Das Prokletije (, zu Deutsch „Verwunschene Berge“; respektive Nordalbanische Alpen,Tietze, Wolf (Hg., beraten durch Ernst Weigt) 1968 ff.: Westermann Lexikon der Geographie. 4 Bände und 1 Registerband. Braunschweig: Georg Westermann. oder Albanische Alpen; ) ist ein Gebirgsmassiv der Südostdinariden in Nordalbanien, im westlichen Kosovo und im östlichen Montenegro, das durch tief eingeschnittene Täler in einzelne Gebirgsstöcke gegliedert ist. Es bildet den südlichen querliegenden Abschluss der Dinarischen Ketten und ist zugleich dessen höchster Teil.
Das stark verkarstete und von vielfältigen Glazialspuren gezeichnete Prokletije gipfelt in der Jezerca mit einer Höhe von Zerklüftete Karlinge mit hochalpinen Steilwänden und breite, von Gletschern geformte Trogtäler geben dem Gebirge einen alpinen Eindruck, wie er sonst auf der Balkanhalbinsel kaum anzutreffen ist.
Der zweithöchste Gipfel des Prokletije ist die aus Silikatgesteinen aufgebaute Gjeravica (), die zugleich der höchste Berg im Kosovo ist. Die Zla Kolata () auf der albanisch-montenegrinischen Grenze ist mit der höchste Gipfel Montenegros.
Wortherkunft Die Toponomastik des Gebirges ist durch zwei Besonderheiten geprägt. Zum einen sind es die einheimische Bezeichnungen Prokletije und Bjeshkët e Nemuna, die beide in deutscher Übersetzung Verfluchtes oder Verbotenes Gebirge bedeuten, die als etymologische Ambivalenz der morphographischen Unzugänglichkeit im Relief sowie den früheren soziohistorischen und -kulturellen Umstand wiedergeben: Das Gebirge wurde ehemals von patrilinearen Stammesverbänden beherrscht,Gerhard Gesemann: Heroische Lebensform: Zur Literatur und Wesenskunde der balkanischen Patriarchalität. Wiking Verlag, Berlin 1943. in der sich bis ins 20. Jahrhundert keine staatliche Ordnung durchsetzen konnte, sondern das Gewohnheitsrecht des Kanun mit der Blutrache als härteste Sanktion galt. Gebietsfremden blieb das Gebirge, auch wegen türkischer Reiseverbote, lange verwehrt. Zum anderen war das Prokletije die sprichwörtliche Terra incognita, eine „namenlose“ Landschaft in Europa, die lange der wissenschaftlichen und kommunikativen Durchdringung harrte und dadurch toponomisch nicht präzise erfasst war. Für das bedeutende Gebirge waren im Europa des 19. Jahrhunderts entweder nur die klassischen geographischen griechischen Toponyme oder vage osmanische Bezeichnung bekannt. Dadurch bedienten sich Kartografen bald eines Kunstnamens.
Vollständig wurde es erst im 20. Jahrhundert kartografisch, morphographisch und ethnografisch erforscht.Jovan Cvijić 1924: Gemorfologija I, S. 381. Wegen wiederkehrender Unruhen und Kriegen, der zwischenstaatlichen Grenzziehung, mangelnder Erschließung sowie strikten Bewegungsbeschränkungen nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sozialistischen Volksrepublik Albanien war es im zentralen Teil bis Ende des 20. Jahrhunderts für westeuropäische Wissenschaftler mehrheitlich unzugänglich. So dauerte es beispielsweise bis ins Jahr 2000, ehe die Hochgebirgsflora der Jezerca durch den slowenischen Botaniker Tone Wraber erstmals wissenschaftlich erfasst werden konnte.Tone Wraber: Šopek cvetja Miri Marko Debelak – Deržajevi. In: Planinski vestnik. 2004, Nr. 12, S. 17–19.
Der ptolemäische Name des Prokletije, Mons Bertiscus, ist die älteste schriftliche Erwähnung. Bertiscus ist bis heute die fachsprachliche Bezeichnung des Gebirges und wird als Epitheton in der Form bertiscae für endemische Arten oder Arten, die ihren locus classicus in diesem Gebirge besitzen, verwendet (beispielsweise Valeriana bertiscae, Crepis bertiscae, Iris bertiscae). August Grisebach nutzte noch 1839 fast durchgehend den überlieferten lateinischen Namen Bertiscus für Gebirge nördlich des Drin und westlich von Peja. Nur kurz erwähnte er im 13. Kapitel des Zweiten Bandes den Begriff „Albanische Alpen“. Alte, auf dem Balkan weit verbreitete Namen, die auch mit dem Prokletije verbunden wurden, sind nach Grisebach und Pančić die osmanischen Bezeichnungen „Karadag“ und „Kurbeta planina“.Josi Pančić: Elechnus Plantarum Vascularium quas Aestat a. 1873 in Crna Gora leg. Dr. J. Pančić, Belgrad 1875. S. VII. Diese Gebirgstoponyme der Balkan-Morphographie finden sich zahlreich in den Beschreibungen der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, bieten aber zumeist nur eine vage Vorstellung. Ami Boué konnte 1840 in La Turquie d’Europe für das Gebirge noch kein allgemeines Toponym angeben. Bei François Pouqueville (1820) wurde der weitere Landstrich als Lacoulac und Arnaoutlik bezeichnet.Beides als Fußnote in Grisebach: Reise durch Rumelien und nach Brussa im Jahre 1839. Band 2. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1841. Kapitel 13, S. 115 (Digitalisat des Buchs).
Im Deutschen und in diversen anderen Sprachen wird neben Prokletije häufig der Kunstname Nordalbanische AlpenJovan Cvijić 1924: Gemorfologija I, S. 381. und seltener Albanische AlpenKurt Hassert: Reise durch Montenegro nebst Bemerkungen über Land und Leute. Wien 1893. verwendet. Nach Jovan Cvijić entstammte der Begriff Kartenlegenden der Darstellung der Balkanhalbinsel, die in Europa gedruckt wurden. Jedoch war das Gebiet selbst auf der amtlichen Karte des k.u.k. Militärgeografischen Institutes Wien Ende des 19. Jahrhunderts nur schematisch dargestellt. Auch bei einigen englischen Geographen bürgerte sich der Begriff „Nordalbanische Alpen“ ein. Erst mit der intensiven, von strategischen Gesichtspunkten geleiteten Erkundung Albaniens durch die k.u.k. Armee im Ersten Weltkrieg wurden die letzten kartographischen Lücken geschlossen.Kurt Hassert: Montenegro und Ober-Albanien als Kriegsschauplatz. Geografische Zeitschrift. Hier S. 203–206. (jstor.org)
Der Zusatz Nord- wird im Albanischen nicht verwendet, hingegen findet sich dort in nichtwissenschaftlichen Texten auch die Bezeichnung Alpet e veriut (Alpen des Nordens). Im Italienischen und dem Französischen existiert kein Verweis auf die Himmelsrichtung (Alpe albanese, Alpes albanaises). Während sich in Expeditionsberichten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins aus dem Jahr 1931 noch der Begriff Nordalbanisches Gebirge findet, hatte sich schon wenige Jahre später bei den Berichten von Bergsteigerexpeditionen ins Gebiet der Name Nordalbanische Alpen durchgesetzt.
Gliederung des Prokletije Lage und Relief mini|Annotierte, nicht orthorektifizierte ISS-Aufnahme der zentralen Prokletije zwischen oberem Lim- und oberem Shala-Tal Das Prokletije bildet ein rund 40 Kilometer breites von Südwest nach Nordost vom Skutarisee über 90 Kilometer entlang der montenegrinisch-albanischen und montengrinisch-kosovarischen Grenze bis nach Peja resp. Istog in Kosovo respektive Rožaje in Montenegro streichendes, meridional zwischen 42°45′ und 42°15′ N liegendes Massiv in der subtropischen Zone der westlichen Balkanhalbinsel.; Die Südgrenze des Prokletijes wird vom Fluss Drin und seinem Zufluss Valbona gebildet. Das eigentliche Hochgebirge umfasst die zentralen Bereiche mit einer Ausdehnung von rund 20 auf 25 Kilometer.
Die Gebirgszüge bis Mitrovica mit Hajla und Mokra Gora zählen zu den äussersten Teilen des Prokletije. Andere Autoren sehen hingegen bereits im Lim oder noch etwas südlicher, wo eine Zone mit Schiefergestein beginnt, die geologische Nordgrenze des Prokletije.
Die Kalktafel des Prokletijes wird durch tief eingeschnittene Täler, die von allen Seiten dem Zentrum zustreben, in mehrere mächtige Gebirgsklötze zerteilt wie die Bjeshkët e Namuna nördlich des Përroi i Thatë, die Biga e Gimajive südlich davon,Name gemäß Gjeografia fizike e Shqipërisë (Tirana 1990); es finden sich auch die Bezeichnungen Biga e Gimajt, der meist mit einer Höhe von verzeichnet ist, sowie auf albanischen Karten Biga e Shalës mit der Jezerca-Block zwischen Shala- und Valbona-Tal, dem Gebirgsstock der Maja e Hekurave südlich des Valbona-Tals, das Plateau der Kollata nördlich der Valbona oder des Shkëlzen nordöstlich der Valbona. Ein mächtiger Einschnitt bestehend aus Shala-Tal südlich und Runica-Tal nördlich des Passes Qafa e Pejës () teilt das Gebirge in eine West- und eine Osthälfte.
Die Täler wurden durch eiszeitliche Gletscher zu ausgeprägten Trogtälern geformt, die sich durch sehr steile Wände und Kesseln im obersten Abschnitt mit bis zu 1000 Metern Tiefe auszeichnen. Die Südwand des Arapi gilt mit 800 Metern als höchste Felswand der Balkanhalbinsel. 13 Bergspitzen sind höher als
Das Prokletije ist aufgrund ethnographischer und soziologischer Grundlagen in zahlreiche Regionen gegliedert. Mit den Namen der verschiedenen Stämme – Hoti, Gruda, Këlmendi, Kastrati, Dukagjini, Shkreli, Shala, Nikaj, Krasniqi, Gashi – werden so ihre geographischen Lebensräume bezeichnet.
Daneben lässt sich das Gebirge aufgrund geologischer Grundlagen in die folgenden Gebiete gliedern, die sich zum Teil überlappen oder Teile übergeordneter Regionen sind:
Bjeshkët e Nemuna mini|Glaziokarst-Landschaft im Herzen der Bjeshkët e Nemuna. Um eine gewaltige, sogenannten „Paleodoline“, die in einem ehemaligen glazialen Trog liegt, reihen sich Karlinge. Bjeshkët e Nemuna (zu Deutsch: Verwunschene Berge) bezeichnet einerseits eine rund zwölf Kilometer lange Reihe von Bergen nordwestlich von Theth, die sich durch besonderen Wassermangel, schroff-karstige Landschaft und Menschenleere auszeichnen. Das Massiv liegt zwischen den Tälern des Përroi i Thatë im Süden, demjenigen des Cem im Nordwesten und der Shala im Osten.
Zur Bjeshkët e Nemuna zählen 42 Bergspitzen mit einer Höhe über 2000 Metern, weitere 22 Spitzen sind höher als 2300 Meter und fünf höher als 2500 Meter.Prospekt zum Kelmendi Geopark Natyror Die Radohima () als höchste Erhebung dominiert den Ostteil mit mehreren Nebengipfeln. Weitere hohe Gipfel sind die Maja e Shënikut (), die Maja e Risklit (), der Arapi (), die Maja e Prozhmit (), die Maja e Langojve () und die Spitzen des Karanfili (), der bereits nördlich der Grenze in Montenegro liegt. Typisch für die zerklüftete und zerkarstete Bergwelt der Bjeshkët e Nemuna ist die Landschaft des Glaziokarstes. Auffällig sind insbesondere große Depressionen. In solchen geschlossenen „Paleodolinen“ großer glazialer Tröge finden sich Kleinformen des Glaziokarstes: Karren, Sackungsdolinen, Schäfte und Schichttreppen. Die Landschaft des Glaziokarstes gehört überwiegend dem Nackten Karst an, anstehendes Gestein dominiert. Dazwischen liegen jedoch immer auch Bereich des bedeckten Karstes, auf denen sich eine geschlossene Bodenschicht ausgebildet hat.
Entgegen der zumal anzutreffenden Behauptung ist Bjeshkët e Nemuna somit nicht die albanische Bezeichnung für das ganze Gebirge, obwohl es die wörtliche Übersetzung von Prokletije ist.
Bjeshkët e Nemuna të Kosovës mini|Bergwelt der Bjeshkët e Namuna të Kosovës bei der Gjeravica. Unterhalb der Südflanke der aus Silikaten aufgebauten 2656 m hohen Bergspitze liegen zwei der drei Glazialseen der Gjeravica. Hier ist auch das Quellgebiet des Erenik.
Mit Bjeshkët e Nemuna të Kosovës (zu Deutsch: Verwunschene Berge Kosovos) wird der Begriff andererseits auch für die Berge in Westkosovo entlang dessen Grenzen zu Albanien und Montenegro verwendet. Diese bilden den östlichen Abschluss des Prokletije. Im Gegensatz zu den zentralen Teilen, wo offener, unbewaldeter Kalkfelsen und tief eingeschnittene Täler die Landschaft prägen, sind hier auch die hohen Gipfel weniger felsig, grüner und meist etwas weniger steil.