Sterben ist in der Biologie das Erlöschen der Organfunktionen eines Lebewesens, das zu seinem Tod führt. Der Beginn des Sterbens ist nicht eindeutig bestimmbar. Das Ende eines Sterbevorgangs oder Sterbeprozesses wird mit dem Todeseintritt eingegrenzt, wobei auch dieser aufgrund der fehlenden einheitlichen Definition keinem genauen Zeitpunkt zugeordnet werden kann. Das Verb dazu lautet sterben (in gehobenem, feierlichem Stil auch versterbenDuden: Das Wörterbuch der sprachlichen Zweifelsfälle.).
Etymologie Sterben von Friedrich Kluge, Alfred Götze: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 20. Auflage. Hrsg. von Walther Mitzka, De Gruyter, Berlin/New York 1967; Neudruck („21. unveränderte Auflage“) ebenda 1975, ISBN 3-11-005709-3, S. 746. geht auf die westgermanische Wurzel *sterb- zurück. Die Ausgangsbedeutung ist ‚starr, steif werden, erstarren‘, wie das altnordische stjarfi ‚Starrkrampf‘ zeigt; nach geschwundenem Anlaut-S torpēre „steif sein“, „betäubt sein“. Das Wort gehört in weiterer Folge zur großen Wortgruppe um starr (Storch, Störr, Sterz usw.).
Anzeichen der letzten Lebensphasen Der Sterbeprozess eines Menschen verläuft je nach Ursache in unterschiedlicher Geschwindigkeit. Die Bundesärztekammer definiert Sterbende als „Kranke oder Verletzte mit irreversiblem Versagen einer oder mehrerer vitaler Funktionen, bei denen der Eintritt des Todes in kurzer Zeit zu erwarten ist“.Grundsätze der Bundesärztekammer zur ärztlichen Sterbebegleitung. In: Deutsches Ärzteblatt. 108/7, 2011, S. 346–348. Als vitale Funktionen gelten vor allem die des Herz-Kreislauf-Systems, der Atmung und des Zentralnervensystems. Funktionsausfälle in diesen Bereichen führen ohne medizinisches Eingreifen zum Tod. Die Zeitspanne der Agonie kann Sekunden bis Stunden betragen. Entscheidend für die Dauer ist, ob ein akutes Ereignis oder ein chronischer Verlauf zum Versagen lebenswichtiger Organe führt.Reinhard B. Dettmeyer, Harald F. Schütz, Marcel Verhoff: Thanatologie. In: Dettmeyer, Schütz, Verhoff (Hrsg.): Rechtsmedizin. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2014, S. 8.
Die im Folgenden beschriebenen Phasen sind vor allem bei Menschen zu beobachten, die nicht unmittelbar durch ein akutes Ereignis, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg infolge einer Krankheit oder nachhaltigen Schädigung sterben. In der Medizin werden dabei die Bezeichnungen Präterminal-, Terminal- und Finalphase verwendet, wobei bisher keine einheitlichen Definitionen festgelegt worden sind.I. Jonen Thielemann: Terminalphase. In: Lehrbuch der Palliativmedizin. Schattauer, Stuttgart 2012, S. 990.M. Thöns, Th. Sitte: Repetitorium Palliativmedizin. Springer-Verlag, Berlin/Heidelberg 2013, S. 150. Diese Phasen verlaufen nicht unbedingt linear.Barbara Uebach, Martina Kern: Pflege und Begleitung Sterbender und ihrer Zugehörigen in der Finalphase. In: Zeitschrift für Palliativmedizin, Mai 2010, S. 108. Sie sind daher nur als grobe Einteilung zu betrachten, insbesondere die zeitlichen Angaben unterliegen erheblichen Schwankungen, die der Erkrankung und den individuellen Gegebenheiten geschuldet sind. In jeder Phase kann sich der Zustand des Kranken stabilisieren, oder es tritt unvermittelt, beispielsweise während einer Remission, die Finalphase ein. In der Medizin werden neben dieser Phaseneinteilung der Karnofsky-Index oder ECOG-Score verwendet, um den Krankheitsfortschritt einschätzen und eine Prognose stellen zu können.
Präterminalphase mini|Die schwer erkrankte Valentine Godé-Darel, ein halbes Jahr vor ihrem Tod. Gemälde von Ferdinand Hodler, Juni 1914 Wochen bis Monate vor dem Tod befindet sich der Sterbende in der Präterminalphase: Es zeigen sich schon deutliche Symptome, die das aktive Leben einschränken, beispielsweise eine erhebliche Abmagerung. Die zunehmende Schwäche und Müdigkeit wird unter anderem am gesteigerten Ruhebedürfnis deutlich. Alltägliche Verrichtungen fallen schwerer und dauern länger, für manche Tätigkeiten wird Unterstützung benötigt. Der entsprechende ECOG-Score 2–3 bedeutet, dass eventuelle Chemotherapien in dieser Phase beendet werden. Der Schwerpunkt medizinischer Behandlung wird auf die Kontrolle möglicher Krankheitsbeschwerden gelegt.
Terminalphase In der anschließenden Terminalphase, die wenige Tage bis mehrere Wochen andauern kann, führt der fortschreitende körperliche Verfall oft zu eingeschränkter Mobilität bis hin zur Bettlägerigkeit. Häufig geht die Kontrolle über Urin- und Stuhlausscheidung verloren, in selteneren Fällen kommt es zur Harnverhaltung. Der Schwerkranke ist zunehmend auf Betreuung und Pflege durch andere angewiesen. Während dieser Phase können neue Symptome wie beispielsweise Angst, Atemnot, Übelkeit und Verstopfung bis hin zur Koprostase oder Miserere, aber auch Durchfälle auftreten. Der jetzt immer deutlicher Sterbende kann sich nicht mehr gut konzentrieren, interessiert sich kaum noch für seine Umgebung, Essen und Trinken werden nebensächlich:nach R. Twycross, I. Lichter, Oxford University Press 1993, S. 651–661; Deutsche Gesellschaft für Palliativmedizin. 2003; Departement of Health. 2003. Appetitlosigkeit gilt in dieser Phase als normal.R. Langenbach u. a.: Gastrointestinale Symptome. In: C. Bausewein u. a.: Leitfaden Palliative Care. Palliativmedizin und Hospizbetreuung. Urban & Fischer, München 2010, S. 404. Neurologische Veränderungen können Unruhe und Verwirrtheit auslösen und Anzeichen eines Deliriums sein,C. Bausewein: Symptomkontrolle als Teil der ganzheitlichen Sterbebegleitung. In: Franz-Josef Bormann, G. D. Borasio (Hrsg.): Sterben: Dimensionen eines anthropologischen Grundphänomens. De Gruyter, Berlin 2012, S. 191. das auf ein irreversibles Organversagen hinweisen kann und dessen Prävalenz bei bis zu 88 Prozent liegt.Sandy MacLeod, Christian Schulz: Psychiatrie in der Palliativmedizin. Behandlung psychischer und psychosomatischer Probleme am Lebensende. Verlag Hans Huber, Hogrefe, Bern 2013, S. 157. Bei einer Alzheimer-Demenz kann diese Phase länger dauern.
Finalphase mini|Valentine Godé-Darel am Tag vor ihrem Tod (Gemälde von Ferdinand Hodler, Januar 1915) mini|Video: Was im Körper beim Sterben passiert (1:31 min)|thumbtime=77 Die Finalphase in den letzten Tagen bzw. Stunden vor dem Tod ist gekennzeichnet vom endgültigen Versagen einzelner Organe wie Leber, Niere und Lunge oder des zentralen Nervensystems. Das langsame Erlöschen der Organfunktionen äußert sich in zunehmender Müdigkeit, Teilnahmslosigkeit, Schläfrigkeit, Appetitlosigkeit und fehlendem Hungergefühl. Sterbende verringern nach und nach die Nahrungsaufnahme und stellen sie häufig ganz ein.Th. Sitte (Hrsg.): Die Pflegetipps Palliative Care. Verlag der Deutschen PalliativStiftung, Fulda 2013, S. 32. Eine künstliche Ernährung oder Flüssigkeitszufuhr stellt jetzt eine Belastung für den Körper dar. Das Durstgefühl bleibt länger bestehen, ist aber oft schon mit geringen Flüssigkeitsmengen zu stillen, bis auch das Verlangen nach Trinken vollständig erlischt.Th. Sitte (Hrsg.): Die Pflegetipps Palliative Care. Verlag der Deutschen PalliativStiftung, Fulda 2013, S. 33.E. Albrecht, Ch. Orth, H. Schmidt: Hospizpraxis: Ein Leitfaden für Menschen, die Sterbenden helfen wollen. Herder, Freiburg im Breisgau 2006, S. 29–30, S. 71–74.C. Bausewein (Hrsg.): Leitfaden Palliative Care. Elsevier, Urban & Fischer, München 2010, S. 61.
Die Durchblutung der Extremitäten nimmt ab, was an Verfärbungen der Körperunterseite, marmorierten Beinen sowie kalten Händen und Füßen erkennbar wird. Manche Sterbende dagegen neigen eher zu starkem Schwitzen. Der Puls wird schwächer und der Blutdruck fällt ab. Viele Sterbende haben eine fahle bis graue Gesichtsfarbe, da der Kreislauf nicht mehr aufrechterhalten wird.
Die Urinausscheidung verringert sich, da die Nierenfunktion nachlässt. Da die Nieren und die Leber ihre Entgiftungsfunktion nur noch unzureichend erfüllen, sammeln sich Schadstoffe im Blut, die damit ins Gehirn gelangen. Dort führen diese Stoffe zu Wahrnehmungs- und Bewusstseinsstörungen. Die Umgebung wird nicht mehr oder nur noch eingeschränkt wahrgenommen. Die zeitliche, örtliche und situative Orientierung kann verloren gehen, daneben treten möglicherweise akustische und optische Halluzinationen oder motorische Unruhe auf. Die zunehmende Bewusstseinseintrübung mündet zuletzt oft in einen komatösen Zustand, vor allem wenn Nieren und Leber vollständig versagen.M. Thöns, Th. Sitte: Repetitorium Palliativmedizin. Springer, Berlin/Heidelberg 2013, S. 165.
Oft atmen Sterbende durch den Mund. Bei der Atmung treten häufig Veränderungen auf: Die Atemfrequenz ist niedriger, die Atemzüge erscheinen oberflächlich und erschwert, da sie sich vertiefen, um dann wieder abzuflachen und zeitweise ganz auszusetzen, wie bei der Cheyne-Stokes-Atmung. Gehen die Atemzüge mit ungewöhnlichen Geräuschen einher, handelt es sich möglicherweise um Rasselatmung. Kurz vor dem endgültigen Atemstillstand ist häufig eine Schnappatmung zu beobachten.
Bleiche, graue, wächsern erscheinende Haut und die Facies hippocratica mit einem ausgeprägten Mund-Nasen-Dreieck weisen auf das Herannahen des Todes hin. Ein bleiches Mund-Nasen-Dreieck bei Sterbenden wird auch als Todesdreieck bezeichnet.Johanna Bayer: Sterben – das letzte Programm swr.de, 23. November 2017.Christiane Fux: Was passiert beim Sterben? netdoktor.de, 24. September 2021.Den Sterbeprozess erkennen: Das sind die Anzeichen des Todes november.de (Website eines Bestattungsunternehmens) Steht das Herz endgültig still, endet die Sauerstoffversorgung sämtlicher Organe. Nach etwa acht bis zehn Minuten setzen die Gehirnfunktionen aus, damit ist der Hirntod eingetreten. Nach Herzstillstand und Hirntod beginnt die Zersetzung des Körpers. Durch die fehlenden Teile des Stoffwechsels, das heißt den ausbleibenden Transport von Sauerstoff und Nährstoffen, sterben die Zellen ab. Den Anfang machen dabei Gehirnzellen (Neuronen). Zehn bis zwanzig Minuten nach dem Hirntod sterben viele Zellen des Herzgewebes ab. Dann folgt der Tod der Leber- und der Lungenzellen. Erst ein bis zwei Stunden später stellen auch die Zellen der Nieren ihre Funktion ein. Biologisch ist das Sterben der Verlust von immer mehr Organfunktionen.
Sterben als biologische Kettenreaktion Wenn alle Lebensfunktionen eines Organismus endgültig stillstehen, ist der Tod eingetreten. Nach medizinischen Kriterien ist dies ein Vorgang, der in mehreren Stufen abläuft: In der Phase der Vita reducta ist noch Herz- und Atemtätigkeit vorhanden, während sie in der Vita minima nicht mehr festzustellen ist. Ein Mensch, der sich in diesem Zustand befindet, kann unter Umständen durch Herzdruckmassage und Beatmung wiederbelebt (reanimiert) werden. Damit gehört auch die Vita minima noch zur vitalen Phase. Die synonym verwendete Bezeichnung klinischer Tod und auch der Begriff Wiederbelebung erscheinen, da der Tod definitionsgemäß irreversibel ist, problematisch.Gerhild Becker, Carola Xander: Zur Erkennbarkeit des Beginns des Sterbeprozesses. In: Franz-Josef Bormann, Gian Domenico Borasio (Hrsg.): Sterben. Dimensionen eines anthropologischen Grundphänomens. De Gruyter, Berlin 2012, S. 122.