Musik Jugoslawiens behandelt die Musik in Jugoslawien in der Zeit von 1918 bis 1992 und ist nach Musikstilen geordnet. Für die Zeit nach 1992 sowie regionale Volksmusik siehe die Artikel über die Nachfolgestaaten Jugoslawiens bzw. den Artikel über die Musik Kroatiens.

Klassische Musik Zu den bedeutenden klassischen Komponisten Jugoslawiens zählen Antun Dobronić (1878–1955), Petar Konjović (1883–1970), Stevan Hristić (1885–1958), Jakov Gotovac (1895–1982), Josip Štolcer-Slavenski (1896–1955), Mihovil Logar (1902–1998), Dragutin Čolić (1907–1987), Milan Ristić (1908–1982), Ljubica Marić (1909–2003), Vojislav Vučković (1910–1942) und Stanojlo Rajičić (1910–2000). Als wichtigster albanischsprachiger Komponist Jugoslawiens gilt Lorenc Antoni (1909–1991). Viele dieser Komponisten verarbeiten in ihren Werken Einflüsse aus der Volksmusik.

Elektronische Musik Das seit 1972 bestehende Elektronski studio Radio Beograda (Elektronisches Studio von Radio Belgrad) unter Leitung von Vladan Radovanović (* 1932) förderte die Entwicklung avantgardistischer elektronischer Musik. Weitere Komponisten, die sich mit elektronischer Musik beschäftigt haben, sind Aleksandar Obradović (1927–2001), Srđan Hofman (1944–2021) und Zoran Erić (1950–2024).

Ein Vertreter der Musique concrète ist Ivo Malec (1925–2019).

Volksmusik / Volkstümliche Musik Musiker Slavko Avsenik (1929–2015) war der kommerziell wohl erfolgreichste jugoslawische Musiker. Seine Oberkrainer-Musik ist vor allem im deutschsprachigen Raum sowie in Slowenien beliebt, im südlicheren Jugoslawien hingegen wenig bekannt.

Esma Redžepova (1943–2016) war eine der populärsten Vertreterinnen der Volksmusik des südlichen Jugoslawiens, die deutliche türkische Einflüsse aufweist (u. a. 7er-Rhythmen).

Janika Balázs (1925–1988) war ein berühmter Tamburica-Spieler.

Festivals Vor allem im südlichen Serbien und in Makedonien (sowie in Teilen Rumäniens und Bulgariens) ist Pleh muzika („Blechmusik“, wird auch als Balkan Brass bezeichnet) sehr beliebt. Das seit den 1960er Jahren jährlich in dem kleinen serbischen Dorf Guča stattfindende Trompetenfestival zieht zehntausende Fans an. In den 1960er und 1970er Jahren fand in Zagreb jährlich das „Smotra Folklora“ statt, auf dem die authentische Volksmusik aus allen Teilen Jugoslawiens zumeist von musikalischen Laien aufgeführt wurde.

Populäre Musik (Schlager, Rock etc.) Das deutsche Wort „Schlager“ ist als Fremdwort ins Serbokroatische übernommen worden (šlager bzw. kyrillisch шлагер).

1918–1945 Vlaho Paljetak (1893–1944) war ein berühmter Sänger der 1930er Jahre, der auch selbst komponierte und textete.

1945–1968 Ivo Robić (1926–2000) war einer der bekanntesten jugoslawischen Schlagersänger. Ein Klassiker ist „Tata, kupi mi auto“ (Vati, kauf mir ein Auto), das er ca. 1958 im Duett mit Zdenka Vučković (1942–2020) sang. In den 1960er Jahren sang er Stücke der deutschen Komponisten Bert Kaempfert und Peter Moesser in verschiedenen Sprachen, so z. B. „Rot ist der Wein“, „Dankeschön“ und „Morgen“ (jugoslawische Version: „Sutra“). Der jugoslawische Komponist Nikica Kalogjera (1930–2006) schrieb zahlreiche Schlager für Ivo Robić, Ivica Šerfezi (siehe unten) und viele andere.

Cover-Versionen westlicher Musik Karlo Metikoš (1940–1991), der unter dem Namen Matt Collins auftrat, sang 1964 eine Coverversion von Buddy Hollys „Peggy Sue“.

Đorđe Marjanović (1931–2021) sang serbokroatische Versionen u. a. von Natalie (Natali) von Gilbert Bécaud und Milord von Édith Piaf, Let's twist again (Igramo tvist) von Chubby Checker und Ya Ya von Lee Dorsey (diese Aufnahme ist im Film Underground zu hören), sowie zahlreiche von jugoslawischen Autoren geschriebene Schlager. Zlatko Golubović (1940–1999) sang Coverversionen diverser französischsprachiger Chansons, die in Deutschland kaum bekannt sind und im Original u. a. von Salvatore Adamo stammen.

Von Nini Rossos Trompeten-Instrumentalstück Il Silenzio („Die Stille“) wurde eine Version mit serbokroatischem Text geschrieben (Tišina) und von Lola Novaković (1935–2016) gesungen.

Miki Jevremović (1941–2017) coverte unter anderem The House of the Rising Sun (als Kuća izlazećeg sunca), California Dreamin’ (als Zbogom Kalifornijo) von den Mamas and Papas, und Mama (ursprünglich italienischer Schlager, auf Deutsch gesungen von Heintje).

Bijele Strijele („Weiße Pfeile“) sangen einige frühe Stücke der Beatles mit serbokroatischem Text; auch eine ungewöhnliche Version von Sealed with a Kiss (als Rastanak) mit Kirchenorgel-Intro stammt von ihnen.

Tomislav Ivčić nahm außerdem viele französische und italienische Titel auf (Tu t'en vas, Monia, L'été Indian und Unica Donna Per Me), übersetzte auch einige ins Serbokroatische, etwa Manuela, der ursprünglich von Julio Iglesias stammt. Zusammen mit Meri Cetinić sang er Gorka Rijeka („bitterer Fluss“, vgl. Un fiume amaro), das im Deutschen vor allem durch Vicky Leandros (Ich hab die Liebe geseh'n) bekannt ist. Sein Titel Pjesma Međugorja existiert auch in einer italienischen und einer englischen Variante.

Auch deutsche Musikstücke wurden ins Serbokroatische übersetzt: Die Band Roboti („Die Roboter“) coverte Marmor, Stein und Eisen bricht (1965, Mramor kamen i željezo) von Drafi Deutscher, und Ivica Šerfezi (1935–2004), der später auch in der DDR (u. a. Meerblaue Augen wie die Adria, 1972) und in der UdSSR erfolgreich war, coverte Schwarze Rose, Rosemarie (Original gesungen von Peter Kraus).

Die Band Žeteoci („Die Erntenden“) bestand aus Theologiestudenten der Universität Zagreb, die mit Gitarre, Orgel, Bass und Schlagzeug zumeist aus Frankreich stammende Titel des Neuen Geistlichen Lieds coverten; nur ein Stück auf ihrer einzigen LP, nämlich Prazan život, war eine Eigenkomposition.

1968–1992 Das Jahr 1968 stellt insofern einen Einschnitt dar, als mit der Grupa 220 erstmals eine Band eine ganze LP – Naši dani („Unsere Tage“) – mit selbstkomponierter Beat-Musik veröffentlichte. Darauf war u. a. Osmijeh („Lächeln“), das wohl bekannteste Stück der Band. Die bis dahin übliche Gewohnheit, westliche Musikstücke in serbokroatischer Sprache zu covern, ebbte in den Jahren 1968/1969 fast vollständig ab.

Ebenfalls 1968 hatten die Kameleoni („Chamäleons“) einen Hit mit Sjaj izgubljene ljubavi („Der Glanz der vergangenen Liebe“). Die Band spielte in Boštjan Hladniks Film Sončni krik mit. Obwohl die Band aus dem slowenischen Koper stammte, waren die Texte ihrer Lieder serbokroatisch, manchmal auch englisch. Neben den Eigenkompositionen gab es noch einige Coverversionen.

Josipa Lisac (* 1950) war Ende der 1960er Jahre Sängerin der Band Zlatni Akordi (Goldene Akkorde). Ab 1973 war sie mit Karlo Metikoš (siehe oben) liiert, der nun für ihre Soloalben komponierte und produzierte.

Die Band Bijelo dugme („Weißer Knopf“) begann in den frühen 1970er Jahren mit Stücken wie Selma, die Einflüsse von Pink Floyd erkennen ließen, gingen aber in den 1980er Jahren immer mehr dazu über, Elemente der jugoslawischen Volksmusik, insbesondere aus der Musik der Roma, zu integrieren (z. B. in Đurđev dan („St. Georgs-Tag“) und Lipe cvatu („Die Linden blühen“), das einen vor allem für serbische und mazedonische Volksmusik typischen 7er-Rhythmus aufweist, sowie in „Hajdemo u planine“ (Gehen wir in die Berge) mit dem für kroatische Volksmusik typischen Sprechgesang). Gitarrist der Band und Komponist der meisten ihrer Stücke war Goran Bregović (* 1950), der auch die Filmmusik zu einigen Filmen von Emir Kusturica schrieb und viele Motive von Bijelo Dugme in seiner späteren auch international erfolgreichen Solokarriere weiterverwertete.

Die Gruppe Indexi schuf mit „Bacila je sve niz rijeku“ (Sie warf alles in den Fluss) einen der erfolgreichsten Titel der 1970er Jahre, der auch von mehreren anderen Bands aufgenommen wurde.

Weitere populäre Bands der 1970er und 1980er Jahre waren YU Grupa, Crvena Jabuka (Roter Apfel), Leb i Sol (Brot und Salz), Riblja čorba (Fischsuppe), Teška industrija (Schwerindustrie), die Heavy-Metal-Band Divlje Jagode (Wilde Erdbeeren) und Azra. Der Gitarrist von Riblja čorba, Momčilo Bajagić, gründete 1984 die bis heute erfolgreiche Band Bajaga i Instruktori. Arsen Dedić (1938–2015) gehört zu den erfolgreichen Schlagersängern der 1970er Jahre, arbeitete aber z. B. auch mit der Grupa 220 (siehe oben) zusammen.

In den 1970er und 1980er Jahren gab es in Jugoslawien zahlreiche Bands, die dem New Wave (serbokroatisch Novi talas, slowenisch Novi val, mazedonisch Nov bran) zugerechnet wurden, z. B. Šarlo akrobata („Charles der Akrobat“, d. h. Charlie Chaplin), Laboratorija zvuka (Klanglabor), Film, Haustor und Lačni Franz (Der hungrige Franz). Als Wegbereiter des jugoslawischen New Wave gilt die Progressive-Rock-Band Buldožer (Planierraupe). Die Band Šarlo akrobata existierte nur in den Jahren 1980/81, aus ihr gingen die Bands Ekatarina Velika (Katharina die Große) und Disciplina kičme (Disziplin der Wirbelsäule) hervor, die sich jedoch musikalisch vom New Wave in Richtung Rock entfernten.

Die bekanntesten Punkbands Jugoslawiens waren die Pankrti (Bastarde), Pekinška patka (Pekingente) und KUD Idijoti (GKK-Idijoten, die Abkürzung steht für Gesellschaft für Kultur und Kunst, das Wort Idijoti ist absichtlich falsch geschrieben). Zwischen Punk und New Wave bewegte sich die Band Električni orgazam (Elektrischer Orgasmus).

Im weiteren Umfeld des Punk entwickelte sich in Sarajevo ein als Novi primitivizam (Neuer Primitivismus) bekannter Musikstil, als dessen wichtigster Vertreter die Band Zabranjeno pušenje (Rauchen verboten) gilt, in der zeitweise der Filmregisseur Emir Kusturica mitspielte. Die Bandmitglieder „Dr. Nele Karajlić“ (* 1962, eigentlich Nenad Janković) und sein Bruder Dražen Janković spielten ab 1984 in der Comedyserie Top lista nadrealista („Hitparade der Surrealisten“) bei TV Sarajevo. Zu diesem Musikstil lässt sich auch die in Jugoslawien populäre Band Plavi orkestar („Blaues Orchester“) rechnen.

Die Band Laibach (österreichische Bezeichnung der slowenischen Hauptstadt Ljubljana) ist Teil des Gesamtkunstprojektes, das – tatsächlich in deutschen Worten – „Neue Slowenische Kunst“ heißt. Viele ihrer Stücke verbinden Rockmusik und Marschmusik in langsamem Tempo und mit hämmerndem monotonen Rhythmus. Durch deutschsprachige, wörtlich übersetzte Coverversionen z. B. des österreichischen Bierzeltschlagers Life is Life („Leben heißt Leben“) von der Gruppe Opus oder von One Vison (Geburt einer Nation) von Queen machen Laibach auf die in den englischen Texten verborgenen faschistoiden Phrasen aufmerksam.

Mizar war eine Dark-Wave-Band der 1980er Jahre.

Zdravko Čolić (* 1951) sang in den 1970er Jahren zahlreiche Schlager und vertrat Jugoslawien 1973 mit „Gori vatra“ (Feuer brennt) beim Grand Prix (siehe unten). Er sang auch patriotische Volkslieder wie „Jugoslavijo“ (Jugoslawien) und „Druže Tito, mi ti se kunemo“ (Genosse Tito, wir geloben Dir).

Der bekannteste jugoslawische Liedermacher ist Đorđe Balašević (1953–2021).

Ab Ende der 1970er Jahre wurden wieder Cover-Versionen internationaler Hits in serbokroatischer Sprache aufgenommen, so coverte z. B. Tereza Kesovija (* 1938) Hits von ABBA, unter anderem „The winner takes it all“ (Tko gubi, gubi sve).