Der Liebethaler Grund ist das enge und tief eingeschnittene Tal der Wesenitz zwischen Lohmen und Hinterjessen im nordwestlichen Randbereich der Sächsischen Schweiz. Die Wesenitz durchbricht hier den Sandstein des Elbsandsteingebirges. Anfang und Endpunkt des Liebethaler Grundes werden in etwa durch die Lage der Daubemühle bei Lohmen und der Grundmühle Hinterjessen markiert. Namensgebend ist das nördlich des Grundes auf einer Hochfläche liegende Dorf Liebethal. Flussaufwärts liegt die Lohmener Klamm, die nicht ganz so beeindruckend ist.
Im Zuge der seit Ende des 18. Jahrhunderts beginnenden touristischen Erschließung der Sächsischen Schweiz stellte der Liebethaler Grund die erste Begegnung der Wanderer mit der wild-romantischen Felsenwelt des Sandsteingebirges dar. Bis zur Fertigstellung der Elbtalbahn (1851) galt die Route von Pillnitz über Graupa und den Liebethaler Grund weiter nach Lohmen und durch den Uttewalder Grund zur Bastei als Hauptzugangsweg in die Sächsische Schweiz. Heute verläuft der Malerweg, der Hauptwanderweg der Sächsischen Schweiz, durch den Grund.
Die Wasserkraft der Wesenitz wurde ehemals von der Daubemühle, der Lochmühle, der Liebethaler Mühle und der Grundmühle Hinterjessen genutzt. In der Nähe der Lochmühle befindet sich seit 1933 das größte Wagner-Denkmal der Welt.
Naturraum Geologie Die Wesenitz hat sich im Liebethaler Grund etwa 40 bis 50 Meter tief in den hier anstehenden Elbsandstein der Stufe "d" eingeschnitten. Altersmäßig ist dieser Sandstein dem oberen Turonium/unteres Coniacium zuzuordnen und damit etwa 89 Millionen Jahre alt. Als Zeugnisse der letzten Eiszeit finden sich nahe der Lochmühle mehrere Strudellöcher.Horst Rast: Geologischer Führer durch das Elbsandsteingebirge. Freiberg 1959, S. 52ff. Der Sandstein ist zudem durch Wabenstrukturen als Folge der chemischen Verwitterung sowie durch Eiseneinschlüsse gekennzeichnet.
Die erodierende Wirkung des Wassers zeigt sich im Liebethaler Grund in Form von seitlich ausgespülten Hohlkehlen am Fuß der Felswände, die Felsstürze begünstigen.
Flora und Fauna Der Liebethaler Grund ist eines der typischen schluchtartigen Täler des Elbsandsteingebirges, der Naturraum wird vom Wechselspiel von Fluss, Talgrund und Felswänden beeinflusst. Das tiefe und teils canyonartige Tal ist strahlungs- und windgeschützt. Da die Talsohle kaum oder nur kurz Sonneneinstrahlung erhält, herrscht hier ein feucht-schattig-kühles Klima (Sommer) bis mildes Klima (Winter) vor. Die Temperaturunterschiede zwischen Sommer und Winter sowie zwischen Tag und Nacht sind vergleichsweise gering.
Im Gegensatz zum feucht-kühlen Talgrund stehen die oberen Felsränder des Tales, die vor allem in südexponierter Lage deutlich mehr Sonneneinstrahlung erhalten und als warm-trockene Lagen anzusprechen sind.
In der Vegetation dominieren Pflanzengesellschaften, die feucht-schattige Gründe mit reichlich Wasserführung bevorzugen. Im Baumbestand der Talsohle finden sich vor allem Laubbäume wie Eschen, Berg-Ahorn, Spitz-Ahorn, Winter-Linde, Stiel-Eiche und Berg-Ulme. Die Steilhänge und Felspartien werden hingegen von Kiefern und Birken (besonnte Lagen) bzw. Fichten (schattige Lagen) dominiert. Die Krautschicht wird vom Großen Springkraut und diversen Farnen (u. a. Wurmfarne, Wald-Frauenfarn, Braunstieliger Streifenfarn, vereinzelt auch Straußenfarn) bestimmt. Hinzu kommt an Mauern, Baumrinden und feuchten Felspartien eine artenreiche Moosvegetation, u. a. mit Lebermoos.
Als Vertreter der Tierwelt sind vor allem verschiedene Vogelarten wie Eisvogel, Gebirgsstelze und Wasseramseln zu nennen, die Gebirgsbäche mit schnell fließenden, klaren und sauberen Wasser bevorzugen. Hinzu kommen u. a. Zaunkönig, Grasmücken und Laubsänger, vereinzelt auch Buntspechte und Eichelhäher. Seit Ende der 1920er Jahre sind auch Bisamratten im Liebethaler Grund heimisch.
Naturschutz Der Liebethaler Grund ist Bestandteil des FFH-Gebietes "Wesenitz unterhalb Buschmühle" (Nr. 4949-302).NATURA 2000 Wesenitz unterhalb Buschmühle
Geschichte Die Geschichte des „Liebenthaler grundt“(es), der erstmals 1527 urkundlich so genannt wirdAlfred Meiche: Historisch-Topographische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna. Dresden 1927, S. 160, war über Jahrhunderte hinweg mit der Sandsteingewinnung verbunden. Auch die Wasserkraft wurde frühzeitig durch verschiedene Mühlen und ab 1894 durch das Elektrizitätswerk der Gemeinde Copitz genutzt. Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte sich das Tal zu einem beliebten Ausflugsziel und war lange Zeit das westliche Zugangstor zur Sächsischen Schweiz.
Sandsteingewinnung mini|Sandsteinbrüche und Steinbruchshütte im Liebethaler Grund, Darstellung um 1845 mini|Hausmarke (1849) eines ehemaligen Steinbruchbesitzers mit Mühlstein und angelehntem Zweispitz an einem Haus in Liebethal mini|Die Lochmühle im Liebethaler Grund mini|Historische Ansicht von Johan Christian Clausen Dahl (1823) mini|hochkant|Richard-Wagner-Denkmal im Liebethaler Grund mini|Ruine des Copitzer Elektrizitätswerkes (1894) unterhalb des Richard-Wagner-Denkmals
Die ehemaligen Sandsteinbrüche im Liebethaler Grund gehören zu den ältesten Bruchgebieten der Sächsischen Schweiz. Bereits 1346 wird erstmals ein Steinbruch an der Wesenitz bei Liebethal urkundlich genannt.Alfred Meiche: Historisch-Topographische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna. Dresden 1927, S. 161 Doch sollen bereits beim Bau des Meißner Doms ab 1260 Sandsteine aus dem Liebethaler Grund Verwendung gefunden haben. Neben der Nutzung als Werkstein wurde der Sandstein aus dem Liebethaler Grund vor allem zur Herstellung von Mühlsteinen verwendet.
Der bekannte Chronist Petrus Albinus schrieb wie folgt über den Liebethaler Sandstein:
Die Belange der Sandsteingewinnung wurden bereits 1529 in einer ersten Bergordnung geregelt, weitere Fassungen wurden 1547, 1556, 1588, 1660/1663, 1691 und 1755 erlassen.Dieter Kutschke: Steinbrüche und Steinbrecher in der Sächsischen Schweiz. Schriftenreihe des Stadtmuseums Pirna, Heft 11, Pirna 2000, S. 137f. Die raschen Erlasse zeigen, dass insbesondere das 16. Jahrhundert eine Blütezeit der Sandsteingewinnung darstellte. 1587 bestanden allein auf der Südseite des Grundes (Daubaer Seite) 20 Brüche. In späteren Jahren sollen im gesamten Liebethaler Grund etwa 55 Sandsteinbrüche bestanden haben.Willy Herrschel: Die sächsische Sandsteinindustrie. Borna/Leipzig 1908, S. 80 1765 bestanden im Grund 63 Sandsteinbrüche, darunter auf der Daubaer Seite 27 und auf der Liebethaler Seite 36.Dieter Kutschke: Steinbrüche und Steinbrecher in der Sächsischen Schweiz. Schriftenreihe des Stadtmuseums Pirna, Heft 11, Pirna 2000, S. 27 Ein Teil der Brüche lag aber bereits wüst und wurde nicht mehr betrieben, da der Abtransport der Werk- und Mühlsteine hin zur Elbe, dem Haupttransportweg des Sandsteinhandels, zu teuer war. Die elbnahen Brüche konnten auf Dauer wirtschaftlicher betrieben werden, so dass die Sandsteingewinnung im Liebethaler Grund im 18. und 19. Jahrhundert immer weiter zurückging. 1818 bestanden noch 9 Brüche mit 30 ArbeiternWilly Herrschel: Die sächsische Sandsteinindustrie. Borna/Leipzig 1908, S. 80 und 1950 wurde die Sandsteingewinnung im letzten verbliebenen Bruch der Firma Künzelmann eingestellt.
Damit endete ein jahrhundertelang betriebener Wirtschaftszweig, der das Bild des Liebethaler Grundes nachhaltig veränderte. Durch die Sandsteingewinnung wurden die Talhänge zurückverlegt und der Talgrund aufgeweitet. Angeblich soll der Liebethaler Grund nahe Liebethal ursprünglich so eng gewesen sein, dass er von Felswand zu Felswand mit darüber gelegten Steigen überschritten werden konnte.Alfred Meiche: Historisch-Topographische Beschreibung der Amtshauptmannschaft Pirna. Dresden 1927, S. 161 Vom Bruchbetrieb zeugen heute neben verschiedenen Sandsteinhalden vor allem die abschnittsweise glatt behauenen Felswände des Tales und mehrere erhaltene Sandsteinbruchnummern aus dem 19. Jahrhundert. Ebenfalls erhalten blieb ein in einer Felswand vermutlich im frühen 16. Jahrhundert eingeschlagenes Grenzzeichen, bestehend aus einem Grenzkreuz, flankiert von dem Schönburgschen Wappen und dem bischöflich schleinitzschen Wappen. Die von Schönburgs und die Bischöfe von Meißen gehörten zu den Eigentümern der Sandsteinbrüche.
Mühlen Die Wasserkraft der Wesenitz im Liebethaler Grund wurde bereits mind. seit dem 14. Jahrhundert von verschiedenen Mühlen genutzt. In Flussrichtung der Wesenitz waren dies die Daubemühle, die Lochmühle, die Liebethaler Mühle und die Grundmühle Hinterjessen.
Die Daubemühle wurde erstmals 1465 erwähnt. Es handelte sich um eine Brett- und Mahlmühle, deren Betrieb sich jedoch schwierig darstellte. Die Müller der Daubemühle litten unter dem Lohmener Mühlenzwang und konnten nur schwierig Kunden akquirieren, da die umliegenden Dörfer ihr Getreide eigentlich in den Lohmener Mühlen mahlen mussten. Der Mühlenbetrieb wurde schon um 1850 zu Gunsten der Herstellung von Holzstoff eingestellt. Zur Energieerzeugung wurde seit 1911 die Wasserkraft der Wesenitz mit zwei Turbinen genutzt. Die Holzschliffproduktion der früheren Daubemühle wurde in den 1930er Jahren eingestellt. 1940 wurde in dem Gebäudekomplex eine Spinnerei und Weberei eingerichtet. Zu DDR-Zeiten wurde die Daubemühle als Kinderferienlager genutzt.Rüdiger Ocken, Helmut Cedra: Von der Mühle zur Papierfabrik. Zur Geschichte eines Produktionszweiges im Pirnaer Raum. Pirna 2007, S. 92 Im Jahr 2000 richtete die Gemeinde Lohmen in der Mühle eine Gaststätte ein. Die Wasserkraft der Wesenitz wird nach wie vor durch ein kleines Wasserkraftwerk genutzt.
Die dicht unterhalb der Daubemühle gelegene Lochmühle entstand um 1560 als Mahlmühle. Ihr Betrieb gestaltete sich aufgrund der abseitigen Lage buchstäblich "im Loch" schwierig. Die Lochmühle Mühle war nur zur Fuß über steile Pfade und Treppenanlagen von Mühlsdorf und Daube aus erreichbar. Ein An- und Abtransport per Pferdewagen war lange Zeit nicht möglich. Erst 1799 wurde ein Fahrweg von Mühlsdorf zur Lochmühle angelegt, der aufgrund seiner Steilheit immer noch äußerst schwierig zu passieren war. Im Zuge der seit Ende des 18. Jahrhunderts beginnenden touristischen Erschließung der Sächsischen Schweiz stellte die Lochmühle die erste Begegnung der Wanderer mit der wild-romantischen Felsenwelt des Sandsteingebirges dar. Der Fremdenverkehr entwickelte sich so zu einem lohnenswerten Nebeneinkommen für die „Lochmüller“. Seit den 1840er Jahren wurde die Mühle auch als Gastwirtschaft betrieben. Im Sommer 1846 weilte Richard Wagner mehrmals in der Lochmühle und komponierte hier Teile der Oper Lohengrin. An Wagners Aufenthalt erinnert das 1933 unweit der Lochmühle errichtete Richard-Wagner-Denkmal. Der Mahlbetrieb endete 1880, nachdem der letzte Lochmüller tödlich im Räderwerk seiner Mühle verunglückt war. Danach wurde der Mahlbetrieb eingestellt und die Lochmühle ausschließlich als Gasthaus genutzt. Im Zuge der Wende und des Endes der DDR wurde die Nutzung als Gasthaus eingestellt. Die Mühle steht bereits seit über 20 Jahren leer und verfällt zusehends.