Das Hotel New Hampshire ist der fünfte Roman des amerikanischen Schriftstellers John Irving; er erschien 1981 unter dem Titel The Hotel New Hampshire in New York. Die von Hans Herrmann übersetzte deutsche Erstausgabe erschien 1982 im Diogenes Verlag.
Handlung Erzählt wird die Geschichte der Familie Berry aus der Perspektive von John, des „mittleren und am wenigsten voreingenommenen“ der fünf Kinder. Die Zeitlinie des Romans erstreckt sich etwa von Beginn der 1940er-Jahre bis etwa in die späten 1970er-Jahre und über drei Generationen; Erzählschwerpunkt ist jedoch die Kindheit und Jugend von Frank, Franny, John, Lilly und dem Jüngsten, Egg.
John berichtet zu Beginn des Romans von Kindheit und Kennenlernen der Eltern; eine Geschichte, die er in seiner Kindheit immer und immer wieder gehört und weitergesponnen hat. Dementsprechend fantasievoll und legendenhaft gestaltet sich die Rückblende bis zur „ehelichen Vereinigung“ der Eltern, in der alle wichtigen Versatzstücke des Romans bereits enthalten sind: ein Hotel, ein Bär, ein Jude namens Freud sowie Liebe und eine Vorahnung vom Tod.
Das Hotel Arbuthnot Winslow Berry und Mary Bates lernen sich im Hotel Arbuthnot kennen, wo sie beide im Sommer 1939 einen Ferienjob angenommen haben. Dort lernen sie Freud, einen österreichischen Juden, und seinen dressierten, allerdings nur mäßig schlauen Bären State o’ Maine kennen – die Auftritte der beiden im Hotel enden regelmäßig im Chaos.
Die Freundschaft wird den weiteren Werdegang des Paars bestimmen – so nimmt Freud den beiden das Versprechen ab, sofort zu heiraten, und vermacht Win Berry den Bären und sein Motorrad, mit dem dieser sich das Harvard-Studium finanzieren wird. Freud kehrt auf der Suche nach einem „schlauen Bären“ zurück nach Europa („Gebt mir einen schlauen Bären und ich scheiß auf die Nazis“S. 48.).
Nach der Heirat folgen kurz nacheinander die Geburt von Frank, Franny und John, ein Harvard-Studium und der Zweite Weltkrieg, den der Vater unbeschadet übersteht – 1950 schließlich sind auch die beiden Jüngsten, Lilly und Egg, geboren, die Familie lebt mit Wins Vater Iowa Bob und dem Familienhund mit dem symbolträchtigen Namen Kummer in dem Haus, das Mary von ihren Eltern geerbt hat. Win Berry arbeitet als Lehrer an der heimischen Dairy School.
Das erste Hotel New Hampshire (Dairy) Win Berry lässt seit dem Sommer im Arbuthnot die Faszination für Hotels nicht los, und so überredet er seine Familie, die alte Mädchenschule in Dairy in ein Hotel zu verwandeln, das „erste Hotel New Hampshire“.
Turbulente Episoden im neuen Hotel verbinden sich mit dem Schulalltag der älteren Kinder an der Dairy School, der nicht unbelastet ist: Frank mit seiner sich allmählich abzeichnenden Homosexualität wird brutal gemobbt, und Franny wird Opfer einer Gruppenvergewaltigung durch einen Teil der Football-Mannschaft und ihren Anführer Chipper Dove. Der Hund wird wegen seiner unerträglichen Flatulenzen kurz vor der Eröffnung des Hotels eingeschläfert. Um die traumatisierte Franny zu trösten, präpariert Frank ihn im Rahmen eines Taxidermie-Schulprojektes und startet so eine Reihe von „Wiederauferstehungen“; vorläufiger Tiefpunkt des wiederkehrenden Kummers ist der Tod des Großvaters Bob, des ruhenden Pols der Familie. Er stirbt an einem Herzschlag, als der ausgestopfte Hund ihm bei seinem Hanteltraining überraschend aus einem Schrank heraus entgegenpurzelt.
Einige Monate später, am Neujahrsmorgen 1957, erreicht Win Berry ein Brief aus Wien von Freud, der dort ein Hotel und – endlich – einen „schlauen“ Bären gefunden hat.
Das zweite Hotel New Hampshire (Wien) Der Vater zögert nicht, Freuds Bitte zu folgen und dessen Hotel in Wien zu „einem Klassehotel“ zu machen, was bedeutet, dass er das Hotel in Dairy verkauft und die ganze Familie nach Österreich ziehen wird. Die Begeisterung der Familie über die Pläne hält sich in Grenzen, nur Frank zeigt Begeisterung für die Wiener Geschichte, vor allem das Fin de siècle.
Als die Berrys in getrennten Flugzeugen nach Österreich fliegen, verunglückt das Flugzeug, in dem die Mutter mit Egg und dem ausgestopften Kummer sitzen, und die beiden kommen ums Leben.
Im Gasthaus Freud, das bald zum zweiten Hotel New Hampshire werden soll, erwartet die verwaiste Familie ein erblindeter Freud und sein Bär, der sich als Susie, eine junge Frau im Bärenkostüm, herausstellt, fünf Prostituierte und eine Gruppe von sechs Radikalen mit unklaren politischen Zielen. Die Kinder freunden sich mit der ebenfalls vergewaltigten Susie an; Franny und Susie werden ein Paar. Eine junge Radikale mit dem Decknamen Fräulein Fehlgeburt liest ihnen aus dem Großen Gatsby und Moby Dick vor und schläft schließlich mit John (der jedoch eigentlich nur in Franny verliebt ist), und die ältere Radikale Schwanger nimmt eine Art Mutterplatz für sie ein.
Obwohl die Kinder in Wien nicht glücklich sind, bleibt die Familie insgesamt sieben Jahre dort. Das Hotel entwickelt sich nicht zu einem Klassehotel, sondern bleibt ein Kuriositätenkabinett mit Bären, Huren und den Anarchisten, unter ihnen ein Verfasser abstoßender Pornographie. Die Kinder wachsen zu jungen Erwachsenen heran – und auch die kleinwüchsig gebliebene Lilly unternimmt „Wachstumsversuche“, indem sie an einem autobiographischen Roman schreibt, der von Frank erfolgreich an einen Verlag vermittelt wird.
Die lange Zeit in Wien endet plötzlich und blutig: Im letzten Moment verhindern die Berrys einen Terroranschlag der Radikalen auf die Wiener Oper. Dabei kommt Freud ums Leben und der Vater verliert sein Augenlicht.
Das Stanhope (New York) Nach den dramatischen Ereignissen in Wien und finanziell abgesichert durch Lillys schriftstellerischen Erfolg kehrt die Familie zusammen mit Susie in die USA zurück. Man residiert vorübergehend im Stanhope Hotel und versucht zu einem „normalen“ Leben zu finden. Lilly schreibt verzweifelt und erfolglos an einem zweiten Buch, und John und Franny leben einmalig und exzessiv ihre sexuelle Obsession füreinander aus, womit sie das Kapitel allerdings auch ein für alle Mal abschließen.
Ein Wiedersehen gibt es in New York mit Junior Jones, der Franny nach ihrer Vergewaltigung durch Chipper Dove beschützt hatte und sie nun erfolgreich umwirbt, zuvor aber noch mit Chipper Dove selbst, an dem die Geschwister gemeinsam mit Susie (im Bärenkostüm …) furios-surreal Rache nehmen.
Das letzte Hotel New Hampshire (Maine) In einem Epilog werden die Schicksale der verbliebenen Familienmitglieder erzählt:
Der erblindete Win Berry träumt immer noch von seinem perfekten Hotel, und da die Familie durch Lillys Schriftstellerei finanziell unabhängig ist, erfüllen die Kinder ihm seinen Wunsch: Sie erwerben das alte, verfallene Hotel Arbuthnot-by-the-sea und richten es teilweise wieder her. John zieht mit seinem Vater ein, der im Glauben gelassen wird, in einem hochexklusiven Hotel zu leben, das es sich leisten kann, kaum Gäste zu haben.
Für Lilly enden ihre „Wachstumsversuche“ in Verzweiflung: Sie wird vor allem ihren eigenen Erwartungen nicht gerecht und stürzt sich mit einem Sprung aus dem 14. Stockwerk des Stanhope in den Tod.
Franny und Junior Jones heiraten, und Susie und John münden ebenfalls in einer glücklichen Beziehung – auf den letzten Seiten des Romans erwarten alle die Geburt eines Babys: gezeugt und geboren von Junior und Franny und aufgezogen von John und Susie, die ihr Bärenkostüm nur noch in besonderen Ausnahmefällen aus dem Schrank holt.
Personen Winslow Berry Vater Winslow Win Berry ist ein Träumer, der zeit seines Lebens beinahe ausschließlich davon träumt, das „perfekte Hotel“ zu betreiben. Statt in der Gegenwart zu leben, macht er stets Pläne für die Zukunft:
In seiner Vaterrolle tritt er kaum in Erscheinung, er sieht nicht, was seine Kinder bewegt, selbst als er physisch noch nicht erblindet ist. Als die Kinder in Wien Bekanntschaft mit dem Großen Gatsby machen, identifiziert Lilly dessen Hauptfigur schmerzvoll mit ihm:
Als er zum Schluss mit John endlich das letzte Hotel New Hampshire sein Eigen nennt, ist er endlich glücklich und bemerkt nicht, dass es in Wirklichkeit überhaupt kein Hotel gibt.
Mary Berry Mary Berry hat Freud in jenem Sommer 1939 ein Versprechen geben müssen: Sie solle ihrem Mann stets verzeihen, auch wenn es sie teuer zu stehen komme.S. 51. Und dabei bleibt es: Obwohl sie die Hotelpläne ihres Mannes nicht billigt, bleibt sie loyal und steht mit ihm zusammen etwa zu der Entscheidung, nach Wien zu gehen. Sie ist ein Mensch, bei dem ein „Geheimnis gut aufgehoben“S. 126 f. ist und weiß z. B. schon früh von der Homosexualität ihres Sohnes Frank.
Als Figur tritt die Mutter zwangsläufig in den Hintergrund: Sie stirbt gemeinsam mit Egg, als das Flugzeug, mit dem sie nach Europa reisen, abstürzt – die Kinder müssen ab sofort ohne sie zurechtkommen.
John John Berry als Ich-Erzähler ist von Beginn an vor allem mit seiner Schwester Franny verbunden, was sich im Laufe des Romans zu einer intensiven Verliebtheit entwickelt, bis John – auf Frannys Initiative – durch einen intensiven inzestuösen Sexmarathon „gerettet“ wird. Selbst sein erster Geschlechtsverkehr wird von seiner Schwester mitgeprägt: Als er mit dem Zimmermädchen Ronda Ray schläft, hört sie über die verbliebenen Sprechanlagen der alten Schule mit, so dass er sich zeit seines Lebens – nicht nur beim Sex – von Franny belauscht fühlt.S. 202.
Als er in Wien mit der Studentin Fräulein Fehlgeburt schläft, verrät diese ihm von den Terrorplänen der Radikalen. Sein ehrgeiziges Muskel- und Konditionstraining, das er betreibt, seit Franny vergewaltigt wurde und er ihr nicht helfen konnte, befähigt ihn schließlich im gewaltsamen Wiener Showdown dazu, einen von ihnen mit bloßer Muskelkraft zu erdrücken.
Nach dem Tod der Mutter beschreibt er sich als „Realist in einer Familie aus lauter Träumern, großen und kleinen“,S. 346. der nie in der Lage sein würde, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Dennoch ist er es am Ende, der sich fürsorglich um seinen blinden Vater und dessen „Hotel“ kümmert und liebevoll Susie dazu bringt, ihr Bärenkostüm endlich abzulegen und sich selbst zu mögen – und er erwartet mit Spannung die Geburt von Frannys Kind, das er gemeinsam mit Susie aufziehen wird.
Franny Franny ist die treibende Kraft („prime mover“) des Romans und nimmt – besonders nach dem Tod der Mutter – eine Führungsrolle in der Familie ein. Sie ist besonders gutaussehend, verbal obszön und körperlich aggressiv, auch ihren Brüdern gegenüber, und sie macht persönlich am meisten durchJohanna Larsson: . (PDF; 142 kB) In: C Extended Essay. Luleå University of Technology, Department of Language and Culture, 2005, , S. 22. – und sie wird damit fertig (»So bin ich nun mal: Ich komme über alles weg, auch über Dich«S. 487.): Fertig mit ihrem Bruder, fertig mit ihrer Beziehung zu Susie und fertig mit Ernst, dem perversen Pornographen, und schließlich auch fertig mit Chipper Dove.
Zum Ende des Romans eine erfolgreiche Schauspielerin und in einer glücklichen Beziehung zu Junior Jones, hat sie immer noch ihren Anteil daran, dass das Leben ihres Bruders in gerade Bahnen kommt.
Frank Frank ist der älteste der Geschwister, die wirkliche Führungsrolle hat jedoch seine Schwester Franny. Als Kind ist er linkisch und in den typischen Familienkonflikten gegen Franny ohne Chance; der Vulgarität seiner Schwester hat er nichts entgegenzusetzen als Abneigung und Ekel. Sobald er jedoch von Mitschülern gemobbt wird, halten die drei älteren Geschwister wieder zusammen.
Nachdem Franny vergewaltigt wurde, setzt Frank alles daran, den eingeschläferten Familienhund Kummer für sie als Geschenk zu präparieren. Neben dieser tragisch endenden Leidenschaft für Taxidermie (der Großvater wird vom Hund zu Tode erschreckt) trägt er gerne Uniformen und schläft – in Wien, nach dem Tod der Mutter – mit einer Schneiderpuppe in seinem Zimmer.