mini|hochkant|Teil einer Votivtafel mit 16 Legendenszenen und Heiligen, Gregor der Große. Franken, um 1500, Germanisches Nationalmuseum in Nürnberg mini|hochkant|Gregor I. beim Diktieren des gregorianischen Gesangs (aus dem Antiphonar des Hartker von St. Gallen, St. Gallen, Stiftsbibliothek, Cod. 390, p. 13, um 1000)
Gregor der Große (Gregorius, als Papst Gregor I.; * um 540 in Rom; † 12. März 604 ebenda) war von 590 bis 604 Papst. Er gilt als einer der bedeutendsten Päpste und Kirchenlehrer. Er ist der jüngste der vier großen lateinischen Kirchenväter der Spätantike. 1295 wurde er heiliggesprochen.
Leben
Weltliche und kirchliche Karriere Gregor entstammte vermutlich der stadtrömischen Patrizierfamilie der Anicier,Gregor bezeichnet sich selbst (wohl aus Bescheidenheit) nie als Angehörigen der gens Anicia und erwähnt die Familie in seinen Schriften nicht. Dies war nicht unüblich, da die Kirche bzw. die Brüder und Schwestern im christlichen Glauben als Familie gesehen wurde. Die Taufe, wonach ein Heide oder Jude christlich wurde, war (und ist) eine individuelle Entscheidung; während der Vater Heide war, konnte die Mutter Christin sein; dasselbe galt für die Geschwister oder Kinder. Eine Hervorhebung seiner Geburtsfamilie hätte ihm von anderen Klerikern und vom Kirchenvolk sofort Argwohn und den Vorwurf der Zurücksetzung der Glaubensgeschwister eingebracht. Die Annahme, er sei ein Anicier gewesen, stützt sich auf die Grabinschrift seiner Urgroßmutter Petronia. Die Hypothese bleibt umstritten; sicher ist aber, dass Gregor der senatorischen Aristokratie entstammte. Vgl. Chris Wickham: Framing the early Middle Ages: Europe and the Mediterranean 400–800. Oxford University Press, Oxford / New York 2005, ISBN 0-19-926449-X, S. 160. die im 5. Jahrhundert zwei der letzten weströmischen Kaiser gestellt hatte und selbstverständlich auch in Ostrom bzw. Konstantinopel zur Oberschicht zählte. Gregor war ein Urenkel Papst Felix’ II. (III.) († 492). Gregors Vater Gordianus war hoher Beamter der Stadt Rom und auch Gregor folgte anfangs der Familientradition und ging zunächst einer weltlichen Karriere als Politiker nach.
Nach seiner Amtszeit (wahrscheinlich) als praefectus urbi von Rom – dem höchsten Amt, das ein Senator im Gebiet des heutigen Italiens noch bekleiden konnte – entschied er sich 575 jedoch für ein Leben als Mönch; vielleicht nicht zuletzt aufgrund fehlender Perspektiven für eine weitere weltliche Karriere in kaiserlichen Diensten: Der weströmische Senat befand sich seit dem Gotenkrieg (535–552) in Auflösung. Die elterliche Villa auf dem Monte Celio wandelte er in das Kloster Santi Andrea e Gregorio al Monte Celio um, das noch heute besteht.
Sein Vorgänger als Papst, Pelagius II., holte ihn 579 in den Kirchendienst und sandte ihn als Apokrisiar nach Konstantinopel, wo er sechs Jahre lang blieb und wegen begrenzter Griechischkenntnisse mitunter mit Verständigungsschwierigkeiten zu kämpfen hatte. Nach seiner Rückkehr wurde Gregor Berater Pelagius’ II. und am 3. September 590 selbst zum Papst gewählt – der erste Mönch der lateinischen Kirche, der zum Bischof von Rom und damit zum Patriarchen gewählt wurde.
mini|hochkant|Der spätantike Mittelmeerraum im 6. Jahrhundert
Pontifikat mini|hochkant|Gregor I. (zweiter von rechts) mit Benedikt von Nursia, Laurentius von Rom und Johannes dem Täufer auf einem Bild von Andrea Mantegna (1459)
Rom war zu Gregors Lebzeiten Teil des oströmischen bzw. byzantinischen Exarchats von Ravenna und unterstand damit formal weiterhin dem Kaiser, war aber angesichts der Herrschaft der Langobarden im restlichen Italien weitgehend auf sich selbst gestellt, um die Folgen von Krieg, Hungersnöten und der Justinianischen Pest zu bewältigen. Mit kaiserlicher Duldung übernahm Gregor daher als Bischof von Rom hoheitliche Aufgaben im Bereich der Verwaltung und des Militärs. Im Jahr 593 handelte er einen teilweisen Abzug der Langobarden aus und ging dabei auf ihre Forderung nach einem jährlichen Tribut von 500 Goldpfund ein. Mit der Langobardenkönigin Theudelinde unterhielt er einen Briefwechsel und machte ihr wertvolle Geschenke, darunter das Gregorius-Kreuz; Hintergrund war die nicänische Taufe ihres Sohnes Adaloald. Um die Getreideversorgung in der Stadt Rom zu sichern, ließ er die riesigen Ländereien der Kirche in Süditalien und Sizilien neu organisieren und bewirtschaften.
Als Reaktion auf die Selbstbezeichnung des Patriarchen von Konstantinopel als oικουμενικός (‚ökumenisch‘, allgemein, universell), was Gregor als Anspruch auf universelle Vorherrschaft verstand, schrieb Gregor dem Kaiser Mauricius im Jahr 595 einen Brief (JE 1360), in dem er die Verwendung ‚universeller‘ Titel sowohl allgemein als auch für den römischen Bischof nachdrücklich ablehnte. Er selbst führte, wenngleich nicht in diesem Brief, die Devotionsformel Servus servorum Dei als Selbstbezeichnung, die von späteren Päpsten als fester Teil ihrer päpstlichen Titulatur übernommen wurde.
Im Zusammenhang mit der Judenmission beklagte Gregor die ‚Blindheit der Juden‘, was später Teil antijüdischer Stereotype wurde, lehnte aber die Zwangstaufe ab. Gregors Briefe zu dieser Frage wurden auch ins kirchliche Recht übernommen und gehörten im Mittelalter zu den wichtigsten Kanones gegen die Zwangstaufe von Juden. Bei der Bekehrung von Heiden und vor allem gegenüber Christen, die nach ihrer Taufe nichtchristlichen Kulten und Praktiken folgten, befürwortete Gregor hingegen die Anwendung von Zwangsmitteln einschließlich körperlicher Gewalt.
Historisch bedeutend war auch seine Entscheidung, Missionare nach Britannien zu entsenden, die zur Konversion des angelsächsischen Königs Æthelberht von Kent zum Christentum führte. Als Kaiser Mauricius im Jahr 602 gestürzt und ermordet wurde, huldigte Gregor gemeinsam mit den letzten weströmischen Senatoren dem neuen Herrscher Phokas.
In der Auseinandersetzung um die Immersionstaufe und in anderen liturgischen Fragen formulierte Gregor immer wieder eine Akzeptanz unterschiedlicher Gebräuche in unterschiedlichen Kirchen, was auch nach seinem Tod stark rezipiert wurde.
Werke mini|hochkant|Gregormeister: Thronender Papst Gregor der Große. Einzelblatt aus einer Handschrift mit der Briefsammlung Gregors, des Registrum Gregorii, Trier nach 983. Trier, Stadtbibliothek, Hs. 171/1626 mini|hochkant|Papst Gregor der Große, Regula Pastoralis, Reims Bibliothèque municipale, Sign. Ms 421, fol. 3r.
Gregors erhaltenes Werk ist umfangreich und vielfältig; es umfasst exegetische, hagiographische, moraltheologische und andere Werke in verschiedenen Genres. Sein Stil ist literarisch anspruchsloser als der der anderen Kirchenväter, seine Sprache ist näher am gesprochenen Wort und vermeidet bewusst die Schmuckmittel und gebildeten Reminiszenzen einer griechisch und klassisch lateinisch gebildeten Elite, wie sie Augustinus und Hieronymus noch voraussetzen konnten.
Das Lob von Gregors literarischer Bildung bei Gregor von Tours gilt daher als mindestens übertrieben.Erich Caspar: Geschichte des Papsttums. Von den Anfängen bis zur Höhe der Weltherrschaft. Band 1. Mohr, Tübingen 1930, S. 344–345. Der älteren Forschung galt Gregors Latinität als Ausdruck des Niedergangs der christlichen Literatur.Max Manitius: Geschichte der lateinischen Literatur des Mittelalters: Erster Band (= Handbuch der Altertumswissenschaft IX, 2, 1). Beck, München 1911, S. 93–94. Die Einfachheit seines Stils ist aber nicht nur Ausdruck der gewandelten Bildungsverhältnisse seiner Zeit, sondern teils auch bewusste Entscheidung für einen „demütigen Stil“ (lateinisch stilus humilis), der die Wahrheit des Evangeliums in den Mittelpunkt stellt und der kunstvollen Form als Ausdruck der Weltweisheit misstraut, dabei jedoch Schlichtheit des Ausdrucks durchaus mit Stärke des Gefühls und dem Gestus leidenschaftlicher Überzeugung zu verbinden weiß. Den Erfolg und die Beliebtheit seiner Werke im Mittelalter und deren Einfluss auf die Volksfrömmigkeit hat dieser Stil wesentlich mitbegünstigt: Seine exegetischen Schriften gehören zu den am häufigsten exzerpierten, seine Dialogi zu den meistgelesenen Werken im Mittelalter.
Registrum epistolarum: Von Gregor dem Großen sind 854 Briefe erhalten, die er an Bischöfe, Fürsten, Missionare und andere Personen in großen Teilen der lateinischen Christenheit schrieb, und damit mehr Briefe als aller seiner Vorgänger und der meisten seiner früh- und hochmittelalterlichen Nachfolger. Die Briefe behandeln Themen wie Theologie, Moral, Politik, Diplomatie, Mönchstum, bischöfliche und päpstliche Verwaltung und geben Aufschluss über Gregors Charakter und seine Amtsführung. Die handschriftliche Überlieferung ist sehr breit; aus ihr kann auch die Gestalt des im Original verlorengegangenen Registers rekonstruiert werden.
Dialogi de vita et miraculis patrum Italicorum (I–IV). Es handelt sich um vier Bücher über das Leben und die Wundertaten der italischen Väter, um den Nachweis anzutreten, dass nicht nur der Orient, sondern auch Italien wundertätige asketische Heilige besaß. Das zweite Buch ist ganz dem heiligen Benedikt von Nursia gewidmet, dem Gregor das Ideal des habitare secum zuschreibt.Gregor der Große: Der hl. Benedikt, Buch II der Dialoge. EOS-Verlag, St. Ottilien 1995, ISBN 3-88096-730-X. Das vierte Buch will mit einer Sammlung von Jenseitsvisionen und Erscheinungen Verstorbener den Glauben an das Leben nach dem Tod bekräftigen. Das Werk hat die Visionsliteratur des Mittelalters überaus nachhaltig geprägt. So gilt Gregor den Reformatoren, die nur von Himmel und Hölle als Jenseitsorte ausgingen, als „Erfinder des Fegefeuers“, da er hier schreibt, dass an bestimmten Aufenthaltsorten Verstorbene durch Feuer oder Wasser von ihren lässlichen Sünden gereinigt werden können. Auch sollen Messopfer diese Bußzeit verkürzen können. Die frühmittelalterliche mittelgriechische Übersetzung durch Papst Zacharias wurde von Konstantin Dapontes 1780 neugriechisch überarbeitet.Dimitrios Z. Nikitas: Gregorius Dialogus neograecus: die neugriechische Weiterbearbeitung der Zacharias-Übersetzung durch Konstantin Dapontes (1780). In: Dorothea Walz (Hrsg.): Scripturus vitam. Lateinische Biographie von der Antike bis in die Gegenwart. Festgabe für Walter Berschin zum 65. Geburtstag. Mattes, Heidelberg 2002, ISBN 3-930978-15-6, S. 1173–1184. Aufgrund der recht populären Übersetzung der Dialoge wird Gregor in der orthodoxen Kirche als Gregorios ho Dialogos verehrt.
Liber regulae pastoralis (I–IV). Das Werk enthält die Gründe für die Entscheidung zum Amt des Seelsorgers, die für dieses Amt erforderlichen Tugenden, die Aufgaben des Seelsorgers und die Notwendigkeit der täglichen Selbstbesinnung und Selbstprüfung.
mini|hochkant|Elfenbeintafel: Gregor der Große inspiriert vom Heiligen Geist (als Taube symbolisiert), darunter seine Tachygraphen, Wien, Kunsthistorisches Museum, 10. Jahrhundert
Moralia in Iob (I–XXXV). Ein ungewöhnlich breit angelegter Hiobkommentar in 35 Büchern, begonnen während des Aufenthalts in Konstantinopel und vollendet um 595, der das Buch Hiob nach dem Prinzip des dreifachen Schriftsinns interpretiert: Einerseits literal in der wörtlichen Bedeutung des Textes, andererseits tropologisch in Bezug auf die moralische Situation des einzelnen Menschen und allegorisch-typologisch mit Bezug auf die Heilstatsachen der Geschichte Christi und seiner Kirche.