitz wurde sein Alterssitz; er starb dort 1745.
Bünau ließ die Klosteranlage zu einer barocken Dreiflügelanlage umgestalten. Als Entwerfer gilt der Dresdner Ratszimmermeister George Bähr (1666–1738), der Erbauer der Dresdner Frauenkirche. Für die Kirche ist seine Beteiligung archivalisch gesichert: Im Pfarrarchiv Merschwitz hat sich ein auf „Dresden den 12. 9br 1724“ datiertes und mit „George Bähr R(ats) Zimmer Meister“ unterzeichnetes Gutachten erhalten. Darin berichtet Bähr, er habe im Auftrag Bünaus gemeinsam mit dem Großenhainer Superintendenten Clodius den baufälligen Kirchenbau besichtigt, und schlägt vor, die Mauern auszubessern, die Fenster zu verändern, die einsturzgefährdete Sakristei abzutragen und hinter den Altar zu verlegen, Fußboden und Gestühl zu erneuern und den Glockenturm neu zu verkleiden und höher aus dem Dach herauszuheben. Die Baukosten veranschlagte er auf etwa 850 Taler.
Das Herrenhaus war 1724 vollendet. Der Umbau der Kirche begann nach Gurlitt 1726; Dehio datiert ihn auf 1725–1727, die sächsische Denkmalliste auf 1724–1726. Für die Gesamtanlage nennt die Denkmalliste die Bauzeit 1722–1738.
Besitzerwechsel im 19. und 20. Jahrhundert 1799 erwarb der Kaufmann Johann Christian Clauß das Rittergut; die Familie bewohnte Seußlitz noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Von 1880 bis 1928 gehörte das Schloss den Leipziger Kunstsammlern Julius Harck und Fritz von Harck, ab 1928 dem Fabrikanten Willi Böttger.
Nach der Bodenreform ging das Anwesen 1945 in kommunalen Besitz über und wurde als Feierabendheim genutzt; im Mai 2000 zogen die letzten Bewohner aus. Anschließend gelangte das Schloss in Privatbesitz: Eigentümer war der Münchner Architekt Stephan Braunfels. 2023 wurde das sanierungsbedürftige Anwesen mit Schlosspark und Nebengebäuden zum Verkauf angeboten und von einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts aus München übernommen.
Baubeschreibung Schloss mini|Corps de Logis Die Anlage besteht aus dem Corps de Logis und zwei anschließenden Seitenflügeln, die einen schmalen Schlosshof einfassen. Der Hauptbau trägt ein Mansarddach; die Fassaden sind schlicht durch Lisenen und Putzspiegel gegliedert. Vor dem Mittelrisalit liegt eine zweiläufige Freitreppe. Der Dreiecksgiebel über dem Portal enthält eine Kartusche mit lateinischer Inschrift.
Im Vestibül führt hinter einem Bogen eine dreiläufige Treppe in das Obergeschoss; ihre Balustraden sind mit steinernen Vasen besetzt, in den Wandnischen stehen barocke Figuren. Der Südflügel enthält eine gewölbte Halle sowie einen bis in das Dachgeschoss reichenden Saal, an den die Schlosskirche anschließt.
Schlosskirche mini|Schlosskirche mini|Kanzelaltar der Schlosskirche
Für die Schlosskirche wurden die Außenmauern der gotischen Klosterkirche des 13. Jahrhunderts weiterverwendet und der Fassadengestaltung des Schlosses angeglichen; an der Westwand blieb ein gotisches Maßwerkfenster erhalten. Der flachgedeckte Saal ist von Emporen umgeben. Die Ostseite beherrscht ein Kanzelaltar mit farbiger Marmorierung, hinter dem die Orgel steht; ihm gegenüber liegt die Patronatsloge. Bährs Riss sah 300 Männer- und 289 Frauenplätze auf drei übereinanderliegenden Emporen sowie ein Oratorium für die Herrschaft vor; die Betstuben der Familien von Polenz und von Bünau wurden umgebaut, die Bünausche Loge durch einen Gang mit dem Schloss verbunden.
Eine 1807 geweihte Orgel schuf der Orgelbauer Flemming; die heutige Orgel stammt von der Dresdner Firma Jehmlich aus dem frühen 20. Jahrhundert. Das heutige Erscheinungsbild des Innenraums geht wesentlich auf einen 1911 von dem Meißner Architekten Joseph Schäffler geleiteten Umbau zurück, bei dem spätere Einbauten auf dem Altarplatz beseitigt, die Malerei erneuert, Holzschnitzereien wiederhergestellt und die Emporensitze verändert wurden. Eine umfassende Restaurierung des Kirchenbaus wurde 1986 begonnen und 1993 abgeschlossen; die Wiederweihe erfolgte am 9. Mai 1993.
Auf dem Kirchhof hinter der Kirche stehen Grabdenkmäler aus der ehemaligen Klosterkirche, die teilweise in das 13. Jahrhundert zurückreichen, sowie Sandsteinsarkophage der Gutsherrenfamilien Pistoris und von Bünau.
Schlosspark mini|Barocker Terrassengarten Der Garten gliedert sich in einen barocken, regelmäßigen Teil südlich von Schloss und Kirche und einen östlich anschließenden Landschaftspark des 19. Jahrhunderts.
Barocker Terrassengarten und Heinrichsburg An der Südseite verläuft eine etwa 15 Meter breite, mit Platanen bestandene Terrasse, die von Sandsteinfiguren und steinernen Blumenvasen begleitet wird. Das darunterliegende Parterre ist durch Rabatten und geschnittene Hecken gefasst. An dessen Ende steigen vier Stufenterrassen an, auf deren Ecken Sandsteinfiguren als Allegorien der zwölf Monate stehen; seitlich führt eine doppelläufige Treppe nach oben. Die Figuren werden der Werkstatt Balthasar Permosers zugeschrieben; eine urkundliche Bestätigung dieser Zuschreibung liegt nicht vor.
mini|Heinrichsburg Auf dem Plateau über den Terrassen entstand nach 1725 die nach dem Bauherrn benannte Heinrichsburg, ein zweigeschossiges Gartenhaus mit offenen Arkaden und Walmdach. Sie steht über den Resten einer mittelalterlichen Wehranlage. Von dort reicht der Blick elbaufwärts bis Zehren und elbabwärts bis Boritz.
Luisenburg Auf dem westlich gegenüberliegenden Schlossweinberg liegt als Gegenstück die Luisenburg, ein eingeschossiger Weinbergpavillon mit geschweiftem Walmdach aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.
Landschaftspark Der Landschaftspark erstreckt sich östlich bis zum Ortsausgang. Er besitzt einen artenreichen Gehölzbestand unter anderem aus Ginkgo, Sumpfzypresse, Ziereiche und Silberahorn; ein Teich mit unregelmäßiger Uferlinie bildet den landschaftlichen Mittelpunkt.
Denkmalschutz Schloss, Schlosskirche, Heinrichsburg, Luisenburg und Schlosspark sind einzeln und als Sachgesamtheit als Kulturdenkmale in die Denkmalliste des Freistaates Sachsen eingetragen.
Siehe auch Liste von Burgen und Schlössern in Sachsen
Literatur