Das Schloss Hirschstein, auch Neuhirschstein, ist eine aus einer mittelalterlichen Spornburg hervorgegangene Schlossanlage in der Gemeinde Hirschstein im Landkreis Meißen. Sie erhebt sich auf einem rund 25 Meter hohen Felssporn am linken Ufer der Elbe gegenüber von Neuseußlitz. Der Bau geht auf eine um 1200 neu errichtete Burg zurück, von deren ursprünglicher Gestalt nach Einschätzung der Burgenforschung nichts mehr erkennbar ist; sein heutiges Erscheinungsbild beruht auf dem Wiederaufbau nach der Zerstörung von 1637, auf dem barocken Ausbau des ausgehenden 17. Jahrhunderts und auf einer durchgreifenden Modernisierung von 1892 bis 1894 durch den Dresdner Architekten Ernst Giese.

Überregional bekannt wurde Hirschstein durch seine Rolle im Zweiten Weltkrieg: Von Juni 1944 bis März 1945 war hier der belgische König Leopold III. mit seiner Familie als Staatsgefangener interniert. Der dafür notwendige Umbau wurde von Oktober 1943 an durch Häftlinge eines Außenlagers des KZ Flossenbürg ausgeführt.

Schloss und Rittergut sind als Sachgesamtheit unter der Objektnummer 09303876 in die Denkmalliste des Freistaates Sachsen eingetragen; der Schlosspark ist zusätzlich als Gartendenkmal geschützt.; zu den Einzeldenkmalen (Schloss, Wirtschaftsgebäude, Einfriedungsmauern)

Lage mini|Blick über die Elbe auf Schloss Hirschstein (2016) Das Schloss steht im südlichen Gutsbereich des Ortsteils Neuhirschstein auf einer Felskuppe des linken Elbufers, die als schmaler, nach Nordosten gerichteter Sporn in die Talaue vorspringt. Die Lage sicherte die Kontrolle über den Flusslauf zwischen Meißen und Strehla; das Gelände fällt von Westen nach Osten zur Elbaue hin ab. Die Blickbeziehung in die Elbaue und zum gegenüberliegenden Ufer gehört zu den denkmalpflegerisch geschützten Merkmalen der Anlage.

Nördlich des Ortes liegen im Wald des Elbhochufers zwei weitere befestigte Plätze: ein slawenzeitlicher Ringwall an der Gemarkungsgrenze zu Althirschstein sowie südsüdöstlich von Althirschstein die Felsenburg Althirschstein mit erhaltenem Abschnittsgraben. Beide sind ebenso wie die vom Schloss überbaute Spornburg als Bodendenkmale geschützt.Harald Quietzsch, Heinz Jacob: Die geschützten Bodendenkmale im Bezirk Dresden (= Kleine Schriften des Landesmuseums für Vorgeschichte Dresden. Band 2). Landesmuseum für Vorgeschichte, Dresden 1982, S. 69–71.

Baubeschreibung

Anlage und Außenbau mini|Hofseitige Ansicht (2014) Die Anlage folgt dem keilförmigen Grundriss des Felssporns und umschließt einen langgestreckten, sich nach Süden verjüngenden Innenhof. Die zweigeschossigen Flügelbauten laufen an der Südspitze zusammen, wo der viereckige Schlossturm steht; er markiert zugleich den ältesten Bauteil der Anlage. Die Umfassungsmauern der Wohnbauten gehen in weiten Teilen auf die mittelalterliche Ringmauer zurück, deren Stärke zwischen etwa 1,5 und 2,1 Metern liegt; die Erdgeschossmauern im Bereich des Turmes erreichen bis zu drei Meter. Diese Zuordnung ist allerdings nicht unbestritten: Gerhard Billig hält fest, der heutige Schlossbau sei „neu“ und lasse „nichts von der ursprünglichen Gestalt erkennen“.Gerhard Billig: Burgen in der gegliederten Kulturlandschaft Sachsens. Betrachtungen zu Erscheinung und räumlicher Verbreitung hoch- und spätmittelalterlicher Wehranlagen im Vergleich zu den frühmittelalterlichen und zur Entwicklung der historischen Regionalität in Sachsen. Aus dem wissenschaftlichen Nachlass herausgegeben und mit einem Kommentar versehen von Susanne Baudisch und Reinhardt Butz. Dresden 2020, doi:10.25366/2020.10.

Die amtliche Denkmalbegründung charakterisiert den Bau als „äußerlich schlichte, ringförmige Anlage mit Turm“ von landschaftsprägender Wirkung. Die breit gelagerte Eingangsfront liegt im Norden und wird von einem barocken Portal betont. Der Turm trägt seit 1687 eine Haube mit Laterne, die als Landmarke weithin über das Elbtal wirkt. Nach Nordwesten schließen sich die Wirtschaftsgebäude des ehemaligen Rittergutes an, darunter ein zweigeschossiger, verputzter Bruchsteinbau mit Sandsteingewänden, zwei Rundbogentoren mit originalen Torblättern und Mansarddach mit Krüppelwalm.

Innenräume und Ausstattung mini|Eingangshalle mit Haupttreppenhaus im Schloss (2005) Die Raumfolge des Schlosses spiegelt die Bauphasen des späten 17. und des späten 19. Jahrhunderts. Im südlichen Bereich haben sich zwei übereinanderliegende barocke Rundhallen erhalten; die obere wurde 1974 in weiß-goldener Fassung restauriert. Der Nordflügel enthält die 1893/94 eingebaute Eingangshalle mit dem Haupttreppenhaus, in das barocke Türblätter einbezogen wurden. Auf der Westseite liegt die Ende des 19. Jahrhunderts neu ausgestattete Schlosskapelle mit Gestühl, hölzerner Kanzel, Dekorationsmalerei, elektrischem Kronleuchter und einer Orgel der Dresdner Werkstatt Jehmlich. Über der Eingangshalle war ein Porzellansaal eingerichtet, dessen Ausstattung einen Kamin aus Meißner Porzellan einschloss; die zugehörige Sammlung ist nicht erhalten. Im Obergeschoss folgten Festsaal, Bibliothek und ein getäfelter Saal mit Wurzelholzintarsien und beheizbaren Kaminen.

Denkmalrelevant ist nach der amtlichen Beschreibung das gesamte vor 1945 entstandene wandfeste Interieur, insbesondere Stuckgliederungen, Fliesenfußböden, hölzerne Verkleidungen, Vertäfelungen und Zierdecken, Wandbespannungen, Balustraden, Geländer und Handläufe sowie drei Wappen und eine Inschrifttafel. Erhalten sind ferner Teile der beweglichen Ausstattung, darunter zwei Vitrinen im Erdgeschosssaal des Rundbaus, Leuchter, Farbglasfenster und ein Kachelofen im Westflügel. Der Schwerpunkt der Ausstattung liegt im Foyer und Treppenhaus des Nordflügels, im Westflügel, in den Sälen des Rundbaus und in der Kapelle des Ostflügels.

Geschichte

Burgstelle und Vorgängeranlagen

Die heimatkundliche Literatur verlegt die Gründung der Burg regelmäßig in das 10. Jahrhundert und bringt sie mit der Sicherung der Ostgrenze des ostfränkisch-deutschen Reiches unter Heinrich I. (nach 929) oder Otto I. (um 968) in Verbindung; verbreitet ist außerdem die Angabe, Heinrich IV. habe die Burg 1064/65 verlehnt. Urkundliche Belege für diese Nachrichten sind nicht bekannt; sie sind bislang weder schriftlich noch archäologisch abgesichert. Die Angabe einer Belehnung durch Heinrich IV. dürfte dabei auf einen anderen Vorgang zurückgehen: 1065 übertrug der König die drei Elbburgwarde Strehla, Gröba und Boritz an das Bistum Naumburg; der Burgward Boritz, dessen befestigter Mittelpunkt in der Forschung nicht lokalisiert ist, war bereits 983 urkundlich fassbar, als dem Meißner Domkapitel dort das ius laborandi et inquirendi übertragen wurde.

Für eine frühe Befestigung des Platzes spricht allerdings der archäologische Befund der Umgebung: Nördlich des Ortes hat sich auf dem Elbhochufer ein slawenzeitlicher Ringwall in Form einer Kantenbefestigung erhalten, der bereits 1934 unter Schutz gestellt wurde. Südsüdöstlich von Althirschstein liegt zudem eine mittelalterliche Felsenburg mit Abschnittsgraben. Die Bodendenkmalpflege unterscheidet diese beiden Anlagen ausdrücklich von der „Wehranlage Neuhirschstein“, einer mittelalterlichen Spornburg im südlichen Gutsbereich, die durch das Schloss überbaut und verändert wurde. Die häufig anzutreffende Gleichsetzung des Schlossberges mit einem Burgward des 10. Jahrhunderts lässt sich damit nicht belegen; sie dürfte auf einer Vermengung der benachbarten Fundplätze beruhen.

Mittelalterliche Burg und Herrschaft

Urkundlich fassbar wird der Ort 1205 mit Wicnandus de Herstein; die Burg selbst ist seit dem 13. Jahrhundert, vermutlich mit zugehörigem Wirtschaftshof, nachweisbar. Weitere Nennungen des Namens folgen 1262 und 1311 (Herstein), 1435 (Hirstein) und 1461 (Heerstein). Der Name des in der Nachbarschaft gelegenen Dorfes Althirschstein erscheint 1427 als Alden Herstein und setzt damit die ältere Siedlung von der jüngeren Gutssiedlung am Schloss ab.

Gerhard Billig verbindet diesen Ministerialen unmittelbar mit dem Bau der Burg auf dem Felsstock und ordnet die Anlage einer Gruppe von Neugründungen zu Beginn des 13. Jahrhunderts zu, mit denen nach dem Verfall der Burgwardorganisation im frühen 12. Jahrhundert die Kontrolle des Elbtals zwischen Meißen und Strehla neu organisiert wurde; für den benachbarten Burgward Boritz vermerkt er ausdrücklich die Ablösung durch Hirschstein. Die Herren von Hirschstein stammten aus Nonnewitz bei Zeitz; ob sie im Gefolge des Bischofs von Naumburg oder des Markgrafen Dietrich des Bedrängten in das Meißner Elbtal gelangten, ist ungeklärt. Seit 1205 zählten sie zur Klientel des Markgrafen und gehörten gemeinsam mit Otte von Seußlitz zu der von Dietrich dem Bedrängten neu formierten Meißner Burgmannschaft; beide Burgen erlangten in den Auseinandersetzungen um das bischöflich-naumburgische Elbgebiet einige Bedeutung. Nachdem Seußlitz 1268 in ein Klarissenkloster umgewandelt worden war, übernahm Hirschstein allein die Kontrolle des Elblaufs in diesem Abschnitt.

Die Besitzerfolge des Spätmittelalters ist nur lückenhaft überliefert. Genannt werden von 1420 an die Familie von Birkigt und von der Mitte des 15. Jahrhunderts an die von Haugwitz; als Erwerber gilt Georg von Haugwitz, Domdechant zu Meißen und Kanzler des Kurfürsten. Erst 1497 wird die Anlage im Zusammenhang mit Johann von Haugwitz als „Schloss“ bezeichnet, was auf den zu dieser Zeit bereits vollzogenen Wandel von der Wehr- zur Wohnfunktion verweist.

Rittergut und Schloss in der frühen Neuzeit mini|Ehemaliges Hofgebäude des Rittergutes (2015) 1551 erscheint der Name Nau Hirstein für die Gutssiedlung am Schloss; für dasselbe Jahr ist auch das Rittergut Hirschstein erstmals nachweisbar, das bis in das 18. Jahrhundert die Grundherrschaft über Althirschstein und Neuhirschstein ausübte. Zum Lehngut leisteten die Bewohner von Althirschstein, Bahra, Böhla, Blattersleben, Fichtenberg, Kobeln, Leckwitz, Weißig und Windorf Frondienste.

Um 1585/90 erwarb der Jurist Hartmann Pistoris (1543–1603) das Gut, der zuvor bereits das benachbarte Seußlitz besaß und sich nach beiden Gütern Pistoris von Seußlitz und Hirschstein nannte. Auf Schloss Hirschstein wurde 1605 Johann Ernst Pistoris geboren, der später als sächsischer Gesandter an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden teilnahm. Um 1628 gelangte das Gut an Christoph von Felgenhauer, einen aus den Niederlanden stammenden, geadelten kurfürstlich-sächsischen Kammerrat.

Im Dreißigjährigen Krieg wurde das Schloss 1637 niedergebrannt; die amtliche Denkmalbegründung spricht in der Folge von einem „größtenteils Neuaufbau“. Der Wiederaufbau setzte erst rund ein halbes Jahrhundert später ein und prägte die Anlage nachhaltig: In den Jahren zwischen etwa 1687 und 1700 ließ Hans Christoph von Felgenhauer die Burg zu einer zweigeschossigen Wohnanlage mit Innenhof umgestalten, den Nordflügel mit doppelläufiger Treppe neu errichten, die Schlosskapelle auf die Westseite verlegen und den Turm mit Haube und Laterne bekrönen.

Die Grafen von Loß mini|Historische Ansicht (1840) Nach kurzen Besitzwechseln an Heinrich Gottlob von Zedlitz (1712) und Georg Heinrich von Bork (1718) kam Hirschstein 1721/22 an die Familie von Loß, in deren Besitz es bis in das 19. Jahrhundert verblieb. Die denkmalpflegerische Dokumentation nennt für den Erwerb durch Graf Johann Adolf von Loß (1684–1757) das Jahr 1729 und verbindet damit die Anlage der Terrassen südlich und westlich des Schlosses. Im weiteren 18. Jahrhundert wurde der angrenzende Waldbereich durch Wegebau und gezielte Baumpflanzungen gestaltet und der slawische Ringwall in die Parkanlage einbezogen.

Eine ausführliche Beschreibung des Rittergutes aus der Mitte des 19. Jahrhunderts bietet Gustav Adolf Poenickes Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen.G. A. Poenicke: Hirschstein. In: Album der Rittergüter und Schlösser im Königreiche Sachsen. II. Section. Meissner Kreis. Sturm und Koppe, Leipzig 1856, S. 29.

Familie Crusius und der Umbau 1892–1894