Parisina (auch: Parisina d’Este) ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „Melodramma“, später auch „Tragedia lirica“) in drei Akten von Gaetano Donizetti. Das Libretto wurde von Felice Romani 1816 nach einer Romanze von Lord Byron geschrieben. Parisina wurde am 17. März 1833 im Teatro della Pergola in Florenz uraufgeführt.

Handlung Vorgeschichte Der von seinen Ländereien vertriebene Herr von CarraraHier herrscht eine Konfusion zweier historischer Figuren: Gigliola da Carrara, Tochter des letzten Herren von Padua, Francesco Novello da Carrara, war eigentlich die erste, bald verstorbene Ehefrau Niccolòs III. d’Este, die Parisina Malatesta vorausging. hat bei dem befreundeten Azzo (historisch Niccolò III. d’Este, Markgraf von Ferrara) Zuflucht gesucht. Seine Tochter Parisina (historisches Vorbild: Parisina Malatesta, eigentlich Tochter eines Condottiere aus Cesena) wächst an Azzos Hof zusammen mit dem Pagen Ugo auf – ein Waisenjunge, der von Azzos Minister Ernesto aufgezogen wird. Parisina und Ugo verlieben sich ineinander. Aber da Azzo ihrem Vater hilft, seinen Besitz zurückzuerobern, darf er als Belohnung Parisina heiraten. Dieser bleibt nichts anderes, als sich zu fügen.

Azzo, der seine erste Frau Matilda durch seine rasende Eifersucht in den Tod getrieben hat, beobachtet Parisina und Ugo misstrauisch. Er lässt Ugo vom Hof entfernen unter dem Vorwand, ihm eine militärische Ausbildung zukommen zu lassen.

Erster Akt mini|links|Erster Akt: Ugo trifft Parisina

Ernesto und andere Adelige warten im Sommerpalast Belvedere des Grafen auf dessen Ankunft, man spricht über Parisinas Niedergeschlagenheit und die Eifersucht ihres Gatten. Azzo erscheint. Ernesto berichtet von einer gewonnenen Schlacht. Azzo befiehlt, Parisina darüber in Kenntnis zu setzen und lässt zur Feier des Tages Turniere und Bootsrennen organisieren. Er gesteht Ernesto, dass er überzeugt sei, Parisina betrüge ihn und lässt Ugo ausrichten, er dürfe Belvedere und Ferrara nicht mehr betreten, außer man rufe ihn.

Kaum ist Azzo fort, erscheint Ugo. Er vertraut Ernesto an, dass die Liebe ihn zurückgerufen habe und Parisina zu sehen wünsche. Dem besorgten Ernesto gelingt es nicht seinen Ziehsohn zur Vernunft zu bringen.

Die melancholische Parisina und ihre Hofdamen ruhen im Garten. Als Ritter erscheinen und sie einladen an den Festspielen teilzunehmen, lehnt sie ab. Die Ritter entfernen sich, nur einer bleibt zurück: Ugo, den sie in seiner Rüstung zuerst nicht erkannt hat. Er gesteht ihr seine Liebe, doch sie bittet ihn zu fliehen und sie zu vergessen. Da taucht plötzlich Azzo auf und fragt Ugo zornig, warum er es wage, hier zu erscheinen. Parisina verteidigt ihn, was Azzos Wut noch steigert. Er macht jedoch gute Miene zum Spiel, erlaubt Ugo, an den Festlichkeiten teilzunehmen, und als Parisina zunächst zurückbleibt, fordert er sie extra auf, mitzukommen. Sie stimmt schließlich zur Freude Ugos zu und das Boot des Grafen bringt alle zu den Feierlichkeiten.

Zweiter Akt mini|links|Zweiter Akt: Parisina und Ugo vor Azzo

In Parisinas Schlafraum freuen sich die Hofdamen darüber, dass ihre Herrin während des Festes gut gelaunt war. Parisina ist beinahe trunken vor Glück, dass sie Ugo mit dem Siegerkranz krönen durfte. Doch nun ist sie müde, und, bevor sie zu Bett geht, erzählt sie Imelda davon, dass sie manchmal von einem himmlischen Paradies träume, wo alle Sorgen vergessen sind. Die Hofdamen entfernen sich.

Azzo erscheint und betrachtet die Schlafende. Sie spricht im Schlaf und erwähnt plötzlich den Namen Ugo. Wütend brüllt Azzo auf. Parisina erwacht und muss ihre Liebe zu Ugo zugeben. Azzo will sie erdolchen, lässt aber davon ab, als sie ihn bittet, zuzustoßen.

In einer Galerie, nahe dem Festsaal, wartet Ugo in der Hoffnung, Parisina noch einmal zu sehen. Ernesto macht ihm Vorwürfe wegen seiner Unvorsichtigkeit, aber Ugo denkt schwärmerisch nur an die glücklichen Stunden zurück, die er in Parisinas Gegenwart verbracht hat; er ist sich ihrer Liebe gewiss. Die Nachricht macht die Runde, Azzo habe voller Zorn den Palast abriegeln lassen. Bewaffnete nehmen Ugo fest. Bewegt nimmt er Abschied von Ernesto, bevor er abgeführt wird.

Parisina und Ugo werden in Ketten vor Azzo geführt und bestätigen, dass sie sich lieben, aber nur in Gedanken, nicht in Taten. Eben will Azzo beide in ihre Zellen zurückbringen lassen, da erscheint Ernesto und klärt Azzo darüber auf, dass er im Begriff sei, seinen eigenen Sohn hinrichten zu lassen: Ugo sei der Sohn von Azzos verstoßener erster Frau Matilda. Alle sind geschockt und Ugo macht Azzo sogar Vorwürfe. Aber Parisina bittet ihren Gatten um Verständnis und Milde und Azzo überantwortet Ugo Ernesto. Parisina muss am Hof bleiben, doch Azzo schmiedet bereits einen fürchterlichen Plan…

Dritter Akt Ein Chor berichtet, Parisina liege bewusstlos vor einem Altar. Sie beklagt sich, dass ihre Gebete für Ugos Leben den Himmel nicht mehr erreichten.

Imelda bringt ihr einen Brief Ugos: Er traue Azzo nicht und bittet sie, mit ihm zu fliehen. Wenn die Glocke eines benachbarten Klosters schlage, komme er über einen Geheimgang zu ihr, um sie zu ihrem Vater zu bringen. Doch Parisina hat üble Vorahnungen und als die Glocke einer Uhr schlägt, meint sie ihre letzte Stunde habe geschlagen.

Plötzlich erklingt ein Trauergesang, den sie als Totengebet erkennt. Da erscheint Azzo. Er zieht den Vorhang vom Fenster weg und zeigt ihr im Hof Ugos Leichnam: Azzo hat ihn enthaupten lassen. Parisina, fassungslos und zerrissen von Trauer und Schmerz, schafft es mit letzter Kraft, Azzo zu verfluchen, und bricht tot zusammen.

Instrumentation Die Orchesterbesetzung der Oper enthält die folgenden Instrumente:Norbert Miller: Parisina. In: Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters. Band 1: Werke. Abbatini – Donizetti. Piper, München / Zürich 1986, ISBN 3-492-02411-4, S. 753–755.

Holzbläser: zwei Flöten (2. auch Piccolo), zwei Oboen, zwei Klarinetten, zwei Fagotte Blechbläser: vier Hörner, zwei Trompeten, drei Posaunen, Cimbasso Pauken, Schlagzeug: kleine Trommel, große Trommel, Becken, Harfe Streicher Bühnenmusik: zwei Fagotte, zwei Hörner, Trompete, zwei Posaunen, kleine Trommel, Banda

Besonderheiten mini|hochkant=0.8|Gaetano Donizetti Parisina war Donizettis eigene LieblingsoperWilliam Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 77 und S. 341 und muss zu seinen Meisterwerken gezählt werden.Ashbrook stellt sie in eine Reihe mit den anerkannten Meisterwerken Donizettis: „…it (= Parisina; Anm. d. Verf.) stands, along with L'elisir, Lucia and Don Pasquale to name only the most prominent examples among Donizetti's operas, as eloquent proof that there is no correlation between the length of time spent in composition and the value of the opera;…“. William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 77 und S. 341 Zeitlich liegt sie fast genau zwischen Anna Bolena und Lucia di Lammermoor und ist musikalisch eine Art eigenständige und gelungene Mischung dieser beiden Schwesterwerke. Felice Romanis Verse sind ungewöhnlich poetisch und inspirierten den Komponisten zu einer seiner ausgewogensten und edelsten Schöpfungen.Donizetti selber stellte (in einem Brief von 1835) das Libretto zu Parisina in eine Reihe mit anderen anerkannten Meisterwerken wie Bellinis Norma und Il pirata, sowie seine eigene Oper Anna Bolena, deren Texte alle von Romani waren. Siehe: William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 99 Der Charakter dieser Partitur ist von dunkler, aber nicht düsterer, elegischer Schönheit und besonderer Anmut in der reich fließenden melodischen Erfindung. Der dunkle, sehr romantisch anmutende und auf Lucia vorausweisendeWilliam Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 78 Klang entsteht unter anderem durch eine prominente Behandlung von Hörnern, Posaunen und dunklen Holzbläsern, sowie immer wieder auch Cello-Kantilenen; hinzu kommt eine Bevorzugung von Moll-Tonarten. Der Orchestersatz insgesamt ist sehr fein und fantasievoll ausgearbeitet und reagiert sensibel mit vielen anmutigen und malerischen Motiven auf das Geschehen. Danilo Prefumo spricht von der „sehr hohen musikalischen Qualität“ und von einer „Sorgfalt und Raffinesse der Schreibweise …, wie sie nur in den bedeutendsten Werken des Bergamaskers zu finden sind“.Danilo Prefumo: Donizetti: Parisina (deutsche Übersetzung: Eva Pleus), Booklettext zur CD-Einspielung mit Alexandrina Pendatchanska u.a. Dir.: Emmanuel Plasson (Dynamic, 1997), S. 10–12

Romani selber, der ursprünglich lieber Bellini als Komponisten dieses Librettos gehabt hätte,Jeremy Commons: Donizetti: Parisina, Booklettext zur CD: Nelly Miricioiu - Bel Canto Portrait (Szenen und Arien von Donizetti, Mercadante und Costa), mit dem Geoffrey Mitchell Choir, Philharmonia Orchestra u.a., Dir.: David Parry (Opera Rara, 2001), S. 75–86, hier: S. 78 schrieb später einige sehr passende Worte über die Oper:

Die Partitur ist von so durchgehend hoher Qualität, kompositorischer Meisterschaft und Inspiration, dass es fast ein Widerspruch ist, von Höhepunkten zu sprechen; trotzdem sei auf einiges hingewiesen: Das Preludio verleiht der Oper von vornherein einen tragischen, edlen und historisierenden Tonfall und wurde von Donizetti aus seinem erfolglosen Ugo, conte di Parigi (1832) übernommen.S. 32, in Jeremy Commons: Ugo, conte di Parigi, Booklettext zur CD-Box: Donizetti: Ugo, conte di Parigi, mit Janet Price, Maurice Arthur, Ivonne Kenny, u.a., New Philharmonia Orchestra, Dir.: Alun Francis (Opera Rara, 1977) Der Chor spielt eine relativ wichtige Rolle und wurde mit zahlreichen attraktiven Nummern bedacht. Im Duett von Ugo und Ernesto (Akt I,4), im ersten Teil „Io l’amai fin da quell’ora“ (6/8; g-moll), singt der Tenor Ugo in einer außerordentlich edlen, traurigen und lang ausgesponnenen Melodie von seiner Liebe zu Parisina, während der Bass Ernesto Missfallen und Sorge mit einer Art von stark kontrastierendem Parlandogesang ausdrückt.William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 343 Allgemein fällt das Lokalkolorit auf, das besonders in idyllischen Anspielungen auf die wässrige Umgebung von Ferrara besteht, z.B. in einem kurzen Streicherritornell mit Wellenbewegungen am Ende von Akt I, Szene 2, nachdem Azzo nicht nur ein Turnier, sondern auch eine Regatta auf dem Wasser angeordnet hat; der Damen-Chor zu Beginn von Akt I,5 („Aura soave spira“) erinnert an eine sich wiegende Barcarole; im ersten Finale in Akt I,9 singen die Fährmänner (battelieri) eine Art (?) italienisches Volkslied („Voga, voga: qual lago stagnante“). Parisinas zweiteilige melancholische AuftrittsarieUngewöhnlicherweise ist auch die Cabaletta melancholisch (Ashbrook: „…the cabaletta is notable for its mood of restless melancholy“). William Ashbrook: Donizetti and his Operas (2. edition), Cambridge University Press, 1982/1983, S. 344 in Akt I, 5–6 wird sehr effektvoll – aber ohne harte Brüche – von einer „musica guerriera“ (kriegerischen Musik) mit einem virtuosen Trompeten-Solo unterbrochen, als die Ritter auftauchen, um sie zum Turnier einzuladen; auch diese „musica guerriera“ stammt aus Ugo, conte di Parigi.S. 32–33, in Jeremy Commons: Ugo, conte di Parigi, Booklettext zur CD-Box: Donizetti: Ugo, conte di Parigi, mit Janet Price, Maurice Arthur, Ivonne Kenny, u.a., New Philharmonia Orchestra, Dir.: Alun Francis (Opera Rara, 1977)