mini|Die Drinabrücke in Višegrad

Die Brücke über die Drina () ist der Titel eines 1945im Prosveta Verlag in Belgrad publizierten historischen Romans von Ivo Andrić, der sich auf die Mehmed-Paša-Sokolović-Brücke in Višegrad, einen wichtigen Verkehrsweg über den Fluss Drina als Schnittstelle der Handlungen bezieht. Auf ihr spielen sich die historischen und vom Autor erfundenen Ereignisse der sich über vier Jahrhunderte erstreckenden Geschichte Bosniens ab: von ihrem Bau durch die Osmanen Mitte des 16. Jahrhunderts über die österreichisch-ungarische Besetzung bis zu ihrer teilweisen Zerstörung im Ersten Weltkrieg. An vielen Einzelbeispielen zeigt Andrić das Schicksal der Bewohner und die Beziehungen zueinander, insbesondere der Serben und bosnischen Muslime. Die deutsche Übersetzung von Ernst E. Jonas erschien 1953.bei der Buchgemeinschaft Büchergilde Gutenberg in Zürich. (Meliha Klinac: Der Übersetzer als Brückenbauer zwischen Fremdem und Eigenem. Eine Übersetzungsanalyse des Romans Die Brücke über die Drina. Eine Wischegrader Chronik. Diplomarbeit Karl-Franzens-Universität Graz, 2011, S. 44.)

Das Magazin Der Spiegel zählt den Roman zu den besten 100 zwischen 1925 und 2025.

Inhalt Überblick Andrić erzählt, Historie und Legende miteinander vermischend, die Geschichte einer im Osmanischen Reich erbauten Brücke, die zugleich ein wichtiger Begegnungsplatz der Menschen im Grenzgebiet zwischen Bosnien und Serbien über mehrere Generationen hinweg ist. Auf deren Plattform, der „Kapija“ (das Tor), spielen sich historisch bedeutsame Szenen ab, aber auch persönlich relevante, wie die Befreiung Milan Glasintschanins durch Todeserfahrung aus seiner Spielsucht (Kap. 12). Nicht nur von solchen traumatischen Erlebnissen, sondern auch von den „blutigen Ereignissen“ blieb nach einiger Zeit in der Öffentlichkeit „keine weitere Spur als einige schwere Erinnerungen, die immer mehr verblassten und zugleich mit dieser Generation verschwanden“ und zu Legenden wurden. „So erneuerten sich die Geschlechter neben der Brücke, sie aber schüttelte wie Staub alle Spuren von sich ab, die vergängliche Launen und Einfälle auf ihr hinterlassen hatten, und blieb nach wie vor unverändert und unveränderlich“ (Kap. 6).

Bau der Brücke Nach einer einleitenden Beschreibung der geographischen Lage der Brücke, ihrer Bedeutung für das Alltagsleben der Menschen in Višegrad und der damit verbundenen Sagen und Legenden aus alter Zeit (Kap. 1) schildert der Erzähler, der sich durch die mehrmals eingestreute „Wir“-Formz. B. Kap. 21 als Višegrader zu erkennen gibt, den Bau der Brücke als Stiftung des Großwesirs Mehmed Pascha. Dieser kam 1516 im Zuge einer als Knabenlese bezeichneten Zwangsrekrutierung als ca. 10-jähriger Bauernjunge mit der Fähre über die Drina und wurde in Stambul türkisch-muslimisch erzogen. Im Militär und Staatsdienst machte er Karriere, wurde zum mächtigsten Mann im Staat und finanzierte die Steinbrücke und einen Karawan-Serail aus den Erträgen seiner Besitzungen (Kap. 2). mini|Der zentrale Teil der Brücke, im Volksmund „Torsofa“ genannt, wurde zu einem beliebten Treffpunkt für Menschen aus Višegrad und Umgebung. Im Mittelpunkt der Baugeschichte Anfang des 16. Jhs. (Kap. 3 und 4) stehen die Arbeitsbedingungen. Abidaga, der Hauptbeauftragte des Wesirs, versucht mit starkem Druck auf die Arbeiter und Zwangsverpflichtungen der Bevölkerung zu Frondiensten den schwierigen Bau schnell voranzutreiben. Dadurch entsteht eine zunehmende Unzufriedenheit und einige Bauern sabotieren die Arbeiten, indem sie nachts Gerüste und Bauteile einreißen und das Gerücht verbreiten, dies sei das Werk einer Wassernixe Vila. Nach einigen vergeblichen Nachforschungen gelingt es schließlich Plewljakder, dem Hauptmann der Wächter, den Rädelsführer Radisaw festzunehmen. Abidaga lässt ihn zur Abschreckung der Bevölkerung foltern und dann öffentlich pfählen, wodurch sich bei den Christen die Stimmung gegen den Brückenbau der Türken weiterhin verschlechtert.

Die Situation bessert sich, nachdem Abidaga wegen Korruption und seiner harten Methoden abgelöst wird. Sein Nachfolger Arif Beg bezahlt die Arbeiter besser und behandelt die Bevölkerung korrekt. So kann der Baumeister Tosun Effendi sein Werk nach fünf Jahren beenden und am Ufer noch einen stattlichen „Karawan-Serail“ errichten. Jetzt sind die Višegrader stolz auf die elfbögige schöne Brücke, feiern die Einweihung und bewundern die den Stifter würdigende Tafel auf der Stele, welche die eine Seite der Plattform auf dem Mittelpfeiler begrenzt. Dieser zentrale Platz mit dem „Sofa“ wird ein wichtiger Treffpunkt der Bewohner der Stadt und Handlungsort vieler Ereignisse, die nach dem „Prinzip der Episodenreihung und -verkettung“Kindlers Literaturlexikon im dtv. Deutscher Taschenbuch Verlag München, 1974, Bd. 15, S. 6578. erzählt werden.

Brücken-Legenden Nach der Fertigstellung der Brücke nimmt der Handel rasch zu und die Stadt vergrößert sich. Das Leben der Menschen verläuft, von Phasen der Spannungen zwischen Christen und Türken, Überschwemmungen und Seuchen unterbrochen, verhältnismäßig ruhig. Die Ereignisse zur Bauzeit vermischen sich mit Erfindungen und werden zu Legenden. Am bekanntesten ist die Geschichte der als Bauopfer in einen Pfeiler eingemauerten Zwillinge Stoja und Ostoja (Halte und Bleibe). Auch die jährlichen Hochwasser und die in jeder Generation einmal auftretenden großen Überflutungen mit den Zerstörungen vieler Häuser der Stadt und zahlreicher Existenzen werden im Laufe der Zeit zu Erinnerungen, deren Einzelheiten in Vergessenheit geraten. In den nächsten Jahrhunderten geht der Einfluss der Türken auf dem Balkan zurück. Der Verlust von Ländereien in Ungarn, aus deren Ertrag die Stiftung den Unterhalt der Karawanserei sowie die Verpflegung und Unterkunft der Gäste finanziert, führt zur Aufgabe des Betriebs und zum Zerfall des Gebäudes, doch die Brücke übersteht alle Katastrophen ohne größere Beschädigungen (Kap. 6). mini|„Kapija“ mit Stele und „Sofa“ Auch private Beziehungskonflikte im sozialen Kontext enden auf der Kapija tragisch oder glücklich. Die stolze Fata Osmanagitsch aus dem Weiler Welij Lug wählt „das Tor“ für ihren Freitod. Sie ist das Ideal der jungen Männer der Gegend, die von ihr singen: „Wie klug bist du, wie schön bist du, Awdagas schöne Fata“. Auf einer Hochzeitsfeier lehnt sie die Werbung Nail Hamsitschs aus Nesuke mit den Worten ab, dies geschehe nur, wenn Welji Lug nach Nesuke hinuntersteige. Der Erzähler kommentiert diese spöttischen Worte: „So fordern von der Natur besonders reich beschenkte Geschöpfe oft kühn und unbedacht das Schicksal heraus.“ Der Vater des jungen Mannes Mustajbeg Hamsitsch erfährt davon, unterstützt den finanziell in Schwierigkeiten geratenen Awdaga Osmanagitsch und vereinbart mit ihm die Heirat ihrer Kinder. Fata träumt von ihrer Freiheit, erfüllt aber das Versprechen ihres Vaters der Familie ihres Bräutigams gegenüber. Nachdem die Ehe vor dem Richter in Višegrad geschlossen wurde, zieht der Hochzeitszug auf dem Weg nach Nesuke über die Brücke. An der Kapija hält Fata ihr Pferd an und stürzt sich in den reißenden Fluss (Kap. 8).

Eine andere Geschichte hat den umgekehrten Verlauf. In Zarijas Schenke machen sich die Bürger in ihren langen Nächten zu ihrer Unterhaltung über den naiven Gelegenheitsarbeiter Salko Tschorkan lustig, laden ihn zum Rum ein und erzählen ihm Märchen von seiner reichen Erbschaft und seinem Eindruck auf die schöne Stickerin Duschtsche. Sie ist die Nebenfrau des wohlhabenden und angesehenen Hadschi Omer, aber eigentlich, verrät man Salko, liebe sie ihn. Bei zunehmender Trunkenheit glaubt Tschorkan selbst an die Phantasien und spinnt sie zum Spaß der Zuhörer fort. In einer Winternacht animiert ihn die Wirtshausgesellschaft, um seinen Mut zu beweisen auf der vereisten schmalen Einfassung der Brücke zu balancieren. Im Alkoholrausch hält er tanzend wie durch Zauberkraft getragen das Gleichgewicht und überquert sicher die Brücke. Die zur Besinnung über ihren Unfug gekommenen Trinker feiern ihn als Helden und setzen mit ihm ihr Gelage fort (Kap. 15).

Aufstände gegen die Türkenherrschaft Mit dem ersten serbischen Aufstand (prvi srpski ustanak von 1804 bis 1813) setzt der Erzähler in seiner Roman-Chronik den zweiten Schwerpunkt:

Unter dem Anführer Karageorge („Schwarzer Georg“) breitet sich der Konflikt zwischen den Türken und Serben auch im Grenzgebiet zur benachbarten Provinz Bosnien aus. Alte kulturelle und gesellschaftliche Spannungen brechen auf und stören das bisher meist friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionen. Zur Verteidigung ihrer Machtposition bauen türkische Soldaten mitten auf der Brücke ein Holzhaus und kontrollieren die Passanten. Ein Wandermönch, der verkündet, die Zeit der Auferstehung sei gekommen, und ein junger Müller, der ein altes serbisches Lied singt und dabei den Namen des Helden gegen „Georg“ austauscht, sind die Ersten, die man als Aufwiegler verdächtigt und auf der Brücke enthauptet. Ihre Köpfe werden aufgespießt und zur Warnung auf die Kapija gestellt. Nach dem Ende der Unruhen ziehen die Soldaten ab, das Holzhaus verbrennt und die Brücke belebt sich wieder wie zuvor. Bei weiteren Aufständen ziehen vertriebene muslimische Flüchtlinge aus dem serbischen Uschitze, „übermüdet und heimatlos“ über die Brücke an den sich auf den steinernen Bänken ausruhenden Städtern vorbei (Kap. 7).

Die Habsburger Ordnung Etwa 70 Jahre nach Karageorges Aufstand ist die türkische Herrschaft in Bosnien zu Ende. In Višegrad wird bekannt, dass sich die türkische Armee zurückzieht und den österreichischen Truppen Platz für eine Besetzung macht.In der Endphase der Türkenkriege verlor das Osmanische Reich 1878 weiter an Einfluss auf dem Balkan: u. a. wurden Rumänien, Serbien und Montenegro unabhängig und Österreich-Ungarn besetzte Bosnien und die Herzegowina. Der religiöse Fanatiker Osman Effendi Karamanli ruft die Muslime zum Kampf auf, findet aber wenig Resonanz, denn die Menschen wollen nicht gegen eine übermächtige Armee kämpfen und sterben. Sie wollen auch nicht fliehen, sondern in ihren Häusern die Entwicklung abwarten. Alihodscha Mutewelitsch ist ihr Sprecher und weist Karamanlis Forderung zurück: „Ich sehe jedenfalls, dass dir der Sinn nach Sterben steht […] nur weiß ich nicht, warum du für dieses dumme Geschäft auch noch Gesellschaft suchst“. Dafür wird er vor dem Abzug der Türken bestraft: Karamanli lässt ihn auf der Kapija an einem Ohr auf einem Balken festnageln (Kap. 9). Die von den Bosniern „Schwaben“ genannten Österreicher treffen ihn dort in gebeugter Haltung und befreien ihn und er liest die von ihnen auf der Stele angeklebte Bekanntmachung, dass der Kaiser Franz Joseph I. den Bosniern Frieden und Schutz verspricht. Kurz darauf müssen an dieser Stelle die Führer der drei Religionen den österreichischen Oberst begrüßen und ihm ihre Gefolgschaft zusichern (Kap 10). mini|Die Stele mit der Inschriften in arabischer Schrift (1577) würdigt den Stifter der Brücke Mehmed Pascha.