mini|Titelblatt der „Selva di varie compositioni…“ Bernardo Storace (* um 1637; † um 1707) war ein italienischer Komponist, Organist und Kapellmeister des Barock.Gunther Morche: Storace, Bernardo, in: Ludwig Finscher (Hrsg.), Die Musik in Geschichte und Gegenwart, zweite Ausgabe, Personenteil, Band 15 (Schoo-Stran), Bärenreiter/Metzler, Kassel u. a. 2006, ISBN 3-7618-1135-7, Spalte 1562–1563Marc Honegger, Günther Massenkeil: Das große Lexikon der Musik, Band 8, Herder, Freiburg im Breisgau 1982, ISBN 3-451-18058-8The New Grove Dictionary of Music and Musicians, hrsg. von Stanley Sadie, 2nd Edition, Band 24, McMillan Publishers, London 2001, ISBN 0-333-60800-3
Leben und Wirken Von den näheren Lebensdaten von Bernardo Storace, insbesondere von seinem Geburts- und Sterbeort, sind keine Informationen überliefert. Darüber hinaus beschränkt sich die Herkunft der musikhistorischen Kenntnisse über sein Leben auf eine einzige von ihm hinterlassene Sammlung, nämlich Selva di varie compositioni d’intavolatura per cimbalo ed organo, die im Jahr 1664 in Venedig erschienen ist. In dem Vorwort zu dieser Sammlung bezeichnet er sich als Vizekapellmeister, der im Auftrag des Senats der Stadt Messina tätig ist.
Bedeutung Die in der genannten Sammlung enthaltenen Kompositionen, nämlich zahlreiche Variationen für Cembalo oder Orgel über die zu Storaces Zeit bekannten Melodien und Tänze, wie Passamezzo, Romanesca, Spagnoletta oder Monica, orientieren sich am Vorbild von Girolamo Frescobaldi, dessen Erbe er außerordentlich selbständig fortführt, und stellen eine Verbindung zu Bernardo Pasquini her. Er unterscheidet in diesen Stücken auch sehr deutlich zwischen Cembalo und Orgel. Hier findet man weiträumig angelegte Figurationen, die technische Spielfertigkeit voraussetzen und auch teilweise in Dialoge eintreten; sie verraten damit ein Formbewusstsein im Kleinen. Die Sammlung enthält vor allem Zitate von bekannten Satzmodellen und Tänzen, aber auch der Pastorale, in der er in ausgedehnten ostinaten Stücken eine überzeugende Großform vermittelt. Die formbestimmende Fähigkeit von abwechselnden tonalen Zentren wurde von Storace entdeckt, als er mehrere Partiten mit kleinen Modulationen verbunden hat; diese Idee wurde auch von seinem Altersgenossen Dietrich Buxtehude in seiner Passacaglia d-Moll umgesetzt, allerdings weniger ausladend.
Ebenso originell wirken die acht Teile eines Capriccio sopra il passo e mezzo; hier sorgt das einfache Kadenzmodell für klare melodische Strukturen mit regelmäßigen Modulationen zu den Nachbarstufen. Es entwickelt sich ein konsequent aufgebautes motivisches Spiel, das nichts dem Zufall überlässt. Gegen Schluss der Satzfolge stehen zwei Gagliarden und zwei Correnten, wobei die Gagliarda eine Variation nach dem Vorbild der Doubles von Louis Couperin und Johann Jakob Froberger enthält und die beiden Schlusssätze eine Gegenüberstellung zwischen der französischen Courante und der italienischen Corrente bringen. Es sind außerdem noch zwei mit Canzonen verbundene Toccaten enthalten sowie zwei Recercare, sozusagen als Pflichtübungen herkömmlicher musikalischer Gelehrsamkeit. Die vierteilige Pastorale dagegen, das letzte Stück der Sammlung, ist ausschließlich über einem Orgelpunkt auf dem Ton d und über weite Strecken auf einer klanglichen Quartsext-Stellung errichtet; es bietet für diesen Satztyp einen bunten und abwechslungsreichen Katalog von musikalischen Ausarbeitungen. Dieses Werk diente noch als Vorbild für mehrere Generationen nach Storace.
Werke Selva di varie compositioni d’intavolatura per cimbalo ed organo ove si contengono capricci, e partite sopra diversi arie, toccate, canzoni, e recercari, correnti, gagliarde, balletti, ciaconne, passagagli sopra varii toni e nel fine una pastorale, Venedig 1664. Diese Sammlung enthält (hier in der originalen Reihenfolge): Drei Variationen über Passamezzo: Capriccio sopra il Passo e Mezzo Passo e Mezzo Altro Passo e Mezzo Variationen über Romanesca Variationen über Spagnoletta (Aria sopra la Spagnoletta) Variationen über Monica Variationen über Ruggiero (Capriccio sopra Ruggiero) Variationen über Cinque passi (Partita sopra il Cinque passi) Variationen über Folia (Follia) Vier Passacaglien: Passagagli sopra A la mi re Passagagli sopra C sol fa ut Passagagli sopra D sol re per # Passagagli sopra Fe fa ut per b Chaconne (Ciaccona) Variationen über Balletto Ballo della Battaglia Zwei Correnten Zwei Paare Toccata e canzon Zwei Ricercare: Ricercar Ricercar di legature Pastorale
Ausgabe Selva di varie compositioni d’intavolatura per cimbalo ed organo, hrsg. von B. Hudson, ohne Ortsangabe, 1965 (= Corpus of Early Keyboard Music Nr. 7).
Literatur (Auswahl) Willi Apel: Geschichte der Orgel- und Klaviermusik bis 1700, Kassel 1967, 2. Auflage 2004 C. Lunelli: Una raccolta manoscritta seicentesca di danze e partite per cembalo nella Biblioteca comunale di Trento, in: L’Organo Nr. 16, 1978, S. 55–75 H. Jung: Die Pastorale. Studien zur Geschichte eines musikalischen Topos, Bern / München 1980, S. 157–160 (= Neue Heidelberger Studien zur Musikwissenschaft Nr. 9) R. Hudson: Passacaglio and Ciacona: from Guitar Music to Italian Keyboard Variations in the 17th Century, Ann Arbor 1981 F. Hammond: Bernardo Storace Reads Frescobaldi Reads Luzzaschi: Three Little Ricercars and How They Grew, in: Music Observed: Studies in Memory of William C. Holmes, hrsg. von C. Reardon / S. Parisi, Warren / Michigan 2004 (= Detroit Monographs in Musicology / Studies in Music Nr. 42).
Weblinks
Quellen
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