mini|Ignazio Dantimini|Sizilien auf einer Karte von Ignazio DantiIgnazio Danti (* April 1536 in Perugia; † 19. Oktober 1586 in Alatri; auch Egnatio oder Egnazio Danti, geboren als Pellegrino Rainaldi Danti) war ein italienischer Mathematiker, Astronom, Kosmologe und Kartograph.
Herkunft, Kindheit und Ausbildung
Danti entstammte einer wohlhabenden Familie aus Perugia. Sein Vater Giulio Danti (1500–1575) war Architekt und ein Schüler von Antonio da Sangallo dem Älteren. Mit 16 Jahren wurde Egnazio gemeinsam mit seinem älteren Bruder Vincenzo nach Rom geschickt, um in der Werkstatt von Panfilo di Marchesi in die Goldschmiedekunst eingeführt zu werden.Vgl. Brief von Giulio Danti aus Perugia an Panfilo Marchesi in Rom vom 5. August 1557, transkribiert in Antonio Bertolotti, Artisti bolognesi, ferraresi ed alcuni altri del già Stato Pontificio in Roma nei secoli XV, XVI e XVII: studi e ricerche tratte dagli archivi romani, Bologna: Forni, 1962, Band I, S. 309–311. Die Werkstatt befand sich in der Via del Pellegrino, unweit des Campo de’ Fiori.Im Archivio di Stato di Roma liegt ein Briefwechsel vom August 1557 zwischen Giulio Danti und seinem Berufskollegen Panfilio di Marchese vor. Daraus ist zu entnehmen, dass sich die Werkstatt von Panfilio di Marchese in der Via Pellegrino befand. Vgl. Archivio di Stato di Roma, Misc. Arti, B. 1, Fascicolo 26, 1557 agosto 5. Doch Egnazio entschloss sich bald zum Eintritt als Novize in das Kloster San Domenico in Perugia. Am 7. März 1555 wurde Danti in den Dominikanerorden aufgenommen und übernahm den Ordensnamen Ignazio. Das Leben im Konvent bot ihm zahlreiche Vorteile: Er fand eine Bibliothek vor, die das aktuelle Wissen seiner Zeit widerspiegelte, und er widmete sich dort dem Studium der freien Künste.
Die Jahre in Florenz
Nach dem Abschluss des ‚Studium generale‘ in Perugia kam Danti 1562 ins Kloster San Marco nach Florenz, später ins Florentiner Reformkloster Santa Maria Novella.Zu den Reformbewegungen innerhalb der verschiedenen Orden während der Zeit der Konfessionalisierung siehe Isnardo Pio Grossi, „Breve e util modo del viver christiano di fra Benedetto Onesti. Un trattatelo di vita spirituale scritto in S. Maria Novella nel 1568“. In: Memorie Domenicane, 1983, S. 505–574, und Leonard Holtz, Geschichte des christlichen Ordenslebens, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2001. In diesem Kloster wurde geduldet, dass die Brüder individuellen Tätigkeiten nachgingen und im Besitz ihrer Güter blieben, weshalb dieser Konvent in der Hierarchie der Dominikanerklöster weniger hoch angesehen war als etwa San Domenico in Perugia. Götze hat die Vermutung geäußert, dass Danti nach Florenz berufen wurde, um den Orden der Stefansritter mit astronomischen Gerätschaften auszustatten.Vgl. Oliver Götze, Der öffentliche Kosmos: Kunst und wissenschaftliches Ambiente in italienischen Städten des Mittelalters und der Renaissance, München: Herbert Utz Verlag, 2010, S. 313. In Fussnote 1419 liefert er aufschlussreiche Referenzen zu Arcangelo di Borgonuovo. Zum Ruf Dantis nach Florenz vgl. auch D’Alatri 1980, S. 611.
In Florenz gewann Danti rasch die Gunst der Aristokratie. Über seinen Bruder Vincenzo Danti, über Pietro Vettori und schließlich über Sforza Almeni, den Berater von Cosimo I., gelangte Egnazio wohl 1562 an den Hof Cosimos I.Vgl. Egnatio Danti, Le due regole della prospettiva pratica di m. Iacomo Barozzi da Vignola [Erstausgabe: Rom, Zannetti, 1583], hrsg. u. übers. von Pascal Dubourg Glatigny, Paris: CNRS Editions, 2003, S. 30 bzw. S. 75. Zum Thema Kosmografie am Hof von Cosimo I. siehe ferner Poggi 2009: Cristina Poggi, „Cosmografia a corte: le carte geografiche della Guardaroba“, in: Palazzo Vecchio e dintorni, hrsg. von Ferruccio Canali u. Virgilio Carmine Galati, Florenz: Alinea Editrice, 2009. Er unterrichtete dort die Sprösslinge der Familien de’ Medici und Strozzi in Mathematik und führte diese in die Kosmologie des Ptolemaios sowie in die Geometrie des Euklid ein.Vgl. Alessi 1642, S. 139. Dantis Vorlesungen wurden durch Gherardo Spini aufgezeichnet und bereits 1570 unter dem Titel Annotazioni intorno al trattato dell’ Astrolabio et del planisfero universale del R. P. Ignatio Danti bei Sermartelli in Florenz publiziert. Zum Bildungswesen der Renaissance siehe Niccoli 2005, S. 9–11. Am 21. Juli 1571 schrieb Cosimo I. dem Generalminister der Dominikaner, dass er wünsche, den Kosmografen gelegentlich in seiner Nähe zu haben.Vgl. Archivio di Stato di Firenze, Mediceo del Principato, Fol. 2r: „Frate Egnatio Danti perugino mi ha servito et mi serve del continuo d’opere di cosmographia dove che per tali servitii mi bisognerebbe alcune volta haverlo apresso.“ Zit. nach Dubourg Glatigny 2011, S. 88. Dieser Brief findet sich auch bei Palmesi und bei Lorenzoni abgedruckt. Vgl. Palmesi 1899, S. 10, und Lorenzoni 1912, S. 182. Als leitender Kosmograf (primario cosmografo) sowie Lehrer des Großherzogs der Toskana (maestro e cosmografo del Serenissimo Gran Duca di Toscana)Dantis Funktionen lassen sich mittels der auf den Frontispizien seiner Publikationen angegebenen Titel rekonstruieren. hatte Danti schließlich ab Juli 1571 das Privileg, in unmittelbarer Nähe des Großherzogs, im Palazzo Pitti, zu wohnen. Im Herbst desselben Jahres erhielt Danti auch einen Lehrauftrag an der dortigen Akademie (studio).Vgl. Archivio di Stato di Firenze, Miscellanea Medicea, 704, Fol. 27v. Zit. nach Dubourg Glatigny 2011, S. 89. In Danti/Sacrobosco 1571, Proemio, 1. Seite, berichtet er selbst von seiner Lehrtätigkeit in Florenz: „[…] mediante l’occasione che mi s’è porta di douer leggere le Matematiche publicamente qui in Firenze per ordine del Gran DVCA DI TOSCANA […].“
Im September 1563 nahm er auf Einladung von Cosimo I., dem Herzog der Toskana, an einem wissenschaftlichen Projekt zur Kartographie teil. Dantis Bruder Vincenzo Danti war Bildhauer an Cosimos Hof, deshalb ist es gut möglich, dass ihm das half, den Auftrag zum kartographischen Projekt zu bekommen. In den nächsten Jahren fertigte er über 30 Karten an. 1574 entdeckte er die 11-Tage-Lücke zwischen dem julianischen Kalender und dem Sonnenjahr. Daraufhin wurde er ein wichtiger Fürsprecher der gregorianischen Kalenderreform.
Die Jahre in Bologna
Nach dem Tod Cosimos musste Danti Florenz verlassen und wurde 1575 Professor in Bologna. Hier wurde er durch den von ihm errichteten Gnomon in der Basilika San Petronio bekannt.Ralf Kern. Wissenschaftliche Instrumente in ihrer Zeit. Band 1: Vom Astrolab zum mathematischen Besteck. Köln, 2010, S. 318. Ab 1580 arbeitet er für Papst Gregor XIII. als Kartograph. Als Anerkennung wurde er 1583 zum Bischof von Alatri ernannt.
Die Jahre in Rom Ab 1580 arbeitete Danti für Papst Gregor XIII. in Rom.
Danti als Mitglied der Kommission zur Umsetzung der Gregorianischen Kalenderreform Die schließlich 1582 umgesetzte Gregorianische Kalenderreform basierte auf einem Entwurf von Aloisius Lilius (um 1510–1576), der allerdings noch vor der Umsetzung seines Vorhabens verstarb. Seinen Vorschlag, der auf einer einmaligen Auslassung von 10 Tagen und einer neuen Schaltjahresordnung basierte – Letztere sollte auf einem 400-Jahre-Zyklus beruhen –, hatte dessen Bruder und Leibarzt des Papstes, Antonius Lilius, in die von Gregor XIII. eingesetzte Kommission eingebracht. Die Kommission unterstützte den Entwurf von Lilius und ließ davon ausgehend durch Ciaconus, ein Mitglied des Gremiums, einen zur Umsetzung bestimmten Vorschlag ausarbeiten, welcher Ende 1577 unter dem Titel Compendium novae rationis restituendi kalendarium an zahlreiche Fürsten, Erzbischöfe und Universitäten in ganz Europa „behufs Einholung von Gutachten“, wie Friedrich Karl Ginzel ausführte, versendet wurde. Capone schreibt, gestützt auf Armellini, dass Danti, der erst ab 1580 als ständiges Mitglied der Kommission fungierte, faktisch gezwungen war, die bereits gefasste Meinung des Rates zu stützen. Er habe sich anfänglich für andere Maßnahmen zur Lösung des Problems eingesetzt, für eine definitive Lösung, die keine zukünftigen Anpassungen nötig werden lasse, wie Capone berichtet. Danti musste aber gleichzeitig auch gestehen, dass sich der Reformvorschlag als einfach und genau herausgestellt habe.
Dass Danti beim Vollzug der Kalenderreform eine Rolle gespielt hat, darauf wurde schon vielfach hingewiesen und am prominentesten zeugt davon die Memorialtafel in der Kathedrale von Alatri, wo explizit auf seine Verdienste zur Umsetzung der Kalenderreform verwiesen wird. Doch die Frage, worin sein Beitrag bestand, wurde im Kern meist übergangen. Dantis wichtigster Beitrag dürfte in einer Verbildlichung des astronomischen Problems anzusehen sein. Indem er den Fehler auf der Meridianlinie vorführte, wurde die Varianz, die der julianische Kalender gegenüber der astronomisch korrekten Zeit in jenen Jahren aufwies, sichtbar und damit dingfest. Denn die große Herausforderung auf dem Weg zur Umsetzung einer Kalenderreform bestand im letzten Drittel des 16. Jahrhunderts darin, in der Öffentlichkeit die Akzeptanz für diese bevorstehende Korrektur der Zeitrechnung herzustellen.
Dantis Wirken in der Sala dei palafrenieri im Apostolischen Palast In der Einleitung zu Le due regole erwähnt Danti, dass die Idee zu den Veränderungen an der Sala dei palafrenieri im Apostolischen Palast unter Gregor XIII. von ihm stammt.Vgl. Danti/Vignola 1583, S. 86–87: „[…] si come ho fatto nel dipignere per comandamento [Seite 87] dame[n]to di sua Santità le facciate delle due sale degli Suizzeri, & delle santissimi Apostoli, doue i Palafrenieri fanno la guardia, no[n]ostante che il passo sia come s’è detto, in vn lato.“ Zu Danti und die Sala degli Svizzeri siehe Weddigen 2006, S. 175–182. Danti setzte dort den Fluchtpunkt der Scheinarchitektur neu. Diese Veränderung, die er gemeinsam mit den Gebrüdern Alberti vornahm, wurde notwendig, wie Weddigen vermutet, nachdem der Raum auf der Nordseite erweitert worden war. Aufgrund des veränderten Raumvolumens mussten die Fluchtpunkte auf den Wänden neu gesetzt werden.Vgl. Weddigen 2006, S. 178. Zucchi hatte unter Dantis Aufsicht bei der Ausgestaltung dieses Raumes zwei der überlebensgroßen Figuren ausgeführt. Es handelte sich um die Allegorien Religio und Sobrieta.Diese Zuschreibung geht auf den Ausstellungskatalog Il Cavaliere d’Arpino zurück. Vgl. Röttgen 1973, S. 21. Siehe auch Pillsbury 1974, S. 441. Der Vasari-Schüler Jacopo Zucchi hatte diese Figuren zwischen dem 2. Februar und dem 1. Juli 1583 gemalt.Vgl. Pillsbury 1974, S. 441. Wie aus dem oben erwähnten Vertragswerk hervorgeht, hätte Zucchi die Arbeiten in der Kirche Santo Spirito in Sassia abgeschlossen haben müssen, bevor er den Auftrag im Apostolischen Palast ausführte. Dem war aber nicht so. Die Arbeiten in der Sala dei palafrenieri wurden kurz vor Dantis Wahl zum Bischof von Alatri, die am 14. November 1583 erfolgte, ausgeführt.Vgl. Pillsbury 1974, S. 441. Zucchi führte folglich den Auftrag nicht innerhalb des ursprünglich vereinbarten Zeitraums aus. Diese Chronologie zeigt, dass das Projekt im Apostolischen Palast Priorität hatte.
Dantis Meridian in der Torre dei Venti