Das Kernkraftwerk Flamanville befindet sich in Frankreich am Ärmelkanal bei Flamanville am Fuße eines 70 Meter hohen granitartigen Felsens an der Westküste der Halbinsel Cotentin. Es wird mit Wasser aus dem Ärmelkanal gekühlt, somit sind keine Kühltürme nötig, und keine Einschränkungen durch zu wenig oder zu warmes Wasser wie an Flüssen. Das Gesamt-Kraftwerk besteht aus zwei Mitte der 1980er Jahre in Betrieb genommenen Druckwasserreaktoren (2. Generation) mit einer Nettoleistung von jeweils 1330 MW und dem im Dezember 2024 in Probebetrieb genommenen Europäischen Druckwasserreaktor (EPR, Generation 3+).
Das Kernkraftwerk wird von Électricité de France (EDF) betrieben und beschäftigt etwa 700 Personen. Aus den zwei Blöcken speiste es jährlich bislang durchschnittlich 18.000 Gigawattstunden in das öffentliche Stromnetz über das Umspannwerk von L’Étang-Bertrand ein; dies entspricht dem jährlichen Strombedarf der Regionen Basse-Normandie und Bretagne, beziehungsweise ungefähr drei Prozent des französischen Bedarfs an elektrischer Energie, damit zählt es zu den mittelgroßen Kernkraftwerken in Frankreich. Die Baukosten des 3. Kraftwerksblockes werden laut Rechnungshof mit 23,7 Milliarden Euro angegeben. Die ursprüngliche Prognose nannte 3,3 Milliarden Euro.
Geschichte
Für den Bau des Kernkraftwerks wurden eine hohe Klippe und eine unterseeische Eisenerz-Lagerstätte gesprengt. Baubeginn für den ersten Reaktorblock war am 1. Dezember 1979, er ging am 4. Dezember 1985 in Betrieb. Der zweite Reaktorblock wurde ab dem 1. Mai 1980 gebaut und am 18. Juli 1986 in Betrieb genommen.
Die französische Regierung kündigte 2020 eine Verlängerung der Laufzeit aller Reaktoren um weitere 10 auf 50 Jahre an. Diese wurde von der französischen Aufsicht 2021 unter Auflagen genehmigt.https://www.tagesschau.de/ausland/europa/laufzeitverlaengerung-frankreich-101.html
Neubau Block 3 mini|hochkant=1.5|Blöcke 1 und 2 sowie im Bau befindlicher Block 3 (2010) mini|Turbinenhalle Block 3 Am 21. Oktober 2004 gab EDF bekannt, am Standort Flamanville einen Europäischen Druckwasserreaktor der dritten Generation (EPR) errichten zu wollen. Dieser EPR war seit 1992 von Siemens und Framatome entwickelt worden, die 2001 zur Areva fusionierten. Der EPR solle als zweiter seiner Bauart nach dem finnischen Reaktor III im Kernkraftwerk Olkiluoto (seit August 2005 in Bau, seit 2023 im kommerziellen Betrieb) in Betrieb genommen werden und eine Nettoleistung von 1600 MW haben, die ersten beiden EPR gingen jedoch im Kernkraftwerk Taishan ans Netz, so dass Flamanville 3 der vierte dieser Baureihe ist. Der Baubeginn war am 3. Dezember 2007, EDF prognostizierte ursprünglich eine Fertigstellung 2012 und Baukosten in Höhe von 3,3 Milliarden Euro.
Im Antrag der EDF von Oktober 2015 zum Weiterbau in Flamanville wurden die beiden Blöcke des Kernkraftwerks Fessenheim zum Tausch für die EPR-Inbetriebnahme als stillzulegend genannt.Bärbel Nückles: Fessenheim: Das lange Warten auf das Aus. In: badische-zeitung.de. 11. Oktober 2015, abgerufen am 31. Oktober 2015.
Verzögerungen und Steigerung der Kosten Ende 2008 erklärte Areva, die Bauzeit verzögere sich bis 2013 und die Baukosten würden 4 Milliarden Euro betragen. In der Bilanz für das 1. Halbjahr 2010 schrieb EDF, der kommerzielle Betrieb werde für 2014 erwartet; die Kosten würden „ungefähr 5 Milliarden Euro“ betragen. Im Juli 2011 schätzte EDF die Kosten auf 6 Milliarden Euro und die Inbetriebnahme auf 2016. Ende Januar 2012 legte der RechnungshofFrankreich ist ein Einheitsstaat, d. h. es geht alles von der Zentralregierung in Paris aus. Entsprechend gibt es keine Landesrechnungshöfe und auch keinen obersten Rechnungshof. seine Studie zu den Kosten der Kernenergie vor:
Anfang Dezember 2012 gab der italienische Konzern Enel EDF seinen 12,5-%-Anteil am EPR zurück, verlangte rund 613 Millionen Euro an Investitionen zurück und äußerte, der Reaktor werde wegen der hohen Investitionskosten nie wirtschaftlich sein. Kolportiert wurden Ende 2012 Stromgestehungskosten von circa 7–10 ct/kWh über die gesamte Betriebsdauer, der Finanznachrichtendienst Bloomberg L.P. vermutete 7,2 ct/kWh.EDF Wins U.K. Planning Approval for Hinkley Point Nuclear Plant. In: Bloomberg L.P. 20. März 2013, abgerufen am 28. Juli 2021 (englisch). Im Dezember 2012 gab EDF bekannt, die Baukosten des EPR seien auf 8,5 Milliarden Euro gestiegen. Im November 2014 gab Areva bekannt, der EPR werde voraussichtlich 2017 in Betrieb gehen.Flamanville start-up put back one year. In: world-nuclear-news.org. 19. November 2014, abgerufen am 28. Juli 2021 (englisch).Le démarrage de l’EPR de Flamanville est à nouveau reporté. In: Les Échos. 18. November 2014, abgerufen am 28. Juli 2021 (französisch).
Im April 2015 gab die Atomsicherheitsbehörde ASN bekannt, dass Areva über Anomalien im Stahl in bestimmten Bereichen des neuen Reaktordruckbehälters – im Boden und im Deckel – informierte.Anomalies de fabrication de la cuve de l’EPR de Flamanville. Presseerklärung. In: ASN. 7. April 2015, abgerufen am 28. Juli 2021 (französisch). Die französische Umweltministerin Ségolène Royal forderte den Hersteller Areva auf, Konsequenzen aus dem Problem zu ziehen.Stahl-Anomalie bei Atom-Reaktorbehälter in Frankreich. In: Industrie-Magazin. 7. April 2015, abgerufen am 14. April 2015. ASN solle bis Oktober 2015 eine Studie zur Schwere der Materialfehler vorlegen.Nucléaire: une nouvelle anomalie détectée sur l’EPR de Flamanville. In: greenetvert.fr. 8. April 2015, abgerufen am 28. Juli 2021 (französisch). Laut Pierre-Franck Chevet, dem Vorsitzenden der ASN, seien die Anomalien „sehr ernst“. Sie könnten zu Rissen führen. Sollten genauere Untersuchungen dies bestätigen, bestünde nur die Möglichkeit des Tauschs des gesamten Druckbehälters mit langjährigen Verzögerungen und noch höheren Kosten oder die Aufgabe des Kraftwerksprojektes. Neben Flamanville, dessen Kosten 2015 auf 9 Mrd. Euro beziffert wurden,Bärbel Nückles: Fessenheim: Abschaltung bis 2017 steht auf der Kippe. In: badische-zeitung.de. 16. Juni 2015, abgerufen am 31. Oktober 2015. könne das Problem fünf weitere in Bau befindliche EPRs betreffen.Schwere Mängel am Pannen-AKW Flamanville. In: handelsblatt.com. 17. April 2015, abgerufen am 18. April 2015. Im Juli 2015 wurde bekannt, dass der Stahl des Druckgefäßes, das später die Kernspaltung umschließen soll, nicht die erforderliche Festigkeit aufweise. Deshalb ordnete die französische Atomaufsicht ASN einen neuen Test an, bei denen ein baugleicher Reaktordeckel, der bisher für das geplante Kernkraftwerk Hinkley Point vorgesehen war, zerstört werden müsse.Gefährliche Baumängel. In: Süddeutsche Zeitung. 10. Juli 2015, abgerufen am 13. Juli 2015. Im Juni 2015 wurden Funktionsschwierigkeiten bei Sicherheitsventilen bekannt.Und noch mehr Probleme für Areva. In: taz. 9. Juni 2015, abgerufen am 9. Juni 2015. Im August 2015 gab EDF eine Kostensteigerung auf 10,5 Milliarden Euro bekannt. Strom werde nicht vor 2018 geliefert;Probleme beim Reaktor-Bau in Frankreich: Akw-Start wieder verschoben. In: taz. 3. September 2015, abgerufen am 28. Juli 2021. Im September 2015 verschob EDF den Termin erneut auf Ende 2018. Im Juni 2017 teilte die ASN mit, der Druckbehälter genüge trotz seiner Schwachstellen den Sicherheitsanforderungen – bei geringerem Sicherheitsspielraum. Dies erfordere regelmäßige Prüfungen am Druckbehälter-Boden und den Tausch des Reaktordeckels im Jahre 2024. 2024 genehmigte die ASN, dass der Deckel während des ersten Brennstoffwechsels im Jahr 2026 getauscht wird.
Im April 2018 teilte EDF mit, Probleme bei den Schweißarbeiten könnten sich auf Zeitplan und Kosten auswirken. Im Laufe der Überprüfungen und der Lizenzierung durch die ASN werde EDF die Änderungen des Zeit- und Kostenrahmens mitteilen.EDF says Flamanville weldings problems may impact schedule, cost. In: Reuters. 10. April 2018, abgerufen am 28. Juli 2021 (englisch). Im Juli 2018 wurde die Beladung mit Brennstäben auf Ende 2019 festgesetzt. Die Kostenschätzung lag nunmehr bei 10,9 Milliarden Euro.EDF revises schedule, costs of Flamanville EPR. In: world-nuclear-news.org. 25. Juli 2018, abgerufen am 28. Juli 2021 (englisch). Die Stromgestehungskosten werden mit Stand 2019 auf mehr als 10 ct/kWh taxiert.Dirk Uwe Sauer: Grüner Strom schlägt Atomstrom. In: Tagesspiegel Background. 13. Mai 2019, abgerufen am 14. Mai 2019. Im Juni 2019 gab EDF bekannt, Schweißnaht-Reparaturen verlängerten die Bauarbeiten bis Ende 2022.Inbetriebnahme von französischem Atomreaktor Flamanville verzögert sich weiter. In: nau.ch, 20. Juni 2019. Abgerufen am 20. Juni 2019. Die Baukostenschätzung lag nun bei 12,4 Mrd. Euro. Die Inbetriebnahme wurde nun für 2023 erwartet. Damit wäre das Kraftwerk 11 Jahre später in Betrieb gegangen als geplant – zu Kosten nahe dem Vierfachen der anfänglichen Planung. Von September 2019 bis Februar 2020 liefen die Heißtests des Reaktors.https://www.nucnet.org/news/hot-functional-testing-complete-at-first-epr-in-france-2-3-2020 Im März 2020 ersetzten Premierminister Edouard Philippe und Umweltministerin Elisabeth Borne laut der Satirezeitung Canard Enchaîné im Text des „Dekret 2007-534 vom 10. April 2007“ eine 13 durch 17, was sich auf die Frist in Jahren bis zur erstmaligen Beladung mit Kernbrennstoffen bezog. Beobachtern zufolge sei dies ein administrativer Trick, um den Bau fortzuführen, da das Dekret aus dem Jahre 2007 auszulaufen drohte. Verbände um Greenpeace und France Nature Environnement kündigten nach fehlenden Umweltverträglichkeitsprüfungen Klagen an.Ralf Streck: Flamanville-Atomreaktor wird auch bis 2024 nicht ans Netz gehen. In: Telepolis. 1. Juni 2020, abgerufen am 1. Juni 2020. Im Juli 2020 wurde ein Bericht publik, wonach sich die bis dato bekannten Gesamtkosten des Projektes von den bisher kommunizierten 12,4 Mrd. Euro um weitere 6,7 Mrd. auf dann ca. 19,1 Mrd. Euro erhöhen sollen. Rund zwei Drittel davon waren auf Zinszahlungen während der Bauzeit zurückzuführen, hinzu kamen Ausgaben zur Vorbereitung der Inbetriebnahme wie die Beschaffung von Ersatzteilen und Kernbrennstoff.EDF’s Ability to Make Nuclear Power Affordable Still in Doubt. In: Bloomberg Quint. 9. Juli 2020, abgerufen am 10. Juli 2020 (englisch). Dieser Bericht des französischen Rechnungshofes zum EPR schätzte die Gestehungskosten für elektrische Energie bei Block 3 des KKW Flamanville auf 11 bis 12 ct/kWh (110–120 €/MWh). Im Januar 2022 wurde berichtet, dass die geplante Inbetriebnahme von Ende 2022 auf das zweite Quartal 2023 verschoben werde. Die Kosten würden um 0,3 Milliarden auf 12,7 Milliarden Euro steigen.energiesfrance.fr: EPR de Flamanville : 2022 commence avec un nouveau retardsiehe auch Bericht des Cour des Comptes (Frankreich) zu Folgen der Verzögerung: L’approvisionnement en électricité (pdf, 36 Seiten)
Mitte Juli 2022 wurde öffentlich bekannt, dass ein Teil der installierten Reaktorsteuerung nicht funktioniert. EdF wusste seit 2019 von dem Problem.Thierry Gadault: Nouvelle panne sur l’EPR de Flamanville, le système de pilotage du réacteur en cause (liberatrion.fr vom 19. Juli 2022) Im Dezember 2022 wurde bekannt, dass die Mehrkosten auf 10 Milliarden und die Gesamtkosten damit auf voraussichtlich 13,2 Milliarden ohne Finanzierungskosten von rund 5 Milliarden € steigen. Diese 13,2 Milliarden entsprechen einem Preis pro installiertem kW Nettoleistung von 8250 €. Die Befüllung mit Brennstäben war damals für das erste Quartal 2024 geplant. Laut dem französischen Rechnungshof betrugen die Gesamtkosten inklusive 0,4 Milliarden Euro Rücklagen für Rückbau und Lagerung des Atommülls 23,7 Milliarden Euro zu Preisen von 2024. Die Baukosten lagen bei mehr als 13 Mrd. Euro, etwa das Vierfache der ursprünglich geplanten Kosten von 3,3 Mrd. Euro.
Inbetriebnahme