mini|Jan Bersin Jan Karlowitsch Bersin (, lettisch Jānis Bērziņš; ursprünglicher Name Pēteris Ķuzis, auch: Pawel Iwanowitsch Bersin, Spitzname: Starik, Parteiname: Papus (* in Kligen, Gemeinde ZaubeGortschakow: Jan Bersin, S.???, Gouvernement Livland, Russisches Kaiserreich, heute Bezirk Amata, Lettland); † 29. Juli 1938 in Kommunarka bei MoskauMemorial: Biografisches Verzeichnis der im Juli 1938 in Kommunarka ermordeten Personen (abgerufen am 20. November 2010)) war ein sowjetischer Geheimdienstchef lettisch-russischer Herkunft. Er war von 1924 bis 1935 und 1937 Chef des militärischen Aufklärungsdienstes der Roten Armee, kurz GRU, und einer der Organisatoren der geheimen Zusammenarbeit zwischen Roter Armee und Reichswehr.Besymenski: Stalin und Hitler – Das Pokerspiel der Diktatoren, S.???

Biografie Bersin wurde als Sohn einer lettischen Bauernfamilie im damals russischen Gouvernement Livland geboren. Er besuchte ab 1902 ein Internat in der Stadt Kuldīga. Im Verlauf der Russischen Revolution wurde das Internat im November 1905 geschlossen.Gortschakow: Jan Bersin, S. 5

Bersin kehrte nach Hause zurück und trat dort einer sozialdemokratischen Widerstandsgruppe mit Namen „Dreschflegel“ bei. Wenig später wurde er Mitglied der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands und gehörte dort dem Flügel der Bolschewiki an. Mit dem Scheitern des Sankt Petersburger Aufstandes gingen die lettischen lokalen Widerstandsgruppen zu einer terroristischen Taktik gegen die zaristischen Ordnungskräfte über.Gortschakow: Jan Bersin, S. 5: Die wörtliche Übersetzung von Gortschakow ist „Partisanentaktik“. Da 1906 im Russischen Reich kein Krieg stattfand, können solche Vorgehensweisen in Friedenszeiten als terroristisch bezeichnet werden. Bersin tötete 1906 bei einem Zusammenstoß mit der Polizei einen Offizier und wurde nur durch eine Gruppe von Kosaken vor der sofortigen Erschießung durch die übriggebliebenen Polizisten gerettet. Er wurde vor ein Kriegsgericht gestellt und zum Tode verurteilt. Aufgrund von Verfahrensfehlern wurde das Urteil für ungültig erklärt. In einem zweiten Prozess wurde er 1907 in Reval abermals zum Tode verurteilt. Aufgrund seines geringen Alters von 17 Jahren wurde das Urteil in eine in Sibirien zu verbüßendesowjetische Militärenzyklopädie, S.??? achtjährige Freiheitsstrafe umgewandelt.

Während seiner Haft arbeitete Bersin in der Gefängnisapotheke und eignete sich pharmazeutische Grundkenntnisse an. 1909 wurde er begnadigt und aus der Haft entlassen. Er schloss sich umgehend wieder den Bolschewiki an. Unter verschiedenen Pseudonymen verbreitete er Propagandamaterialien der Partei in Riga. Im August 1911 wurde er wegen dieser politischen Tätigkeit erneut verhaftet und ins Gouvernement Irkutsk verbannt. Er floh im Frühjahr 1914 aus der Verbannung, wobei er gefälschte Dokumente mit dem Namen Jan Karlowitsch Bersin verwendete. Während des Ersten Weltkrieges wurde er unter dieser Identität in die Russische Armee einberufen und desertierte 1915. Laut seiner offiziellen Biografie arbeitete er danach unter falschem Namen als Schlosser in Petrograd. Er nahm aktiv an der Februarrevolution 1917 teilVronskaya, Chuguev: A biographical dictionary of the Soviet Union 1917–1988, S. 40 und wurde dann Redakteur einer lettischen Parteizeitung der Bolschewiki. Während der Oktoberrevolution war er Mitglied der bolschewistischen Parteikomitees von Wyborg und Sankt Petersburg und gehörte zum Umfeld von Leo Trotzki.Villemarest: GRU, S.???

Karriere in der Tscheka und der Roten Armee Im Dezember 1917 begann Bersin seine Karriere als Mitarbeiter der Tscheka. In dieser Funktion nahm er 1918 an der Niederschlagung des Aufstandes der Sozialrevolutionäre in Jaroslawl teil. Im Ergebnis des bolschewistischen Gegenangriffs wurden in der Stadt am 28. Juli 1918 428 Gegner der Bolschewiki hingerichtet. Laut dem sowjetischen Überläufer und ehemaligen GRU-Agenten Viktor Suworow soll Bersin während dieser Zeit einen maßgeblichen Anteil bei der Entstehung des Systems von Geiselerschießungen gehabt haben, das von der Roten Armee und der Tscheka in der Zeit des Bürgerkrieges angewandt wurde, um Widerstände in der lokalen Bevölkerung zu unterdrücken.Suworow: Soviet Military Intelligence, S. 226–227 Nach dem Ende der Kämpfe in Jaroslawl übernahm er die Aufgaben eines Sekretärs der kommunalen Verwaltung der Tscheka. Er wurde im März 1919 in das seit Januar proklamierte Sowjet-Lettland abkommandiert, um dort als stellvertretender Kommissar des Inneren, d. h. stellvertretender Innenminister, die Macht der Bolschewiki zu sichern. Am 22. Mai 1919 musste sich die Rote Armee jedoch vor der von deutschen Freikorpssoldaten unterstützten Baltischen Landeswehr, die mit Billigung Großbritanniens gegen die sowjetrussischen Truppen kämpfte, aus Riga zurückziehen und konnte nur noch die Kontrolle über den östlichsten Teil des Landes behalten.Sworakowski: World Communism, S. 297 Bersin wurde nach dem Rückzug aus Riga in die Rote Armee versetzt und war dort zunächst von Juli bis August 1919 Vorsitzender der Politabteilung der 11. Schützendivision der lettischen Roten Armee, die in diesem Zeitraum in 15. sowjetische Armee umbenannt wurde. Im August 1919 wurde er zum Chef der politischen Sonderabteilung der 15. Armee ernannt.Polmar, Allen: Spy Book. The Encyclopedia of Espionage, S. 63 Er behielt diesen Posten bis kurz vor Auflösung der 15. Armee. In dieser Zeit nahm er an der Verteidigung Petrograds gegen die Offensive des Generals Judenitsch und am Polnisch-Sowjetischen Krieg teil. Die 15. Armee wurde im August 1920 in der Schlacht bei Warschau in die Flucht geschlagen und aufgerieben; Bersin gelang es jedoch, einer Gefangennahme durch polnische Truppen zu entgehen.

Karriere in der Aufklärungsabteilung der Roten Armee Im Dezember 1920 wechselte er auf Empfehlung von Felix Dserschinski zur Aufklärungsabteilung der Roten Armee (später GRU).Lure, Kotschik: GRU: Tätigkeit und Personal, S. 106

Im März 1921 war Bersin an der Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstands beteiligt. Er tat sich hier als besonders unnachgiebig bei der Liquidierung der aufständischen Matrosen hervor, was ihn in den Augen der sowjetischen Führung für verantwortungsvolle Dienststellungen empfahl.

Chef der Abteilung 2 – Auslandsspionage Von April 1921 an war Bersin Chef der für die Auslandsspionage zuständigen Abteilung 2 der GRU. Im Dezember des gleichen Jahres wurde Bersin stellvertretender Chef der GRU. In der Anfangszeit hatte Bersin sehr stark mit Problemen zu kämpfen, die durch den Mangel an Nahrungs- und Bekleidungsgütern in Russland bzw. ab 1922 in der Sowjetunion nach dem Ende des Bürgerkriegs hervorgerufen wurden. So forderte er in Schreiben, die 1921 bzw. 1922 entstanden, wiederholt bessere Verpflegungs- und Kleidungskontingente, um die Moral und Arbeitsleistung der Mitarbeiter der GRU auf ein normales Niveau zu heben und um einen möglichen Verrat zu verhindern. Den Forderungen und Bitten Bersins wurde durch das Politbüro der KPR nur sehr bedingt nachgekommen.Die Schreiben aus dem Staatl. Russischen Militärarchiv (Российский государственный военный архив – РГВА) Fonds 4 Or. 3 Dok. 33 und Fonds 6 Or. 12 Dok. 8 S. 38–39 werden in Gortschakow 2004 ausführlich zitiert.

Bersin gefiel der neue Aufgabenbereich in der militärischen Aufklärung. Er begab sich persönlich wiederholte Male in das Ausland und unternahm verdeckte Reisen nach Großbritannien, Polen, in die Tschechoslowakei und nach Deutschland. Unter der Federführung Bersins gelang es der Abteilung 2 der GRU im Zeitraum von 1921 bis 1923 anhand von öffentlichen Publikationen und eigener Spionagetätigkeit, ein umfassendes Bild aller militärischen Luftflotten der westeuropäischen Staaten sowie der USA zu erstellen. Weiterhin begann die GRU ein umfassendes Netz von Residenturen in Bulgarien, Deutschland, Österreich, Italien und weiteren europäischen Staaten aufzubauen. Diese Residenturen dienten neben klassischen Spionagezwecken auch der Verfolgung der oppositionellen weißen Emigranten (hier besonders die Residentur Sofia) und der Unterstützung und Koordination kommunistischer Aufstände im Rahmen der Komintern in den jeweiligen Gastländern. Beispielsweise wurden auf Veranlassung der sowjetischen Politiker Radek und Sinowjew der Hamburger Aufstand im Oktober 1923 und am 1. Dezember 1924 ein völlig fehlgeschlagener Putschversuch in Estland unterstütztSworakowski: World Communism, S. 124Kriwitzki: Ich war Stalins Agent, S. 64. Die GRU arbeitete dabei eng mit der Auslandsabteilung der Tscheka zusammen. Als Tarnung dienten beispielsweise Missionen des sowjetischen Roten Kreuzes.

Leitung der Aufklärungsabteilung der Roten Armee Im März 1924 wurde Bersin schließlich auf Empfehlung seines Vorgängers Arwid Seibot de jure Chef des Militärgeheimdienstes. Aufgrund seiner unermüdlichen Tätigkeit und seiner Begabung für die Aufgaben eines Geheimdienstchefs wurde die GRU ein hocheffizienter Geheimdienst, der im Gegensatz zu den sonstigen sowjetischen Geheimdiensten bis in die Gegenwart Bestand hat.

Nach dem Fiasko in Estland sprach sich Bersin gegen die Absicht aus, in den Nachbarstaaten der Sowjetunion weitere Aufstände anzuzetteln. Die revolutionären Aktivitäten der Komintern hatten neben gewaltigen Opfern lediglich dazu geführt, dass „tausende von Komintern-Parasiten auf den Gehaltslisten der GRU standen.“Kriwitzki: Ich war Stalins Agent, S.??? Aus dem „brauchbaren Restpersonal der deutschen Komintern“ baute die GRU in den Worten des GRU-Agenten Kriwitzki in Deutschland einen „glänzenden Geheimdienst [auf], den Neid jeder anderen Nation.“ Bersin sorgte dafür, dass die GRU weltweit zu operieren begann, indem das bestehende Netz von Residenturen enorm erweitert wurde. Er ließ zur Tarnung der Aufklärungsaktivitäten Scheinfirmen einrichten, wodurch es seinen Agenten gelang, sehr weitläufige Beziehungen in der Gesellschaft der jeweiligen „Gastländer“ zu knüpfen.Besymenski: Stalin und Hitler – Das Pokerspiel der Diktatoren, S.??? Ein Beispiel hierfür ist die Presseagentur Inpress des GRU-Agenten Sándor Radó.

mini|Eine 100-US-Dollar-Goldzertifikat-Note von 1922. Diese Banknoten wurden 1927 massenhaft in der Sowjetunion gefälscht und von der GRU und der OGPU in Umlauf gebracht. Mit der Umstellung der US-Währung auf ein kleineres Papierformat im Jahr 1928 wurde die massenhafte Einzahlung derartiger veralteter Banknoten jedoch bald auffällig.

Aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Isolation der Sowjetunion und der Weimarer Republik wurde 1922 die geheime Zusammenarbeit zwischen der Roten Armee und der deutschen Reichswehr bei der Entwicklung moderner Waffen von Karl Radek initiiert. Der Vertrag von Rapallo stellte die Basis für weiterführende gemeinsame Projekte dar. Bersin übernahm nach seinem Aufstieg zum Chef der GRU die Organisation dieser Beziehungen, die bis in das Jahr 1934 fortgeführt wurden. Zu den deutsch-sowjetischen Unternehmungen gehörte beispielsweise Bersol, offiziell ein Joint-Venture, das mit der Produktion chemischer Dünger für die Sowjetunion befasst war. Inoffiziell sollten durch Bersol große Mengen an Artilleriegranaten, gefüllt mit Senfgas und Phosgen, für die Rote Armee und die Reichswehr hergestellt werden. Das Bersol-Projekt scheiterte an der schleppenden Terminerfüllung der deutschen Seite, die durch den Unternehmer Hugo Stoltzenberg repräsentiert wurde. 1928 äußerte sich Bersin daher in einem Bericht an den Volkskommissar für Heer und Flotte, Woroschilow, skeptisch über die Ergebnisse der bis dahin durchgeführten gemeinsamen Projekte, befürwortete aber eine Fortsetzung der Zusammenarbeit unter der Maßgabe der „maximalen Nutzung“, verschiedener, gemeinsam mit der Reichswehr genutzter Einrichtungen, wie etwa der Fliegerschule in Lipezk.