mini|Wolfram Mehring (2015) Wolfram Mehring (* 1930 in Münster; † 9. September 2026 in Freiburg) war ein deutscher Schauspieler, Regisseur und Autor.

Leben Mehring ließ sich schon während seiner Gymnasialzeit zum Schauspieler ausbilden. 1954 zog er nach Paris und studierte zunächst an der Sorbonne Philosophie und Literatur, später Schauspielkunst bei Étienne Decroux, als er sich enttäuscht vom literarischen Sprechtheater ab- und der Arbeit am unmittelbaren körperlichen Ausdruck zuwendete.

Er gründete im Maison des Lettres zusammen mit Claude Gelin und Grillon (i. e. Janine Grillon), das Théâtre Franco-Allemand, das sich ab 1958 zum Théâtre de la Mandragore entwickelte. Diese als deutsch-französische Avantgardetruppe gegründete freie Gruppe trat zunächst mit Leonce und Lena in deutscher und französischer Sprache (in einer Zeit, als die deutsche Besetzung noch nicht vergessen war, ein zusätzliches Politikum) vor studentischem Publikum im Maison de l’Allemagne (Heinrich-Heine-Haus) der internationalen Pariser Studentensiedlung Cité Universitaire auf.Siehe dazu auch die Weblinks bei http://manituh2.tripod.com/biography.htm und Prägungen — Deutsche in Paris, Bald kamen jedoch auch Mitglieder aus anderen europäischen, nordafrikanischen und lateinamerikanischen Nationen hinzu.Hier begann etwa auch der deutsche Schauspieler und Regisseur Jürgen Schwalbe seine Karriere.

Innerhalb dieser Gruppe bestand unter dem Namen „Centre franco-allemand de Recherche théâtrale“, später „Centre International de Recherches scéniques“, ein experimentelles Theaterstudio, das sich der Arbeit am „totalen Schauspieler“ widmete. Ab 1963 bezog das Zentrum Räume im Théâtre du Vieux Colombier, dessen künstlerische Leitung Mehring auch 1966 mit dem Umzug des Théâtre de la Mandragore dorthin übernahm. Er präsentierte seine Inszenierungen auch im Théâtre de Lutèce, im Théâtre Moderne des Théâtre de Paris, im Théâtre d’Aujourd’hui, im Théâtre de la Gaieté Montparnasse und im Théâtre national de ChaillotWie vorher und schon frühzeitig auf Gastspielreisen durch Europa, Asien und Nordafrika. Außerdem wurden Produktionen und Berichte über ihn und seine Arbeit im deutschen und französischen Radio und Fernsehen gesendet.So etwa Georg Büchner (Büchners Sterben) in Radiodiffusion Télévision Française/France Culture am 2. November 1963 mit Roger Blin, Sylvia Montfort, Philippe Noiret u. a.; Auszüge aus dem Inszenierungs-Repertoire durch Radio Bremen im Oktober/November 1963; Interview in Radio 3, Paris vom 13. Mai 1986; „Portrait Mehring“ von Jochen Wolff im Hessischen Rundfunk/hr2 vom 28. Januar 2003

Ab etwa 1970 wurde er zunehmend zu Gastinszenierungen, die später auch diverse Opern wie etwa Aida und Die Meistersinger von Nürnberg und klassische Werke von Georg Büchner, den er immer wieder aufgreift, William Shakespeare, Plautus etc. umfassen sollten, ins weitere Europa, nach Afrika, Südamerika und den Fernen Osten eingeladen. Dabei erarbeitete er mehrere Inszenierungen pro Jahr.

Auf Anfrage machten er und das Théâtre de la Mandragore Tourneen rund um die Welt, veranstalteten Kurse in der Theater- und Körperarbeit und gründeten Ableger davon in den verschiedensten Städten, die mit gleichen Zielen, jedoch eigenständig weiter existieren. Von 1999 bis 2002 war Mehring Operndirektor am Staatstheater Kassel. Zudem schrieb er eigene Stücke sowie Bücher und Beiträge über seine Theaterarbeit. Seine letzte Inszenierung war 2020 Glückliche Tage am Stadttheater Konstanz.

Schon vor Jerzy Grotowski und lange vor Peter Brook widmete er sich der Arbeit des Schauspielers abseits der Schauspielschulen.

Er starb im September 2026 im Alter von 96 Jahren in Freiburg.

Wirken Für Mehring war das europäische Theater im Wesentlichen ein literarisches, ein intellektuelles: „Der Text ist Ziel und Ausgangspunkt der szenischen Arbeit.“Interview in Paris Théâtre, Nr. 255/256, übersetzt von André Denis Schon sein Umzug nach Paris war eine Reaktion „auf das deutsche Theater der Fünfzigerjahre, auf seine Stadttheaterstruktur und seine (un)künstlerische Tendenz, Literatur zu illustrieren, statt ein theatralisches Kunstwerk für Augen und Ohren umzusetzen.“Interview mit Dr. Andreas Wirth vom Staatstheater Nürnberg Für ihn konnte das Theater zwar ohne Kostüm, Requisiten, Autor etc. und sogar ohne Regisseur funktionieren, doch niemals ohne Schauspieler. Und dieser wird im Rahmen seiner Ausbildung zum Darsteller „gestanzt“Mehring: „Die Möglichkeiten eines eigenständig-kreativen Darstellers im europäischen Theater,“ Vortrag anlässlich eines Theaterseminars an der Schouwburg Rotterdam am 15. September 1976 und ist „erzogen worden, eine Literatur zu vermitteln.“Mehring: „Das Theater hat die Verbindung vom Kopf zum Körper und zum Boden verloren“ in Die Deutsche Bühne Nr. 10, Oktober 1980 Er begab sich, vor Grotowski und Brook, auf die Suche nach der „Identität, den Gesetzmäßigkeiten im schauspielerischen Ausdruck“Interview Dr. Wirth, wie oben mit dem Postulat ein visuelles Theater zu erschaffen, das „dramaturgisch und schauspielerisch … vom Publikum aller Kulturen verstanden werden“ muss.Paris Théâtre, wie oben; siehe dazu auch Mehring: „Körpersprache als transkulturelle Ausdruckssprache“ in Zeitschrift für Kulturaustausch Nr. 4, Institut für Auslandsbeziehungen – Theater und auswärtige Kulturpolitik, 1978

Speziell im Rahmen seiner Seminare, aber auch während seiner Inszenierungen, suchte Mehring den Schauspieler, der bei ihm immer im Zentrum stand, sich seiner selbst wieder bewusst werden zu lassen. Dabei versuchte er mit ihnen über Improvisationen zum Ursprung der Empfindungen und Gefühle zurückzufinden und die Beziehung zwischen Körper, Stimme und Raum auszuloten. Er setzte dabei auf die Veränderbarkeit des Darstellers, der sich auf die Suche nach seiner Identität begibt: nicht seiner persönlichen und auch nicht der kulturellen, „sondern der Identität des Menschen schlechthin.“Mehring: „Das Theater hat die Verbindung vom Kopf zum Körper und zum Boden verloren“ in Die Deutsche Bühne Nr. 10, Oktober 1980

Inszenierungen 1958: Leonce und Lena von Büchner, Théâtre de la Mandragore, Paris 1959: La Marmite (Aulularia oder Die Goldtopfkomödie) nach Plautus, Théâtre de la Mandragore im Théâtre du Vieux Colombier, Paris 1960: Tournee mit Leonce und Lena durch Deutschland und Österreich 1962/63: Metamorphosis I von Mehring, während der Proben entwickelt, Théâtre de la Mandragore im Théâtre du Vieux Colombier und im Théâtre de Lutèce, Paris 1964: Woyzeck von Büchner, Théâtre de la Mandragore im Théâtre du Vieux Colombier und Biennale, Paris (Preis für die beste Produktion) 1964: Feux Rouges von Mehring, Théâtre de Lutèce, Paris 1965: Metamorphosis II von Mehring, Festival in Toulon 1965: La Marmite von Plautus, Théâtre Moderne im Théâtre de Paris 1967: Von morgens bis mitternachts von Georg Kaiser, Théâtre de la Mandragore im Théâtre du Vieux Colombier, Paris 1968: Le Chat von Mehring nach Ludwig Tiecks Der gestiefelte Kater, Théâtre de la Mandragore im Théâtre du Vieux Colombier, Paris 1968: America Hurrah von Jean-Claude van Itallie, Städtische Bühnen Frankfurt am Main 1969: Le Coctail du Diable (Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung) von Christian Dietrich Grabbe, Théâtre de la Mandragore im Théâtre du Vieux Colombier, Paris 1969: Tom Paine von Paul Foster, Städtische Bühnen Frankfurt am Main Tournee durch den Fernen Osten 1970: La Mort de Büchner (Büchners Sterben) von Mehring, Uraufführung Théâtre de la Mandragore im Théâtre du Vieux Colombier, Paris 1971: Yvonne, Prinzessin von Burgund von Witold Gombrowicz, Städtische Bühnen Frankfurt am Main 1971/72: Der Hofmeister von J. M. R. Lenz, Théâtre de la Mandragore am Théâtre de la Gaité Montparnasse 1972: Glanz und Tod von Joaquin Murieta von Pablo Neruda, Düsseldorfer Schauspielhaus 1971: Die Katze von Mehring nach Tieck in Hindi, Neu-Delhi 1972: Antonius und Cleopatra von Shakespeare, Düsseldorfer Schauspielhaus 1973: Die Regel und die Ausnahme von Bertolt Brecht, Théâtre de la Mandragore, Paris 1973: Lorenzaccio von Alfred de Musset / Sylvano Bussotti, Hamburgische Staatsoper 1973: Afrika-Tournee mit dem Théâtre de la Mandragore 1974: Otello von Giuseppe Verdi, Nationaloper von Korea, Seoul 1974: Die Bluthochzeit von Federico García Lorca, Hessisches Staatstheater Wiesbaden (Internationale Maifestspiele) 1974: Europa-Tournee des Théâtre de la Mandragore 1975: Rashomon von Akutagava, Hessisches Staatstheater Wiesbaden 1975: Was ihr wollt von Shakespeare, Staatstheater Nürnberg 1975: La Mort de Büchner von Mehring, Conservatoire National de Montreal 1975: Carmen von Georges Bizet, Nationaloper von Korea, Seoul 1976: Dantons Tod von Büchner, Staatstheater Nürnberg 1976: Woyzeck von Büchner in arabischer Sprache, Staatstheater Sudan, Khartum 1976: Zusammenarbeit mit dem Ballet National de Kinshasa, Zaïre: Tanzprojekt anlässlich des Nationalfeiertags 1976: Chukchok, Theaterexperiment anlässlich der 10. Inkarnation von Buddha, Bangkok 1977: Il trovatore von Verdi, Nationaltheater Mannheim 1978: Antigone von Sophokles, Théâtre de la Mandragore, Paris 1978: Afrika-Tournee mit dem Théâtre de la Mandragore 1978: Antigone von Sophokles, Staatstheater Darmstadt 1979: König Oedipus von Sophokles, Städtische Bühnen Freiburg 1979: Mutsima, kongolesischer Mythos, Théâtre de Locombe, Kinshasa 1980: Büchners Tod von Mehring, Theater Kiel 1980: Escalations, Projekt über eskalierende Gewalt von Mehring, Théâtre de la Mandragore, Paris 1980: Nordafrika- und Nahost-Tournee Théâtre de la Mandragore 1982: Eugen Onegin von Tschaikowski, Staatstheater Nürnberg 1983: Carmen von Bizet, Staatstheater Nürnberg 1983: Terminal von Mehring, Théâtre de la Mandragore, Paris (visuelles Projekt über Alter und Sterben in der modernen Gesellschaft) 1984: Attila von Verdi, Städtische Bühnen Münster 1985: Die Kannibalen von George Tabori, Württembergische Landesbühne Esslingen 1986: Die Prinzessin Turandot von Carlo Gozzi in der Bearbeitung von Friedrich Schiller, Württembergische Landesbühne Esslingen 1987: Die Rache des Schauspielers von Minoru Miki, Städtische Bühnen Münster 1988: Ein Wintermärchen von Shakespeare, Saarländisches Staatstheater 1988: Tartuffe von Molière, Städtische Bühnen Münster 1989: Dantons Tod von Büchner, Württembergische Landesbühne Esslingen 1989: Lady Macbeth von Mzensk von Schostakowitsch, Stadttheater Freiburg 1990: Die Troerinnen von Euripides, Badisches Staatstheater Karlsruhe (Zyklus: „Die Frau in der Antike“) 1990: Ein Kranich im Schnee von Mehring, Städtische Bühnen Freiburg (Uraufführung) 1991: Dakghar (Das Postamt) von Rabindranath Tagore, Goethe-Institut Kalkutta 1991: Feuertanz von Mehring, Städtische Bühnen Freiburg (Uraufführung) 1991: Ada, eine Kabuki-Oper von Minoru Miki, Metropolitan Theatre Tokyo 1991: Kaspar von Peter Handke, Städtische Bühnen Freiburg 1991: Spiel von Liebe und Zufall von Pierre Carlet de Marivaux, Schwetzinger Festspiele 1992: Lysistrata von Aristophanes, Badisches Staatstheater Karlsruhe (Uraufführung der Neuübersetzung von Peter Krumme) 1992: Der feurige Engel von Prokofjew, Stadttheater Freiburg 1992: Das Hirtenmädchen Aymineh von Mehring, Städtische Bühnen Freiburg (Uraufführung; daraus entwickelte sich ein Projekt gegen Rassismus und Fremdenhass mit annähernd 100 000 Zuschauern) 1993: Elektra von Sophokles, Badisches Staatstheater Karlsruhe 1993: Paradies der Katzen von Mehring nach einem asiatischen Märchen (Fortsetzung des Projekts gegen Rassismus und Fremdenhass) 1993: Eugen Onegin von Tschaikowski, Nationaloper von Korea, Seoul 1993: Die Macht des Schicksals von Verdi, Hessisches Staatstheater Wiesbaden 1994: La Dueña von Roberto Gerhard, Theater Bielefeld 1994: Der Zigeunerwagen von Mehring, Badisches Staatstheater Karlsruhe (Projekt gegen Rassismus) 1995: Madama Butterfly von Giacomo Puccini, Hessisches Staatstheater Wiesbaden