mini|Jim Dine in der SK Stiftung Kultur, Köln, 21. Februar 2019 Jim Dine (* 16. Juni 1935 in Cincinnati, Ohio) ist ein US-amerikanischer Künstler und ein Hauptvertreter der Pop Art. Dines künstlerische Praxis umfasst Malerei, Zeichnungen, Druckgrafik (darunter Lithographien, Radierungen, Gravuren, Intaglien, Holzschnitte, Buchdrucke und Linolschnitte),Für einen Überblick zu Dines jüngerem druckgrafischen Werk siehe: Jim Dine, I print. Catalogue Raisonné of Prints, 2001–2020, Steidl, Göttingen, 2021. Skulpturen und Fotografien. Zu seinen frühen Arbeiten zählen überdies auch Assemblagen und Happenings, während er in den letzten Jahren in Publikationen und auf Lesungen zunehmend als Poet hervorgetreten ist.Siehe: Jim Dine, Poems To Work On: The Collected Poems of Jim Dine, Cuneiform Press, University of Houston-Victoria, Victoria, TX, 2015. Dines French, English, A Day Longer, Joca Seria, Nantes und Steidl, Göttingen, 2020, ist seine jüngste Publikation mit Gedichten und dokumentiert wie viele seiner Gedichte direkt in seinem Atelier entstehen – häufig schreibt er sie auf die Wände – während er an anderen visuellen Arbeiten sitzt; auf S. 185 führt er aus: „Meine Vorgehensweise beim Schreiben unterscheidet sich nicht von meiner Vorgehensweise beim Malen. Es ist die Methodik der Collage.“

Dine wurde im Verlauf seiner künstlerischen Laufbahn zahlreichen Kunstbewegungen zugeordnet, u. a. dem Neo-Dada (Verwendung von Collagen und gefundenen Objekten), dem Abstrakten Expressionismus (aufgrund des gestischen Charakters seiner Malerei) und der Pop-Art (da er Alltagsobjekte wie Werkzeuge, Seile, Kleidungsstücke und sogar ein Badezimmerwaschbecken an seinen Leinwänden fixierte), allerdings hat er sich solchen Klassifizierungen immer aktiv entzogen. Das zentrale Element seines Werks ist vielmehr – unabhängig vom Medium der jeweiligen Arbeit – ein intensiver Prozess autobiografischer Reflexion, eine unerbittliche Erkundung und kritische Betrachtung des Selbst anhand einer Reihe sehr persönlicher Motive, darunter das Herz, der Bademantel, Werkzeuge, antike Skulpturen sowie die Figur des Pinocchio (neben Pflanzen, Schädeln, Vögeln und figurativen Selbstporträts).

Dines Ansatz ist allumfassend und bezieht seine gesamte Lebenserfahrung mit ein: „Dines Kunst gleicht in ihrer Entwicklung einem Bewusstseinsstrom und beruht auf allen Aspekten seines Lebens – seiner Lektüre, Objekten, die er in Souvenirläden auf der ganzen Welt findet und einer fundierten Beschäftigung mit jedweder Kunst, ganz gleich aus welcher Zeit oder von welchem Ort, die er für seine eigene künstlerische Arbeit als relevant betrachtet“.Ruth Fine, “Secret, Mysterious, Majestic” in: Jim Dine, The Secret Drawings, Steidl, Göttingen, 2020, S. 9

Dines Werke wurden in mehr als 300 Einzelausstellungen gezeigt,https://www.casterlinegoodman.com/artists/jim-dine/series/still-start-the-western-fire darunter Retrospektiven im Whitney Museum of American Art, New York (1970), Museum of Modern Art, New York (1978), Walker Art Center, Minneapolis (1984–85), Frederik Meijer Gardens & Sculpture Park, Grand Rapids, Michigan (2011) und dem Museum Folkwang in Essen (2015–16). Seine Arbeiten sind Teil ständiger Sammlungen u. a. im Art Institute of Chicago; Metropolitan Museum of Art, New York; Musée National d’Art Moderne, Centre Pompidou, Paris; National Gallery of Art, Washington, D.C.; Solomon R. Guggenheim Museum, New York; Tate Gallery, London; Tokyo Metropolitan Art Museum, Tokio sowie der Yale University Art Gallery, New Haven, Connecticut.https://www.gaa-gallery.com/exhibitions/jim-dine

Dine wurde unter anderem als Mitglied der Academy of Arts and Letters in New York (1980) und als Commandeur de l’Ordre des Arts et des Lettres (2003) ausgezeichnet sowie mit der British Museum Medal (2015), nachdem er dem Museum 2014 234 seiner Arbeiten geschenkt hatte. Außerdem ist er Mitglied der Accademia di San Luca in Rom (2017) und Chevalier de l’Ordre de la Légion d’Honneur (2018).Jim Dine, Paris Reconnaissance, Steidl, Göttingen und Centre Pompidou, Paris, 2010, Seiten 158, 160.https://www.theguardian.com/artanddesign/2015/mar/04/jim-dine-pop-art-234-print-gift-british-museum

Frühe künstlerische Ausbildung Dines früheste künstlerische Ausbildung an einer anerkannten Institution nahm 1952 in Form von Abendkursen an der Art Academy of Cincinnati ihren Anfang, für die er sich im Alter von 16 JahrenDine, Paris Reconnaissance, S. 158 angemeldet hatte, während er noch die Walnut Hills Highschool besuchte. Diesen Schritt wählte Dine nicht nur, weil er sich zum Künstler berufen fühlte, sondern auch weil es an der High School keinen geeigneten Kunstunterricht gab: „Ich wusste immer schon, dass ich ein Künstler bin, ich versuchte mich zwar, dem Leben an der Highschool in jenen Jahren anzupassen, empfand das aber als schwer, da ich mich künstlerisch ausdrücken wollte und es an meiner Schule hierfür nicht das entsprechende Angebot gab“.Jim Dine, A Printmaker’s Document, Steidl, Göttingen, 2013, S. 7 1954, während Dine immer noch die Abendkurse besuchte, fiel ihm ein Exemplar des Buches Modern Prints and Drawings (1954) von Paul J. Sachs in die Hände, welches ihn sehr inspirierte, insbesondere die Holzschnitte der deutschen Expressionisten, mit Arbeiten u. a. von Ernst Ludwig Kirchner (1880–1938), Emil Nolde (1867–1956) und Max Beckmann (1884–1950) hinterließen einen tiefen Eindruck bei ihm. Dine war nach eigener Aussage „geradezu schockiert“ und begann im Keller seiner Großeltern mütterlicherseits, bei denen er damals lebte, selbst Holzschnitte anzufertigen.

Nach dem Abschluss der Highschool schrieb sich Dine an der University of Cincinnati (zusätzlich zu den Abendkursen und eigenständigen Holzschnittexperimenten) ein, was ihn jedoch nicht zufriedenstellte: „Es gab gar keinen Fachbereich für Kunst, sondern nur für Design. Ich habe das ein halbes Jahr lang ausprobiert, aber es war absurd […] Alles was ich wollte, war doch malen.“Jim Dine, A Printmaker’s Document, Steidl, Göttingen, 2013, S. 8 Auf Empfehlung eines Freundes von der Highschool, der zu jener Zeit an der Ohio University in Athens im Hauptfach Theaterwissenschaften studierte, immatrikulierte er sich dort und war „völlig überwältigt“. Jedoch nicht etwa aufgrund des universitären Angebots, sondern weil er hier am Fuße der Appalachen eine bukolische Freiheit verspürte, in der er sich „frei entwickeln und Künstler sein konnte.“ Bei seinem Grafikkunstdozenten Donald Roberts (1923–2015) begann Dine mit Lithografien, Radierungen, Intaglien, Kaltnadelradierungen und Holzschnitten zu experimentieren. Auf Roberts Empfehlung studierte Dine anschließend für sechs Monate bei Ture Bengtz (1907–73) an der School of Fine Arts im Museum of Fine Arts in Boston, bevor er an die Ohio University zurückkehrte, wo er 1957 seinen Bachelor of Fine Arts (er blieb mit Genehmigung der Fakultät noch ein zusätzliches Jahr um Gemälde und Grafikarbeiten anzufertigen) absolvierte.Dine, Paris Reconnaissance, S. 158

Umzug nach New York / Beginn der künstlerischen Laufbahn 1958 zog Dine nach New York, wo er zunächst an der Rhodes School unterrichtete.Jim Dine, About the Love of Printing, Edition Folkwang / Steidl, Göttingen, 2015. S. 210 Im gleichen Jahr gründete er mit Claes Oldenburg und Marcus Ratliff die Judson Gallery in der Judson Church in Greenwich Village, wo er Allan Kaprow und Bob Whitman begegnete. Zusammen wurden sie wegbereitende Künstler für Happenings und Performances, darunter auch Dines The Smiling Workman (1959).Dine, Paris Reconnaissance, S. 158. Weitere Einzelheiten zu The Smiling Workman siehe: https://www.theartstory.org/artist/dine-jim/artworks/ Seine erste Ausstellung fand in der Reuben Gallery statt, wo er auch seine aufwendige Performance Car Crash (1960) aufführte,Weitere Einzelheiten zu Car Crash siehe: https://www.theartstory.org/artist/dine-jim/artworks/ die er als eine „Kakophonie von Geräuschen und Worten einer großartigen weißen Venus mit animalischen Grunzlauten und Geheul meinerseits“ beschrieb. Eine weitere bedeutende frühe Arbeit war The House (1960), ein Environment, welches gefundene Objekte und Straßenschutt umfasste, und in der Judson Gallery installiert wurde.

Dine bezog weiterhin Alltagsobjekte (einschließlich vieler persönlicher Gegenstände) in seine Arbeit ein, woraufhin er der Pop-Art zugerechnet wurde – diese Assoziation wurde 1962 noch durch seine Teilnahme an der einflussreichen Ausstellung „New Painting of Common Objects“ im Pasadena Art Museum verstärkt, die von Walter Hopps kuratiert und später als die erste institutionelle Erkundung der amerikanischen Pop-Art bezeichnet wurde. Gezeigt wurden Arbeiten von u. a. Robert Dowd, Joe Goode, Phillip Hefferton, Roy Lichtenstein, Edward Ruscha, Wayne Thiebaud und Andy Warhol.https://www.sothebys.com/en/artists/jim-dinehttps://www.grahamhuntergallery.co.uk/jim-dine Dine hat sich allerdings konsequent immer wieder von der Pop-Art distanziert: „Ich bin kein Pop-Art Künstler, ich bin nicht Teil der Bewegung, da ich zu subjektiv bin. Der Pop-Art geht es um Aspekte des Äußeren, ich beschäftige mich mit dem Innenleben. Wenn ich Objekte verwende, dann betrachte ich sie als ein Vokabular von Gefühlen. […] Ich betreibe durch meine Arbeit eine Art physische Selbsterkundung – ich versuche etwas durch das Objektiv meiner eigenen Empfindungen zu veranschaulichen.“Zitiert in: Gabriele Conrath-Scholl, “Jim Dine: My Tools – Favorite Objects, Metaphors, and Heavy Baggage” in: Jim Dine, My Tools, Steidl / SK Stiftung Kultur, Göttingen, 2014, S. 22

Wichtige Motive (Auswahl) Dine hat seit den frühen 1960er Jahren eine Reihe von Motiven erarbeitet und weiterentwickelt, durch die er sein Selbst mit unterschiedlichen Mitteln und auf vielfältigste Weise ergründet. Dabei hat er in vielen verschiedenen Ateliers und Orten gearbeitet, u. a.: London (1967–71); Putnam, Vermont (1971–85); Walla Walla, Washington (seit 1983); Paris (seit 2001); und Göttingen (seit 2007), in einem Atelier, welches sich neben dem Firmengebäude von Steidl befindet, dem Verleger und Herausgeber der meisten seiner Bücher.Dine, Paris Reconnaissance, S. 158–60 Zu Dines wichtigsten Motiven zählen der Bademantel, das Herz, Pinocchio, antike Skulpturen und Werkzeuge.

Bademäntel Dine wählte 1964 das erste Mal das Motiv des Bademantels, als er nach einer neuen Form des Selbstporträts suchte. Zu jener Zeit „war es einfach nicht cool ein Selbstporträt zu machen“,Dine, Paris Reconnaissance, S. 18 daher entschied er sich schließlich für eine Form, die sein Gesicht aussparen würde. Im New York Times MagazineDine, Paris Reconnaissance, S. 18 sah er schließlich eine Werbeanzeige mit einem Bademantel. Er übernahm das Motiv als Ersatz für das Selbstporträt und hat es seither in unterschiedlichen Abstufungen von realistischen und expressionistischen Varianten immer wieder dargestellt.

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