mini|Astrolabium in griechischer Sprache aus dem 11. Jahrhundert (Reproduktion). Theon von Alexandria, der Vater von Hypatia, verfasste ein Handbuch zu dessen Verwendung. mini|Ihr Vater ist vor allem dafür bekannt, dass er die Texte von Euklids Elementen herausgegeben hat, die hier in einem Manuskript aus dem 9. Jahrhundert gezeigt werden. Angaben der Suda, einer oströmischen Enzyklopädie, zufolge gehörte er dem Museion an.

Hypatia (auch Hypatia von Alexandria, ; * um 360 in Alexandria; † März 415 oder März 416 in Alexandria) war eine griechische spätantike Mathematikerin, Astronomin und Philosophin. Von ihren Werken ist nichts erhalten geblieben, Einzelheiten ihrer Lehre sind nicht bekannt. Sie unterrichtete öffentlich und vertrat einen vermutlich mit kynischem Gedankengut angereicherten Neuplatonismus. Als Vertreterin einer nichtchristlichen philosophischen Tradition gehörte sie im überwiegend christlichen Alexandria der bedrängten paganen Minderheit an. Dennoch konnte sie lange unangefochten lehren und erfreute sich hohen Ansehens. Sie wurde das Opfer eines politischen Machtkampfs, in dem der Kirchenlehrer Kyrill von Alexandria religiöse Gegensätze instrumentalisierte. Ein aufgehetzter Mob aus christlichen Laienbrüdern und Mönchen (ParabolaniGlen W. Bowersock: Parabalani: A Terrorist Charity in Late Antiquity. In: Anabases. Traditions et Réceptions de l’Antiquité. Band 12, 2010, S. 45–54 (DOI:10.4000/anabases.1061).) brachte sie in eine Kirche und ermordete sie dort. Der Leichnam wurde zerstückelt.

Der Nachwelt blieb Hypatia hauptsächlich wegen der spektakulären Umstände ihrer Ermordung in Erinnerung. Seit dem 18. Jahrhundert wird der Fall von Heidenverfolgung oft von Kritikern der Kirche als Beispiel für Intoleranz und Wissenschaftsfeindlichkeit angeführt. Aus feministischer Sicht erscheint die Philosophin als frühe, mit überlegenem Wissen ausgestattete Vertreterin einer emanzipierten Weiblichkeit und als Opfer einer frauenfeindlichen Haltung ihrer Gegner. Moderne nichtwissenschaftliche Darstellungen und belletristische Bearbeitungen des Stoffs zeichnen ein Bild, das die spärliche antike Überlieferung ausschmückt und teils stark abwandelt.

Vor Hypatia lehrte Pandrosion nach dem Zeugnis von Pappos in Alexandria Mathematik.

Quellen Über Hypatias Leben und Werk liegen nur spärliche Nachrichten vor. Die wichtigsten Quellen sind: Sieben an Hypatia gerichtete Briefe des Neuplatonikers Synesios von Kyrene, der sie außerdem in weiteren Briefen und in seiner Abhandlung Über das Geschenk erwähnt. Als Schüler und Freund Hypatias war Synesios sehr gut informiert. Da er am Neuplatonismus festhielt, aber zugleich Christ war und sogar Bischof von Ptolemais wurde, ist seine Sichtweise relativ wenig von Parteinahme in den religiösen Konflikten geprägt. Die Kirchengeschichte des Sokrates von Konstantinopel (Sokrates Scholastikos), der ein jüngerer Zeitgenosse Hypatias war. Ungeachtet des religiösen Gegensatzes schildert Sokrates die Philosophin respektvoll und verurteilt ihre Ermordung nachdrücklich als unchristliche Tat. Auf seinen Angaben fußen die meisten Darstellungen späterer byzantinischer Geschichtsschreiber, die aber die Vorgänge zum Teil anders bewerten als Sokrates. Die nur fragmentarisch erhaltene Philosophische Geschichte des Neuplatonikers Damaskios, die im Zeitraum 517–526 entstanden ist. Damaskios war ein entschiedener Anhänger der alten Religion und Gegner des Christentums. Gleichwohl neigte er zu kritischen Urteilen über die Kompetenz von neuplatonischen Philosophen, die seinen eigenen Maßstäben nicht genügten, und auch seine Bemerkungen über Hypatia lassen eine abwertende Haltung erkennen. Die Chronik des ägyptischen Bischofs Johannes von Nikiu. Johannes, der im 7. Jahrhundert schreibt, also aus großer zeitlicher Distanz berichtet, billigt Hypatias Ermordung und ergreift vorbehaltlos für ihre radikalen Gegner Partei. Der Hypatia gewidmete Artikel in der Suda, einer byzantinischen Enzyklopädie des 10. Jahrhunderts.Suda, Adler-Nr. Y 166, online. Dort sind Angaben unterschiedlicher Herkunft und Qualität unkritisch aneinandergereiht. Der Verfasser des Suda-Artikels verwertete Nachrichtenmaterial aus der Philosophischen Geschichte des Damaskios und wahrscheinlich auch aus einer weiteren spätantiken Quelle, der von Hesychios von Milet angelegten Sammlung von Literaten-Biographien, die heute bis auf Fragmente verloren ist. In seiner Darstellung ist legendenhafte Ausschmückung erkennbar.

Leben Hypatias Vater war der Astronom und Mathematiker Theon von Alexandria, der letzte namentlich bekannte Wissenschaftler im Museion von Alexandria, einer berühmten staatlich finanzierten Forschungsstätte.Die Hypothese von Denis Roques, wonach der Vater Hypatias in Wirklichkeit Theoteknos hieß, hat sich nicht durchgesetzt; siehe dazu Henri Dominique Saffrey: Hypatie d’Alexandrie. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 814–817, hier: 814. Das Geburtsjahr von Hypatia wird zwischen etwa 350 und 370 n. Chr. datiert, der Chronist Johannes Malalas nennt sie zwar eine „alte Frau“, doch ist die Aussage spät und unzuverlässig.Siehe dazu Henri Dominique Saffrey: Hypatie d’Alexandrie. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 814–817, hier: 814 f. und Robert J. Penella: When was Hypatia born? In: Historia 33, 1984, S. 126–128 mit weiteren Argumenten; vgl. Michael A. B. Deakin: Hypatia of Alexandria, Mathematician and Martyr, Amherst (New York) 2007, S. 51 f., 174 und Maria Dzielska: Hypatia of Alexandria, Cambridge (Massachusetts) 1995, S. 67 f. sowie The Prosopography of the Later Roman Empire (PLRE) 2, Hypatia 1, 575 f. Ursprünglich wurde ihre Geburt um 370 datiert, diese Datierung ist aber heute umstritten. Sie scheint das ganze Leben in ihrer Heimatstadt Alexandria verbracht zu haben. Bei ihrem Vater erhielt sie eine mathematische und astronomische Ausbildung. Später beteiligte sie sich an seiner astronomischen Arbeit. Wer ihr Philosophielehrer war, ist unbekannt; einer Forschungshypothese zufolge kommt Antoninos, ein Sohn der Philosophin Sosipatra, in Betracht.Alan Cameron, Jacqueline Long: Barbarians and Politics at the Court of Arcadius, Berkeley 1993, S. 51; Henri Dominique Saffrey: Hypatie d’Alexandrie. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques, Bd. 3, Paris 2000, S. 814–817, hier: 816.

Nach dem Abschluss ihrer Ausbildung begann sie, selbst Mathematik und Philosophie zu unterrichten. Nach Angaben der Suda verband sie rhetorische Begabung mit einer umsichtigen, durchdachten Vorgehensweise. Sokrates von Konstantinopel berichtet, von überall seien Hörer zu ihr gekommen. Manche ihrer Schüler waren Christen. Der berühmteste von ihnen war Synesios, der im letzten Jahrzehnt des 4. Jahrhunderts bei ihr sowohl Philosophie als auch Astronomie studierte. Damaskios berichtet, Hypatia habe den Philosophenmantel (tríbōn) getragen und sei in der Stadt unterwegs gewesen, um öffentlich zu unterrichten und allen, die sie hören wollten, die Lehren Platons oder Aristoteles’ oder auch jedes beliebigen anderen Philosophen auszulegen. Wie diese Nachricht zu deuten ist, ist in der Forschung umstritten. Jedenfalls stützt sie nicht die Ansicht, Hypatia habe einen aus öffentlichen Mitteln finanzierten Lehrstuhl innegehabt; dafür gibt es keinen Beleg.Heinrich Dörrie, Matthias Baltes: Der Platonismus in der Antike, Band 3, Stuttgart-Bad Cannstatt 1993, S. 133 Anm. 6; Edward J. Watts: City and School in Late Antique Athens and Alexandria, Berkeley 2006, S. 194 f.; Maria Dzielska: Hypatia of Alexandria, Cambridge (Massachusetts) 1995, S. 56. Die Hypothese einer staatlich bezahlten Lehrtätigkeit Hypatias vertreten Markus Vinzent: „Oxbridge“ in der ausgehenden Spätantike. In: Zeitschrift für antikes Christentum 4, 2000, S. 49–82, hier: 67–69 und Pierre Chuvin: Chronique des derniers païens, Paris 1991, S. 90. Étienne Évrard interpretiert die Formulierung des Damaskios im Sinne eines Unterrichts auf offener Straße.Étienne Évrard: À quel titre Hypatie enseigna-t-elle la philosophie? In: Revue des Études grecques 90, 1977, S. 69–74. Die überlieferte Darstellung von Hypatias Lehrweise rückt die Philosophin äußerlich in die Nähe des Kynismus, ebenso wie der Hinweis auf ihren Philosophenmantel, ein Kleidungsstück, das man mit Kynikern zu assoziieren pflegte.

Damaskios lässt durchblicken, dass er Hypatias öffentliches Auftreten missbilligte. Er war der Meinung, dass Philosophieunterricht nicht in der Öffentlichkeit und nicht jedem, sondern nur entsprechend qualifizierten Schülern erteilt werden sollte.Siehe dazu Alan Cameron, Jacqueline Long: Barbarians and Politics at the Court of Arcadius, Berkeley 1993, S. 41–44. Möglicherweise hat er bei seiner Darstellung von Hypatias Tätigkeit karikierend übertrieben. Jedenfalls kann man seinen Worten entnehmen, dass sie philosophische Themen, die man sonst in geschlossenem Kreis unter einschlägig Gebildeten zu erörtern pflegte, einer relativ breiten Öffentlichkeit unterbreitete.

In diese Richtung weist auch eine in der Suda überlieferte Anekdote, wonach sie einem in sie verliebten Schüler ihr Menstruationsblut als Symbol für die Unreinheit der materiellen Welt zeigte, um ihm die Fragwürdigkeit seines sexuellen Begehrens drastisch vor Augen zu führen. Die Geringschätzung des Körpers und der körperlichen Bedürfnisse war ein Merkmal der neuplatonischen Weltsicht. Wenn auch die Anekdote möglicherweise erst im Zuge der Legendenbildung entstanden ist, mag sie einen wahren Kern haben; jedenfalls war Hypatia dafür bekannt, vor einem bewusst provozierenden Verhalten nicht zurückzuschrecken. Dies ist ebenfalls ein Indiz für ein kynisches Element in ihrer philosophischen Haltung: Kyniker pflegten kalkuliert zu schockieren, um Erkenntnisse herbeizuführen.Zum Verständnis der Anekdote siehe Enrico Livrea: I di Ipazia. In: Eikasmós 6, 1995, S. 271–273; Danuta Shanzer: Merely a Cynic Gesture? In: Rivista di filologia e di istruzione classica 113, 1985, S. 61–66. Vgl. Christian Lacombrade: Hypatie, un singulier „revival“ du cynisme. In: Byzantion 65, 1995, S. 529–531; John M. Rist: . In: Phoenix 19, 1965, S. 214–225, hier: 220 f.

Neben dem Lehrstoff, den Hypatia der Öffentlichkeit vermittelte, gab es auch Geheimlehren, die einem engeren Schülerkreis vorbehalten bleiben sollten. Dies ist aus der Korrespondenz des Synesios ersichtlich, der gegenüber seinem Freund und Mitschüler Herkulianos mehrfach an das Gebot der Verschwiegenheit (echemythía) erinnert und Herkulianos vorwirft, sich nicht daran gehalten zu haben. Dabei verweist Synesios auf das Schweigegebot bei den Pythagoreern; die Vermittlung von Geheimwissen an unqualifizierte Personen führe dazu, dass solche eitlen und verständnislosen Hörer ihrerseits das Vernommene in verzerrter Form weitergäben, was letztlich eine Diskreditierung der Philosophie in der Öffentlichkeit bewirke.Synesios, Brief 143, Zeilen 1–52 Garzya; vgl. die Briefe 137 (Zeilen 41–45) und 142 (Zeilen 7–9). Siehe dazu Antonio Garzya, Denis Roques (Hrsg.): Synésios de Cyrène, Band 3: Correspondance. Lettres LXIV–CLVI, 2. Auflage, Paris 2003, S. 399 Anm. 11–15, S. 400 Anm. 19, S. 408–410 Anm. 3–19.

Sokrates von Konstantinopel schreibt, Hypatia sei in der Umgebung hoher Beamter aufgetreten. Sicher ist, dass sie zum Umkreis des römischen Präfekten Orestes gehörte.

Hypatia blieb ihr ganzes Leben unverheiratet. Die Angabe in der Suda, sie habe sich mit einem Philosophen namens Isidoros vermählt, ist auf einen Irrtum zurückzuführen. Damaskios erwähnt ihre außergewöhnliche Schönheit.