Julius Pokorny (* 12. Juni 1887 in Prag; † 8. April 1970 in Zürich) war ein österreichisch-deutscher Linguist und Keltologe.Pól Ó Dochartaigh: Four Courts Press, Dublin 2004. ISBN 1-85182-769-2 Er lehrte von 1920 bis zu seiner Zwangspensionierung 1935 als Professor für Keltische Philologie an der Universität Berlin. Nach seiner Flucht in die Schweiz 1943 war er Lehrbeauftragter an den Universitäten Bern und Zürich sowie ab 1955 Honorarprofessor an der Universität München.
Leben Julius Pokorny war der Sohn des promovierten Juristen und Rechtsanwalts Samuel Christian Pokorny, der von Judentum zum Katholizismus übergetreten war, und dessen Frau Margarete Rieger, die aus Breslau kam. Der Sohn wurde gleich nach der Geburt katholisch getauft. Die Familie zog von Prag, das damals zu Österreich-Ungarn gehörte, nach Baden bei Wien, Julius Pokorny besuchte ein katholisches Internat in Kremsmünster bei Linz, wo er 1905 maturierte. Anschließend studierte er an der Universität Wien zunächst Jus und schloss 1910 als Dr. iur. ab.Utz Maas: Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945. Eintrag zu Julius Pokorny.
Parallel wandte er sich aber bereits den Sprachwissenschaften zu, insbesondere der Keltistik. Wichtige akademische Lehrer waren Rudolf Much und Paul Kretschmer. Einen Teil seiner Studienzeit verbrachte er in Dublin, wo er ab 1908 die Gaelic League und die irisch-nationalistische Unabhängigkeitsbewegung unterstützte. Pokorny verstand sich selbst als Deutscher und vertrat eine deutschnationale Einstellung. Mit einer Arbeit über einen archaischen irischen Sagentext wurde er 1912 in Wien zum Dr. phil. promoviert. Zwei Jahre später erlangte er dort auf Grundlage seines altirischen Studienbuchs die Habilitation für Keltische Philologie.
Anschließend lehrte er von 1914 bis 1918 als Privatdozent an der Universität Kiel. In der Zeit des Ersten Weltkriegs beteiligte er sich an der deutschen Propaganda gegen Großbritannien, dessen Herrschaft über Irland er scharf kritisierte. Er war 1917 Mitbegründern der Deutsch-Irischen Gesellschaft in Berlin, die sowohl fachwissenschaftliche Veröffentlichungen als auch politisch-propagandistische Parteinahmen für die irischen Autonomiebestrebungen verbreitete. Zurück in Wien arbeitete er zwei Jahre als Englischdozent an der Hochschule für Welthandel.
Als Nachfolger des verstorbenen Lehrstuhlinhabers Kuno Meyer wurde Pokorny 1920 an die Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin berufen. Dort lehrte er zunächst als außerordentlicher, ab 1928 als ordentlicher Professor für Keltische Philologie. Neben Eduard Schwyzer war er zeitweilig Ko-Direktor des Indogermanischen Seminars. Vor 1933 betätigte er sich auch als völkisch-deutschnationaler Redner im Sudetenland, wo er den irischen Befreiungskampf gegen England als Vorbild für den Widerstand der Deutschböhmen und -mährer gegen die Tschechoslowakei propagierte.
Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde Pokorny 1933 aus antisemitischen Gründen (auf Basis des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums) von seiner Lehrtätigkeit entbunden. Am 23. November 1933 wurde die Beurlaubung auf Grundlage des Frontkämpferprivilegs wieder aufgehoben, da Pokorny als Soldat am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatte. Am 27. August 1934 schwor Pokorny den Eid auf Hitler. Zwei Monate nach der Verabschiedung des Reichsbürgergesetzes im Rahmen der Nürnberger Gesetze wurde er endgültig beurlaubt. Allerdings wurde seine Beurlaubung später – im Gegensatz zu anderen Zwangsbeurlaubungen – in eine Emeritierung umgewandelt. Aufgrund des Respekts seiner Fachkollegen am Indogermanischen Seminar konnte er aber sein Dienstzimmer und Diensttelefon behalten. Als Nachfolger auf seinen Lehrstuhl wurde das NSDAP-Mitglied Ludwig Mühlhausen berufen.
Pokorny wehrte sich gegen seine Einstufung als Jude und betonte, dass er – so wie seine Eltern – katholisch war. Obwohl (oder gerade weil) er selbst antisemitisch verfolgt wurde, äußerte er sich rassistisch gegen sogenannte Ostjuden. Anders als diese hätten seine böhmischen Großeltern „deutsches Blut“ gehabt und seien nur konfessionell zur mosaischen Religion übergetreten, aber keine Juden im rassischen Sinne gewesen. Ob er von solchen Aussagen überzeugt war oder dies nur taktische Argumente zur Verbesserung seiner Situation waren, ist ungeklärt.
Anschließend nahm er eine ausgedehnte Reisetätigkeit auf. Im Mai 1936 erhielt er eine Unbedenklichkeitsbescheinigung der NSDAP-Ortsgruppe, die ihm eine staatliche Pension sicherte. Vor der „Reichspogromnacht“ wurde er gewarnt, so dass er rechtzeitig nach Belgien ausreisen konnte.Lerchenmueller 1997, S. 297; Heinz 2002: 296f. Allerdings kehrte er aufgrund seines eigenen Selbstverständnisses als völkisch-national gesinnter Deutscher bereits Anfang 1939 freiwillig nach Berlin zurück.Knobloch, Clemens. Die deutsche Sprachwissenschaft im Nationalsozialismus – Ein forschungsorientierter Überblick, in Kritische Ausgabe 2/2004, S. 44 (archiviert vom Original am 3.12.2016, aufgerufen am 5.3.2023)
Erst 1943 emigrierte er in die Schweiz, wo er ab 1944 Lehraufträge an den Universitäten Bern (bis 1948) und Zürich (bis 1969) übernahm. An letzterer habilitierte er sich 1953 zum zweiten Mal in keltischer Philologie.Rudolf Wachter: Julius Pokorny. In: Historisches Lexikon der Schweiz, Stand 11. Februar 2010. An der Ludwig-Maximilians-Universität München wurde er 1955 zum Honorarprofessor ernannt. Pokorny ist Autor des Indogermanischen Etymologischen Wörterbuchs (1958), das bis heute nur Teil-Nachfolger fand. Er starb in Zürich, drei Wochen nach einem Straßenbahnunfall.
Er war den keltischen Sprachen und Kulturen sehr zugetan, unterstützte die irische Unabhängigkeitsbewegung und stand während des Ersten Weltkrieges u. a. mit dem irischen Nationalisten Roger Casement in Kontakt. Zu seinen Doktorandinnen gehörte die irische Keltologin und Diplomatin Nancy Wyse Power. Er war Herausgeber der Zeitschrift für celtische Philologie vor dem Zweiten Weltkrieg und war für deren Wiederaufnahme nach dem Krieg verantwortlich. In seinem Werk finden sich starke rassisch-völkische Tendenzen.Heinz 2002: 300-303.
Schriften Bücher Der Ursprung der Arthursage. Anthropologische Gesellschaft, Wien 1909. A Concise Old Irish Grammar and Reader. Max Niemeyer, Halle an der Saale; Hodges, Figgis, Dublin 1914. Irland. F.A. Perthes, Gotha 1916 (Perthes’ kleine Völker- und Länderkunde 1). Die älteste Lyrik der grünen Insel. M. Niemeyer, Halle a. S. 1923. A Historical Reader of Old Irish: Texts, Paradigms, Notes, and a Complete Glossary. M. Niemeyer, Halle a. S. 1923 (Nachdruck: AMS, New York 1985). Altirische Grammatik. Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1925. Alois Walde: Vergleichendes Wörterbuch der indogermanischen Sprachen. 3 Bände. Herausgegeben und bearbeitet von Julius Pokorny. de Gruyter, Berlin u. a. 1927–1932 (Unveränderter photomechanischer Nachdruck. ebenda 1973, ISBN 3-11-004556-7). Zur Urgeschichte der Kelten und Illyrier. M. Niemeyer, Halle a. S. 1938. Altkeltische Dichtungen. Aus dem Irisch-Gälischen und Cymrischen übertragen und eingeleitet. A. Francke, Bern 1944. mit Vittore Pisani: Allgemeine und vergleichende Sprachwissenschaft: Indogermanistik. Keltologie. A. Francke, Bern 1953. Indogermanisches etymologisches Wörterbuch. 2 Bände. A. Francke, Tübingen/Bern/München 1957/1969 (1. Aufl.), 2005 (5. Aufl.). ISBN 3-7720-0947-6
Artikel Der Gral in Irland und die mythischen Grundlagen der Gralsage. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 62, 1912, S. 1–15. Erschienene Schriften: Rudolf Thurneysen, Zu irischen Handschriften und Literaturdenkmälern. In: ZCP 9, 1913, S. 184–6. Die englische Herrschaft in Irland. In: Petermanns Mitteilungen 62, 1916, S. 361–65, 409–12. Der irische Aufstand von 1798. In: Georges Chatterton-Hill (Hrsg.): Irische Blätter 4, 1916, S. 331–340. Rasse und Volk in Irland. In: Georges Chatterton-Hill (Hrsg.): Irische Blätter 7, 1917, S. 524–528. Beiträge zur ältesten Geschichte Irlands. 1. Die Fir Bolg, die Urbevölkerung Irlands. In: ZCP 11, 1916–17, S. 189–204. Beiträge zur ältesten Geschichte Irlands. 2. Der gae bolga und die nördliche, nicht-iberische Urbevölkerung der Britischen Inseln. In: ZCP 12, 1918, S. 195–231. Beiträge zur ältesten Geschichte Irlands. 3. Érainn, Dárin(n)e und die Iverni und Darini des Ptolemäus. In: ZCP 12, 1918, S. 323–357. Zu Morands Fürstenspiegel. In: ZCP 13, 1921, S. 43–6. Das nichtindogermanische Substrat im Irischen. In: ZCP Nr. 16, 1927, S. 95–144, 231–66, 363–94; Nr. 17, 1928, S. 373–88; Nr. 18, 1930, S. 233–48. Substrattheorie und Urheimat der Indogermanen. In: Mitteilungen der Anthropologischen Gesellschaft in Wien 66, 1936, S. 69–91. Zum nichtindogermanischen Substrat im Inselkeltischen. In: Die Sprache 1, 1949, S. 235–45. Die Geographie Irland bei Ptolemaios. In: ZCP 24, 1954, S. 94–120. The Pre-Celtic Inhabitants of Ireland. In: Celtica 5, 1960, S. 229–40. Herausgeber der Zeitschrift für celtische Philologie. Niemeyer, Tübingen 1. 1897 ff.
Literatur Sabine Heinz: Ur- und Frühgeschichtliche Erkenntnisse in den Arbeiten des Keltologen Julius Pokorny. In: Achim Leube, M. Hegewisch (Hrsg.): Prähistorie und Nationalsozialismus. Die mittel- und osteuropäische Ur- und Frühgeschichtsforschung in den Jahren 1933–1945. Heidelberg 2002, S. 293–304. Joachim Lerchenmueller: "Keltischer Sprengstoff": eine wissenschaftsgeschichtliche Studie über die deutsche Keltologie von 1900 bis 1945. Niemeyer, Tübingen 1997, ISBN 3-484-40142-7 Pól Ó Dochartaigh: Julius Pokorny, 1887–1970. Germans, Celts and Nationalism. Four Courts Press, Dublin 2004. ISBN 1-85182-769-2 Pól Ó Dochartaigh: Julius Pokorny: An Oursider Between Nationalism and Anti-Semitism, Ethnicity and Celticism. In: Wallace, Ian (Hrsg.): Fractured biographies. German Monitor 57. Amsterdam / New York: Rodopi, S. 87–118.
Utz Maas: Verfolgung und Auswanderung deutschsprachiger Sprachforscher 1933–1945. Eintrag zu Julius Pokorny (abgerufen: 15. April 2018)
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